Christoph Brumme: 111 Gründe das Radfahren zu lieben

Das Buch ist keine heitere Anekdotensammlung, wie der Titel nahelegt, eher ein episodischer Reisebericht über die Radfahrten des Autors von Berlin bis „an die Wolga“, in verschiedenen Jahren sechsmal mit jeweils über 8000 km. Die 111 Gründe oder Kapitel gibt es aber tatsächlich. Brumme ist hauptberuflich Schriftsteller und Journalist, wohl eher von der zeitweise brotlosen Sorte, deshalb kann er über erlebte Kultur ebenso interessant schreiben wie über metaphysische Assoziationen und Gefühle des Radfahrers. Auch durchaus praktische Ratschläge fehlen nicht: über das Packen (Liebesgrund: weil man auf dem Rad keine Ballast mitnehmen kann), insgesamt 10 kg mit Zelt, Isomatte, Kleidung, Werkzeug, Kleidung, Waschzeug und als Luxus, eine Kamera. Oder über die Beleuchtung (die er gerade in Russland mit als den wichtigsten Ausrüstungsgegenstand bezeichnet) oder euphorisch Zustände. Letzteres weil sich auch gelegentlich Nacht- und 24-Stunden-Etappen ergeben.

Sein Zustand, bevor es losgeht: Rückenschmerzen vom Schreiben am Computer, verrauchte Bude, Blick auf den Bauch, Stimmung zum betrinken, Sinnfrage des Lebens. Nach den ersten tausend Kilometern, natürlich ohne Training „Radfahren kann ich ja“ ist die Sinnfrage invertiert zu „warum tue ich überhaupt etwas anderes als Radfahren?

Radreisen ist Freiheit und Ungebundenheit, direkter Kontakt zur Umwelt, Wahrnehmung der Umgebung, körperliche Anstrengung, Rausch durch durch Endorphine und den allgegenwärtigen Wodka der russischen Gastfreundschaft. Der Radreisende beschränkt sich auf das Wesentliche, er ist fast frei in seinen Entscheidungen und er kann träumen und Denken – wie übrigens auch schon Einstein sagte, dass er beim Radfahren die besten Ideen habe. Auch Nietzsche meint: man solle keinem Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern (im autobiografischen Ecce Homo, wenn auch nicht aufs Radfahren bezogen).

Dem Autofahrer dagegen „hat man das Gefühl von Freiheit versprochen, aber aber er muss sich an Dutzende von Regeln halten, er muss funktionieren“ und wird deshalb schnell aggressiv.

Oder, wie der Autor schön ausdrückt:

Radfahren ist eine körperliche Aktivität, die auch Beschaulichkeit ermöglicht. Autofahren ist dementsprechend körperliche Inaktivität, deren Ausübung andauernde Aufmerksamkeit erfordert.

Abgesehen von interessanten Reiseerlebnissen flicht der Autor abschnittsweise Aktuelles und Allgemeines zum Thema Fahrrad ein, Ramsauers Kampfradler (die Gefahren, die vom Radverkehr ausgehen, liegen im Mikrobereich gegenüber denen, die vom Autoverkehr ausgehen), den ADFC (sachlich-lobend), die Wirkung von LSD auf dem Fahrrad (Entdecker Hoffmann im Selbstversuch: radfahren geht immer noch), Verkehrstote in Russland (achtmal mehr als in Deutschland, trotzdem fühlt er sich in Russland sicherer, weil die Russen auf den wenig befahrenen Landstraßen größeren Abstand einhalten).

Das Buch eine gelungene Mischung aus niveauvoller Reiseerzählung und Ratgeber. Die Art des Reisens ohne große Planung und Bedenken entspricht genau meiner Vorstellung von Radreisen, sich unprätentiös auf das einzulassen, was sich ergibt ohne Angst vor übertriebenen Gefahren in Putins Welt. Denn überall auf der Welt leben normale Menschen, es gerade in Russland gilt das Reich ist groß, der Zar ist weit

Wobei Drumme aber abschließend auch schreibt, dass er nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine nun erst einmal andere osteuropäischen Staaten in Angriff nehmen will.

Das Buch ist eine Vorbereitung für Langstreckentouren. Mir gefällt seine Aussage darüber, dass man sich auf die Belastungen und Eventualitäten einer solchen Fernreise nicht wirklich vorbereiten kann: der Sprung macht die Erfahrung, nicht der Schritt. Genauso ist es.

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Christoph Brumme, 111 Gründe, das Radfahren zu lieben, Schwarzkopf&Schwarzkopf 2014, 270 S.

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