Reiseabenteuer Sommerferien (5)

Eine Familienradtour von Dresden nach Nürnberg
Ein Erlebnisbericht von George Zelmer

Hamminkeln - Dresden (9 km | 10 hm)

Dresden Hbf

Die Deutsche Bahn bringt uns in diesem Jahr (fast) problemlos nach Dresden, mal abgesehen davon, dass der Aufzug am Bahnhof in Dresden mit Papa in den Keller fuhr und von dort nicht mehr nach oben fuhr. Wir, das sind meine Schwester Lena (11) und ich, George (vor zwei Tagen 15 geworden) und natürlich Papa und Mama (deren Alter immer noch nichts zur Sache tut). Dresden? Natürlich Dresden. Denn Dresden war 2016 unser Ziel und somit auch der Startpunkt des 5. Teils unseres Reiseabenteuer Sommerferien. Am Morgen ist es in Mehrhoog noch ziemlich kalt, im Verlauf der Bahnfahrt wird es aber immer wärmer. Mal abgesehen von einem nicht vorhandenen Fahrstuhl gibt es keine Probleme, bis wir in Dresden ankommen. Beim Aussteigen erschlagen uns knapp 35 Grad. Der eben schon erwähnte Fahrstuhl hielt wohl das Gewicht von Papas Fahrrad nicht aus und schaltet somit auf defekt um und veschwindet im Keller. Nach einigem Suchen von unserer Seite und einer freundlichen Mitarbeiterin eines Bio-Ladens kehrt Papa aus der „Unterwelt“ zurück und wir radeln die paar Kilometer bis zur Unterkunft. Die Jugendherberge kennen wir schon aus dem Vorjahr und so ist uns schon vieles vertraut. Dass Bahnfahren genau so müde macht wie Fahrradfahren, merken wir gleich nach dem Abendessen. Schnell verschwinden wir in unseren Betten.

Dresden - Meißen - Dresden (60 km | 180 hm)

Porzelanmanufaktur Meißen

Am nächsten Morgen wachen wir auf und haben das Gefühl von Urlaub. Aber noch nicht so ganz von Fahrradurlaub. Denn heute steht eine Tour nach Meißen auf dem Plan - hin auf der rechten Seite der Elbe und zurück auf der linken. Warum? Weil wir das eigentlich 2016 schon machen wollten, an diesem Tag dann aber Mama und Papa krank im Bett lagen (mehr dazu Radsam lokal 2017). Ohne Gepäck, aber voller guter Laune schwingen wir uns auf unsere Fahrräder und strampeln los. Auf dem Weg an einer Straße entlang begegnen wir einem Cabrio, das einen riesengroßen Teddy auf dem Rücksitz spazieren fährt. Der Teddy bleibt noch lange in meinen Gedanken und schwupps, schon sind wir in Meißen angekommen. Nach einem kleinen Mittagspicknick besuchen wir die Porzellanmanufaktur, wo wir eine Führung bekommen und Lena eine Schatzkarte ausfüllt. Das ist alles sehr begeisternd, trotzdem muss ich sagen, dass ich lieber Fahrrad fahre, als den ganzen Tag irgendwelche Teller anzumalen. Auf dem Rückweg haben wir Rückenwind, sodass wir die 30 km ganz locker nehmen. Nach insgesamt 60 km und einem interessanten Kulturprogramm schmeckt das Abendessen sehr gut, es gibt Mi-Nudeln, von denen ich vorher noch nie gehört hatte.

Dresden - Strehla (51 km | 200 hm)

Nudelfabrik Riesa

Da wir ja schon einmal von Dresden nach Meißen geradelt waren, beschloss Papa, nun die Strecke mit der S-Bahn zu fahren. Ich hatte ja schon erwähnt, dass Bahnfahren auch sehr anstrengend ist. Versucht doch mal bei vier Fahrrädern, zehn Packtaschen, zwei Lenkertaschen, vier Helmen, vier Tachos, drei GPS-Geräten und sechs Fahrradflaschen (Lena sprach manchmal von sieben Flaschen, indem sie mich da mitzählte) den Überblick zu behalten. Ganz schön schwierig, nicht wahr? Als wir in Meißen ankommen, regnet es. Als wir die Regenklamotten anhaben, hört es wieder auf - typisch. Und dann geht es endlich los. Um 14:00 Uhr erreichen wir mit einer Punktlandung Riesa. Hier hatte Papa uns das Lüften eines Geheimnisses versprochen. Wir sind schon sehr gespannt. Wir nehmen an einer Werksführung bei "Riesa Nudeln" teil und bekommen erklärt, wie die Löcher in die Makkaroni kommen. Im Werk ist es sehr laut und warm. Wir dürfen einige Nudeln probieren. Als Erinnerungsgeschenk erhalten wir jeder eine Tüte Nudel-Nester. Die hätten den Transport nach Hause nicht überstanden, also kaufen wir kurzerhand noch mehr Nudeln (Blümchenform, Herzchenform, Fußballform) und packten ein Postpaket mit dem Ziel Hamminkeln. Die letzten Kilometer bis nach Strehla radeln wir zügig mit dem Wind von hinten, obwohl die Jugendherberge erst nach einer kleinen Steigung zu erreichen ist. Der Herbergsvater hatte den Grill schon angeworfen, als wir die kleinste Jugendherberge Sachsens erreichen. Insgesamt haben wir 51 km absolviert und 200 Höhenmeter gesammelt.

Strehla - Leipzig (76 km | 410 hm)

Auf dem Elbe-Leipzig Radweg

Wir verlassen Strehla Richtung Norden auf dem Elbe-Radweg. Der Wind kommt aus Westen und wir kommen gut voran. Nach einigen Kilometern biegen wir nach links ab und bekommen den Wind voll von vorne. Und nicht nur das. Es wird auch sehr viel hügeliger. Wir fahren durch kleine Orte die Namen tragen wie Schmannewitz, Ochsensaal, und Kühnitsch. Keinen von ihnen hatte ich je gehört. Die Hügel werden erst weniger, als wir das Naturschutzgebiet Dahlen wieder verlassen. Am Ende des Tages zeigt Papas Navigationsgerät 410 Höhenmeter an. Das war schon sehr anstrengend. Es sollte noch schlimmer kommen. Davon aber später mehr. Nach 55 Kilometer überzeugten wir Papa davon, in Wurzen einen Eis-Stopp einzulegen. Zwei Kugeln Stracciatella hatte ich auch wirklich verdient. Wir folgen noch einige Kilometer dem Mulde-Radweg, bevor wir nach der Überquerung eines letzten Höhenzuges die Silhouette von Leipzig erkannten. Dann kaufen wir noch kurz einige Kleinigkeiten, u.a. eine Tüte Chips. In der dritten Etage beziehen wir dann ein relativ großes Zimmer. Nach 76 km und 410 Höhenmetern genießen wir den Abend bei Kartenspielen und Chips und gönnen uns und unseren Fahrrädern am Folgetag eine Pause.

Leipzig (Fahrradfrei)

Leipzig

Heute ist Pause. Lena hört gerne Musik auf ihrem MP3-Player, hat aber keine eigenen Kopfhörer dabei und klaut immer meine. Deshalb führt unser erster Weg nach einer Straßenbahnfahrt in den Leipziger Hauptbahnhof. Klingt komisch? Ist aber so. Der Leipziger Hauptbahnhof ist nämlich nichts anderes, als eine Mischung aus Bahnhof und Einkaufszentrum. Dort finden wir schnell ein paar Kopfhörer für Lena und dann bestehen Mama und Papa auf Kulturprogramm. Zuerst besuchen wir die Nikolaikirche, wo gerade eine Hochzeit stattfindet. Trotzdem dürfen wir reingehen und uns umsehen. In dem Kirchenshop kaufte ich mir einen Reiseführer zum Thema Leipziger Musikgeschichte, was mich sehr interessiert. Nachdem Papa sich das Gewandhaus angesehen hatte, laufen wir weiter und besuchen das Rathaus. Danach will Mama noch in die Thomaskirche, dort liegen im Keller die Gebeine von Johann Sebastian Bach. Lena und ich haben aber keine Lust mehr und warten an einem Brunnen. Hier wird Lena von einer Biene gestochen. Papa verspricht ein Eis, aber 1,60 für eine Kugel ist doch etwas überteuert. Also muss ein Tiefkühleis von Aldi herhalten. Macht nichts, das ist auch lecker. Abends fahren wir mit der Straßenbahn zum Völkerschlachtsdenkmal. Abendessen gibt es im „Brauhaus Napoleon“, das war sehr lecker.

Leipzig - Halle (54 km | 160 hm)

mayamare, das mexikanische Badeparadies in Halle

Am Morgen ist es noch ein bisschen frisch, im Verlauf des Tages bessert sich die Temperatur aber auf sonnige 28 Grad. Da möchte man doch gerne schwimmen gehen. Tun wir auch, zumindest Lena und Papa. Aber zuerst radeln wir aus Leipzig los und fahren entlang eines Flusses namens „Mulde“, der später in die „weiße Elster“ fließt. Entlang des Deiches fliegen wir geradezu über eine Strecke mit guter Wegbeschaffenheit. Kurz vor Halle, unserem heutigen Tagesziel, gibt es ein Spaßbad, das Lena und Papa nun besuchen. Mama und ich setzen uns vorne auf eine Bank und lesen, schließlich wollten wir die Bücher nicht umsonst mitgenommen haben. Als Lena und Papa zwar müde, aber guter Laune mit Schwimmen fertig sind, strampeln wir die letzten zehn Kilometer bis Halle. So kommen wir nach 54 km an. In Halle gibt es Straßenbahnschienen, die sind echt gruselig. Man kann nur auf einem schmalen Stück zwischen Schiene und Bordstein den Berg hochfahren und hat dann noch eine Straßenbahn im Nacken. Wir sind nass geschwitzt, als wir in der Jugendherberge, einem alten Schulgebäude, ankommen. Unser Zimmer ist glücklicherweise im Erdgeschoss, auf Treppen habe ich an dem Abend keine Lust mehr. Müde falle ich nach einem leckeren Abendessen mit Nudeln ins Bett.

Halle - Naumburg (67 km | 300 hm)

Naumburger Dom

Wir verlassen Halle mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits ist die Jugendherberge ein wirklich tolles Haus mit gutem Essen gewesen, andererseits war ich schon total gespannt, was mich auf dem Saale-Radweg so alles erwartet. Bis Leuna gibt es sicherlich bessere Radwege. Zumal wir uns auf dem D11, dem Deutschen Fernradwanderweg 11 befinden. Kein Aushängeschild für den deutschen Radtourismus. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Wir erreichen nach 21 Kilometer Merseburg. Nicht zu verwechseln mit Meseberg, wo unsere Kanzlerin Angela Merkel ihren Staatsbesuch empfängt. Mama muss mal wieder Burgen, Schlösser und Kirchen angucken. Lena und ich entschließen uns, mit Papa auf einer Parkbank zu warten. Jetzt sind wir so weit weg von zu Hause und was sehen wir, während wir warten? Ein Auto mit BOR auf dem Nummernschild parkt uns genau gegenüber. Währenddessen erzählt Papa uns etwas über die „Merseburger Zaubersprüche“, mit denen man angeblich Pferde heilen kann. Das interessiert mich alles nicht wirklich, also quengele ich so lange, bis Papa uns ein Eis im nächsten Ort zusagt. Von Merseburg sind es rund 25 Kilometer bis Weißenfels. Der Radweg ist hier super gut asphaltiert und wir fliegen nur so dahin. Wir holen die am Vormittag verlorene Zeit schnell wieder auf. Noch 20 Kilometer bis zum Tagesziel Naumburg. Während Mama schon wieder Kirchen fotografiert, fahren Lena, Papa und ich schon einmal zur Jugendherberge. Die erste Jugendherberge auf unserer Tour, die ihrem Namen alle Ehre macht. Beim letzten Kilometer ist an Fahren nicht zu denken. Wir schieben den steilen Berg hinauf. Ziemlich erschöpft kommen wir an. Durch Chicken Nuggets und Bratkartoffeln steigt die Jugendherberge dann aber wieder in meiner Gunst. Am Abend spielen wir noch UNO und um 21:00 falle ich nach 67 Kilometern und 300 Höhenmetern todmüde ins Bett.

Naumburg - Jena (55 km | 355 hm)

Merseburg

Wir verlassen die Jugendherberge Naumburg gegen 9:30 Uhr. Bis Jena sind es rund 55 km. Doch wird aus unserer Radtour nach nur 3 km wieder eine Besichtigungstour. Naumburg hat eine nette Altstadt und einen sehr berühmten Dom. Hier wurde 1542 der erste Evangelische Bischof von Martin Luther geweiht. Exakt 59 Minuten verbringen Mama und Lena in dem alten Gemäuer, während Papa und ich draußen warten. Dann können wir endlich los. Kurz hinter Bad Kösen verlassen wir auf Anraten der Herbergsmutter den Saale-Radweg und nutzen die Alternativroute. Wie sich herausstellt, war das eine gute Entscheidung. Sie erspart uns so manchen Höhenmeter, zumal ich auf eine Besichtigung der Burgen Rudelsburg und Saaleck eh keine Lust hatte. Kurze Zeit später überschreiten wir die Landesgrenze nach Thüringen und wir erreichen unser drittes Bundesland. Die Mittagspause verbringen wir am Ufer der Saale, so gegen 14 Uhr. Papa sagt, wenn wir bis 16 Uhr in Jena sind, bekommen wir ein Eis. Wir treten in die Pedale, doch das Saaletal wird immer enger und der Radweg geht an den Hängen auf und ab. Zusätzlich sind es mittlerweile 32 Grad und Schatten gibt es auf der Strecke auch nicht wirklich. Wir brauchen die kleinsten Gänge unserer Schaltung und nach der letzten Steigung sehen wir dann endlich den 144 Meter in die Höhe ragenden Jentower. Wir erreichen die Universitätsstadt Jena mit ihren 110.000 Einwohnern. Bis 16 Uhr haben wir es nicht mehr geschafft, es ist schon kurz nach fünf, trotzdem spendiert Papa ein "Halbzeit-Eis", da wir jetzt die Hälfte der Tour geschafft haben und ein Ankommen um 16 Uhr bei den Bedingungen nicht möglich gewesen ist. Jena hat keine Jugendherberge und so quartieren wir uns in der Sozialakademie Jena ein. Der pure Luxus erwartet uns - keine Betten beziehen, Sprite zum Abendessen und freies WLAN. Eine bessere Unterkunft hätten wir nicht finden können.

Jena (12 km | 30 hm)

Jena, Zeiss Planetarium

Die Hälfte des Urlaubs ist rum und in unseren Packtaschen befindet sich fast keine frische Wäsche mehr. Also packen wir kurzerhand alles, was wir an Wäsche in unseren Zimmern finden in die Packtaschen und radeln in die Stadt zu einem Waschsalon. Während Mama und ich warten, dass die Berge an Wäschen fertig werden, gehen Lena und Papa zu einem Fahrradladen, weil sich Lenas Hinterrad auf irgendeiner holprigen Strecke losgerüttelt hat. Der Mechaniker opfert seine Mittagspause, um Lenas Rad zu reparieren und wir sind ihm sehr dankbar. Schließlich müssen wir morgen weiterfahren, anders geht es nicht. Am Nachmittag besuchen wir das Zeiss-Planetarium, das älteste Planetarium der Welt. Dort sehen wir uns eine Dokumentation über das Weltall an und reisen bis zu den Grenzen unserer Galaxie. Danach fühle ich mich unglaublich klein und bekomme Lust, Astronaut zu werden. Zunächst muss ich erstmal was essen, und die Auswahl in der Sozialakademie ist wirklich riesig: Schweinefilet und Lachs mit Wildreis, Kartoffeln, Gemüse und Salat. Zum Nachtisch Götterspeise. So gestärkt gehen wir auf unser Zimmer und packen unsere Taschen wieder schön ordentlich, damit wir am nächsten Morgen schnell starten können.

Jena - Neidenberga (84 km | 820 hm)

... es wird immer hügeliger.

Heute steht nämlich die längste Etappe auf dem Plan: 84 km bis Neidenberga. Also schwingen wir uns früh auf unsere Räder und beginnen den Tag. Die ersten 45 km verlaufen entlang der Saale, zwischendurch etwas hügelig, jedoch meist gut zu fahren. In Rudolstadt machen wir Mittagspause unter dem Vordach eines Norma, da es ein bisschen anfing zu regnen. Danach fahren wir in Regenkleidung weiter. Hinter Saalfeld beginnt der Weg schlechter zu werden. Der Radweg führt mit acht Prozent Steigung einen Schotterweg hinauf – an Fahren war nicht mehr zu denken. Papa sucht eine Alternativroute und führt uns auf die Bundesstraße. Der Weg ist zwar etwas länger, jedoch asphaltiert und es rollt endlich wieder. Die letzten Kilometer geht es rund um einen Stausee auf 420 Meter hoch, glücklicherweise ist die Straße asphaltiert. Wir erreichen nach 820 Höhenmetern ziemlich erschöpft die Jugendherberge Neidenberga, die in einem alten Herrenhaus untergebracht ist. Sie ist sehr klein und wir sind die einzigen Gäste. Der Herbergsvater serviert eine „Schlossherrenpfanne“, Schweinefilet mit Bratkartoffeln. Dazu dürfen wir uns aus dem 800 Jahre alten Gruselkeller etwas zu trinken holen: Die Wände sind mit Spinnennetzen und gruseligen Masken verziert, am Eingang steht ein großes Skelett. Da möchte ich nicht alleine reingehen! Todmüde falle ich abends ins Bett und höre dem Unwetter zu, dass draußen tobt.

Neidenberga - Blankenstein (40 km | 780 hm)

Es gibt besseres Wetter zum Radfahren.

Am nächsten Morgen nieselt es zum Glück nur noch, aber es ist ziemlich kalt für Sommerferien, 15 Grad. Wir ziehen unsere Regenklamotten an und fahren los. Hinter der Jugendherberge müssen wir erneut einen Berg hoch: Nach anderthalb Stunden haben wir gerade sieben km geschafft. Ich bin kaputt und habe keine Lust mehr. Papa hatte 76 km geplant, aber das würde ich nicht mehr schaffen. Wir weichen auf Landstraßen aus, dadurch verkürzt sich die Strecke auf knapp 40 km. Trotzdem macht mir das Wetter zu schaffen: Den Berg hinauf schiebe ich und unter den Regensachen wird es zu warm. Also ziehe ich die Jacke aus bis ich oben ankomme. Dann ziehe ich die Jacke wieder an, damit ich mich bei der Abfahrt nicht erkälte. In Nullkommanichts bin ich unten angekommen, der Schwung bringt mich den nächsten Berg aber nur minimal hinauf. Also fängt das Ganze von vorne an. Als wir durch Bad Lobenstein fahren, lockert sich Lenas Hinterrad wieder. Wir finden einen Fahrradhändler, der Lenas Rad sofort repariert. 780 Höhenmeter sind für ein kleines Kinderfahrrad auch ein bisschen viel. Danach ist es nur noch ein Katzensprung bis Blankenstein. Dort wohnen wir in einer Pension, weil es hier keine Jugendherberge gibt. Wir bekommen die Zimmer einer Ferienwohnung und haben massig viel Platz. Es gibt sogar einen Fernseher, der aber irgendwie nicht funktioniert. Stattdessen spielen wir nach dem Abendessen (Gulasch mit Klößen für Mama und Papa, sowie Spaghetti Bolognese für Lena und mich) noch einige Runden UNO, bis ich reichlich geschafft schlafen gehe.

Blankenstein - Hof (32km | 640 hm)

Hof

Für diesen Tag waren nur 32 km angesetzt, sodass wir uns nach dem Frühstück erst um 10 Uhr auf die Räder schwingen. Wie am Vortag wechseln sich steile Aufstiege und nicht minder steile Abfahrten ab. Es ist sehr anstrengend, am Ende des Tages haben wir 640 Höhenmeter gefahren. Nach nur wenigen Kilometern erreichen wir die Landesgrenze zu Bayern. Auf einer Brücke machen wir ein Foto: Ein Reifen auf Bayerischer, der andere auf Thüringer Seite. Aber auch in Bayern sind die Radwege nicht viel besser. An einer weiteren Brücke treffen wir eine Familie aus Hof, die eine Tagestour machen. Wir haben Mühe, die Räder über die Brücke zu bewegen, weil es nur Treppenstufen und eine schmale Rinne für Fahrräder gibt. Zwischen Rinne und Boden ist dann auch noch ein handbreiter Höhenunterschied. Wir tragen die Räder zu zweit und sind ziemlich sauer auf die Leute, die solche Brücken auf einen ausgeschilderten Radweg bauen. Den ganzen Tag über ist es eher bedeckt und relativ kalt. In Hof dann kommt aber mal kurz die Sonne raus und es wird etwas wärmer. Lena und ich essen ein Eis, während Mama und Papa für morgen (Sonntag) einkaufen gehen. Während Mama zu Rossmann geht, werfe ich einen Blick in eine Buchhandlung. Ich entdecke mindestens fünf Bücher, die ich unbedingt noch lesen möchte, jedoch habe ich keine Lust, sie in der Packtasche mitzunehmen. Die letzten zwei km bis zur Jugendherberge, die natürlich wieder auf einem Berg liegt, schaffen wir dann auch noch. Im Garten gönnen wir uns ein paar Erdbeeren, danach gehen wir auf unser Zimmer und ruhen uns aus. Das Zimmer ist sehr klein und wir müssen unsere Wäsche aufhängen, die den ganzen Tag nicht getrocknet ist. Wir spannen die Leine quer durch unser Zimmer und haben Mühe, nicht dagegen zu laufen. Während wir das Abendessen (Spätzle mit Hühnchen) verspeisen, läuft im Fernseher im Speisesaal das Sandmännchen. Kurz danach gehe ich dann auch schlafen, weil der Tag schon recht anstrengend war.

Hof - Bayreuth (34 km | 470 hm)

... die Berge hören nicht auf!

Am nächsten Morgen ist es irgendwie kalt im Zimmer. Schnell machen wir uns fertig und gehen zum Frühstück. Als wir danach die Fahrräder bepacken wollen, fängt es an zu regnen. Die Wettervorhersage für den Rest des Tages sieht auch nicht gerade rosig aus. Darum radeln wir zum Bahnhof und fahren drei Stationen mit dem Zug. Das erspart uns fast 45 km und 800 Höhenmeter. Auf den restlichen 34 km (und 470 Höhenmetern), die wir aber noch fahren, werden wir nass bis auf die Haut. Nach kurzer Zeit wird der Regen immer stärker, sodass wir unter dem Dach einer Obstkelterei in Bad Berneck unsere Mittagspause machen. Als der Regen nachlässt, schwingen wir uns auf unsere Fahrräder und es geht weiter. Es ist weiter hügelig, aber die Steigungen sind kürzer und leichter zu fahren als die Tage vorher. Je näher wir Bayreuth kommen, desto besser wird das Wetter. Bei unserer Ankunft am Nachmittag sind es 26 Grad und Sonnenschein. Die Jugendherberge Bayreuth ist neu gebaut und sehr modern. Wir bekommen ein riesengroßes Zimmer – für einen Standtag lohnt sich das richtig. Das Abendessen ist sehr reichhaltig: Schweinefilet, Nudeln oder Kroketten, Salat und zum Nachtisch Mousse au Chocolat. Das war nach Jena das beste Essen auf der Tour, finde ich. Nach dem Abendessen lesen Lena und ich noch ein bisschen, während Mama und Papa eine Runde durch die Altstadt spazieren.

Bayreuth (10 km | 70 hm)

Bayreuth, Festspielhaus

Das Frühstück ist ebenso lecker wie das Abendessen und gut gestärkt machen wir uns auf den Weg zum Bayreuther Festspielhaus. Dazu müssen wir zwar den grünen Hügel hinauffahren, was glücklicherweise die einzige Steigung an diesem Tag bleibt. Da zur Zeit Festspielwochen sind, können wir uns das Festspielhaus nur von außen ansehen. Wir machen ein paar Fotos und fahren dann in die Fußgängerzone. Dort ketten wir unsere Räder an und bummeln herum. Nach Bayreuther Bratwurst besuchen wir Haus Wahnfried, das Wohnhaus von Richard Wagner. Dort ist der Hund begraben – im wahrsten Sinne des Wortes. Wagner hatte nämlich seinen Hund neben sich bestatten lassen. Danach essen wir ein Eis, wobei Papa gegen die Wespen in seinem Waldbeerbecher ankämpft. Der hat blitzschnell seinen Spitznamen weg: Wespencocktail. Nach einem kurzen Abstecher zum neuen Schloss radeln wir zurück durch den Hofgarten zur Jugendherberge. Das Abendessen ist im Vergleich zum Vortag sehr enttäuschend, weil es nur einen Nudelauflauf gibt. Zum Abschluss spielen Papa und ich noch ein paar Runden Tischtennis, bei denen ich jedes Mal haushoch verliere. Trotzdem macht es viel Spaß. Später liege ich noch lange wach, weil wir übermorgen ja schon in Nürnberg sein werden und ich sehr gespannt bin.

Bayreuth – Oberfellendorf (43 km | 500 hm)

25% Gefälle bei Oberfellendorf.

Heute ist ein bayerischer Feiertag: Mariä Himmelfahrt. Der Rezeptionist weist uns darauf hin, dass in Bayreuth zwar die Geschäfte auf sind, woanders aber vielleicht nicht. Also halten wir nach wenigen Kilometern bei einem Aldi. Mama und ich warten draußen und ich setzte mich auf den Bordstein. Da freunde ich mich mit einem Hund an, der misstrauisch unsere bepackten Räder beäugt. Kurz darauf folgen wir einer Touristenroute, auf der wir nur so dahinfliegen. Zum ersten Mal seit längerer Zeit können wir wieder richtig Gas geben. Wir machen Mittagspause an einem kleinen Bach, wo wir unsere Füße reinhängen. Wir lassen uns ziemlich viel Zeit und trotzdem sind wir schon um kurz nach vier in Oberfellendorf, nach nur 43 km und 500 Höhenmetern, die mir aber viel weniger vorkamen. Dieses Kaff ist noch kleiner als Hamminkeln, es besteht nur aus ca. 10 Häusern. Dort übernachten wir im Gasthaus Sponsel. Wir dürfen übernachten, jedoch ist dienstags Ruhetag und wir bekommen kein Abendessen. Papa sucht im Internet, dummerweise haben alle Restaurants im Umkreis ebenfalls dienstags Ruhetag, trotz Feiertag. Glücklicherweise finden wir einen Griechen, der zwar auch dienstags zu hat, aber feiertags öffnet. Also laufen wir zwei Kilometer bis ins Dorf. Auf dem Weg gibt es ein Stück, wo 25 Prozent (!) Gefälle sind. Wir haben Mühe zum Essen runterzugehen und vollgegessen wieder hochzuklettern. Papa sagt, dass wir das am nächsten Tag da auch runter müssen. In der Nacht träume ich von Bergen mit 25 Prozent Steigung.

Oberfellendorf – Nürnberg (69 km | 270 hm)

Geschafft - angekommen!

Nach einem guten Frühstück lassen wir das Kaff Oberfellendorf hinter uns und rollen die 25 Prozent hinunter. Ich bremse wie wild und habe ein bisschen Angst. Wir fahren entlang eines Kanals, wo es gut läuft. Auf der Hälfte der Strecke erreichen wir Erlangen. Dort wollen wir nur Mittagessen kaufen, aber die Ausschilderung ist so katastrophal, dass wir Schwierigkeiten haben einen Supermarkt zu finden. Nach dem Einkauf finden wir den Radweg nicht wieder, weil überall Baustellen sind und wir nicht durchkommen. Ich bin froh, als wir dieses Chaos hinter uns gelassen haben. Die letzten Kilometer radeln wir entlang der Flüsse Regnitz und Pegnitz. Die soll mal einer auseinhalten. Nach 69 km und nur 270 Höhenmetern sehen wir über uns die Nürnburg. Schnell machen wir ein Ankunftsfoto und dann fahren wir den letzten Kilometer zur Jugendherberge in der Burg. Wir haben ein Zimmer in der siebten Etage. Von unserem Fenster aus kann ich über ganz Nürnberg sehen. Nach dem Abendessen spielen wir noch Karten und freuen uns, dass wir endlich angekommen sind.

Nürnberg (Fahrradfrei)

Nürnberg, Kaiserburg

Wir sind in Nürnberg. Wir sind da! Das denke ich mir an diesem Morgen. Heute können wir ausschlafen. Nach dem Frühstück frage ich Papa, wann wir morgen zu Hause ankommen. Als Papa im Internet nachguckt, findet er den Zug nicht, für den wir eine Reservierung haben. Beunruhigt gehen wir zum Bahnhof. Da stellt sich heraus, dass unser Zug ausfällt. Na toll. Wir gehen ins Reisecenter und sprechen mit einem netten Mann. Er verdreht die Augen, als er merkt, dass wir Fahrradresevierungen brauchen. Er gibt sich viel Mühe und am Ende haben wir eine neue Zugverbindung. Danach gehen wir in die Touristinformation, wo Papa sich einen Nürnberg-Anstecker als Souvenir kauft. Dann laufen wir am „Schönen Brunnen“ vorbei und drehen am Ring, schließlich wollen wir nächstes Jahr wiederkommen und weiterfahren. Endlich darf ich in die Buchhandlung und mir ein Buch kaufen, dort verbringen wir mit Abstand die längste Zeit, weil ich mich einfach nicht entscheiden kann. Für Lena wollen wir ein Dirndl kaufen, allerdings gibt es die nicht unbedingt in ihrer Größe, und wenn, sind sie zu teuer. Zum Abschluss essen wir erneut ein Eis. Ich bestelle ein Spaghettieis und Papa nimmt wieder einen Wespencocktail – diesmal zum Glück ohne Wespen. Abends packen wir zum letzten Mal unsere Packtaschen. Ich wundere mich, wie wir es schaffen, an einem Tag das gesamte Zimmer vollzuräumen und trotzdem alles wieder in die Taschen zu kriegen. Als ich im Bett liege, denke ich an den vergangenen Urlaub zurück. Was wir wieder alles erlebt haben… Lange liege ich wach.

Nürnberg – Hamminkeln (9 km | 10 hm)

Ganz schön heiß!

Ich kann mich nicht erinnern, viel geschlafen zu haben, aber es ist schon halb sieben. Wir müssen unseren neuen Zug um halb acht nehmen und können nicht mal mehr frühstücken. Wir fahren vier Stunden mit dem Zug bis Stuttgart und ich habe das Gefühl, dass wir an jeder Milchkanne halten. In Stuttgart steigen wir in den IC um, wo die Klimaanlage ausfällt. Bei über 30 Grad schickt uns die Schaffnerin in einen anderen Waggon, wo vernünftige Temperaturen herrschen. Dort können wir aber nicht zusammensitzen, ich sitze neben einem Japaner, der alle fünf Minuten auf sein Handy guckt und dafür seine Brillen wechseln muss. Ich bin froh, als wir endlich in Duisburg ankommen. Wir versuchen einen Zug nach Mehrhoog zu erwischen, aber die Schaffner lassen uns nicht mehr rein mit den Fahrrädern. Ich bin stinksauer auf die Deutsche Bahn. Drei Stunden später als geplant erreichen wir unser Zuhause. Hier warten Riesa-Nudeln auf uns. Wir packen ab und verstauen unsere Fahrräder in der Garage. Zum Abendessen gibt es – welch eine Überraschung – Nudeln mit Sauce. Wir sind zuhause, der Urlaub ist vorbei. Ein bisschen schade ist es schon. Aber nächstes Jahr geht es ja weiter. Denn dann wollen wir nach ...

© 2020 ADFC Kreisverband Wesel e. V. OG Hamminkeln e. V.