Weitblicke!

Vom schwäbischen Meer zur Isarmetropole.
Ein Radreisebericht von Brigitte und Michael Puckert.

BD Aufkleber zum Fahrradtransport

1. Tag Kommt Ihnen dieser Aufkleber bekannt vor? Wenn nicht, macht nix, kannten wir vor dieser Tour auch noch nicht. Wir standen mit unserer Reisegruppe am Samstagmorgen um 8:30 Uhr im Hbf Duisburg, auf Gleis 4 vor dem Wagenstandsanzeiger, um uns mit den Rädern gleich richtig, gemäß der Hinweise auf obigen Aufkleber, im richtigen Bahnsteigabschnitt zu positionieren. Der 1. Wagen hinter der Lock des IC119 nach Lindau am Bodensee sollte es sein. Der Zug fuhr ein und wir standen ordnungsgemäß in den Startlöchern um Räder und Gepäck schnell zu verladen. Kaum stand der Zug, da rief uns die Zugbegleiterin zu, dass der Wagen mit unseren reservierten Stellplätzen bereits voll sei, aber am anderen Ende des Zuges gäbe es einen Wagen, in dem wir unsere Räder unterbringen könnten. Da standen wir nun und schauten den langen Zug entlang und hatten die ersten Weitblicke unseres Urlaubs. Ein schneller Sprint, im Slalom um Koffer und Reisende über den gesamten Bahnsteig, brachte uns zum letzten Wagen. Hier erwartete uns ein netter und hilfsbereiter Zugbegleiter und für unsere Fahrräder gab es sehr viel Platz im Versorgungswagen des Bordbistros. Nach diesem kleinen Frühsport hatten wir dann aber eine angenehme und gemütliche Bahnreise mit Begrüßungssekt und Proviantpaket, mit dem uns unser Tourenleiter Peter überraschte. Je weiter der Zug nach Süden rollte, umso wärmer wurde es und in Lindau empfing uns ein richtig heißer Sommertag am Bodensee. So dauerte es nicht lange, bis sich die ersten von uns in die nassen Fluten stürzten. Doch am Horizont in Richtung Schweizer Ufer, brauten sich unheilvolle Wolken zusammen und Rundumleuchten am Seeufer warnten vor dem nahenden Sturm. So hielten wir uns nicht lange im sehr touristischen Lindau auf und radelten schnell unserer Reiseunterkunft im 12 km entfernten Kressborn entgegen. Draußen tobte der Gewittersturm und drinnen saßen wir gemütlich beim Abendessen zusammen.

2. Tag Der nächste Morgen sah gut aus, blauer Himmel und angenehm warm. Bestes Wetter zum Radwandern. Nach dem Frühstück sollte es losgehen. Währe da nicht am Himmel wieder eine schwarze grollende Wolke aufgezogen und die ersten Sturmböen fegten heran. Peter entschied den Start zu verschieben. So schnell wie die Wolke kam, zog sie an uns vorbei und der Himmel wurde wieder blau. Auf ging’s bei Sonnenschein durch leicht hügeliges Land, in Sichtweite des Bodensees, Richtung Immenstadt. Nach rund 20 km gab es den ersten nennenswerten Anstieg, der uns aber mit herrlichen Weitblicken zurück auf den, in der Ferne silbrig schimmernden Bodensee, belohnte. Leider trübte sich der Himmel ab Mittag langsam ein, so dass uns der Blick, aus dem hügeligen Voralpenland auf die Berge der Alpen, verwehrt blieb. Nach 78 km und 1.160 Höhenmetern erreichten wir unser Hotel in Immenstadt. Nach dem gemeinsamen Abendessen gab’s bei Bayrischem Bier im Fernsehen das WM Endspiel Spanien / Italien und anschließend das wohlverdiente Bett.

Auf 1.000 Meter ü.N.N.

3. Tag Leider sah der Himmel an diesem Tag auch nicht sehr vielversprechender aus. Aber das tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Heute galt es mit knapp 1.000 m den höchsten Punkt unserer Reise zu erklimmen. Da war ein bedeckter Himmel vielleicht gar nicht sooo schlecht. Über kleine landwirtschaftliche Wege und durch liebliche Allgäuer Dörfchen, kurbelten wir uns langsam aber sicher auf die Passhöhe. Kein Problem für die wackeren Radfahrer vom ADFC. Am Gipfelkreuz angekommen wurden erst mal die Lunchpakete ausgepackt und die dicke Fleischwurst aus Peters Satteltaschen schmeckte nach diesem Anstieg unglaublich gut. Nach ausgiebiger Pause, radelten wir bergab in Richtung Füssen und Schwangau, unserem heutigen Reiseziel. Auf dem Weg dorthin, wartete noch die Einkehr in eine Bergkäserei auf uns. Frisch gestärkt mit den Gaben der Natur, nahmen wir die letzten 16 km der Tagesetappe in Angriff. Weiter bergab in schneller Fahrt erreichten wir den wunderschönen Hopfensee bei Füssen. Weitblicke auf das Alpenpanorama verwehrten uns leider auch hier die Wolken. Nach halber Umrundung des Sees und einem Plattfuß ging es zu unserer Unterkunft in Schwangau auf einem Bauernhof. Hier erwarteten uns wunderschöne Ferienwohnungen im alpenländischen Stiel mit direktem Blick auf das Märchenschloss Neuschwanstein. Diese sollte nun für zwei Nächte unser Domizil sein. Für den Abend hatte Peter ein gemeinsames Essen im nahen Füssen mit anschließender Stadtführung organisiert. Füssen ist eine schöne Stadt mit mittelalterlichem Stadtkern, Schloss, Klöstern und Museen direkt am Alpenfluss Lech gelegen. Man könnte wohl eine Woche jeden Abend eine Stadtführung mitmachen und immer wieder neue Dinge entdecken. Hier endet übrigens auch der Themenradweg „Romantische Strasse“ der in Würzburg beginnt. Direkt vor unserer Unterkunft führte der Radweg „Via Claudia Augusta“ von Donaueschingen bis Venedig vorbei und seine Wegweiser weckten unsere Radreiselust fürs kommende Jahr.

4. Tag Heute stand nach dem Frühstück die Besichtigung des Märchenschlosses vom König Ludwig II auf dem Programm. War es in früheren Jahren so, dass hier Heerscharen von Japanern und Amerikanern anzutreffen waren, sind es jetzt die Bürger der Osteuropäischen Länder, die hier in Massen vertreten sind. Am Nachmittag führte uns Peter gemütlich ohne Gepäck und etwas Sonnenschein, 31 km rund um den Forggensee.

Alpenidylle

5. Tag Nach einem nächtlichen Gewitter strahlte der Morgen nun endlich in bayrischem Weisblau. Im Sonnenschein radelten wir los, dem 84 km entferntem Kloster Benediktbeuern entgegen. Jetzt zeigte sich das Allgäu von seiner schönsten Seite und es waren uns herrliche Weitblicke auf die Alpen gegönnt. In der Ferne tauchte unser erstes Etappenziel, die Wieskirche auf. Widererwarten gab’s hier keinen Touristenrummel. So hatten wir die Kirche fast für uns alleine. Weiter ging’s durch Täler und über die Höhen dieser herrlichen Voralpenlandschaft. Am Nachmittag hatte Peter eine Kaffeepause mit schöner Aussicht eingeplant. Allerdings hat er uns verschwiegen, dass diese Aussicht in rund 980 m Höhe lag. Nun ging’s ans Eingemachte. Ein langer steiler Anstieg wartete auf uns, den dann auch nicht alle von uns meistern konnten. Wer es bis oben geschafft hatte, wurde mit wahrhaften Weitblicken belohnt. In rasanter Fahrt ging es wieder bergab und unsere, am Berg gescheiterten Freunde, hatten schon im Tal ein schönes Rastplätzchen im Biergarten organisiert. Ab hier war die restliche Tagesstrecke tischeben und wir erreichten mühelos das Kloster Benediktbeuern. Nach Bezug unserer Zimmer im alten Pilgerhaus, trafen wir uns im Biergarten des Klosters zum Abendessen. Doch leider erlebten wir auch hier unser allabendliches Donnerwetter, so dass wir uns in die Klosterschenke zurückziehen mussten.

Ein Radler im Kloster Andechs ist Pflicht!

6. Tag Nach dem Frühstück blieb noch Zeit für eine Besichtigung der weitläufigen Klosteranlage bevor wir uns auf die Räder schwangen um die 63 km Tagesetappe nach Seefeld anzugehen. Wieder lachte die Sonne und wir erreichten nach 15 km und kurzem Anstieg, ein erstes Tageshighlight. Vor uns lag eine traumhafte Aussicht auf das ganze Alpenpanorama – incl. Zugspitze. Wir konnten uns kaum sattsehen an diesen grandiosen Weitblicken. Mit Renate aus München hatten wir sozusagen eine Einheimische in unserem Team, die uns einige Berge und Berggruppen in der Alpenkette am Horizont bei ihren Namen nennen konnte. Nach weiteren 8 km erreichten wir die Südspitze des Starnberger Sees. Zunächst am See entlang und Pause am und im See, radelten wir dann zu dem, auf einem kleinen Berg gelegenen, Kloster Andechs. Hier war der Bär los. Touris ohne Ende und auf der Klosterterrasse wurde ausschließlich das im Kloster gebraute Bier ausgeschenkt. Kein Wasser, keine Schorle, kein Saft, nur Bier. Wir zogen es vor den Touristenrummel zu meiden und besuchten lieber das Grab des hier 1982 in der Klosterkirche beigesetzten Komponisten Carl Orff, dessen bekanntestes Werk die szenische Kantate Carmina Burana, ist. In einer langen Waldabfahrt sausten wir nun unserem Tagesziel in Seefeld-Meilingen entgegen. Ein schöner, Bayrischer Landgasthof mit großem Biergarten hatte Peter für die nächsten zwei Nächte für uns ausgesucht. Es war ein heißer Sommertag und Renate aus München erzählte uns von einem wunderschönen Badesee in der Nähe. Also schnell die Taschen im Zimmer verstaut und los zum 3 km entfernt gelegenen Wörthsee. Renate hatte uns nicht zuviel versprochen und es wurde ein herrliches Badevergnügen. Doch lange werte das Vergnügen nicht, denn in Ferne braute sich wieder am Himmel was zusammen. Ein schneller Sprint bergauf brachte uns zum Gasthof zurück. Doch unser gemeinsames Abendmahl im Biergarten fiel wieder dem Gewitter zum Opfer.

Im München angekommen.

7. Tag Heute hieß es: 48 km bis München. Locker radelten wir durch Felder, Wiesen und großen Wäldern bis an die Isar zur Bavaria Filmstadt. Peter hatte dort eine Führung für uns organisiert. Hier gab es keine Weitblicke dafür aber interessante Einblicke in die Sets und hinter die Kulissen legendärer Filme und Serien. Da waren das Büro des Alten, „Das Boot“, die unendliche Geschichte, Stuttgart Stammheim und viele mehr. Nach der Besichtigung erwartete uns ein Kollege vom ADFC München, um mit uns eine Stadtführung per Fahrrad durchzuführen. Museumsinsel, Viktualienmarkt, Marienplatz, Hofbräuhaus, Residenz und Englischer Garten mit den faszinierenden Wellenreitern auf dem Eiskanal und original Bayrischer Blasmusik im Biergarten und die Wiesen und, und, und…. Aber die Stadt war rappelvoll. Selbst mit dem Rad war oft kaum ein Durchkommen. Also, an einem schönen Freitagnachmittag im Sommer eine Stadtrundfahrt in München, ist keine gute Idee. So waren wir am Ende alle platt und freuten uns auf die Rückfahrt mit der S-Bahn zu unsrem schönen Gasthof auf dem Land und seinem schönen Biergarten. Doch wie sollte es anders sein, kaum saßen wir unter den großen Bäumen um den letzten Abend gemeinsam zu feiern, da schleuderte Zeus schon wieder seine Blitze und öffnete die Wolkentore.

8. Tag Das letzte gemeinsame Frühstück war gekommen und wir blickten auf eine wunderschöne Radwanderwoche zurück. Peter hatte wie immer alles toll organisiert und zu einem Rundumsorglospaket geschnürt. Sorgen machte und nur die Bahn auf der Rückfahrt, weil die für uns reservierten Fahrradstellplätze nicht vorhanden oder doppelt gebucht waren. Aber der Zugbegleiter schien dies gewohnt zu sein und blieb den harten Worten der anderen Reisegeäste gegenüber, locker und gelassen und fand noch für jedes Rad irgendwo ein Plätzchen im Zug.

So blieb uns bis zum Heimatbahnhof genug Zeit schon von der nächsten Radreise mit dem ADFC Hamminkeln zu träumen.

© 2020 ADFC Kreisverband Wesel e. V. OG Hamminkeln e. V.