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Die Entdeckung der Langsamkeit

10.04.18
Kategorie: Neuss (OG), Mobilität

45 Menschen mit und ohne Behinderung trafen sich am Parkplatz der Bezirkssportanlage Weckhoven.



Die Strecke war barrierefrei - na ja, nicht ganz. Unsere Vorhut öffnete eine Schranke am Ortseinang von Speck.



Der Biergarten am Alten Bootshaus ist ein idealer Ort zum Ausspannen nach einer Fahrradtour.



Coole Jungs beim Chillen.



Körner waren gefragt beim Klettern mit den schweren Tandems!



Die Ampel an der Bergheimer Straße riss unsere Gruppe auseinander. Vier Ampelphasen brauchten wir, jedesmal mit Extra-Rot auf der Mittelinsel.



ADFC-seitig Ausklang bei Weißwein und Fischbrötchen am Neusser Hafen


Bei einer inklusiven Radtour braucht man Zeit und Muße. Wertvolle Ressourcen, die wir uns auch sonst gönnen sollten.

ADFC-Touren werden meist mit einem Durchschnittstempo angekündigt. Das beträgt mal gemütliche 12 bis 15 km/h, mal liegt es bei einem sportlichen 25er-Schnitt. Aber können wir auch richtig langsam? Bei unserer ersten Tour des Jahres am Sonntag gemeinsam mit einer Gruppe behinderter Menschen haben wir es probiert. Anlass war das traditionelle ADFC-Anradeln, zu dem sich alle Ortsgruppen im Rhein-Kreis Neuss und unsere Mönchengladbacher Freunde alljährlich aufmachen. Diesmal ging es zum Alten Bootshaus an der Erft bei Minkel, nicht weit von der Insel Hombroich.

Beim Start am Hamtorplatz waren wir ADFCler noch unter uns, denn für die Behindertengruppe wäre der Weg zu weit gewesen. Es war verabredet, sich am Stadtrand zu treffen und dort eine gemeinsame Runde über die Dörfer zu fahren. Zwanzig Radfahrende auf den unterschiedlichsten Rädern - alte und neue, teure und nicht so teure, mit und ohne E, eins mit Anhänger - mussten erst mal aus der Innenstadt rausfahren.  Es war Sonntag, wir hatten reichlich Zeit und Muße - wichtige Ressourcen nicht nur bei einer Inklusionstour - und machten schon nach vier Kilometern an der Erftmündung eine erste Pause und genossen das Panorama mit Blick auf den Rhein.

Treffen am grünen Rand der Stadt

Unseren Treffpunkt am Ortsrand von Weckhoven, wo uns die Wohngruppe der Augustinus-Behindertenhilfe und weiteren MitfahrerInnen mit Behinderung in Begleitung von Angehörigen erwarteten, erreichten wir zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit. Meike Wimmer, auch ADFC-Mitglied und unsere Ansprechpartnerin beim Betreuerteam der Behinderten-Wohngruppe, hatte für ihre KlientInnen die Dreirad-Tandems der Zülow-Stiftung organisiert, und auch das Van Raam Fun2Go-Pedelec vom Memoryzentrum stand bereit. Manche der Behinderten hatten eigene Räder. Vom normalen Cityrad über ein einspuriges Tandem bis zu einem E-Rolfiets war auch hier die Bandbreite unterschiedlichen Fahrmaterials groß - bei den ADFClern war es ja auch nicht so viel anders.

Bald nach der Abfahrt der inzwischen auf 45 Personen angewachsenen Gruppe zeigte sich dann doch ein  Problem: Während die etwas schwergängigen Dreirad-Tandems mit ca. 8 Stundenkilometern sicher zu navigieren waren, bekamen einige der Normalo-Radler bei diesem Tempo Probleme mit der Balance. Eine Mitfahrerin, unterwegs auf einem ungewohnten Leihrad, stürzte und verletzte sich dabei leicht. Es waren zwar nur harmlose Schürfwunden, doch wir beschlossen zur Sicherheit, in getrennten Gruppen weiterzufahren - eine schnelle vorweg, eine langsame dahinter.

Gruppendynamisches

Es war interessant zu beobachten, wie sich die Teilnehmer auf die beiden über das Tempo definierten Gruppen verteilten: Fast alle ADFCler schlossen sich der schnelleren Vorhut an (was ein bisschen schade war), doch einige der Radfahrenden mit Einschränkung beschlossen, vorne mitzufahren (was wir ziemlich cool fanden).

So ging es in zwei (leider nur leicht) gemischten Gruppen auf die sorgsam ausgewählte (fast) barrierefreie Siebenkilometerroute über ruhige Nebenwegen durch die Gillbachaue und via Speck, Wehl und Helpenstein zur Erft und zum idyllisch gelegenen Biergarten am Alten Bootshaus.

Am Ziel traf man sich wieder und chillte gemeinsam gut gelaunt im Biergarten unter milder Frühlingssonne bei Bier, Apfelschorle und Gulaschsuppe. Auf dem Rückweg fuhren auf einmal die Tandems vorne, und man verabschiedete sich voneinander in Reuschenberg, dem Wohnort unserer behinderten Mitfahrer. Die ADFCler fuhren wieder zurück in die Stadt und beschlossen einen schönen erlebnisreichen Sommertag mit Wein und Fischbrötchen auf dem Neusser Fischmarkt am Hafen.

Unser Fazit der ersten großen Inklusionstour des Jahres: Alle Beteiligten mit und ohne Behinderung hatten viel Freude am gemeinsamen Ausflug. Das Interesse an dem Projekt war groß, Bekanntschaften von den inklusiven Touren des Vorjahrs wurden erneuert und neue wurden geknüpft. Das Pilotieren der Dreirad-Tandems war allerdings selbst für Geübte sehr anstrengend, und Langsamfahren ist gar nicht so leicht.

Wie geht es weiter?

Unsere nächste Inklusionstour startet am Samstag, dem 7. Juli am Hamtorplatz und geht über nur wenige Kilometer zum AWO-Sommerfest in der Nordstadt. Wir freuen uns schon drauf!

Interessiert? Schreiben Sie uns an inklusion (at) adfc-neuss.de!

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