Aktuelles aus Mönchengladbach

Redaktionsgespräch zur Situation des Radverkehrs

30.05.17
Kategorie: Mönchengladbach, Verkehr

DIRK RHEYDT und THOMAS M. CLASSEN trafen sich für die Rad am Niederrhein (RaN) im Rathaus Rheydt zum Gespräch mit den städtischen Planern Dr. Gregor Bonin, Jürgen Beckmann und Carsten Knoch.

RaN: Herr Dr. Bonin, Sie kommen aus dem Münsterland. Können Sie sich vorstellen, dass in Mönchengladbach jemals so viel Rad gefahren wird, wie in Münster?

Bonin: Wenn ich mit meinem dortigen Kollegen spreche, sehen wir eher das Problem, dass die in Münster vorhandene Infrastruktur inzwischen dem Radverkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen ist.

Aber was wichtig ist: Für die Münsteraner ist das Fahrrad ein ganz normales Verkehrsmittel und auf jeden Fall eine echte Alternative zum Auto. Diesen Paradigmenwechsel zu erreichen, entspricht inhaltlich auch der Stadtentwicklungsstrategie mg+ Wach- sende Stadt. Dabei setzen wir insbesondere auf ein Wachstum in Qualität. Neben wirtschaftlichen Faktoren, Wohn- und Lebensverhältnissen, Umweltbedingungen etc. geht es um Qualität im öffentlichen Raum, und dazu gehört auch die Steigerung von Mobilität. Wir freuen uns, dass wir jetzt die Mittel dafür haben und dass man in dieser Stadt diskutieren kann, dass Radfahren als ein Faktor für eine mobile Stadt dazugehört. Wir müssen den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden. Den gewerblichen Verkehr betrifft dies zum Beispiel genauso wie den für die Lebensqualität notwendigen Fahrradverkehr. Das ist eine intelligente Aufgabe ... und die Schwierigkeit. Wir wollen Qualität für eine lebenswerte Stadt. Mit diesem Grundsatz bin ich hier angetreten und dafür stehe ich auch. Die Ordnung der Verkehrsflächen ist eine notwendige Maßnahme. Dazu gab es in dieser Stadt schon ganz gute Vorbereitungen, aber dazu zählt eben auch der Radverkehr. Das gehört zur Lebensqualität einer europäischen Stadt, einer Metropolregionsstadt, wie wir sie denken, zwingend dazu. In der Vergangenheit stand das Thema Radverkehr nicht im Fokus der Betrachtung. Darum erarbeiten wir jetzt einen Masterplan Nahmobilität mit entsprechender Förderung. In Münster ist das eine traditionelle Entwicklung und man darf jetzt nicht glauben, dass wir in kürzester Zeit ein Niveau erreichen, das vergleichbar ist. Das wäre vermessen. Was wir an Infrastruktur leisten müssen ist gigantisch. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Bei uns findet keine Verkehrs- oder Straßenplanung mehr ohne Berücksichtigung des Themas Nahmobilität statt.

RaN: Sie haben mg+ Wachsende Stadt angesprochen. Damit ist sicher auch das Wachsen des Verkehrs verbunden. Wie werden Sie damit umgehen bzw. welchen Stellenwert hat Radverkehr in diesem Konzept?

Bonin: Wachsende Stadt hat nicht zwangsläufig mit wachsendem Verkehr zu tun, sondern mg+ Wachsende Stadt steht für ein Wachstum in Qualität. Wir müssen es schaffen, Menschen in dieser Stadt zu halten, indem wir diese Stadt für Menschen lebens- und liebenswerter gestalten. Dazu gehört nicht nur attraktives Wohnen für alle und attraktives Grün und attraktive Straßen, sondern dazu gehört auch ein ansprechen des Mobilitätsangebot. Wir werden zusätzlich an Bevölkerung gewinnen. Wenn die Menschen aber zu Fuß gehen, den ÖPNV nutzen oder das Fahrrad, haben wir keine erhöhte Verkehrsbelastung, sondern mehr Lebensqualität. Die Stadt ist nicht nur für Autofahrer da, die am liebsten überall kostenfrei parken wollen. Jeder muss sich darüber im Klaren sein, wenn ich mit dem Auto fahre, dann kostet das auch was. Dadurch überlegt man, wofür nehme ich das Rad und wofür das Auto. Dies ist unabhängig von der Einwohnerzahl, ob wir als Stadt wachsen oder einwohnermäßig gleich bleiben. Für die Qualität, auf dem Weg zu einer lebenswerten Stadt, ist das unabdingbar.



RaN: Für die City-Ost gab es drei Entwürfe. Nur das niederländische Büro hat an Radwege gedacht und diesen Radschnellweg, der jetzt kommt, angedacht. Wird in Zukunft von der Stadt schon in den Ausschreibungen Radverkehr gefordert oder bleibt das zufallsbedingt?

Bonin: Nein, natürlich ist das nicht zufallsbedingt. Deshalb sind wir jetzt dabei den Mobilitätsplan zu erstellen, bei dem auch das Thema Radverkehr eine ganz wesentliche Rolle spielt. Dabei betrachten wir Fragen von Anbindungen auch über kommunale Grenzen hinaus, wie das aktuelle Beispiel, der Radschnellweg Richtung Krefeld, zeigt. Zum Beispiel entwickeln wir gerade eine Fläche am Stationsweg in Hamern, wo schon bei der Erstellung der Auslobungsunterlagen für das Wettbewerbsverfahren auf die Entwicklung von Wegeverbindungen für den Fuß- und Radverkehr geachtet wurde. Das ist für uns mittlerweile Standard. Ein weiteres Beispiel ist die Änderung der Stellplatzpflicht in der neuen Landesbauordnung. Hier handeln wir als Stadt und erarbeiten eine Stellplatzsatzung, die das Thema Mobilitätsmanagement direkt mit betrachtet. Wir können damit einfacher regeln, dass weniger Stellplätze gebaut werden, aber dafür mehr Radstellplätze in guter Qualität und zum Beispiel überdacht. Genauso könnten Ladesäulen für E-Fahrzeuge integriert werden. Mobilität beginnt im Kopf. Der ganz entscheidende Ansatz ist, Mobilität bei allen Vorhaben in der Stadt mitzudenken. Man kann in Schulen anfangen, um Schüler schon dazu zu bringen, viel Rad zu fahren. Man kann auch die Fahrradstellplätze an Schulen und Schwimmbädern noch mitdenken. Das ist ein ganz wichtiger Ansatz, den ich versuche über den Mobilitätsbeauftragten fachbereichsübergreifend in die Verwaltung hineinzutragen.

RaN: Der Masterplan Nahmobilität sieht ja drei Radschnellwege vor. Auf welchem der drei treten Fahrradfahrer als erstes in die Pedale und wann?

Knoch: Das ist schwer zu sagen. Mit Radschnellwegen wird seitens der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) und des Landes NRW ein ganz neuer Qualitätsstandard gesetzt für Fahrradfahrer, die schnell vorankommen wollen und sich gegenseitig überholen können: Bei selbstständig geführten Trassen außerhalb des Straßenraums sind das mindestens vier Meter Breite plus Fußweg. Wir haben geschaut, wo haben wir stillgelegte Bahntrassen, die wir nutzen können. Wir werden das jetzt verfolgen und Machbarkeitsstudien erstellen. Man kann sagen Richtung Krefeld sind wir in Gesprächen mit den Nachbarstädten, da ist der Wille schon dokumentiert, dass es da weitergehen soll. Richtung Neuss und Düsseldorf ist unsere stärkste Pendlerbeziehung, deshalb wäre ein Radschnellweg hier sehr interessant. Bis zur Stadtgrenze in Lürrip wären Flächen vorhanden, danach wird es im Kreis Neuss ein bisschen schwieriger. Die Route nach Rheindahlen am Borussiapark vorbei liegt nur auf unserem Stadtgebiet, da kommen wir möglicherweise schneller voran.

RaN: Da müssen wir nachhaken: Welche der drei Radschnellwege lässt sich am einfachsten umsetzen im Stadtgebiet Mönchengladbach.

Knoch: Das hängt von so vielen Dingen ab. Da ist dann unter Umständen auch die Frage des Naturschutzes zu beachten. Wir werden versuchen Schritt für Schritt umzusetzen. Wo gibt es die geringsten Probleme? Da fangen wir an.

RaN: Im Haushalt der Stadt stehen Mittel für 2018/2019 bereit. Ist das eine Zeitperspektive oder schreiben wir das kontinuierlich auf 2020, 2021, 2022 fort?

Knoch: Wenn ich in Deutschland eine Verkehrsanlage oder ein Bauwerk plane, muss ich verschiedene Schritte durchlaufen. Im ersten Schritt ist das eine Machbarkeitsstudie, im zweiten Schritt eine Vorplanung, dann die Entwurfsplanung, hier findet meist die entscheidende politische Beschlussfassung statt, und dann kommen Ausführungsplanung und Bauausführung. Die Planung wird dabei Schritt für Schritt immer detaillierter. Falls es an einer Stelle hakt, kommt es zu einer Verzögerung. Deshalb kann ich mich zum jetzigen Zeitpunkt seriös noch nicht auf eine Jahreszahl festlegen.

Bonin: Wir haben nicht vor, für Mobilität vorgesehene Budgets einzusparen, nichts auszugeben und jährlich zu übertragen. Wir haben auch betont, dass Radverkehr zu einer positiven Entwicklung einer Stadt dazugehört. Da sind wir froh, dass wir ein Budget haben und gehen die Planung auch aktiv an. Dazu gehören die von Herrn Knoch genannten Planungsschritte, die notwendig sind. Das werden wir entsprechend vorantreiben.

RaN: Es besteht der Eindruck, dass der Stellenwert des Radverkehrs, wie Sie ihn uns deutlich gemacht haben, noch nicht bei allen Mitarbeitern der Verwaltung angekommen ist.

Bonin: Ein Umdenken in Köpfen ist notwendig. Nicht nur bei den Bürgerinnen und Bürgern draußen, sondern auch bei denen, die innerhalb der Verwaltung an dem Thema arbeiten. Der Prozess, den wir jetzt angeschoben haben, ist spürbar. Das ist doch das Positive und Entscheidende. Für mich steht definitiv nicht die Frage im Vordergrund, ob Einzelne noch nicht in Gänze von der Aufbruchstimmung mitgerissen worden sind. Betrachten wir einmal das Beispiel Blaue Route. Da bin ich als verantwortlicher Beigeordneter über den Ablauf nicht begeistert, aber das hilft nicht. Wir müssen daran festhalten, wenn etwas gut ist, und weiter daran arbeiten, Erfahrung sammeln und Dinge realisieren. Die Menschen müssen es aus Überzeugung tun und nicht, weil es angeordnet wurde. In Münster fährt niemand Fahrrad, weil es verordnet ist, sondern weil es in den Köpfen verankert ist, weil die Voraussetzungen stimmen.

RaN: Sie haben eben die Blaue Route erwähnt. Wir haben im Frühjahr 2016 viel Geld bei Bürgern der Stadt gesammelt, und die haben über 4.000 Euro gespendet. Seit dem plant die Verwaltung. Wo hakt es und wann kommt endlich die Blaue Route von Gladbach nach Rheydt.

Bonin: Auch interessiert mich weniger, weshalb der Prozess ins Stocken geraten ist, denn wichtig ist, dass ich die Idee gut finde. Sie kommt ja auch aus dem Masterplanverfahren MG3.0. Da arbeite ich von Anfang an als Gründungs- und Vorstandsmitglied mit und begeistere mich dafür etwas, das ich mit auf den Weg gebracht habe, auch mit umzusetzen. Der Abstimmungsprozess und die Frage der Zuständigkeit waren allerdings sehr aufwändig. Verkehrsordnungsbehördliche und tiefbautechnische Fragen sowie Fragen, wer anordnen darf und wer nicht, führten zu hohem Abstimmungsaufwand. Intern musste geklärt werden, was passiert wenn die Blaue Route nicht der Norm entspricht und wir sie als Stadt trotzdem umsetzen. Dies und vieles andere mehr haben nicht gerade zur Schnelligkeit bei der Umsetzung dieses Vorhabens beigetragen. Wir sind jetzt aber kurz davor, eine Lösung zu finden, damit wir die Strecke durchführen können. Ich gehe davon aus, dass es noch im ersten Halbjahr 2017 passiert. Das ist der ganz feste Vorsatz. Wir wollen das jetzt auf die Straße setzen.

RaN: Dürfen die Radfahrer sich denn auf die erste Fahrradstraße Mönchengladbachs freuen in diesem Zusammenhang?

Beckmann:
Wir haben als Fachbereich Stadtentwicklung und Planung den Wunsch, dass sie durchgehend ist, aber es muss abgestimmt werden, dass das Vorhaben mit den straßenverkehrsrechtlichen Vorschriften einhergeht. Die Fahrradstraße soll nach unseren Vorstellungen vom Berliner Platz bis zum Rheydter Marktplatz führen.


Knoch: Wir planen da auch nichts völlig ungewöhnliches. Es gibt viele Städte, die sich mit ganzen Netzen aus Fahrradstraßen beschäftigen, zum Beispiel Essen und Bonn mit je 37 Fahrradstraßen oder Köln mit 83. Ich hoffe, dass wir bis zur Tour de France so weit sind und dann eine Fahrradstraße haben, die Kern einer attraktiven Route zur Anbindung der Hochschule an die beiden Stadtzentren mit den Hauptbahnhöfen ist.



RaN: Stichwort Parkplätze. Immer ein Thema hier in Mönchengladbach. Halten Sie es für durchsetzbar, dass Parkplätze zugunsten des Radverkehrs reduziert werden?

Bonin: Ich glaube, dass Stellplätze reduziert werden können, zur Qualitätssteigerung im öffentlichen Raum für Radfahrer und jeden einzelnen. Da spielen beispielsweise Aspekte, wie Nutzbarkeit der Innenstadt, Fußgängerförderung und Generationengerechtigkeit eine Rolle.

RaN: 2016 hat die Verwaltung ein aufwändiges Projekt zur Optimierung der grünen Welle durchgeführt. Aber auch Fußgänger und Fahrradfahrer stehen ewig lange an zu vielen roten Ampeln. Wird auch daran gearbeitet?

Bonin: Wir können aus Kapazitätsgründen nicht alles auf einmal umsetzen. Im Moment ist uns dies noch nicht möglich, perspektivisch aber schon. Es gibt Nachholbedarf. Wir haben im Mobilitätsplan verschiedenste Aktionsfelder im Individualverkehr, im ÖPNV, in der Nahmobilität, viel im Bereich des Radverkehrs. Da wir nicht alle Aufgaben gleichzeitig bewältigen können, setzen wir Prioritäten.

RaN: Letzte Frage, bitte eine kurze Antwort. Wie oft fahren Sie Rad? Nur in der Freizeit oder auch beruflich?

Bonin: Ich bin nicht nur in der Freizeit mit dem Fahrrad unterwegs, sondern auch beruflich. Im Sommer fahre ich häufiger von Gladbach zur Arbeit nach Rheydt. Auch wenn wir Investoren die Stadt zeigen, nutzen wir die NEW-Pedelecs der Verwaltung und machen mit den Investoren eine dreistündige Radtour, um die Stadt mit dem Fahrrad zu erleben. Vom Rathaus Rheydt an die Niers, am Schloss Rheydt vorbei, zum REME- Gelände, unter der Bahn hindurch zur City-Ost, zum Schillerplatz, auf den Abteiberg und über die blaue Route zurück. So zeigen wir, was Mönchengladbach wirklich prägt.

Beckmann: Im vergangenen Jahr habe ich bei 4 Fahrrad-exkursionen auf diesen Pedelecs Investoren durch die Stadt geführt, und zwar auf dem Weg, den Herr Dr. Bonin beschrieben hat. Auch privat fahre ich viel mit dem Rad. Ich wohne in einer Nachbarstadt und stelle freitags mein Auto ab und montagmorgens wird es wieder gestartet.

Knoch: Ich fahre fast täglich mit dem Fahrrad, kombiniere gerne Fahrrad und ÖPNV, nehme das Rad auch mit in die Bahn. Zu dienstlichen Terminen fahre ich auch meistens mit dem Fahrrad, manchmal mit dem Bus, seltener Auto. Wenn es regnet, fahre ich nicht so gerne mit dem Rad, ich bin zwar ein wetterfester Mensch, aber ich mag das nicht so gern, die Hose auszuwringen.

RaN: Danke für das Gespräch.




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