Radwege auf der Titanic?

Sie kennen die Geschichte: Als die Titanic den Eisberg rammte, gab es nicht nur zu wenige Rettungsboote an Bord, sie mussten auch noch teilweise nur halb besetzt zu Wasser gelassen werden, weil sich die Passagiere weigerten, von dem großen festen Schiff in ein kleines schaukelndes Boot umzusteigen. Der Rest ist bekannt: das Schiff sank, überlebt haben nur die Menschen im Rettungsboot.

Was hat das mit Radwegen zu tun? Ganz einfach: die Menschen fühlten sich auf dem Schiff sicherer als im Rettungsboot. Tatsächlich wäre aber das Rettungsboot sicherer gewesen. Auf Radwegen ist es genau so: Viele Fahrradfahrer fühlen sich dort, getrennt von dem Autoverkehr auf der Fahrbahn, sicherer. Sie wissen nicht, dass die Unfallforschung längst gezeigt hat, dass sie dort nicht sicherer sind. Die meisten Unfälle passieren an Kreuzungen und Einmündungen, wo Radfahrer auf dem Borsteinradweg übersehen werden, mit manchmal leider sogar genauso tödlichen Folgen wie auf der Titanic.

Auch die Straßenverkehrsordnung erkennt dies mittlerweile (immerhin seit 1997) an und verlangt benutzungspflichtige Radwege nur dort, wo es auf der Fahrbahn nun wirklich zu gefährlich wäre. Wobei die Unfallforschung zeigt, dass sogar auf stark befahrenen Straßen die Unfälle mit Radfahrern auf der Fahrbahn erstaunlich selten sind. Radfahrer werden dort einfach besser gesehen.

Da viele Gemeinden dies bei der Verkehrsplanung immer noch nicht genügend berücksichtigen, hat kürzlich sogar das Bundesverwaltungsgericht ein entsprechendes Urteil bestätigt.

Wie sieht dies nun aus Sicht eines Autofahrers aus? Er sollte überlegen, was ihm lieber ist: ein Radfahrer vor ihm auf der Fahrbahn, für den er vielleicht kurz bremsen muss und den er meistens nach wenigen Sekunden überholen kann, um seine Fahrt zügig fortzusetzen. Oder er überholt eben nicht, weil er gleich darauf rechts abbiegen möchte, auch kein Problem. Wenn nun der Radfahrer aber auf einem Radweg fährt, und der Autofahrer ihn dort nicht gesehen hat (weil dort noch ein Parkstreifen oder ein Grünstreifen ist, weil er noch auf andere Verkehrsteilnehmer achten muss, besonders schwierig auch beim links abbiegen), biegt er nichts Böses ahnend ab und hat vor sich plötzlich den Radfahrer, der dort auch noch Vorfahrt hat. Zum Bremsen ist es dann meist zu spät, entweder es geht noch ganz knapp, oder es kommt zum Unfall, der für den Autofahrer in jedem Fall ärgerlich und teuer wird. Im Falle eines tödlichen Unfalls muss der Autofahrer für den Rest seines Lebens damit leben, einen Menschen totgefahren zu haben, obwohl er eigentlich nicht viel dafür kann. Mit der zügigen Weiterfahrt ist es dann jedenfalls vorbei.

Roland Liedtke, ADFC Herten, November 2010

© 2019 ADFC Vest Recklinghausen Herten