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Pandemietauglicher Fuß- und Radverkehr in Münster (Hintergrund: Offener ADFC-Brief)

16.04.20
Kategorie: Mobilität, Verkehrspolitik, Münster

Broschüre: Regelpläne zur temporären Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen (SUVK Berlin)



Autofrei: Seine-Ufer Paris (Animation: Tourisme Paris)



"Slow Streets" in Oakland, USA (Twitter/ Screenshot: ADFC Münsterland)



Temporäre Radwege für Berlin (Twitter/ Screenshot: ADFC Münsterland)



Köln oder Denver – Tweet des ADFC Köln (Twitter/ Screenshot: ADFC Münsterland)



German Pop-Up Bike-Lanes (aka #CoronaLanes) – bislang nur in Berlin (Twitter/ Screenshot: ADFC Münsterland)



Vorher – nachher: Times Square New York autofrei (Screenshot: ADFC Münsterland)



#MehrPlatzfürMenschen (ADFC-Poster)


Pandemietauglich? Eine ungewöhnliche Wortschöpfung, die selbst Google – Stand heute – erst 330 mal ausspuckt. Aber wir leben in ungewöhnlichen Zeiten, in denen auch das Thema Abstand im öffentlichen Raum neu gesehen werden kann und neu gedacht werden muss. Der ADFC in Münster hat sich mit einem Offenen Brief an die Verwaltungsspitze gewandt und schlägt konkrete Maßnahmen vor, die es den schwächeren Verkehrsteilnehmerïnnen leichter machen soll, sicher, komfortabel und mit ausreichender Distanz angesichts der Kontaktverbote, Hygienegebote und Abstandsvorschriften durch den Alltag zu kommen. Zum Hintergrund.

 

Bislang scheint Berlin die einzige Stadt in Deutschland zu sein, die temporäre Radfahrstreifen als Chance sieht, verschiedene Pilotprojekte im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus anzustoßen. Berlin? Ja, die Stadt mit dem aktuell einzigen Mobilitätsgesetz, dessen Ziel auf der Website der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SUVK) so zusammengefasst wird“

"Die urbane Mobilität der Zukunft ist eine vernetzte Mobilität. Im Mittelpunkt steht das Ziel, dass alle Menschen in Berlin auf möglichst umwelt- und stadtverträgliche Art und Weise bequem, sicher und zuverlässig an ihr Ziel kommen – und dies unabhängig von der Verfügbarkeit eines eigenen Verkehrsmittels oder körperlichen Einschränkungen. Mit dem Mobilitätsgesetz soll die Leistungsfähigkeit des Verkehrssystems in seiner Gesamtheit verbessert werden."

Täglich nimmt rund um den Globus die Zahl der Städte zu, die die Corona-Krise als Chance und Notwendigkeit sehen, den öffentlichen Raum – temporär – neu zu verteilen; zumal der sonst dominierende Autoverkehr stark zurückgegangen ist. So genannte Pop-Up Bike Lanes entstehen u.a. in Bogotá, Denver, Oakland oder Portland. Wien und Winnipeg haben mehrere Straßen für den Autoverkehr gesperrt, damit – zunächst am sonnigen Osterwochende – die Menschen mehr Raum und gleichzeitig ausreichend Abstand zueinander haben. Der ADFC Bundesverband hat ein ganzes Dossier: Radfahren in Zeiten von Corona zusammengestellt zusammengestellt und liefert tagesaktuell Tipps sowie internationale Beispiele unter dem Hashtag #MehrPlatzFürMenschen.

Die Berliner Senatsverwaltung zählt auf ihrer Website den aktuellen Stand der Pilotprojekte (am 16. April waren es fünf) auf und erläutert anschaulich Sinn und Ziel der temporären Radverkehrsanlagen:

Die vorübergehende Erweiterung von Radverkehrsanlagen und die Einrichtung von temporären Radfahrstreifen bieten die Möglichkeit, auf veränderte Rahmenbedingungen im Straßenverkehr kurzfristig zu reagieren. Im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus kommt es daher zu verschiedenen Pilotprojekten. Mit dem Rad zu fahren, ist gerade in der Corona-Krise gut, um Ansteckungsrisiken zu vermeiden, zwingend nötige Wege zurückzulegen und sich an der frischen Luft sportlich zu betätigen. Temporäre Radfahrstreifen schaffen hier zusätzliche sichere Angebote mit ausreichendem Platz für die Radfahrenden. Erweiterte Aufstellflächen an Kreuzungen können zudem mehr Raum geben, um die nötige Distanz zu anderen Radfahrenden einzuhalten. Denn auch im Radverkehr gilt: 1,5 Meter Abstand halten, um der Verbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken. (SUVK).

Kommunen, die sich am Berliner Vorbild orientieren möchten, finden hier auch die Regelpläne zur temporären Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen (pdf, 2,6 MB).

Nachdem Bundesregierung und Minsterpräsidentïnnen gestern die Beratungsergebnisse zu vorsichtigen Lockerungen nach dem „Corona-Lockdown“ bekannt gaben (das Landeskabinett in NRW beriet sich hierzu einen Tag später) – hat der Oberbürgermeister-Kandidat der Grünen für Münster, Peter Todeskino, den Brief des ADFC an die Verwaltungsspitze der Stadt qwasi antizipiert  – und fordert in einem frühmorgendlichen Tweet konsequenterweise:

Schon heute ist auf Rad- und Fußwegen in Münster zu wenig Platz in Geschäftslagen. Die Öffnung von Läden wird es in hier unmöglich machen, Abstand zu halten. Die Stadt ist gefordert, dringend Platz zu schaffen. Autos müssen für temporäre Lösungen weichen.

Wir sind gespannt, ob der „Fahrradstadt“ Münster in den nächsten Tagen mehr einfällt, als Bereiche am Aasee abzugittern, statt nebenan die sieben(!)spurige und inzwischen herabgestufte Bundesstraße 54 zumindest partiell und zeitweise dem Autoverkehr zu entziehen.

Als Hilfestellung empfiehlt der ADFC heute in seinem Brief konkret und beispielhaft:

  1. Die Nutzung der Fahrbahn wird ermöglicht und das Fahren auf der Fahrbahn im Sinne des Abstand Haltens aktiv beworben. Radwege werden so frei für Ältere, Kinder und langsam fahrende. Die Benutzungspflicht (Zeichen 237, 240, 241-30/31) wird aufgehoben.
  2. Einführung von Tempo 30 in der Innenstadt und in den Außenstadtteilen, um die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden zu erhöhen. Die Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit wird die Zahl der Unfälle unmittelbar und effektiv senken, zudem auch Personenschäden durch Abbiegefehler und Vorfahrtsfehler.
  3. Die Lichtsignalanlagen, also Ampeln, werden freundlich für Fuß- und Radverkehr geschaltet. Bedarfsampeln schalten ohne Verzögerung und kontaktfrei. Das Warten von Gruppen auf engem Raum vor Ampeln muss vermieden werden. Das Abbiegen für Radfahrende wird durch gleichzeitiges Schalten aller Fahrtrichtungen ohne zusätzlichen Stopp ermöglicht.
  4. Das Halten und Parken auf Geh- und Radwegen wird verstärkt kontrolliert und geahndet.

Übrigens hat die Stadt Münster gerade jetzt die Möglichkeit zu zeigen, wie Ernst es ihr mit der Verkehrs- bzw. Mobilitätswende ist – jenseits von Stadtforen, Absichtserklärungen und Masterplänen. Denn niemals war die Gelegenheit so günstig, alternative Konzepten und experimentelle Ansätzen in der (Radverkehrs)Politik zu erproben. Das lässt sich manchem westfälischen Poahlbürger vielleicht auch einfacher nahebringen als die berechtigte Forderung nach Flächengerechtigkeit.

Anders gesagt. Erst ist es Wertschätzung in schwierigen Zeiten für aktive und nachhaltige #Mobilität, nebenbei sind sie Experiment und Erkenntnis – dann angenehme Selbstverständlichkeit für autoarme und bessere Zeiten. Das Pariser Seine-Ufer oder der Time Square in New York sind hierfür keine schlechten Vorbilder. #MehrRaumfürMenschen

Pandemietauglicher Fuß- und Radverkehr Offener Brief des ADFC Münsterland an Oberbürgermeister Lewe und Vertreter der Verwaltungsspitze (PDF)


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