Die Riviera des Nordens

Marie-Theres Knoch und Michaela Löwen berichten von ihrer Radtour die sie im Jahr 2007 von Schwerin nach Usedom führte.

Die Fahrkarte reichte zwar bis zum Seebad Ahlbeck auf der Insel Usedom, aber wir wuchteten unsere Räder schon in Schwerin aus dem Zug. Jeder, der sein Rad schon mal im Intercity transportiert hat, weiß, was das bedeutet, vor allem, wenn die Gepäckmenge nicht unerheblich ist.

Die Schönheiten von Schwerin sind uns immer noch präsent, auch wenn uns die Stadt mit Regen beglückt hat: die Lage am See, die Seen im Stadtgebiet selbst, die Insellage des Schweriner Schlosses, die Altstadt mit den hübschen Fassaden, der gotische Dom.

Doch uns rief die Ostsee, die wir mit etwas Improvisationstalent auf dem sparsam ausgeschilderten Elbe-Ostsee-Radweg ansteuerten. In dem leicht hügeligen Gelände boten sich immer wieder schöne Ausblicke auf den Schweriner See und nette Pausenmöglichkeiten, bis wir in die historische Altstadt der Hansestadt Wismar, seit 2002 wie Stralsund UNESCO-Welterbe, einradelten.

Blick auf den Hafen von Stralsund

Zunächst hielt uns der Ostseeradweg von der Ostsee fern, bis wir sie in Rerik endlich genießen konnten. Auf gut befahrbaren landwirtschaftlichen Wegen und mit einladender Landschaft rechts und links davon radelten wir in das Ostseebad Kühlungsborn mit seiner vornehmen Bäderarchitektur und einem geschmackvollen Unterhaltungsprogramm auf der Promenade. Auf den nächsten 25 Kilometern nach Warnemünde wurden wir mit mehreren Attraktionen verwöhnt, wie dem G8- Gipfelkäfig, der Strandkorb für das Erinnerungsfoto war leider schon weg. Darauf folgte ein vom Radwanderführer der Bikeline- Serie (Esterbauer Verlag) empfohlener Steilküstenweg mit Abbruchstellen, an dessen Ende wir ein Schild entdeckten, das uns auf drohende Gefahren hinwies, trotzdem möchten wir den Weg nicht missen. Anschließend ging es sofort in den knorrigen Gespensterwald mit Meerblick.

Radwanderführer der bikeline-Serie

Zumeist direkt an der Ostseeküste mit ihren feinen Sandstränden und den blühenden, duftenden Heckenrosen verläuft der gut ausgebaute Ostseefernradweg von der Warnow-Mündung nach Fischland und Darß. Dort erwarteten uns im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft unterschiedliche Gegenden wie Heide, Wälder, Dünenbereiche, Flachwasserregionen und reetgedeckte Häuser mit romantischen, blühenden Vorgärten.

Ein Sturmtag hielt uns zunächst von der Weiterfahrt nach Stralsund ab. Am nächsten Tag blies uns der Rückenwind förmlich über gut ausgebaute Wege am Wasser entlang in die Hansestadt. Die gesamte mittelalterliche Altstadt steht unter Denkmalschutz, von den prächtigen Gebäuden lässt sich noch heute der einstige Reichtum und die Machtstellung des Ortes ablesen. In unserer Fantasie waren wir ganz schnell in Greifswald, doch dem stand eine historische Salzstraße mit gut erhaltendem Kopfsteinpflaster entgegen. Durchgerüttelt erreichten wir nach doppelter Zeit unsere Zwischenetappe und stärkten uns zur Belohnung mit einer Bratwurst aus einem empfehlenswerten Senfgeschäft in der Einkaufsstraße. Leider verpassten wir die Eldena Ruine und landeten am Abend in Lubmin, einem ruhigen Badeort mit schönem Strand.

Wir näherten uns unserem Ziel, der Insel Usedom. Dabei kamen wir über Peenemünde, dem Ort, der nie eine Chance hatte zum Seebad zu werden. Verbunden ist er mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte. Hier wurden während des Dritten Reiches die gefürchteten V2 Raketen entwickelt. Zu DDR-Zeiten gab es hier einen Marinestützpunkt. Erst nach der Wende 1989 wurde der Ort wieder öffentlich zugänglich.

Steilküste der Ostsee bei Heiligendamm

Unsere Radtour endete in Zinnowitz, wo wir drei Nächte blieben. Von dort aus ging es zunächst auf die kaiserliche Bädertour, die sehr unkaiserlich hügelig war, nach Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck. Diesmal waren wir da, doch vor hundert Jahren trafen sich dort Adel, Kapital und Haute Volée. Noch besser gefiel uns unsere nächste Tour durch das Hinterland der Insel mit malerischen Bauerndörfern, überraschend schönen Gartencafés und flachen Boddengewässern.
Beim Rückweg ins Ruhrgebiet konnten wir unsere Fahrkarte voll ausnutzen und bedingt durch einen Lokführerstreik den Bahnhof von Stralsund sehr gut kennen lernen.
In den abwechslungsreichen 13 Tagen unserer Tour sind wir gut 500 km gefahren und haben in Jugendherbergen und preiswerten Pensionen und Ferienwohnungen für 20 bis 30 € pro Person übernachtet. Wir würden jederzeit wieder zu einer Tour an die Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern aufbrechen, es gibt unglaublich viel zu sehen und zu erleben. Für jeden ist etwas dabei: Kultur, Natur, Meer, Strand, Boddenlandschaft … und Fischbrötchen.

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