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Der Jakobsweg mit dem Fahrrad

29.09.17
Kategorie: Mönchengladbach, Radreisen

Es ist Dein Camino

Da stand ich nun auf der Plaza del Obradoiro vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Mein Fahrrad zum Fotobeweis in einigem Abstand abgestellt, damit es zusammen mit der mächtigen Kirche auf den digitalen Moment passte. Elf Tagesetappen lagen hinter mir und ich war 639 km und 8.000 hm mit dem Rad gepilgert. Nun, da ich hier stand, war ich kein Pilger mehr. Ich war am Ziel meiner Reise angekommen.

Auf die Idee bin ich durch Hapes Pilgerbericht gekommen. Sein „Ich bin dann mal weg“ führte lange Zeit die Bestsellerlisten an, und das Hörbuch war für mich die nächtliche Inspiration, den Camino selbst einmal zu machen. Es gibt mehrere Wege, die sich durch ganz Spanien und Portugal ziehen und alle haben ein gemeinsames Ziel: Santiago de Compostela. Der Überlieferung nach befinden sich die Gebeine des Heiligen Apostels Jakobus in der stolzen Grabeskirche von Santiago. Neben Rom und Jerusalem gehört Santiago damit zu den drei großen Pilgerreisen der Christenheit.

Die ersten Pilger waren im Mittelalter Adlige und hohe Geistliche. Doch schon bald folgte auch das einfache Volk. Begab sich ein Pilger auf die damals noch sehr gefahrvolle und lange Reise ins weit entfernte Galicien, so bekam er von der Kirche einen Geleitbrief. Der Brief ist bis heute eine Art Ausweis, mit dem der Pilger auf seinem Weg Einlass in die Herbergen bekommt. Auf jeder Etappe lässt man sich zum Beweis des zurückgelegten Weges einen Stempel in seinen Pilgerpass geben, um dann am Ende der Reise auch die begehrte La Compostela zu erhalten. Das ist die Urkunde, die dem Inhaber bestätigt, seine Reise zu Fuß, auf dem Rad oder auf dem Pferd zurückgelegt zu haben. Als Gegenleistung für die Strapazen erlässt Dir die katholische Kirche alle Sünden. Ich hatte mich auf dem Weg zur Sündenbefreiung für das Rad entschieden. Es ermöglichte mir, den Jakobsweg inklusive An- und Abreise in drei Wochen zu pilgern. Zu Fuß sollte man eher sechs bis acht Wochen einplanen.


Blick auf den wunderschönen Hafen von Luarca   

Zu den Erkennungsmerkmalen eines Pilgers gehören bis heute, neben seinem Pass, der Pilgerstab und die große Jakobsmuschel. Die Muschel habe ich auf dem Weg gekauft und hinter meinen Sattel geschnallt. Die Souvenirläden sind auf die Pilger gut eingestellt. Den Rest der Ausrüstung hatte ich mir bereits in Düsseldorf besorgt: das Koga Worldtraveller-S mit der Pinion P1.18 und einer Gesamtübersetzung von 636 % sowie dem Riemenantrieb, genauso wie die Ortlieb-Gepäcktaschen, die ultraleichte Iso-Matte und das Hilleberg. Den Rest der Ausrüstung hatte ich bereits. Alles war auf Gewicht getrimmt. Ich wollte meine Pilgerreise so erdnah wie möglich angehen. Am Ende waren es dann aber doch über 20 Kilogramm Gepäck plus das Koga. Die Hinweise der Reiseführer, dass viele Campingplätze im Oktober bereits geschlossen seien, hatte ich geflissentlich ignoriert. So bin ich schwerbepackt von Düsseldorf aus nach Bilbao in die Hauptstadt des Baskenlandes an die Nordküste Spaniens geflogen.

Am Flughafen angekommen war das Rad schnell aus dem Karton geholt, Lenker und Sattel eingestellt und die fünf Taschen montiert. Und nun? Mein Thema war, dass ich mir bis zum Schluss die eigentlich wichtigste Entscheidung offengehalten hatte: Welchen Camino fahre ich eigentlich? Es gibt von Bilbao aus zwei Möglichkeiten. Man kann zum einen nach Süden auf den Camino Francés fahren. 70 % aller Wallfahrer pilgern diesen Klassiker, der eigentlich in Saint-Jean-Pied-de-Port in Westfrankreich beginnt. Die zweite Möglichkeit ist der 800 km lange Camino del Norte, der in Irún beginnt. Er führt lange Zeit an der Küste entlang nach Westen, um dann erst viel später Richtung Südwesten nach Santiago abzubiegen. Also fuhr ich erst einmal etwas orientierungslos nach Bilbao ins Stadtzentrum, um mir ein preiswertes Hotel für die erste Nacht zu suchen. Heute Abend würde ich die Entscheidung treffen, um dann am nächsten Morgen Bilbao als meinen Ausgangspunkt für den einen oder den anderen Camino zu nehmen.


Typische Morgenstimmung auf dem Weg nach Ribadesella

Die 17 km vom Flughafen in die Stadt gaben mir einen ersten Vorgeschmack auf das, was mich auf dem Norte erwarten würde. Es waren auf dieser kurzen Strecke mehr als 300 hm mit teilweise über zehn Prozent quälender Steigung. Dies hatte ich in einer Küstenregion nicht erwartet. Endlich angekommen setzte ich mich in ein kleines Café, nahm mein iPhone vom Vorbau und die Routine der nächsten Tage begann. Über Booking.com und Google Maps bekam ich einen sehr guten Überblick, wo es Campingplätze sowie schöne und preiswerte Zimmer in der Nähe gab. Schlafen in meinem Zelt wollte ich ab der nächsten Nacht. Spontan entschied ich mich an dieser Stelle, dass ich den Küstenweg nehmen würde. Der Weg gilt als landschaftlich schöner und weniger überlaufen, obwohl es im Oktober auch auf dem Francés leerer wird. Der Norte führt durch vier Regionen: das Baskenland, Kantabrien, Asturien und Galicien, von denen jede ihre eigenen Reize zu bieten hat.

Meine erste Nacht verbrachte ich in einem nigelnagelneuen Hotel im Zentrum von Bilbao. Ich brauchte fünf Minuten, um die nette junge Dame an der Rezeption davon zu überzeugen, dass ich mein Rad mit auf das Zimmer nehmen durfte. Ich versprach ihr mehrfach, dass ich die frisch gestrichenen Wände nicht ruinieren würde. Ich hatte auf der ganzen Tour mein Rad nie aus den Augen gelassen. Ich hatte es nachts immer im Zimmer, im Gepäckraum oder im verschlossenen Fahrradraum. Ich habe auf dem Camino von einem amerikanischen Pärchen gehört, deren Räder nachts neben ihrem Zelt weggestohlen worden sind. Da schützte auch kein gutes Schloss. Am besten hält man sein Rad immer in Reichweite oder aus der Sicht von begehrlichen Blicken.

Der zweite Tag begann früh. Ich wollte unbedingt mein Tagesziel Laredo erreichen. Ich folgte also zügig den gelben Pfeilen und den Muschelsymbolen, die überall entlang des Camino den Weg weisen. Es waren am Ende meiner ersten Etappe über 80 km nach Laredo mit 1.100 hm. Für den ersten Tag, für meine Konstitution und 40 kg im Schlepptau definitiv zu viel. „Das ist kein besinnliches Pilgern, sondern eine sportliche Veranstaltung!“, dachte ich mir und bereute schon, den Küstenweg genommen zu haben und nicht den viel flacheren Weg durchs Landesinnere. Es dauerte einige Tage, bis ich diesen Planungswahnsinn abgelegt hatte. Der Weg entlang des Camino ist das Ziel. Bleibe und verharre dort, wo der Tag Dich hinbringt und Du Dich wohl fühlst. Eine nette Begegnung, eine schöne Unterkunft oder ein atemberaubender Ausblick sollten das Ziel bestimmen und nicht die zuvor geplante Tagesetappe.

Abends in Laredo war der Campingplatz bereits für die Wintermonate geschlossen. Ich nahm mir abermals ein kleines Hotelzimmer, statt in meinem Schlafsack und dem Hightech-Zelt zu übernachten. Ich fasste daraufhin einen Entschluss, der den Rest meiner Reise entscheidend beeinflussen würde: Ich musste unbedingt Gewicht einsparen, damit ich es bis Santiago schaffen konnte. Die Campingausrüstung konnte ich wahrscheinlich sowieso nur wenig oder gar nicht einsetzen. Entschlossen besorgte ich mir einen großen Karton, in dem ich die gesamte Zeltausrüstung sowie alles weitere nun Unnötige verpackte. Gleich am nächsten Morgen gab ich das acht Kilogramm schwere Paket bei der lokalen Poststelle auf, und schickte es für über € 70 nach Deutschland zurück. Erst später erfuhr ich, dass man eine Art Pilgerpaket nach Santiago vorschicken kann, um es dann dort später bei der eigenen Ankunft in Empfang nehmen zu können. Der Preis beträgt nur einen Bruchteil des versicherten Auslandspakets. Ich lernte auf dem Camino.


In jedem Pilgerort erhält man einen Stempel, der den dortigen Aufenthalt dokumentiert. Ausgestellt werden die Stempel für den Pilgerpass in den Pfarrämter der Kirchen und Klöster, den Pilgerstätten bzw. Pilgerherbergen oder in Tourismusbüros.    


Die zweite Etappe war gegenüber der ersten eine wahre Erholung. Die 55 km nach Santander mit 425 hm ließen mit nur noch zwölf Kilogramm Gepäck langsam Pilgerstimmung bei mir aufkommen. Das ist übrigens das Maximum, was man mitnehmen sollte. Besser wären sogar zehn gewesen. Der Weg nach Santander führte über zwei wunderschöne Fährfahrten, die es ermöglichten, meistens in der Nähe der Küste zu bleiben. Die Ausblicke auf das Meer, die Küste und die Strände waren grandios. Santander hatte viel zu bieten. Tolle Fahrradwege entlang des Wassers um die gesamte Stadt herum und die schöne Innenstadt lud zum Verweilen und Bummeln ein.

Der dritte Tag auf dem Rad führte mich von Santander nach Unquera. Die 70 km und knapp 1.000 hm hatten es wieder in sich. Meine Empfehlung ist, solche Streckenabschnitte aufzuteilen, stehen zu bleiben und die tollen Aussichten entlang der kurvigen und hügligen Küstenstra.en aufzusaugen. Stattdessen hatte ich noch einmal darüber nachgedacht, den Küstenweg vorzeitig wieder zu verlassen. Ich wollte auf den Camino Primitivo, der als der ursprüngliche Jakobsweg gilt, abbiegen. Der Primitivo verlässt die Küste früher als der Norte und führt gleich über die Berge nach Santiago. Bei diesen Überlegungen blieb es dann aber auch. Ich hielt an meinem ursprünglichen Plan fest, erst kurz nach Ribadeo 190 km vor Santiago die Küste zu verlassen. „Es ist kein Rennen!“, sagte ich mir. „Ich habe hinten heraus genug zeitlichen Puffer. Ich werde jeden Tag so nehmen, wie er Umdrehung für Umdrehung kommt.

Neu war für mich, dass man sich mit keinem Teamgefährten austauschen konnte. Aber genau diese Erfahrung macht wohl Pilgern aus. Viele Pilger, die zu zweit gestartet waren, hatten sich auf der Reise getrennt und erst wieder am nächsten Etappenziel oder in Santiago getroffen. Pilgern ist eben kein Mannschaftssport. Es zwingt Dich geradezu, dass Du Dich mit Dir selbst beschäftigst und alleine mit Deinen Gedanken und Entscheidungen bleibst. Abends in den Herbergen gibt es genug Möglichkeiten, sich mit anderen auszutauschen. Ich setzte aber noch einen darauf: Ich hatte mich für Hotels und Pensionen entschieden. Dies gab mir auch abends das Gefühl: „Ich bin alleine!“ Im Nachhinein würde ich empfehlen, die vielen Herbergen entlang des Weges aufzusuchen, um die Erlebnisse und Erfahrungen des Tages mit anderen teilen zu können. Tagsüber wiederum bleibe für Dich.

Die vierte Etappe führte mich von Unquera nach Llanes und war mit 30 km und 300 hm der kürzeste Abschnitt. Langsam kam ich runter. Warum jetzt noch weiterfahren und nicht die Sonne in Llanes genießen? Ich saß auf einem wunderschönen Marktplatz, der zum Chillen einlud. Da traf ich auf Rob. Ich sprach ihn an, als ich ihn mit seinem beladenen Mountainbike auf den Platz rollen sah. Mir fehlte menschlicher Kontakt. Rob setzte sich zu mir und wir tranken ein paar spanische Bierchen in der Nachmittagssonne zusammen. Rob war Müllmann aus Toronto und hatte bereits viele Teile von Europa auf dem Fahrrad bereist. Rob blieb trotz der alkoholischen Erfrischungen ein wenig reserviert und wir verabschiedeten uns wieder. Rob war einer meiner wenigen Begegnungen. Ich hatte insgesamt zu dieser Jahreszeit nur wenige Pilger gesehen. Der Norte zieht nur einen Bruchteil der Pilger im Vergleich zu seinem berühmten Bruder, dem Francés, an. Noch wenigere hatte ich auf dem Rad getroffen. Es waren insgesamt nur ein halbes Dutzend und von diesen wollten eigentlich nur ich und noch ein weiterer Deutscher und sein französischer Freund nach Santiago wallfahren. Ich glaube, dass neben dem angenehmen Meeresklima, der reizvollen Küstenlandschaft und den kulinarischen Genüssen genau das aber den Norte auszeichnet. Er ist nicht überlaufen und gibt Dir Zeit für Dich selbst.

Mein fünfter Tag auf dem Rad führte weiter entlang der Küste von Llanes über Ribadesella nach Villaviciosa und war mit 75 km und 800 hm eine mittellange Tour. In Villaviciosa probierte ich zum erstem Mal Sidra, für den Asturien so bekannt ist. Der ausschenkende Wirt schüttete den Apfelwein mit weit auseinander gespreizten Armen aus der Flasche über eine riesige Distanz in mein Glas. Trinken musste ich ihn sofort, denn nur so landeten die Luftperlen gemeinsam mit dem Apfelwein auf meiner Zunge. Faszinierende Jongleure. Die nächsten Etappen ließen Routine aufkommen, langweilig wurde es aber nie. Das Wetter war, seitdem ich gestartet bin, traumhaft, wolkenlos und es gab Sonne satt.

Lediglich morgens und abends holte ich Arm- und Beinlinge sowie die leichte Fahrradjacke heraus. Die Regenbekleidung blieb bis zum Schluss gut verstaut ganz unten in den Packtaschen. Es ging heute nach Aviles. Es war klar, dass ich in der wunderschönen Altstadt eine Nacht bleiben musste. Hier hatte ich mir zum ersten Mal auch ein etwas komfortableres Hotel gegönnt, bei dem ich in der Lage war, meine – sonst nur im Handwaschbecken durchgespülte – Fahrradbekleidung einmal richtig in der Maschine durchzuwaschen. Es war Halbzeit. Am nächsten Morgen ging es von Aviles nach Cudillero. Cudillero ist ein wunderschön gelegenes Fischerdörfchen, in dem ich mittags kurz etwas gegessen hatte, um dann weiter Richtung Cueva zu fahren. Da passierte es wieder: Eine meiner drei Reifenpannen der Tour. Der Marathon Supreme meines Koga lief zwar sowohl auf Asphalt als auch auf Feldwegen seidenweich, nahm aber auch gerne den einen oder anderen Fremdkörper mit auf die Reise. Trotzdem war der Reifen die richtige Wahl, da der Norte vor allem Asphalt zu bieten hat. Dies stört zwar oft die Pilger zu Fuß. Für mich als Radfahrer waren die schmalen geteerten Wege ganz nah entlang der Küste aber perfekt. Trotzdem, hier verlor ich eine Stunde in der Mittagshitze, und ich fuhr den Berg etwas genervt wieder auf die Küstenstraße herauf. Der Rest der Etappe wurde nun lang.


Toller Aussichtspunkt in Comillas


Am späten Nachmittag war weit und breit keine Unterkunft in Sicht. Da fuhr ich einem ebenfalls völlig ausgelaugten Rob vors Rad. Er war heute noch eine Stadt vor mir gestartet und hatte auch keine Lust mehr, die Pedale umzudrehen. Wir entschieden uns spontan, mein Smartphone auf die nächste Unterkunft zu richten und diese gemeinsam anzusteuern. Es war ein sehr nettes kleines Hotel in Cueva, das allerdings wenig romantisch abseits der Küstenstraße direkt unter einer riesigen Autobahnbrücke lag. Das Abendessen in dem einfachen Hotelrestaurant war trotzdem köstlich und es tat gut, nach all den Tagen mit jemandem zu reden, der den gleichen Weg nahm. Rob hatte allerdings nicht vor, gleich nach Ribadeo Richtung Santiago abzubiegen. Ihm war einfach der Jakobsweg weniger wichtig als mir. Er wollte viel mehr die anmutende Küstenregion in vollen Zügen genießen und ihr bis nach Portugal folgen. Rob und ich beschlossen, den nächsten Tag bis Ribadeo zusammen zu fahren, um uns dann am darauffolgenden Morgen wieder zu trennen. Wir waren uns dann doch etwas nähergekommen.


Der nächste Tag zusammen mit Rob war meine achte Etappe. Sie führte von Cueva über Luarca nach Ribadeo und zog sich sehr kurzweilig über 65 km und 600 hm. Diese Etappe war wohl eines der schönsten Teilstücke überhaupt. Vielleicht lag es daran, dass wir zu zweit waren, am leichten Rückenwind, den warmen Sonnenstrahlen, der relativ kurzen Etappe oder an dem wunderschönen Hafenstädtchen Luarca mit seinen steilen Küsten und der Kirche, die wie ein Schwalbennest auf die Klippen gebaut war. Abends in Ribadeo fanden Rob und ich schnell eine günstige Unterkunft. Wir investierten beide unser Geld lieber in ein gutes regionales Abendessen.

Gut gegessen hatte ich immer. Ich sterbe für Fisch und Krustentiere. Die gab es hier an der Küste überall zu einem sehr günstigen Preis. Auch für die kulinarischen Genüsse war Google Maps mein bester Navigator. Google half mir nicht nur, die richtige und auch schönste Straße entlang der Küste zu finden, sondern war auch der beste Gehilfe, um ein sehr gutes und günstiges Restaurant ausfindig zu machen. Die vielen Reviews der unzähligen Nutzer sind unschlagbar. Meine anderen Navi-Apps zeigten oft erhebliche Schwächen. Sie wollten große Umwege nehmen und lahmten auch aufgrund der komplizierten Bedienung. Der einzige Nachteil meiner Google-App war, dass sie mir in meiner iOS-Version nicht das vor mir liegende Höhenprofil anzeigte. Aber was soll’s, es ging eh den ganzen Tag herauf und wieder herunter. Einmal 100 hm erklommen, verlor man sie auch gleich wieder, um auf den nächsten Küstenhügel zu klettern. Hier hätte ein Fahrradreiseführer mit Höhenprofilen geholfen. Ein weiterer Helfer war mein für einen Monat zur Verfügung stehendes unbegrenztes Datenvolumen. Online-Navigation frisst eben Daten.

Die neunte Etappe von Ribadeo nach Villalba hatte es mit 75 km und 1.100 hm noch einmal in sich. Es ging nun über die Berge dem Ziel entgegen. Ich war wieder alleine und hatte bis Santiago immer wieder mulmige Begegnungen mit Ketten- sowie wilden Hunden. Einige Male nahm ich kleinere Umwege in Kauf, um nicht auf den letzten Kilometern noch einen Biss zu riskieren. Das eher mickrige Messer meines aufgeklappten Leatherman in der Lenkertasche gab da auch keine Beruhigung.

Die vorletzte Etappe nach Sobrado dos Monxes war mit 60 km und 575 hm moderat und das Ziel meiner Reise war zum Greifen nah. Angekommen in Sobrado traf ich auf Johannes. Er war aus Köln und wir tranken trotzdem etwas zusammen. Als ich Johannes erzählte, dass ich bisher nur in Hotels und Pensionen geschlafen hatte, lachte er mich lauthals aus. Johannes fing sich wieder und sagte: „Na ja, es ist Dein Camino!“ Trotzdem war für mich nach dieser Ansage klar, dass die letzte Nacht eine Herbergsnacht werden würde. Es war für nur sechs Euro eine meiner besten Übernachtungen. Das Kloster war sehr beindruckend und es tat gut, abends mit den anderen Pilgern zusammen zu kochen und zu reden. Der von mir und Johannes gekaufte Wein half etwas, das Dutzend schnarchender Menschen um uns herum, mit denen wir unseren Schlafsaal teilten, zu vergessen. So bekam ich auch trotz meiner ersten Herbergsnacht noch eine gute Mütze Schlaf.

Johannes und ich verabredeten uns für Santiago. Für mich würde es auf dem Rad eine Tagesetappe sein und Johannes würde trotz seines hohen Tempos zwei Tage für die 55 km und 660 hm brauchen. Kein Wunder, dass Johannes ein enormes Tempo vorlegte. Es war dieses Jahr bereits sein zweiter Camino. Er war zuvor schon den Francés gelaufen und nun noch der Norte on top. Unglaublich, wen Du alles auf dem Camino triffst.

Ich fuhr die letzten Kilometer sehr langsam, blieb stehen und konnte gar nicht glauben, dass mein Weg heute bereits zu Ende gehen würde. Aus allen Richtungen kamen die Pilger zusammen. Ich hatte bisher auf meinem gesamten Weg nur wenige Pilger gesehen. Aber nun, so nah vor dem Ziel konzentrierte sich alles auf den letzten Etappen, auf denen die verschiedenen Jakobswege zusammenliefen.

Es war soweit. Nach einem kurzen Aufenthalt in der kleinen Kapelle auf dem Monte do Gozo sah ich zum ersten Mal von seinem Gipfel aus Santiago de Compostela. Die gelben Pfeile und Muschelsymbole wiesen mir wie immer sicher den Weg vom Freudenberg herunter durch die Altstadt bis hin zur Kathedrale. Wenige Meter vor dem Betreten der Plaza nickte ich zwinkernd einer jungen Pilgerin zu und sie lächelte und nickte zurück. Wir wollten beide sagen: „Geschafft! Jetzt kommt der Moment, auf den wir so lange hingearbeitet haben. Wir sind am Ziel unserer Reise angekommen.“

Menschen lachten, weinten und lagen sich auf der Plaza in den Armen. Die Pilger legten sich auf den Boden, die Köpfe auf ihren Rucksäcken. Sie waren stolz auf ihre Leistung und bestaunten das vor ihnen hoch aufragende Gotteshaus. Ich stand auf dem Platz eine Stunde lang und ließ meinen Weg der letzten zwölf Tage noch einmal Revue passieren. Ich machte Fotos und las den mitgebrachten Brief meiner Liebsten. Sie hatte gesagt: „Lies ihn bitte erst, wenn Du uns alle sehr vermisst.“ Das hatte ich zwar schon zuvor getan, ich wollte aber sicher gehen, dass ich ihn immer noch zum ersten Mal lesen kann, falls es schlimmer werden würde. So kam es, dass ich ihn erst am Ziel meiner Reise aufmachte. Das Warten hatte sich gelohnt und unterstrich den besonderen Moment.


In Santiago mit dem Bike und dem Brief meiner Frau vor der Kathedrale angekommen

Dann brach ich langsam auf und kehrte ins Hotel ein. Ich machte mich nach einem langen erholsamen Bad fertig, um die Stadt zu erkunden. Santiago mit seiner ursprünglichen Altstadt, den Kirchen, Museen, Restaurants, Bars und Cafés ist für sich schon eine Reise wert. Für den Pilger ist aber der abschließende Gottesdienst in der Kathedrale etwas ganz Besonderes. Bei ergreifender Musik und Gesängen sowie dem Fliegen des riesigen Weihrauchfasses durch das gesamte Kirchenschiff wurde mir klar, dass ich nun ein Teil einer großen Gemeinschaft geworden war. Ein Erlebnis, dass ich für den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen würde. Und wer weiß, vielleicht gehe ich den Camino ja auch ein zweites Mal. So wie Johannes es getan hatte - nur nicht ganz so bald.

Nach einigen schönen mit anderen Pilgern zusammen verbrachten Tagen in Santiago machte ich mich bereit für die Heimreise. Johannes hingegen brach noch ein weiteres Mal auf. Er machte sich auf den Weg zum Kap Finisterre, das für viele Pilger das eigentliche Ende ihrer Reise krönt.

Der von mir in Santiago ausgekundschaftete Fahrradladen „Oliveira“ kannte das Thema, Räder wieder flugfertig zu verpacken und so ging es gut vorbereitet frühmorgens mit Gepäck und Rad zum Flughafen von Santiago. Auf dem ganzen Norte gibt es eine gute Infrastruktur von Fahrradläden, die gut ausgerüstet sind, um jedes Rad wieder fit zu machen. Auch defekte oder fehlende Ausrüstung kann jederzeit ersetzt oder beschafft werden. Den Flug von Santiago aus zu buchen war zu dieser Jahreszeit kein Problem und so kam ich schnell und bequem zurück nach Düsseldorf – von der Reise zu mir zurück zu uns.

Ich möchte ganz besonders meiner gesamten Familie Danke sagen, die es mir ermöglicht hat, meinen Camino zu fahren. Ich danke auch Rob und Johannes für die Gesellschaft und ganz besonders Johannes für die Ansage. Darüber hinaus danke ich Willi Müller für die gute Beratung beim Fahrradkauf. Besonderer Dank gebührt Claudia Becker, die mir als Willis gute Fee am Telefon ruhig und sicher aus der Patsche geholfen hat, als mir auf dem Camino mein Do-It-Yourself-Wissen ausging.

Ich wünsche Euch viel Spaß auf dem Camino, und denkt daran: „Es ist Dein Camino!“

Buen Camino!

Guido

Guido Bossmann

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