Zukunftsmusik: Fahrradtauglicher Ausbau der Betriebswege am Dortmund-Ems-Kanal (DEK)

28.07.20
Kategorie: Verkehrsplanung, Verkehrspolitik, Münster (OG)

Kanalbetriebsweg aktuell: Mit Pferd verboten. Mit Rad und zu Fuß auf eigene Gefahr. (Bild: Andreas K. Bittner)



Stand Up Paddeling auf dem Dortmund-Ems-Kanal (Bild: Andreas K. Bittner)



Zukünftige Kanalpromenade in Hiltrup (Visualisierung: Stadt Münster)



Adaptiv: Nachts unterwegs auf der Kanalpromenade (Visualisierung: Stadt Münster)



Blick von der Prinzbrücke Richtung "Fahrradstraße Kanalpromenade" (Bild: Andreas K. Bittner)



Sonntäglicher Blick von der Schillerstraßen-Brücke (Bild: Andreas K. Bittner)



In Gelmer: Kanal-Querschnittserweiterung durch WSV/WSA Rheine (Bild: Andreas K. Bittner)



Baumbestand – hier wir ein Ausbau auf drei Meter Breite nicht möglich sein. (Bild: Andreas K. Bittner)



Die neue Kanalbrücke an der Wolbecker Straße (Illustration: WSA Rheine)



Engstelle in Schleusennähe. Die Kanalpromenade wird hier am anderen Ufer geführt. (Bild: Martina Kocik)



Teambildende Maßnahme bei der ADFC-Exkursion am Kanal. Im Hintergrund die Schleuse. Dort wechselt die Kanalpromenade ans andere Ufer. Hier kreuzt auch die Veloroute nach Handorf. (Bild: Andreas K. Bittner)



YouTube-Clip zur Kanalpromenade; im Bild: Stadtbaurat Denstorff (Screenshot: ADFC Münsterland)



Dass Betonmischwerk (im Hintergrund) fordert die Radwegeplanung heraus (Bild: Andreas K. Bittner)



Umleitung wegen Baumaßnahmen im Juli 2020 am Dortmun-Ems_Kanal (Bild: Andreas K. Bittner)



Übersicht aus den Planungsunterlagen: Stadtstrecke Münster (Grafik: Stadt Münster)


Am 3. Juli 2019 hat der Rat der Stadt Münster – am Ende einer neun-gliedrigen (!) Beratungskette – dem „fahrradtauglichen Ausbau der vorhandenen Betriebswege am Dortmund-Ems-Kanal (DEK)“ zugestimmt. Nachdem die sogenannte adaptive Beleuchtung inzwischen getestet und verbessert wurde, soll es in diesem Herbst mit dem ersten Abschnitt Richtung Senden losgehen. Am vergangenen Wochenende hatte der ADFC zu einer Exkursion entlang der Kanalwege eingeladen, um sich selbst ein Bild zu machen.

 

In mehreren Ausbaustufen soll eine östlich an der Stadt vorbeiführende 27 km lange Route von Norden nach Süd-Westen, von der Stadtgrenze Münsters nach Greven bzw. Senden, für den Alltagsradverkehr ertüchtigt werden. Zusätzlich gibt es weitergehende Überlegungen einer interkommunalen Zusammenarbeit mit weiteren Nachbargemeinden. Eine Fortsetzung des neuen Ausbaustandards – mit Radwegen Richtung Ibbenbüren bzw. Lüdinghausen – wird angestrebt; wie auch ergänzend von den Ratsfraktionen von CDU und Bündnis 90/Die Grünen/GAL am 20. Juni 2017 (PDF) beantragt.

Wie bereits im Radverkehrskonzept – Münster 2025 dargelegt, soll die Radroute entlang des DEK eine bedeutsame Rolle im Hauptradroutennetz der Stadt(region) Münster einnehmen. Es handelt sich hierbei um eine verkehrs- und netzbedeutsame Tangentialverbindung, die zudem eine Verknüpfung der geplanten Velorouten aus Telgte, Everswinkel, Sendenhorst sowie Drensteinfurt nach Münster darstellt.“ (zitiert nach der Beschlussvorlage, Links ergänzt)

Mit dem Ausbau der Radwege – hier eine Übersicht (PDF) – sollte eigentlich im Frühjahr 2020 begonnen werden; aktuell ist das für den Abschnitt 6 (Richtung Senden) – im Ausschuss für Umweltschutz, Klimaschutz und Bauwesen (AUKB) einstimmig im November 2019 beschlossen – noch nicht zu erkennen. Für den Ausbau von Abschnitt 1 (Wilhelmshavenufer – Gittruper Straße /Gelmer Brücke) liegen inzwischen detaillierte Planungsunterlagen (der Hiltruper Ingenieurgesellschaft nts)  vor; der Baubeschluss ist im AUKB ist am 16. Juni 2020 erfolgt. Ziel ist die Fertigstellung der Wege außerhalb der Stadtstrecke vor dem geplanten Abschluss der Bauarbeiten am Dortmund-Ems-Kanal. Anders ausgedrückt: vor 2026 dürfte die Kanalpromenade nicht in ihrer gesamten Länge befahrbar sein.

Bei dieser Strecke handelt es sich um keine Radschnellverbindung (auch als Radschnellwege bezeichnet), für die nämlich deutlich höhere Standards gelten. Es ist eher eine Radvorrangroute nach den beschlossenen Kriterien der 14 geplanten stadtregionalen Velorouten. Offiziell scheint sich inzwischen der Begriff „Kanalpromenade“ zu etablieren – bislang ist das jedoch nur der amtliche Straßenname für ein Teilstück zwischen dem Osttor in Hiltrup und bis auf Höhe der lauschigen Siedlung Schmitz-Kühlken. Auf diesem Stück – genauer nördlich der Prinzbrücke bis zum Ballonplatz – wurde seit Herbst 2019 mit der künftig geplanten adaptiven („intelligenten“) Beleuchtung geplant.

„Standards“ und Zuständigkeiten

Geplant ist eine durchgehende Asphaltoberfläche – Vorteile sind ein geringerer Rollwiderstand (Reduzierung der Reisezeitverluste) sowie eine witterungsunabhängige Nutzung (weder Staub bei Trockenheit, noch Matsch bei Nässe) und geringere Unterhaltungsaufwendungen. Weitere wesentliche Kriterien sind: eine Ausbaubreite von mindestens 3 Metern, deutliche Fahrbahnrandmarkierungen („Schmalstrich“) sowie eine angemessene Beleuchtung auf ganzer Strecke zur besseren Orientierung und Erhöhung der Sicherheit

Obwohl die geplante Kanalpromenade das gesamte Stadtgebiet durchzieht, „gehören“ die entsprechenden Betriebswege entlang des DEK nicht der Stadt Münster, sondern sind vielmehr im Zuständigkeitsbereich der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV). Hierbei handelt es sich um eine Bundesbehörde mit rund 12.500 Beschäftigten, genaue Bezeichnung: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, die zum Ressort des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gehört.

Aufgabe der WSV ist es „einen reibungslos fließenden und damit wirtschaftlichen Schiffsverkehr zu ermöglichen, betreiben und unterhalten“, das gilt u.a. für die 7.300 km Binnenwasserstraßen wie den DEK und die dazugehörigen Anlagen (Schleusen, Wehre, Schiffshebewerke, Brücken etc.) sowie die Betriebswege.

Die Betriebswege werden durch die Beschäftigten des WSA dazu genutzt, um jederzeit schnell und ungehindert im Falle einer Schiffshavarie am Unfallort Hilfe leisten zu können. Aber natürlich auch für die alltäglichen Arbeiten, um die Uferbereiche und Dämme dauerhaft in einem sicheren Zustand zu erhalten, denn die Schifffahrt und die Anwohner verlassen sich darauf, dass diese immer intakt sind. Hierfür zu sorgen ist die Aufgabe der WSV und dazu ist die Nutzung der Wege mit Dienstfahrzeugen unentbehrlich.“

Auf den Wegen sind Kraftfahrzeuge, Kleinkrafträder sowie motorisierte Fahrräder mit Kennzeichen nicht zugelassen. Auch das Reiten ist nicht gestattet, da die Hufe die Wege stark beschädigen. Schilder am Betriebsweg weisen hierauf hin.“

Bekanntlich werden Betriebswege und Kanalufer für zahlreiche Freizeitaktivitäten genutzt; das ist aus Sicht des WSV durchaus erwünscht.

In eine Broschüre von 2014 zum – parallel geplanten – Ausbau der Stadtstrecke Münster des DEK schreibt die Wasserschifffahrtsverwaltung, über das langjährige und weit hinter dem Zeitplan zurückhängende Bauprojekt:

„Schiffe gucken, spazieren gehen, Rad fahren, relaxen oder sonnenbaden – der Dortmund-Ems-Kanal (DEK) ist ein Naherholungsgebiet für die Stadt Münster und zugleich eine der wichtigsten Verkehrsadern für Deutschland.“

Konkret zuständig für den Münsteraner Kanalabschnitt ist das Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine (WSA), mit dem die Stadt Münster Vereinbarungen – auch über Aspekte wie Unterhalt, Winterdienst etc. – treffen muss.

"Um das Radfahren in Münster zu attraktivieren und noch mehr Menschen für das Radfahren zu begeistern, brauchen wir eine entsprechend komfortable Infrastruktur. Mit dem Ausbau des Kanalseitenweges können wir auf einer 27 Kilometer langen Strecke eine durchgängige und attraktive Fahrradroute realisieren", verdeutlicht Stadtbaurat Robin Denstorff den Inhalt der Vorlage. (Pressemitteilung, Stadt Münster vom 23.05.2019)

Naherholung und Infrastruktur

Die Kanalpromenade soll bis zum Jahr 2026 im gesamten Stadtgebiet Münsters über 27 km entlang des östlichen Ufers nach vorgegeben Standards, die sich am Veloroutenkonzept orientieren, fahrradtauglich ausgebaut werden. Der in der Regel 3 Meter breite, asphaltierte Streifen ist dabei ein Zweirichtungsradweg. Fahrräder (eventuell auch mit Kinderanhänger) teilen sich den Weg mit Betriebsfahrzeugen des Wasserschifffahrtsverwaltung, aber auch den Menschen, die joggen, spazieren gehen, angeln, Hunde ausführen oder als Kleingruppe eine „Pättkestour“ unternehmen. Während im Sommer Liegedecken, Grills und Shishas den Betriebsweg säumen (sowie zahlreich geparkte Fahrräder), dürften Wassersportler ihre Kanus, Gummiboote oder Stand-Up-Paddle-Boards über den Weg tragen, Zu erwarten sind – je nach Tages- und Jahreszeit – Nutzungskonflikte zwischen zügigen Alltagsradfahrenden und der Freizeitgesellschaft an „Münsters größter Badewanne“.

Das hat die Verwaltung in der Beschlussvorlage durchaus erkannt:

Selbstverständlich gilt es, der bedeutsamen Naherholungsfunktion des DEK (Badegäste, Jogger, Spaziergänger, Hundehalter, etc.) zu entsprechen und Nutzungskonflikte auf den Kanalseitenwegen möglichst zu mindern. Gestaltete Torsituationen oder Aufmerksamkeitsbereiche (z.B. Belagswechsel in Einmündungsbereichen) sind hier z.B. denkbar, um eine gegenseitige Rücksichtnahme der Nutzenden zu fördern. Des Weiteren ist insbesondere in den Sommermonaten auf die durch den Ausbau veränderte Situation öffentlichkeitswirksam hinzuweisen und für ein rücksichtsvolles Miteinander zu werben. Vorstellbar ist dies z.B. in Form von Pressemitteilungen sowie Plakaten und Vor-Ort-Kampagnen (vgl. erfolgreiche Aktionen im Hamburger Tunnel in 2015).“

Ob das reichen wird? Der Hinweis auf den Hamburger Tunnel mit rund 0,12 km Länge klingt da eher putzig – und die Fragen zu Kommunikationsmaßnahmen und Kampagnen müssen angesichts der aktuellen Debatten (Juli 2020) um rund 0,5 km an der Fahrradstraße Hittorfstraße sicher neu bewertet werden.

Und auch die WSV wird ihre Betriebswege weiterhin nutzen; damit sind Einschränkungen für den Alltagsradverkehr wahrscheinlich – auch wenn es hierzu noch keine Erfahrungen gibt. Die Verwaltungsvorlage bezieht das vorsichtig mit ein:

„Schließlich bleiben die Wege auch nach einem fahrradtauglichen Ausbau Betriebswege der WSV und werden als solche weiterhin genutzt. Diese Funktion gilt es, ebenfalls der Öffentlichkeit zu kommunizieren.“

Zur Kanalpromenade gibt es ein kurzes YouTube-Video, das im ersten Monat allerdings kaum 150 mal abgerufen wurde.

Neben dem üblichen Procedere von Beschlussvorlage, Budgetierung, Planung und Umsetzung hat die Planungsverwaltung (federführend ist das Amt für Mobilität und Tiefbau im Dezernat III) werden kommunikative Maßnahmen (jenseits von ein paar Postkarten für Anwohnerïnnen, amtlichen Pressemeldungen oder Baustellenmanagement), moderne Formate der Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerïnnenbeteiligung eingesetzt.

Öffentlichkeitsarbeit, Erwartungs- und Akzeptanzmanagement

Hier stellen sich grundsätzliche Fragen an das Radverkehrskonzept bzw. die Veloroutenplanung der Stadt Münster. Ob nun im Kontext von Klimaschutz, Pendlerproblematik, Flächenkonkurrenz oder Nutzungskonflikten – auch mit Blick auf die nicht unerheblichen Budgets. Die WSV wird sich an den bislang bekannten Planungs- und Erschließungskosten von 11 Mio. Euro beteiligen (siehe unten), diese sind im Haushalt der Stadt Münster mit 8,7 Mio. Euro (inkl. 150.000 Euro Planungskosten) veranschlagt. Die Teststrecke für „adaptive Beleuchtung“ steht mit 210.000 Euro im Etat. Ab Mitte Juli 2020 sollen 350 „intelligente Leuchten“ auf der südlichen Strecke nach Senden installiert werden. Die Kosten in Höhe von 1,4 Millionen Euro (Pressemitteilung Stadt Münster vom 17.07.2020) auf diesem Abschnitt werden über das Programm “Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme“ des Bundesverkehrsministeriums anteilig gefördert. Was Unterhalt, Winterdienst, Verkehrssicherung und weitere laufende Kosten angeht, scheint es noch kein belastbares Zahlenmaterial zu geben.

Um mehr zu Nutzungserlebnis und Akzeptanz von Radfahrenden auf der beleuchteten Teststrecke zu erfahren, führte das Amt für Mobilität und Tiefbau mit wissenschaftlicher Unterstützung der FH Münster vor Ort und online eine Befragung durch; die 570 Rückmeldungen führten tatsächlich zu weiteren Erkenntnissen; so wurde die Leuchtentechnik und eine Treibersoftware angepasst. Auch zum „Artenschutzmonitoring“ sollen Daten gesammelt werden – denn der Kanaluferbereich ist auch ein artenreiches Biotop.  

Neben dem über elf Jahre alten Film zu Münster! Fahrrad! Hauptstadt! (tatsächlich mit drei !)Eine Umfrage, ein paar Drohnen-Aufnahmen, ein Youtube-Video – nicht mehr als ein paar zaghafte Einstiege in das kommunale Erwartungs- und Akzeptanzmanagement. Ansonsten bleibt es bei den herkömmlichen städtischen Pressemitteilungen. Auch bei dem interessanten Projekt Kanalpromenade ist es dem Amt für Mobilität und Tiefbau bislang nicht gelungen, eine Vision der zukünftigen Fahrradstadt Münster 2025 oder die Markenbildung von stadtregionalen Velorouten zu entwickeln. Vorerst bleibt es bei der Wahrnehmung der beschworenen „Verkehrswende“ als ein Flickenteppich – mit aufgeregten Leserbriefen als Zugabe. Kurzum: Tiefe und Breite der begleitenden Kommunikation zu Mobilitätsmaßnahmen und -plänen müssen verbessert werden.

Nutzungskonflikte

Kritikerïnnen werden erneut bemängeln, dass die Kanalpromenade einmal mehr der Verflüssigung des Autoverkehrs dienen wird, während aktive Mobilität – also Radfahren und zu Fuß gehen – in Natur- und Freizeiträume verlagert wird. Die Behauptung, dass „Fangnetze“ für Fahrradfahrende am Kanalufer aufgehängt werden müsste, scheint allerdings weit hergeholt. Neben dem Artenschutz könnten Natur- und Umweltfragen noch gründlicher erörtert worden sein. Ein Hinweis gibt es lediglich auf reduzierter Wegebreiten wegen der „Erhaltung durchgehender Baumreihen bzw. markanter Bäume“, dies betrifft insbesondere die Abschnitte 3 und 4 (siehe unten) –  zwischen Kanalpromenade und Gewerbegebiet Eulerstraße (dazwischen liegt die Plaunungsherausforderung Betonmischwerk“). Es wäre vorstellbar, dass hier eine durchgehend wasserseitige Lösung umgesetzt wird, was auch dem Umwelt- und Grünflächenamt entgegenkommen würde.

Mit dem Ausbau der Stadtstrecke Münster wird das letzte Nadelöhr für die umweltfreundliche Binnenschifffahrt beseitigt,“ stellt das WSA Rheine fest. Tatsächlich sind Kapazitäten und Flächenbedarf von Großmotorgüterschiffen oder Schubverbänden deutlich günstiger als beim Transport auf Straße und Schiene. Auch bei den Co2-Emissionen (je Tonnenkilometer) erweist sich die Binnenschifffahrt den beiden anderen Verkehrsträgern als überlegen. Das WSA Rheine weist darauf hin, dass nach Abschluss der Bauarbeiten der Uferbereich wiederhergestellt wird.

So ist unter anderem die Pflanzung von mehr als 4.500 Quadratmetern Wald, rund 27.000 Quadratmetern Kleingehölzen und 940 Baumstämmen sowie die Entwicklung von Rasen, Wiesen und Hochstaudenfluren auf einer Fläche von über zehn Hektar vorgesehen. Für nicht mehr nutzbare Gebiete bepflanzt das WSA Rheine Ausgleichsflächen und legt neue Feucht- wiesen und Biotope an, die Fledermäusen, Brutvögeln und Lurchen artgerechte Quartier- und Jagdmöglichkeiten bieten.“

Vorgehen. Abschnittweise.

In Anlage 1 zur Vorlage 0498/2019 wird das Projekt – von der nördlichen zur südlichen Stadtgrenze – in sechs Abschnitte eingeteilt. Von besonderer Bedeutung ist der Abschnitt 2, die 4,2 Kilometer lange, sogenannte Stadtstrecke. In diesem Bereich – zwischen der Schleuse und der Eulerstraße südlich der Umgehungstraße (B 51) – fand und findet der Kanalausbau durch die WSV statt. Hier geht es um die  Querschnittserweiterung auf der Stadtstrecke Münster durch Zurücklegung von Kanalufern und Vertiefung des Kanals auf eine Fahrwassertiefe von 4,00 m. Damit verbunden sind auch umfangreiche Brückenarbeiten (weitgehend abgeschlossen: die Schillerstraßenbrücke sowie die Brücke am Laerer Landweg; aktuell in Arbeit: die Brücke an der Wolbecker Straße). Insgesamt acht Brücken und fünf Düker müssen als sogenannte Kreuzungsbauwerke der neuen Kanalbreite angepasst werden.

Planungsbeschluss für Abschnitte außerhalb der Stadtstrecke (Abschnitte 1, 3, 4, 5, 6)

Der Planungsbeschluss, der dem Baubeschluss vorausgeht, bezieht sich auf die fünf Abschnitte außerhalb der Stadtstrecke. In diesen Abschnitten ist die Stadt Münster für Planung, Ausschreibung und Durchführung des Betriebswegeausbaus verantwortlich und trägt 50% der Kosten. (Folgekosten und Unterhalt sind in dem Beschluss nicht erwähnt, gehen aber zu Lasten der Stadt Münster.)

Abschnitt 2 – also die Stadtstrecke des Kanalausbaus – teilt sich in zwei Bereiche

  • Süd: Umgehung (B 51) bis Wolbecker (von der WSV als Los 11 bezeichnet)
  • Nord: Wolbecker bis Schleuse (Los 12).

Erst nachdem die Querschnittserweiterung – inklusive der Brücken, Düker und weiterer Maßnahmen – abgeschlossen ist, dürfte die WSV mit dem notwendigen Betriebswegeausbau beginnen, dessen Planung, Ausschreibung und Durchführung komplett von ihr übernommen werden. Im Zuge des DEK-Ausbaus der Stadtstrecke sollte die Stadt Münster eigentlich 50 % der Mehrkosten tragen, die quasi durch die „Fahrradtauglichkeit“ entstehen. (Laut städtischer Website will sich die WSV aber nun mit einem deutlich höheren Anteil einbringen: „Kurzfristig hat sich außerdem ergeben, dass die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes den Wegausbau nicht, wie zunächst angegeben, zu 50 Prozent mitfinanziert, sondern zu 90 Prozent.“)

Zukunftsmusik

Mit der Nord-Süd-Tangente ist die Kanalpromenade eine wichtige Ergänzung des derzeitigen Radwegenetzes, zumal es Schnittstellen zu den stadtregionalen Velorouten von und nach Velorouten Telgte, Everswinkel, Sendenhorst sowie Drensteinfurt gibt. Auch wenn dieses Netz nicht vor 2026 fertiggestellt sein dürfte – die Abhängigkeit von der synchronen Querschnittsverbreiterung des Kanals durch die WSV miteingerechnet – ist die Vision einer großzügigen Radverkehrsinfrastruktur für Münster schemenhaft erkennbar. Ein (weiterhin) langer Weg über Runde Tische, Bürgersymposium, Radverkehrskonzept (2025) und Masterplan (2035+).

Den Zusammenhang mit den aktuell heftig diskutierten Fahrradstraßen, dem hierarchischen Netzcharakter und die erwartbaren Nutzungskonflikte am Kanalufer müssen die „Mobilitätsverantwortlichen“ der Stadt Münster sicherlich deutlich besser kommunizieren und moderieren. Auf der künftigen Kanalpromenade, die nicht an allen Wochentagen sowie zu allen Tages- und Jahreszeiten gleich intensiv genutzt wird, sind gegenseitige Rücksichtnahme und flankierende Maßnahmen unerlässlich: ein shared space für Freizeitnutzung und Alltagsradverkehr.

In der vielgliedrigen Beratungskette der kommunalen Entscheidungsfindung ist die „Kanalpromenade“ jedenfalls erstaunlich geschmeidig durch die Gremien gereicht worden. Ludger Steinmann (der für die SPD in zahlreichen Ausschüssen vertreten ist) gab im Planungsausschuss (27.06.2019 ) und bei der abschließenden Ratsentscheidung (3.7.2019) folgende gleichlautende Erklärung zu Protokoll:

„Bei der Vorlage handelt es sich nicht, wie von Teilen der Politik und der Stadtverwaltung medienwirksam inszeniert, um den Bau einer Veloroute oder eines Radschnellweges entlang des Kanals, sondern um die bereits im Radwegekonzept von 1997 angedachte Realisierung eines befestigten Radweges entlang des Kanals im Rahmen einer baulichen Ertüchtigung.

Die SPD-Fraktion stellt hierzu fest, dass diese Realisierung bereits zur Zeit der rot-grünen Rathauskoalition als Ziel beschlossen wurde. Weiterhin stellt die SPD-Fraktion fest, dass in der Vorlage kein Zeitpunkt für die vollständige Herstellung eines durchgängig befahrbaren und ausgebauten Radweges innerhalb der Stadtstrecke genannt wird. Dies ist wohl dem Zeitverzug bei der Realisierung des Ausbaus des DEK in Münster sowie den daraus resultierenden Unwägbarkeiten in Zusammenarbeit mit der WSV geschuldet.

Damit bleibt die seit 20 Jahren gewünschte und politisch beschlossene Aufwertung der Betriebswege zu befestigten Radwegen innerhalb der Stadtstrecke und damit zum Nutzen vieler Münsteraner Bürger*innen weiterhin „Zukunftsmusik“.“


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