19. September 2018 - Die dramatischen Ereignisse im Hambacher Wald

© Bernhard Werheid - Bild_01 - Wieder im Hambacher Wald, wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig, bevor er gefällt ist.Zu sehen die lange Schlange der Aktivisten-Fahrzeuge
© Bernhard Werheid - Bild_02 - das Areal ist gut bewacht ...
© Bernhard Werheid - Bild_03 - ... überall Polizeifahrzeuge
© Bernhard Werheid - Bild_04 - Staatsmacht und Stromleitungen
© Bernhard Werheid - Bild_09 - Mein Wald, mein Bike - ich bin drin!
© Bernhard Werheid - Bild_13 - Baumhäuser im "Klein-Gartenverein"
© Bernhard Werheid - Bild_17 - Keine Menü-Karte - nur Schulungsplan. Für das Essen sorgt die Bevölkerung.
© Bernhard Werheid - Bild_21 - der Lageplan ist überschaubar geworden. Die Pressesprecherin stellt ihn vor.
© Bernhard Werheid - Bild_19_1 - der Weg zu den geräumten Dörfern Gallien und Oaktown
© Bernhard Werheid - Bild_19_2 - heute sollen diese beiden Dörfer, Lorien und Miketown, geräumt werden.Dazu wird es allerdings nicht mehr kommen ...
© Bernhard Werheid - Bild_18 - Die Action-Cam am Bike wird immer von allen heftig diskutiert ...
© Bernhard Werheid - Bild_25 - Nach der Zerstörung der Baumhäuser wurde der Wald grundgereinigt
© Bernhard Werheid - Bild_35 - die (richtigen) Journalisten müssen ihr Material selber schleppen. Besonders die Kameramänner neiden mir mein Bike. Ich bin wirklich der Einzige, der ein Fahrzeug hat :-)
© Bernhard Werheid - Bild_40 - RWE-Mitarbeiter ohne wirkliche Arbeit hören an ihren Smartphones orientalische Heimatmusik - zum Glüch nicht alle gleichzeitig.
© Bernhard Werheid - Bild_46 - Mein Bike geht in Deckung und beobachtet alles - hier soll der Hubschrauber landen ...
© Bernhard Werheid - Bild_43 - irgendwie Science Fiction: Vielleicht kommt er ja aus seinem tiefen Loch ...
© Bernhard Werheid - Bild_44 - die RWE-Kraftwerke Niederaußem (32 Mio. Tonnen CO2) und Neurath (27 Mio. Tonnen CO2) - gut zu sehen von nahe der Abbruchkannte
© Bernhard Werheid - Bild_60 - der angeforderte Rettungshubschrauber vor der Landung ...
© Bernhard Werheid - Bild_62 - das Bodenpersonal in einer Staubwolke. Der Hubschrauber wird erst Stunden später leer zurückfliegen ...
© Bernhard Werheid - Bild_75 - Die Unglücksstelle nahe MikeTown
© Bernhard Werheid - Bild_85 - heute wurde das HAMBI-CAMP ca. 5 km vom Hambacher Wald entfernt im Dorf Manheim eingerichtet. Es ist gedacht für Menschen, die auch mal mehrere Tage hier demonstrieren und übernachten wollen


Heute findet die Vortour zur Gross-Demo, zu der der BUND, campact!, GREENPEACE und NaturFreunde Deutschlands für den 6.10.2018 aufgerufen haben, statt.  Eigentlich war diese Demo zum 14. Oktober angekündigt, doch die Ereignisse haben sich überschlagen. Unsere NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung, hat festgestellt, dass es mit dem Brandschutz im Hambacher Wald nicht zum Besten steht, und da sie den Wald nicht verbrennen sehen will, sondern die Bäume sollen ordentlich gefällt werden, werden die Baumhäuser abgerissen!

Dies ist allerdings nicht so einfach – erst einmal müssen die Zuwege verbreitert und planiert werden, damit die schweren Abrissfahrzeuge zu den Baumhäusern gelangen. Auch müssen hunderte von Polizeifahrzeugen den Wald durchfahren können, um zu verhindern, dass an anderen Orten in dem Wald neue Baumhäuser errichtet werden, welche natürlich auch nicht den neuesten Brandschutzverordnungen entsprechen werden.

Auch die Unterbringung der 3500 Polizisten, welche aus allen Teilen Deutschlands herangekarrt werden, ist nicht so einfach – aber lösbar: „Wir übernachten jetzt in Hotels in den Niederlanden, weil hier in der näheren Umgebung kein Platz mehr ist“ so ein Polizist im Einsatz.

Ich finde es schön, Polizist zu sein. Man braucht sich überhaupt keine Gedanken über Atomkraft, Nachrüstung oder die Umweltverschmutzung durch Kohleverbrennung zu machen. Der Arbeitgeber schickt einen zum Einsatz und der wird schon wissen, was Recht ist.

Die Strecke Bergisch Gladbach bis zum Hambacher Wald ist länger, als ich gedacht habe – aber interessant genug, um sie zu genießen. Köln ist, anders als Bergisch Gladbach, wirklich auf Großstadtniveau bzgl. des Radwegenetzes. So fahre ich auf der zukünftigen Radpendlertrasse Richtung Deutz, dann über teils breite Radspuren zum Neumarkt und dahinter über das UNI-Gelände in den Grüngürtel – wirklich genial. Der Lärmschutz-Tunnel der A1 in Lövenich, wird überquert (schöne Radwegbrücke) und ich bin erstaunt, wie wenig Lärm zu hören ist. Irgendwann fahre ich dann zwischen den Zuglinien Köln- Aachen auf einem einwandfreien Radweg bis Kerpen-Buir.

Eigentlich bin ich total eigennützig, weil ich dieses uralte Waldgebiet, seit der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren bewachsen  mit teils 350 Jahren alten Bäumen, noch einmal sehen will, bis es im Oktober abgeholzt wird. Am 13. Mai gab es schon einmal eine ADFC-Sternfahrt in den Hambacher Wald (von den Aktivisten liebevoll Hambi genannt), aber an diesem Tag hat es von morgens bis abends geregnet. Trotz der widrigen Wetterbedingungen - mir war kalt (weil ich einer Mitradlerin meine Jacke geliehen hatte), alles war driss nass - und ich sah die jungen Hambacher Aktivisten  barfuß umherlaufen.  Sie lebten schon seit Jahren in ihren Baumhäusern – o hätten sie nur gewusst, dass der Brandschutz nicht stimmt …

Eines ist mir damals klar geworden: Wenn dir die Zukunft der Erde nicht egal ist und du etwas wirklich Sinnvolles tun willst – kündige deine bisherigen Stromverträge mit den RWEs, RheinEnergies und Belkaws dieser Welt und hole dir deinen Strom von Versorgern, die nicht auf Kernkraft oder Kohle setzen. Meine Begleiter und ich haben am nächsten Tag unsere Strom-Verträge gekündigt und setze seitdem auf EWS Elektrizitätswerke Schönau (https://www.ews-schoenau.de/). Es gibt da natürlich noch diverse andere Anbieter, aber die Schönau-Historie gefiel mir am besten.

Das ist das Schlimmste, was dem RWE passieren kann – Anbieterwechsel bedeutet Umsatzverlust – und das auf ewige Zeiten.

Und dann bin ich erneut im Hambacher Wald (Bild_01) anfangs sehe ich eine endlose Fahrzeugschlange der Aktivisten, dann immer wieder Polizeifahrzeuge (Bild_02, Bild_03)

Um das letzte Foto (Bild_04) geht es wohl: Strom(leitungen) und die Staatsmacht. Doch jetzt muss die erste Hürde überwunden werden: Wie kommt man rein? Ich habe gehört, dass Pressemitglieder in den Wald dürfen und so erzähle ich an der ersten Absperrung, ich würde für den ADFC eine Berichterstattung schreiben. Die Polizisten sind nur kurz irritiert, auch wegen meiner laufenden Action-Cam. Nachdem diese ausgeschaltet  und nachdem mein Rad durchsucht ist – kann ich passieren.

Nach 100 Metern muss ich erst mal anhalten (Bild_09). Ich schaue mir den Wald, mein Bike und die Sperre an und kann es nicht glauben. Ich bin drin!

100 Meter weiter großer Frust. Die Polizisten akzeptieren zwar meine Lizenz, kennen aber den ADFC nicht …

Egal, weiter. Die Wege haben sich verändert: Vor einem halben Jahr waren sie nicht so breit und so plan. Damals konnten wir nur zu Fuß durch. Ich erreiche das erste Camp der „Klein-Gartenverein“ – ziemlich nahe am „Eingang“, aber vollkommen intakt. Es gibt Aktivisten und Baumhäuser (Bild_13), allerdings ohne Baugenehmigung und an Brandschutz mangelt es auch. Es gibt ein Plakat mit den tagesaktuellen Workshops (Bild_17). Eine Aktivistin (Bild_21) erklärt mir den Lageplan.

Sie verweist auf die beiden Dörfer Gallien und Oaktown (Bild_19_1), welche bereits abgerissen worden sind und auf die beiden Ansiedlungen Lorien und Mike-Town (Bild_19_2), welche heute dem Erdboden gleichgemacht werden sollen. Gerade dieses Foto soll sich noch als schicksalhaft erweisen. Mein Bike findet Interesse bei den Neu-Aktivistinnen (Bild_18) – besonders die Action-Cam…

Ich verschwinde schnell Richtung Gallien, biege am Jesus-Point rechts ab. Von den ehemaligen Dörfern ist nicht mehr viel übrig, alles wurde sauber entsorgt (Bild_25).

Weiter geht’s – ich will zur Abbruchkante. Ich treffe immer wieder (richtige) Journalisten, welche mich um mein Bike beneiden. Sie müssen ihre schwere Ausrüstung zu Fuß schleppen (Bild_35).

Dann die nächste Überprüfung. Jetzt wird mein Perso einkassiert, kann aber nicht geprüft werden, da kein Netz vorhanden. Also fährt ein Polizeiauto an den Waldrand, um das bei den Kollegen zu checken. Währenddessen wird mein Bike geprüft und jede Tasche gründlich inspiziert. Plötzlich fallen die Kabelbinder auf und wieder stelle ich fest, dass die Polizisten den ADFC nicht kennen und auch keine Radfahrer sind. Ebenso wenig wissen sie, wie man die Polizeifahrzeuge ausschaltet und so laufen die Dieselmotoren 24 Stunden am Tag vor sich hin. Man erklärt mir, dass ich mich in einem gefährlichen Gebiet befinde - ich schaue nach oben, ob evtl. ein Ast niederfällt, und bin froh, dass ich meinen Fahrradhelm noch auf habe.

Nachdem ich meinen Perso wieder habe,  fahre ich zur Abbruchkante. Hier fallen sofort die RWE-Mitarbeiter auf, die vermutlich den Wald aufräumen sollen (Bild_40). Kettensägen traue ich denen nicht zu. Der Chef kommt mit Brötchen vorbei und erklärt den Aufschnitt: hier Schwein, hier Schwein und hier (alles) Käse. Keine Ahnung, ob die Leute das verstanden haben.

Auch drängeln sich jetzt mehr Fahrzeuge auf der Fahrbahn (Bild_46).  Man sieht die Riesen-Bagger (Bild_43) und die nahen Braunkohle-Kraftwerke (Bild_44). Ich befinde mich jetzt nahe an Lorien und plötzlich wird die Lage hektisch. Den Notarzt habe ich schon gesehen – mir noch nichts dabei gedacht. Ein Mann soll vom Baum gefallen und nicht transportfähig sein. Jetzt soll plötzlich ein Platz für einen Rettungshubschrauber frei gemacht werden, aber auch der RWE-Mitarbeiter hat keinen Plan und keinen Platz. Als wichtigste Maßnahme wird eine Hundertschaft angefordert und die Fahrzeuge der kampferprobten Polizisten stellen nun erst Recht den kleinsten, freien  Platz auch noch zu. Einem Kommissar fällt auf, dass ich keinen Presseausweis habe und er verweist mich des Ortes. Gut – ich ziehe mich 100 m zurück und beobachte das Geschehen.  Der Hubschrauber kommt und landet hart an der Abbruchkante (Bild_60), wobei er viel Staub aufwirbelt. Aber es passiert nichts mehr – der Hubschrauber bleibt auch nach einer Stunde am Boden. Ich versuche noch, von hinten an die Orte ranzukommen, sehe aber nur, dass das Gelände mit Flatterband abgesperrt ist (Bild_75)  und eine Hundestaffel mein Eindringen wachsam verhindert.

Später verirre ich mich noch im Wald (ich liebe mein Navi), fahre nach Manheim, ein Ort, der von den meisten Bewohnern verlassen ist, und besuche das heute errichtete Hambi-Camp (Bild_85).

Zurück nehme ich die S-Bahn und erfahre, dass ein junger Journalist im Hambacher Wald gestorben ist.

Abends erklärt die Landesregierung, dass das Abräumen der Baumhäuser nicht fortgeführt wird (wahrscheinlich war das mit dem fehlenden Brandschutz doch nicht so schlimm). Ich vermute, dass die Einsatzkräfte jetzt für den Erdogan-Besuch benötigt werden.

Was lehrt uns das?

1.     Stromanbieter wechseln

2.     Am 6. Oktober mit dem ADFC die DEMO erfahren

3.     Das ein junger Mensch sinnlos sterben musste, hat alleine XXX verschuldet. Aber das Leben ist so facettenreich …

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