Sieben auf einen Streich

29.07.18

Eine Schwalmbrücke



Im Elmpter Bruch



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Am Diergardtschen Wald



Rosenfelder bei Beesel



Der Graue Bär



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Der Neerbeek



Friedessemolen



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Gestauter Neerbeek



Neerbeek



Leumolen



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Baumpilz



Wald bei Leudal



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Auroramolen



St. Lindertmolen



De Hoop



De Welvaart



Maasseen



Roermond



Im Elmpter Bruch



An der Schwalm


Schilderung zur Mühlenroute I durch Limburg von Kerstin Pauly

Um es kurz zu machen: Wir hatten Postkartenwetter, nichts schlimmeres als drei Bremsenbisse und am Ende 88 km plus auf dem Tacho. Einfach herrlich.

Die Tour startete am Bahnhof Boisheim. Der Zug ab Viersen blieb mittendrin stehen und ich machte mir schon Sorgen, gleich allein am Bahnhof zu stehen, die anderen wären schon weg. Aber nein, Christl wartete sogar bis knapp zehn Uhr. Dann machten wir elf uns auf den Weg, nur vier Räder, ansonsten Pedelecs.

An der Schwalm entlang bis zur niederländischen Grenze gab es schon reichliche Fotomotive

Die Mühle "Der Graue Bär" in Beesel ist ein Gebäude mit wechselvoller Geschichte. Wörtlich. Diese Mühle stand schon an drei verschiedenen Stellen : Gebaut 1604 in Zaandam als Sägemühle, wurde sie 1891/1892 in Einzelteilen nach Beesel verbracht, auf dem kleinen Solberg im Dorf wieder aufgebaut und mit einer Dampfmaschine ergänzt, um Getreide zu mahlen. Später kam ein Rohölmotor dazu.

1981 bis 1983 wurde alles abgebrochen und am Ufer der Maas identisch wieder aufgebaut. Seither ist sie wieder in Betrieb und kann besichtigt werden, im Sockel gibt es ein kleines Café. Da diese Bergholländermühle hier im Winterbett der Maas steht und schon mehrfach überschwemmt wurde – was die Konstruktion unterhöhlt, wird überlegt, den Grauen Bär noch mal umzusetzen …

 

Die Friedesse-Mühle in Neer ist eine unterschlächtige Wassermühle für Getreide. Ein Vorläufer stand schon 1343 hier. 600 Jahre später war Schluss, 1958 wurde das Staurecht verkauft, der Müller verjagt, den Dorfbewohnern ihr Treffpunkt genommen. Die Politik war der Meinung, das Wasser müsse ohne Hindernisse schnellstmöglich in die Maas geleitet werden, das Wehr wurde abgebrochen, der Fluß begradigt. In den 1970er Jahren versuchten Dörfler, die Mühle wieder herzurichten. Erst 20 Jahre später gelang es der extra gegründeten Stiftung, in Absprache mit der Wasserbehörde, eine neue Schleuse zu bauen und ein neues Wasserrad zu installieren. Man hatte eingesehen, dass wiederholte Überschwemmungen der halben Ortschaft und Dehydration der Natur vermieden werden sollten und investierte 2,5 Mio Gulden (ca. 1,13 Mio €). Seit 2002 mahlt die Mühle wieder, jeden Sonntag Nachmittag von Mai bis Oktober ist geöffnet.

Die nächsten Kilometer waren recht beschwerlich und schweigsam. Die Sandwege erforderten viel Kraft, Aufmerksamkeit und stetes Hintereinanderfahren. So gelangten wir zur Leumolen oder St. Ursulamühle, einer unterschlächtigen Wassermühle für Getreide und Öl. Das Steingebäude ist aus dem Jahre 1773, aber schon 300 Jahre zuvor stand hier immer eine Mühle. Sie ist in Funktion und kann zur rechten Zeit besichtigt werden.

Um zwei Ecken rum kam der Ort der Mittagspause in Sicht: Die Sint-Elisabethmolen. Hier wird wohl mit einer Wasserturbine Strom produziert, aber uns interessierten nur Stühle unterm Sonnenschirm und Getränke! Die Fingerhüte erforderten allerdings rasche Nachbestellung, vor allem, weil die Salate über eine Stunde auf sich warten ließen. So was bringt einen Zeitplan ganz schön in Verzug, bei einer Fahrgeschwindigkeit von sowieso schon um die 20 km/h gibt’s keine dauerhafte Steigerung, um ne Dreiviertelstunde reinzuholen… Wir genossen einfach die weiteren landschaftlich wieder wunderschönen Wege und kamen zur Auroramolen, einer Ständermühle mit halb geschlossenem Bock für Getreide und Senf.

Diese Art ist der älteste Windmühlen-Typ in den Niederlanden. Sollten die Flügel in den Wind gedreht werden, musste der gesamte Kasten (deshalb auch Kastenmühle) um den Ständer=Achse gedreht werden. An sich war das der gefährliche Teil am Müllerdasein in einer Bockwindmühle. Bei dieser Mühle starb der damalige Müller 1945, als bei Reparaturarbeiten an den Flügeln diese begannen sich zu drehen und er den Absprung nicht überlebte. Danach wurde die Mühle auf elektrischen Antrieb umgestellt, aber weil immer seltener gemahlen wurde, setzte der Verfall ein.

Die ursprünglich zwischen Haelen und Horn stehende Mühle war 1845/1846 nach Baexem versetzt worden. 1968 kaufte die damalige Gemeinde Horn die alte Mühle, versetzte sie an den heutigen Standort und restaurierte sie aufwändig. Seit 1972 ist sie gelegentlich in Betrieb und kann besichtigt werden.

Die St. Lindertmühle in Beegden ist wieder eine Bock-/Ständer-/Kastenmühle, diesmal mit geschlossenem Unterbau. Ursprünglich in Heel stehend, wurde die damals noch offene Mühle 1856/1857 nach Beegden versetzt. 1928 erfolgte der Umbau in die heutige Form. Später kamen Wohnhaus und Magazin hinzu, das Mahlwerk wurde durch eine Hammermühle ersetzt. 1944 wollten deutsche Besatzer sie sprengen, kamen aber nicht mehr dazu. 1968 wurde die Mühle restauriert und soll eine der schönsten sein, jedenfalls aber besonders, weil sie eine der wenigen mit einem Wachhäuschen auf dem Söller ist.

Die nächste Mühle war der Lockvogel in der Tourenbeschreibung gewesen „Haben Sie schon mal eine 16-seitige Windmühle gesehen?“ Nö – also nix wie hin. Nach Horn. Zur Mühle De Hoop, einer Bergholländermühle mit drehbarer Kappe.

Witzigerweise stammt diese Besonderheit europäischer Mühlenbaukunst – sie ist die einzige mit 16 in Schiefer verkleideten Seiten – aus Deutschland, wo sie um 1750 gebaut worden war. Kommt mir das nur so vor, oder sind Mühlen mobiler als man denken möchte? 1817 wurde sie hier auf dem Muyenberg aufgebaut. 1934 kamen die Dekker-Flügel dran, eine revolutionären Erfindung der 1920er Jahre, die zu einer bemerkenswerten Kapazitätserhöhung führte, weil der Luftwiderstand sich durch die besondere Konstruktion verringerte.

1949 verstarb der Müller van de Voort und hinterließ Frau und 16-jährige Tochter. Sie übernahmen den Job und zogen damit die Aufmerksamkeit diverser Frauenzeitschriften auf sich. Auch in der Mühlenwelt anerkannte man ihre Bemühungen und sorgte für ein elektrisches Hilfsmahlwerk, das die Arbeit auch bei Sturm oder Windstille ermöglichte. Ende der 1950er Jahre aber reichte alles nicht mehr, die Mühle verfiel. 1968 kaufte die Gemeinde Horn den Bergholländer und renovierte ihn mehrmals. Seit 2009 kann die Mühle gelegentlich besichtigt werden.

Praktisch in Sichtweite befindet sich die siebte und letzte Mühle dieser Rundfahrt, De Welvaart, eine Turmholländer-Windmühle aus Stein mit drehbarer Kappe.

Sie wurde doch tatsächlich hier erstmals gebaut (1864), muß wohl an dem steinernen Turm liegen. 1929 schaffte der neue Eigentümer, Müllergeselle Leo Linssen, ein elektrisch angetriebenes Mahlwerk für die windstillen Phasen an. 1933 renovierte er mit Abbruch-Material einer achtkantigen Holländermühle, später schafft er eine Hammermühle an, eine elektrische Mahlvorrichtung, so dass die Windmühle an sich nicht mehr gebraucht wurde. Auch diese Mühle wurde von der Gemeinde gekauft und renoviert und kann besichtigt werden.

Eine Einkehr in Asselt bot sich für eine Kaffeepause an. 7 € für drei Kugeln Eis und insgesamt vier Erdbeeren… atemberaubend. Das nächste Mal vielleicht lieber einen Kaffee, der mit einem kleinen Eishörnchen serviert wird.

Die Kalorien hatten keine Gelegenheit heimisch zu werden. Es waren wieder Sandwege angesagt durch den Elmpter Schwalmbruch.

Ups, das waren die zehn Minuten am Aussichtsturm… oder die Wartezeit mittags… oder die Viertelstunde am Anfang? Egal! Fakt ist, wir kamen knapp eine Stunde später am Bahnhof Boisheim wieder an als geplant. Witzigerweise war ich die Einzige, für die das irgendwie relevant war, alle anderen hatten ihre Räder mit Autos ran geschafft. Christl erbot sich, mich nach Viersen zu bringen, wo ich eh umsteigen mußte. Das fand ich sehr nett, brachte zeitlich leider nix, denn nach Oppum fährt nun mal nur einmal stündlich ne Regionalbahn. Aber es ist der Gedanke, der zählt und außerdem konnten wir so noch ein paar Minuten plaudern.

Ich habe mich, wie eigentlich immer bei ADFC-geführten Touren, gut betreut gefühlt. Alle waren sehr nett und achteten aufeinander. Einmal war ich ziemlich weit zurück geblieben und sah, wie sich der letzte vorne immer wieder nach mir umsah. Bis ich wieder aufgeschlossen hatte und mich bedanken konnte. „Nicht dafür“ war seine Antwort. So macht Rudel-Radeln echt Spaß !

Kerstin schreibt einen Blog. Wer ihre interessanten Geschichten weiterlesen möchte kann hier nachschauen: www.radlergeschichten.wordpress.com

Alle Fotos von K. Pauly

 


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