Mit der Angst im Nacken auf UNseren Straßen

26.06.18
Kategorie: Kreisverbände, Unna, Presse, Verkehr, Sicherheit, StVO, Verkehrsplanung, Verkehrspolitik

Gedenken an einen getöteten Radfahrer in Lünen



Viele Tote durch rechtsabbiegende LKWs



Verkehrsunfälle mit Radfahrern im 5-Jahres-Vergleich



Alleinunfälle z. B. Kollisionen mit Pollern werden oft nicht angezeigt


Starke Zunahme der Unfallzahlen bei Fahrradfahrern

Auf den Wegen des Kreises Unna lebt der Radnutzer immer gefährlicher. In den letzten fünf Jahren stiegen die Unfälle mit Radfahrerbeteiligung laut der im Frühjahr veröffentlichten Unfallstatistik der Kreispolizeibehörde Unna (KPB) um knapp 25 Prozent. Im letzten Jahr verunfallten 312 RadfahrerInnen im Bereich der KPB (ohne Lünen), damit nahm die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um gut 10 Prozent zu. Spitzenreiter in der Negativentwicklung ist die Stadt Kamen mit einem Anstieg um satte 53 Prozent! Auch bundesweit lässt sich diese Negativentwicklung nachweisen. Laut Aussagen des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2010 65.547 Unfälle mit Fahrradbeteiligung registriert, sechs Jahre später waren es 81.272 - eine Zunahme um knapp 24 Prozent.

Deutlich mehr Verkehr auf unseren Straßen
Wie erklärt sich diese Negativentwicklung? Die immer stärkere Nutzung von E-Bikes scheint dabei keine wesentliche Rolle zu spielen. Besondere Auffälligkeiten unter der Beteiligung von Pedelecs verzeichnet die Verkehrsunfallstatistik der KPB Unna wie auch in den Vorjahren nicht. Weitere tiefgreifende Analysen der Kreispolizei fehlen leider.

Belegbar ist jedoch, dass auf unseren Straßen immer mehr Autos rollen. In den Jahren 2010 bis 2016 kletterte der Bestand an Kraftfahrzeugen laut Statistik des Kraftfahrtbundesamtes um gut 9 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl der Fahrräder in Deutschland lediglich um 3 Prozent. Auch die Mobilitätsuntersuchungen im Kreis Unna aus den Jahren 1987 und 2013 stützen diese These. Starke Steigerung der KFZ-Nutzung um 14 Prozent bei gleichzeitiger Verringerung der Nutzung des Fahrrades um 3 Prozent.

Zu schnell und zu unsichtbar
Radverkehrsunfälle werden zu fast gleichen Teilen von den Auto- und Radfahrenden verursacht. Ein Großteil der Unfälle entsteht, wenn sich Fahrwege verändern und kreuzen. Bei fast allen Unfällen spielt in irgendeiner Weise die nicht angepasste Fahrgeschwindigkeit eine Rolle. Bei geringer Geschwindigkeit hätte oft noch rechtzeitig gebremst oder ausgewichen werden können. Auch fehlende Sichtbeziehungen unter den Verkehrspartnern ist bei Unfallforschern als eine Hauptursache bekannt. Besonders der ruhende Verkehr spielt dabei oft die Unfallursache. Das notwendige Sichtfeld wird oft nicht konsequent von parkenden Fahrzeugen oder Bewuchs freigehalten.

Ein Drittel aller getöteten Radfahrer (77) in Deutschland kamen im Jahr 2016 durch rechts abbiegende LKW zu Tode. Auch hier ist die fehlende Sichtbarkeit durch den sogenannten „Toten Winkel“ die Hauptursache. Ein häufiger Fehler der Radfahrenden selbst ist das Fahren auf der falschen Straßenseite und das Fahren unter Alkoholeinfluss.

Für die Radfahrenden läuft es in den Kreiseln nicht rund
Um Unfälle zu vermeiden, betrachtet die Unfallkommission des Kreises Unna zukünftig einmal im Quartal die bekannten Unfallhäufungsstellen. Die Kommission besteht aus Vertretern der Polizei, der Straßenbau- und der Straßenverkehrsbehörden. Seit gut einem Jahr wird im Kreis Unna auch der ADFC eingebunden, da die Anzahl der Häufungsstellen mit Radfahrerbeteiligung zunehmen. Besonders auffällig ist, dass viele Unfallhäufungsstellen an Kreisverkehren liegen. Ich möchte mich jedoch nicht gegen Kreisverkehre aussprechen. Die Einrichtung von Kreisverkehren ist prinzipiell positiv, da in ihnen im Vergleich zu entsprechenden Kreuzungen die Unfallhäufigkeit und die Unfallschwere deutlich sinken. Der wichtigste Faktor hierbei ist die Reduktion der Geschwindigkeit. Hierdurch bleibt dem Fahrer mehr Zeit für die Reaktion und die Kollisionsenergie ist erheblich reduziert.

Ein Grundproblem von Kreisverkehren ist jedoch, dass die Entscheidungsdichte und der Stress für die Verkehrsteilnehmer in Kreiseln hoch sind. So ist auch die Beobachtung zu erklären, dass Kreisverkehre mit mehr als vier Armen in der Regel höhere Unfallraten aufweisen. Problematisch sind oft die Kreisverkehrsanlagen im Kreis Unna, die nicht nach den Regeln Straßenverkehrsordnung (StVO) und den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) gebaut worden sind. Zum Beispiel ist an einigen Kreisverkehren die Radspur zu weit von der Autofahrspur entfernt, so dass die radelnden Verkehrsteilnehmer aus dem Blickfeld der PKW-Fahrer verschwinden.

Viele Unfälle von Radfahrern sind nicht erfasst
Die bei der Polizei gemeldeten Unfälle mit Radfahrerbeteiligung sind aber nur die sichtbare Spitze. Eine Fahrradunfallstudie über Fahrradunfälle in Münster verglich die gemeldeten Zahlen mit den Zahlen der Notaufnahme eines Münsteraner Krankenhauses. Fast 70 Prozent der behandelten Unfälle waren der Polizei nicht gemeldet. Unfallpatienten, die nicht im Krankenhaus, sondern in Arztpraxen kamen, wurden dabei noch nicht berücksichtig. Eine Studie aus der Schweiz kommt zum Ergebnis, dass nur etwa jeder achte Fahrradunfall bei der Polizei angezeigt wurde.

Eine häufige Ursache für Alleinunfälle von Radfahrern sind Sperrpfosten. Häufig sieht man an Pollern in Pedalhöhe deutliche Kratzer. Jeder Kratzer in der blutroten Reflexschicht eines Sperr-Pfosten ist ein Zeichen für tiefe Schürfwunden oder mehr am Körper eines kollidierten Radfahrers.

Die Bemühungen zur Erhöhung des Radverkehrsanteils werden zunichte gemacht
„Unfallrisiken sind ein dominantes Hindernis der Fahrradnutzung; wer sich auf dem Fahrrad besonders unsicher fühlt, fährt weniger Fahrrad.“, so ein Zitat aus Forschung Radverkehr.

Nach Meinung des ADFC besteht bei den Verantwortlichen von Polizei und Verwaltung der dringende Bedarf zu handeln. Wird nicht massiv gegengesteuert, führt diese Entwicklung zur weiteren Reduktion des Radverkehrsanteils. Somit läuft dieser negative Unfalltrend den positiven Bestrebungen des fahrradfreundlichen Kreises Unna auf Erhöhung des Radanteils entgegen.

Forderungen des ADFC
Nach Ansicht des ADFC ist die große Mehrheit aller Sperrpfoten völlig überflüssig und bringt mehr Gefahren als Nutzen. Viele Funktionen der Hindernisse sind durch andere Maßnahmen leicht zu erreichen. Alle Pollerstandorte sollten von den Ordnungsbehörden überprüft werden und bei Fehlen zwingender Notwendigkeit abgebaut werden.

Es wäre wichtig, dass die Verantwortlichen der KPB die negative Entwicklung in der Unfallstatistik tiefer analysieren und Handlungsempfehlungen geben. Der Unfallprävention sollte ein höherer Stellenwert erhalten. Die Verkehrserziehung der Schülerinnen und Schüler sollte zusätzlich auch in Eingangsklassen der weiterführenden Schulen stattfinden, da in diesen Jahrgängen das Fahrrad als Verkehrsmittel verstärkt genutzt wird.

Die Planer der Infrastruktur müssen einen größeren Focus auf die Trennung der Verkehre zum Beispiel durch die Anlage von „Geschützten Radstreifen“ legen. Alle Kreisverkehre, Kreuzungen und Lichtsignalanlagen sollten in Hinblick auf die Anforderungen der StVO und der ERA überprüft und bei Bedarf umgebaut werden. Dabei muss dem Radverkehr mehr Platz für eigene Radspuren und Aufstellflächen vor den KFZ eingeräumt werden. Das Vorlaufrot für Radfahrer sollte ausgeweitet werden.

Dass das Unfallproblem nicht an den Grenzen des Kreises Unna aufhört, zeigt die im Mai vorgestellte Verkehrssicherheitsagenda der EU-Kommission. Ein Schritt in die richtige Richtung ist die Bundesratsinitiative zur verpflichtenden Einführung von Abbiege-Assistenz-Systeme für Lastwagen vom Juni 2018. Hiermit folgen die Bundesländer einer langjährigen Forderung des ADFC. Wird diese Initiative in geltendes Recht umgesetzt, können sich nach Schätzungen des ADFC Bundesverbandes 60 Prozent der schweren Unfälle wie der Abbiegeunfall an der Preußenstraße in Lünen im Mai dieses Jahres verhindern lassen.


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