Der Isabella-Test für Radwege in Werne

20.11.19
Kategorie: Unna, Werne

Die Initiative "Radverkehr in Werne" fordert einen Runden Tisch Radverkehr und ein Radverkehrskonzept

Vertreter aller Ratsfraktionen sind am Dienstagabend einer Einladung der Initiative Radverkehr (IR) gefolgt und wollten wissen, warum Werne nach Überzeugung der Initiative ein Radverkehrskonzept braucht. Dabei zog sich das Thema Sicherheit wie ein roter Faden durch die Vorträge und Wortmeldungen. 

Werner Wülfing, Vorsitzender des Kreisverbandes Unna des ADFC, veranschaulichte den Anwesenden das Potenzial des Radverkehrs mit einigen Zahlen. Laut Mobilitätsbefragung des Kreises Unna legen die Werner Bürgerinnen und Bürger gut 60 Prozent ihrer täglichen Wege mit dem Auto zurück. Dabei endet die Hälfte dieser Fahrten bereits nach einer Wegstrecke von höchstens fünf bis sechs Kilometern – nach einer Distanz also, die mit dem Fahrrad, oder erst recht mit dem Pedelec, eigentlich bequem zu bewältigen wäre. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass ein hoher Anteil von 60% der Bevölkerung zwar grundsätzlich Interesse hätte, Rad zu fahren, sich hierfür jedoch stressärmere Strecken wünschen würde: Auf der gegebenen Radverkehrsinfrastruktur fühlen sich viele Menschen schlicht nicht sicher. Kurz gesagt: Sehr viele Menschen sind am Radverkehr zwar „interessiert, aber besorgt“. Die Verkehrsplanung stehe nun vor der Aufgabe, diesen Menschen ihre Sorge zu nehmen. 

Hieran knüpfte Albrecht Buscher an, Vorsitzender des Kreisverbandes Dortmund- Unna des ökologischen Verkehrsclubs VCD, sowie Fachdienstleiter Verkehrsplanung und Straßenbau bei der Stadt Hemer. Beruflich hat Buscher die Erstellung eines Radverkehrskonzeptes für die Stadt Hemer im vergangenen Jahr aus nächster Nähe begleitet. Er setzte den anwesenden Lokalpolitikern die Vorteile eines Radverkehrskonzeptes für die Stadt Werne auseinander. In Werne werden aktuell bereits 21 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. Damit zähle Werne laut einer Kategorisierung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 des Bundesverkehrsministeriums schon heute beim Radverkehr zu den „Aufsteiger“-Städten. Die Stadt Werne könne aber viel mehr erreichen: Werne habe das Potenzial, beim Radverkehr „Vorreiter“ zu werden. Ein Radverkehrsanteil von 40 Prozent sei für Werne erreichbar, wenn Politik und Verwaltung dies nur wollten und hier an einem Strang zögen. 

Ein systematisches Radverkehrskonzept ermögliche in diesem Zusammenhang eine ehrliche Bestandsaufnahme, sowie eine Stärken-Schwächen-Analyse der gegebenen Situation. Im Grunde ginge es bei der Beurteilung der Infrastruktur immer um die Frage: Würde ich meine 12-jährige Tochter Isabella hier Fahrrad fahren lassen? Wenn die Antwort Nein ist, dann haben wir an der jeweiligen Stelle ein Problem („Isabella- Test“). Bei der Erstellung des Konzeptes sei der Blick von außen hilfreich. Buscher empfiehlt deshalb, das Konzept bei einem externen Büro in Auftrag zu geben. Weiterhin legte der Referent den Zuhörern nahe, die Sichtweise der täglichen Nutzer der Radwege beim Konzept einzubeziehen. In Hemer sei man deshalb zum Beispiel auf die Schülervertretungen der weiterführenden Schulen zugegangen und habe die Schüler erfolgreich in die Erarbeitung des Konzeptes eingebunden. Im Ergebnis erhalte die Stadt Werne dann eine differenzierte Netzkonzeption mit engmaschigen Haupt- und Nebenrouten sowie ein Maßnahmenkonzept mit Prioritäten und jeweiliger Kostenschätzung. 

In Hemer sei das Radverkehrskonzept schließlich durch den Rat als „verkehrlicher Rahmenplan“ für den Bereich Radverkehr beschlossen worden, und die Verwaltung wurde beauftragt, die vorgeschlagenen Maßnahmen weiter zu konkretisieren, sowie bei hinreichender Planreife den zuständigen Gremien zur Entscheidung vorzulegen. Die im Konzept vorgeschlagenen Maßnahmen summieren sich in Hemer im Laufe von zehn Jahren auf ein Volumen von 10 Millionen Euro, wobei bis zu 70 Prozent der Mittel aus Fördertöpfen kommen sollen. 

ADFC-Vertreter Wülfing betonte im Übrigen, dass sich eine Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise NRW (AGFS) auch für die Stadt Werne auszahlen würde. So eröffne die AGFS- Mitgliedschaft einer Stadt neue Möglichkeiten, zum Beispiel auf das Problem mangelnder Verkehrssicherheit auf Schulwegen zu reagieren. Konkret ließen sich etwa Schulwegratgeber finanzieren, um Eltern und Kinder bei der Einschulung über möglichst sichere Wegeverbindungen zur neuen Schule zu informieren. Die Anzahl der mit dem Fahrrad im Straßenverkehr verunglückten Kinder habe im Kreis Unna zuletzt leider zugenommen. 

Weiterhin berichtete Wülfing von dem in Unna in jedem Jahr erfolgreichen und beliebten Drahteselmarkt – auch dies eine Werbemaßnahme für den Radverkehr, die ohne die Mitgliedschaft der Stadt Unna in der AGFS nicht finanziert werden könnte. Im Kreis Unna sind mittlerweile sechs Städte Mitglieder der AGFS, darunter Wernes unmittelbar Nachbarn Lünen und Bergkamen. Die Information an die Fraktionen sollte dazu dienen, die Ziele der IR darzustellen und hierzu mit den politischen Vertretern ins Gespräch zu kommen. 

Die IR hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, 

  1. dass die Stadt Werne ein Radverkehrskonzept in Auftrag gibt, welches nach Möglichkeit fraktionsübergreifende Unterstützung im Rat findet,
  2. bei der Erstellung des Konzeptes konstruktiv mitzuwirken,
  3. sowie die Einberufung eines Runden Tisches Radverkehr durch die Stadtverwaltung anzuregen.
Holger Bergemann

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