Neuss jetzt zwei Jahre in der AGFS

21.10.18

Am Norfbach unter dem Autobahnzubringer B1 heißt es Kopf einziehen und aufpassen, dass man nicht über die ungesicherten Böschung in den Bach fällt. Und hoffen, dass kein Gegenverkehr kommt. Eine im Bachbett abgestütze Leichbaukonstruktion würde die Gefahr beheben. Doch seit Jahren passiert hier nichts.



Die Querung der B477 von Helpenstein nach links in den Wirtschaftsweg Richtung Hoisten ist Teil des ausgeschilderten Radwegenetzes. Wir haben vor Jahren Maßnahmen zur Sicherung gefordert. Im Juli diesen Jahres verunglückte an dieser Stelle eine Radfahrerin durch Kollision mit einem Auto tödlich.


Die Teilnahme der Stadt Neuss in der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Städte AGFS geht ins dritte Jahr. Trägt die Mitgliedschaft inzwischen Früchte?

Bei der offiziellen Aufnahme der Stadt Neuss in die AGFS am 18. August 2016 im Neusser Rathaus sagte der Neusser Bürgermeister Reiner Breuer zutreffend: „Die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte betrachte ich nicht als Auszeichnung, sondern als Auftrag.“
Neuss ist flach, hat eine Innenstadt der kurzen Wege, und selbst aus den entferntesten Stadtteilen ist man nach längstens zehn Kilometern in der City – gute Bedingungen für das Fahrrad, um die andere Städte Neuss beneiden können. Aber es sind noch keine hinreichenden Bedingungen, denn die Menschen steigen erst dann aufs Fahrrad um, wenn sie sich damit auch sicher fühlen. Dafür braucht es gute Radwege und möglichst wenige Konflikte mit Autofahrern oder Fußgängern.

Keine kreuzungsfreien Radwege

Was in den Niederlanden guter Standard ist, findet man in Neuss nur selten: Kreuzungsfreie Führung von Radwegen. Die letzte derartige Baumaßnahme war die Unterführung des Eselspfads unter der Jülicher  Landstraße hindurch, doch das  ist bereits zwölf Jahre her. Heute  scheint man solche Projekte zu scheuen: Als im vorigen Jahr die Bahn die veralteten Schranken am Bahnübergang des Eselspfads über die Strecke nach Mönchengladbach für immer schließen wollte, lehnte die Stadt eine Unterführung aus Kostengründen ab und handelte stattdessen eine technische Sanierung des Bahnübergangs aus. Im Zuge des Radschnellwegs nach Düsseldorf ist eine Brücke über den Willy-Brandt-Ring geplant, doch das Projekt stockt seit zwei Jahren und wartet nach unserer Kenntnis auf die Freigabe von Planungsmitteln durch die Bezirksregierung. Die aus Sicherheitsgründen dringend erforderliche Ertüchtigung des Norfbach-Radwegs unter der B1, bereits im Jahr 2009 vom ADFC erbeten, hängt, weil man auf ein Renaturierungsprojekt der unteren Wasserbehörde wartet.

Keine Querungshilfen

Am 16. Juli diesen Jahres gab es einen tragischen Unfall auf der B477 zwischen Erft und Speck: Eine Radfahrerin, die von der Harbernusstraße aus die Bundesstraße in Richtung Helpensteiner Kirchweg queren wollte, wurde von einem Auto erfasst und erlitt tödliche Verletzungen. Der ADFC hatte bereits im Jahr 2006 ADFC diese Passage als unsicher bemängelt und eine Mittelinsel gefordert, ebenso an der B477 / Erftradweg sowie an der B9 / Rheinradweg bei Stüttgen. Im Jahr 2010 hakten wir bei allen drei Projekten nach.  Seitdem sind die Querungen B477 / Erftradweg und B9 / Rheinradweg zwar immer wieder Gegenstand neuer Sachstands-Mitteilungen gewesen. Doch passiert ist bis heute nichts. Zu wissen, dass die genannten Projekte von der Tätigkeit anderer Behörden wie der unteren Wasserbehörde oder Straßen.NRW abhängen, hilft den Radfahrern leider nicht.

Fortschritte

Wir erkennen durchaus an, dass in den zwei Jahren seit der AGFS-Aufnahme auch Verbesserungen gegeben hat. So wurde am Kehlturm eine Radweglücke zum Weg am Erftkanal geschlossen, dessen Anschlüsse Richtung Glockhammer und Augustinusstraße fehlen allerdings noch. Die Umgestaltung der Bergheimer Straße mit Öffnung für Radfahrer in Gegenrichtung kommt voran, wird allerdings erst in zwei Jahren abgeschlossen sein (wir berichteten in Rad am Niederrhein 3/2017). Und die Dauerbaustelle am Epanchoir ist endlich geschlossen, mit breiteren Radwegen und Aufstellflächen für Radfahrer auf der Selikumer Straße. Die Kapitelstraße wurde in Gegenrichtung freigegeben, als nächstes wird die Kanalstraße folgen – zwar nicht als Fahrrad- straße, wie von uns vorgeschlagen, aber immerhin kommt sie jetzt. Sehr erfreulich ist auch, dass die Fietsallee am Nordkanal im Zuge der Sanierung von Wegen im Stadtgarten eine neue Asphaltdecke bekam.

Bilanz

Von der Aufnahme der Stadt Neuss in die AGFS hatten wir uns erhofft, mit der Stadt über neue Leuchtturmprojekte sprechen zu  können. Warum nicht über eine Brücke von der Promenade über die Zollstraße in den Park Richtung Stadthalle reden, die Radfahrer und Fußgänger von der Ampel mit der längsten Rotphase in der ganzen Innenstadt erlösen würde? Dies ist nur ein Beispiel für ein anspruchvolles Projekt, über das man dann am besten reden kann, wenn man eine solide Datengrundlage für den Bedarf hat. Wir würden uns deshalb wünschen, dass die Stadt den Radverkehr endlich systematisch quantitativ erfasst.

Wir werden nicht locker lassen und uns im Gespräch Verwaltung und Politik weiter für subtanzielle Fortschritte und ein echtes Bekenntnis für mehr Radverkehr in Neuss einsetzen. Sie können uns dabei helfen, indem Sie am Fahrradklima-Test teilnehmen: www.fahrradklima-test.de, und die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad unterstützen: www.aufbruch-fahrrad.de. Vielen Dank!


Heribert Adamsky

© 2018 ADFC Kreisverband Neuss e. V. Ortsgruppe Neuss