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Bergisches E-Bike über die Berge leergefahren

29.10.20
Kategorie: RheinBerg-Oberberg, Presse

Das Foto mit den beiden Rädern entstand oberhalb der Wahnbachtalsperre, wo eine Wiese mit Liegebänken zum Chillen einlud (Foto: Thomas Franzen).




Zwei Rösrather ADFC-Mitglieder wollten wissen, wie sich das Bergisches E-Bike - als Teil des Mobilitätskonzepts RBK - bewegen lässt, auch dann, wenn der Akku leergefahren ist 

Die Räder sind mit einem 7-Gang Freilauf-Nabengetriebe ausgestattet. Entfaltung 1. Gang 2,6m; 7. Gang: 6,3m entsprechend einer Schaltkapazität von 240%. Wie aus internen Quellen verlautet, soll der Akku ca. 80km lang Strom liefern. Da der Motor beim Radeln nicht abgestellt werden kann, wurde eine Tour mit zwei E-Bikes weit über 100 km geplant, äquivalent gefahren von zwei 85-90kg-Personen. Als jedoch nach 30 km absehbar war, dass die Akkus solange nicht halten werden und zudem ab Mittag ein Landregen aufzog, wurde die Tour verkürzt.

Die Testräder wurden am 3.10.2020 ab Rösrath Verleihstation mit 100% Ladekapazität (fünf grünleuchtende Ladedioden) übernommen. Die Fahrt verlief über Sülztal, Lohmar, Algert, Birk, Heide, Wahnbachtalsperre, Seligenthal, Siegdamm, Sieglar, Antoniuskreuz, Uckendorf, Elsdorf, Leidenhausen, Wahner-Heide zurück nach Rösrath mit insgesamt 70km Fahrtstrecke.

Gestartet wurde geg. 10:00 Uhr an jenem Tag der Deutschen Wiedervereinigung. Vereinsmitglied Johannes Schweinem nahm das Rad mit der Nummer 42656, der ADFC-Kollege Thomas Franzen jenes mit der Nummer 42661. Bereits auf der Strecke entlang der Sülztalstraße wurden Unterschiede der beiden Räder erkennbar. Während bei Rad 661 kräftig zugetreten werden musste, um überhaupt Tempo 25 km/h zu erreichen, brauchte man bei Rad 656 das Pedal nur antippen und bei Fahrt so auf Drehzahl halten, dass lediglich ein kleiner Widerstand gegen die mitlaufende Kurbel ausgeübt wurde, aber kaum Drehmoment durch den Fahrer nötig gewesen ist. Auf den langanhalten Steigungen, die aus dem Aggertal auf die Höhen nach Algert, Birk, Heide (ca. 185m üNN) hinaufgeführt werden, fuhr man die bis zu 17% starken Steigungen im Wald im ersten Gang. Hier dasselbe Phänomen. Um physiologische Empfindungen der beiden Fahrer auszuschalten, wurden inmitten der Steigungsstrecke Fahrer und Räder getauscht. Es blieb dabei: das 661er verlange kräftigeres Pedaltreten und beim 656er brauchte die Kurbel beim Treten nur angetippt und die fühlbare Drehzahl gehalten werden.

Auf der kurvenreichen Abfahrt zur Wahnbach-Talsperre sind wir nur im Schrittempo heruntergefahren, weil wir den Bremsen nicht trauten. Zwei Seilzug-Felgenbremsen mussten mit beachtlicher Kraft angezogen werden, um nicht der Gefällebeschleunigung ausgesetzt zu sein. Unterhalb des Staudamms, noch im vollen 15%-Gefälle etwa 150m vor der Tal-Ebene hatten wir Mut, die Bremsen ganz zu lösen. Die Gravitation beschleunigte uns auf etwa 40 km/h und beim Anziehen der Bremsen hatten wir das Gefühl, dass kaum Verzögerung der Fahrt eintritt, bzw. eine gebremste Ausrollstrecke in diesem Gefälle unüblich lang ausfallen würde. Der Verlauf der befestigten Straße in die Tal-Ebene vor Seligenthal beendete diesen nicht ungefährlichen Versuch. Unsere Einschätzung: die Bremswirkung ist unterdimensioniert (obwohl “Bergisches“ E-Bike) und wir empfehlen, Gefälle nicht auszureizen, also keinen wilden Downhill zu fahren!

Auf der langen Fahrt Radweg Sieg-Damm in Richtung Bonn setzte Regen ein. Da die Ladekapazität des 656er Akkus bereits auf 40% gesunken war (drei Ladedioden waren bereits erloschen) und Akku 661 auch nur noch 60% anzeigte, entschlossen die beiden Freunde kurzfristig, die Brücke über die Sieg in Richtung Friedrich-Wilhelmhütte zu nehmen, anstatt über Bonn zu fahren. Aus voller Fahrt heraus nahm man die kurze Brückenrampe im 7. Gang, musste aber feststellen, dass bei der Fahrtverzögerung keinerlei Unterstützung von Seiten des Motors kam und wir schließlich absteigen und schieben mussten. Da wir beim Aufrollen nicht wussten, ob die Nabenschaltung unter Last zurück zum 1. Gang geschaltet werden kann, haben wir Schieben vorgezogen, um keine Schäden im Nabengetriebe zu verursachen. Tip an NextBike: vielleicht hilft ein kleiner Hinweis im „Cockpit“ zum Schaltungsprozedere.

Vor der S-Bahn-Baustelle rechts der Sieg war Schluss und wir standen vor einem Bauzaun. Um auf der parallel verlaufenden Straße weiterfahren zu können, mussten wir die E-Bikes eine Treppe hinauftragen. Angenehm: ein kleiner Hebegriff im Durchstieg und im Schwerpunkt der Fahrräder hat uns sehr positiv überrascht.    

Über Sieglar, zeitweise entlang der Werksbahn Lülsdorf und die Felder ging‘s in Richtung Rösrath zurück. Hinter dem Antoniuskreuz (in Freizeitkarten so bezeichnet) ging die letzte grüne Ladediode von „Standby“ auf „Blinking“ und unmittelbar danach setzte der Motor des Rades 656 aus. Bis dort wurden 50 km zurückgelegt. Es war zu erwarten, dass das stets höhere Motordrehmoment des 656er die gespeicherte Akku-Energie zuerst aufbraucht. Allerdings, bei Kilometerstand 60 versiegte auch der Motor des 661er bei Leidenhausen.

Der letzte Streckenabschnitt durch die Wahner Heide hieß also Muskelkraft only für beide Fahrer! Unser Fazit: in der Ebene ließ sich das E-Bike (nunmehr ohne E) im 4. Gang bei etwa 60-70 min-1 Kurbelumdrehung und etwa 20 km/h bequem fortbewegen. Das Bergische E-Bike ist ohne Federung ausgestattet und die prall aufgepumpten Reifen sorgten auf befestigten Wegen für geringen Rollwiderstand. In der Wahner Heide sind lange Steigungen ca. 1% (kurzfristig 5%) vorgefunden worden, die das Fortbewegen bei schlechter Wegequalität etwas mühselig – im Vergleich zu einem normalen Mountain-Bike oder Trecking-Rad – erscheinen ließen, aber trotzdem möglich sind. Eine Fahrt ohne Motorunterstützung durch das Bergische (Steigungen wie bei der Hinfahrt) ist nicht zu empfehlen, zumal bei einer Entfaltung von fast 3m im ersten Gang kaum größere Steigungen genommen werden können.

Gesamtfazit:

Das Bergische E-Bike erfüllt die Erwartungen. Die Hilfeleistung des Motors ist beachtlich und Steigungen von 17% sind auch für weniger sportliche Radler bequem zu schaffen. Die Bremsen sind etwas schwach; man muss wissen, damit umzugehen. Bei unseren Testfahrten sind die Akkus nach 50 bzw. 60km erschöpft gewesen. Das Fahren ohne Motorunterstützung ist möglich, jedoch sollten steile Anstiege vermieden werden, wenn man nicht absteigen und schieben möchte.

Nachteilig am Konzept Bergisches E-Bike ist, dass ohne Handy eine Ausleihe nicht möglich ist. Der Telefonservice mit NextBike wurde getestet und fand in einem angenehmen Gesprächsklima statt.


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