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Ein Rad mehr

27.11.18
Kategorie: Mönchengladbach

Meine Erfahrungen mit dem Dreirad

Vor über zwei Jahren hatte ich einen Schlaganfall, der mich zunächst auf der ganzen linken Körperhälfte gelähmt hinterließ. Nach einer Woche im Krankenhaus und fünf Wochen Reha war ich dann glücklicherweise soweit, dass ich wieder Auto fahren und ohne Rollator laufen konnte. Und mein geliebtes Hollandrad, welches mich immer so zuverlässig in die Innenstadt und in die Nachbarstädte gebracht hatte? Also gleich eine erste Versuchsfahrt, sicherheitshalber erstmal auf einem Feldweg. Drei Kilometer habe ich geschafft, allerdings dabei auch einen kräftigen Sturz mit Schürfwunden und blauen Flecken auf der ganzen linken Seite erlitten. Mein Hausarzt meinte: "Kauf die eine Torwarthose!" Aber so konnte ich mich unmöglich in den gefährlichen Stadtverkehr wagen. Also habe ich erstmal fast zwei Jahre Pause eingelegt und bin mit Bus oder Auto gefahren.

Die Lösung

Irgendwann im Frühjahr hat sich dann aber der Drang nach mehr Bewegung und umweltfreundlicher Fahrt durch die frische Luft durchgesetzt, und ich habe mich nach einem umsturzsicheren Dreirad umgesehen. Da ich nicht sicher war, ob ich damit überhaupt klar komme, habe ich im Internet nach einem Gebrauchten gesucht. Die meisten Dreiräder haben vorne ein Rad und hinten zwei. Aber da wurde auch eins angeboten, welches vorne zwei  Räder und hinten eins hat. Meine Neugier und technisches Interesse gaben dann den Ausschlag für letzteres. Ohne Elektrounterstützung natürlich, denn warum sollte ich in der Krankengymnastik Krafttraining machen und dann auf dem Fahrrad die ganze Arbeit einem Elektromotor überlassen. Am Hinterrad hat das Fahrzeug ganz normale Fahrradtechnik mit einer 7-Gang-Schaltung, dafür vorne ein aufwändiges Lenkgestänge, Doppelbremse, Feststellbremse und zwei ziemlich kleine Räder.

Der Vorteil dieser Anordnung ist, dass man das Rad leichter schieben kann, da es hinten schmal ist. Weiterhin, dass man eine gute Übersicht hat, wie breit das Fahrzeug ist, und ob es noch zwischen die auf den Fahrradwegen so beliebten Pfähle durchpasst. Nachteil: Der große Gepäckträger, der bei anderen Dreirädern hinten zwischen die Räder passt, ist nicht vorhanden. Oder ich müsste mir eine entsprechende Transportmöglichkeit für vorne basteln.

Die Umgewöhnung

Es funktioniert! Ich kann wirklich fahren, ohne umzufallen!

Trotzdem war das Fahren sehr gewöhnungsbedürftig. Unsere Straßen sind ja nicht eben, sondern fallen von der Mitte zum Rand hin ab. Wenn ich also am rechten Rand  fahre, ist das Dreirad nach rechts geneigt. Auch wenn der Verstand sagt "Logisch, fahr einfach weiter!", dann sagt die in vielen Jahrzehnten erworbene Gewohnheit: "Du musst sofort nach rechts lenken, sonst fällst du um!" Also lenke ich nach rechts und noch weiter nach rechts und komme den parkenden Autos immer näher. Ich muss erst mal anhalten und eine Weile nachdenken. Irgendwann klappt es dann, und man setzt sich über die Gewohnheit hinweg und fährt trotz Schieflage geradeaus weiter.

Ein weiterer Bedarf an Gewöhnung entsteht an allen weiteren Unebenheiten in der Fahrbahn. Man wackelt ständig hin und her und wird gelenkig in der Hüfte, fast wie auf einem Pferd. Am schwierigsten sind alle Stufen, seien sie noch so klein, besonders wenn sie nicht rechtwinklig quer zur Fahrtrichtung verlaufen sondern schräg. Und sie verlaufen fast immer schräg. Erst fährt das rechte Vorderrad die Stufe hoch, danach das linke, und zum Schluss das Hinterrad. Dasselbe bei Schlaglöchern, eins von den drei Rädern fällt immer ins Loch. Jedes Mal gibt es dabei einen Schwung um die Längsachse, der einem zunächst Angst einflößt. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Es dauert ein paar Wochen, bis man sich an die Besonderheiten gewöhnt hat.

Man sagt, dass Dreiräder nicht umkippen können. Doch, sie können, selbstverständlich können sie umkippen! Wenn ich zu schnell um die Kurve fahre, oder wenn ich mich dabei nicht mit dem Oberkörper nach innen neige, hebt eins der Vorderräder gefährlich vom Boden ab. Aber auch dafür bekommt man ein Gefühl, und bisher bin ich in dem halben Jahr noch nie umgekippt.

Das Dreirad ist 80 cm breit und wiegt 20 kg. Trotz des normalen Gewichts ist es schwieriger zu anzufassen, um es z. B. die Rheydter Bahnhofstreppe hochzutragen. Nachteilig sind auch die sehr kleinen Vorderräder bei meinem Modell (20"), die ein einfaches Hochfahren auf den Bordstein unmöglich machen.

Erfahrungen im Verkehr

Mein erster Eindruck: es gibt viele schmale Fahrradwege, aber ich bin so gerade noch überall durch gekommen. Ein Vorrücken an der Ampel, rechts an der Autoschlange vorbei, ist nicht mehr möglich, es sei denn dass dort ein ausreichend breiter Schutzstreifen freigehalten ist. Dafür kann ich entspannt bei Rot in der Autoschlange sitzenbleiben, es fällt ja nicht um. Ich brauche doppelt so viel Zeit für bestimmte Wege wie früher mit dem Hollandrad. Das liegt teilweise an meiner immer noch vorhandenen Muskelschwäche, aber auch an den kleinen Rädern und einer gewissen Instabilität bei höherem Tempo. Auch bergab geht es nicht schneller, einmal wegen des oben beschriebenen Hin und Her Wackelns, aber auch weil der Lenkmechanismus nicht selbstzentrierend ist wie beim Zweirad. Die Kreiselwirkung des Vorderrads kann beim Dreirad nicht funktionieren, da es sich nicht seitlich neigen kann. Man muss also ständig den Lenker in den Händen halten, am besten in beiden Händen. Vielleicht bastele ich mir da noch etwas mit zwei Zentrierfedern.



Positiv: Alle Autofahrer halten jetzt beim Überholen großen Abstand von mir. Mein seltsames, breites Gefährt, besonders der ungewöhnliche Anblick mit den zwei Vorderrädern, erregt große Aufmerksamkeit. Ich bin jetzt nicht mehr zu übersehen. Auch Fußgänger bleiben oft neugierig oder verträumt an dem abgestellten Fahrzeug stehen.

Insgesamt sind meine Erfahrungen mit dem Dreirad sehr gut. Man lernt in etwa einem Monat, mit den angesprochenen Problemen umzugehen.  Für lange Strecken ist es weniger geeignet. Aber um im Nahbereich herumzufahren, zehn oder zwanzig Kilometer, ist es absolut empfehlenswert. Eine gute Alternative, wenn man mit dem konventionellen Zweirad nicht mehr klar kommt.

 

 

Heino Theissen

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