WDR5 Stadtgespräch – Mehr Vorfahrt für Radfahrer?

05.12.17
Kategorie: Aktionen, Kreisverbände, Münster, Presse, Verkehr

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Publikum im Ideal. Bild - Peter Wolter


Am 30. November um 20 Uhr sendete WDR5 live aus dem Café Ideal in Münster eine einstündige Diskussionsrunde mit dem Publikum und den Moderatoren Matthias Bongard und Holger Beller zum Thema: Stress auf der Straße – Mehr Vorfahrt für Radfahrer?

Als Gäste waren geladen: Christian Schowe (Stadtplanungsamtsleiter Münster), Wolfgang Husch (Automobil-Club Münster e.V. im ADAC), Christoph Becker (Polizeipräsidium Münster) und Peter Wolter (ADFC Münsterland e.V.).

Matthias Bongard: „In Münster gibt es einen Apfel einen sogenannten Zankapfel und zwar seit vielen Jahren: Wem gehört die Straße? Münster ist die Fahrradhauptstadt Deutschlands. Schon jetzt gibt es mehrere hunderttausend Radfahrer. Und jedes Jahr werden es mehr, die vom Auto aufs umweltfreundliche Fahrrad umsatteln. Nur – entspannter wird es dadurch nicht. Münster zählt zu den Großstädten in NRW mit dem höchsten Unfallrisiko. Wenn hier Fahrradfahrer, Autofahrer und Fußgänger aufeinander treffen, dann kracht es – leider nicht nur verbal. Woher kommt das? Wird etwa der Streit um den Klimaschutz direkt auf der Fahrbahn ausgetragen? Oder drängeln sich Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger schlicht auf zu engem Raum? Im WDR 5-Stadtgespräch aus Münster wollen wir den Ursachen für den Stress auf der Straße auf den Grund gehen, fragen was jeder Einzelne und was die Stadt tun kann, um die Lage zu entspannen.“

Peter Wolter: „Der Gesamtverband der Versicherer hat in seinem Untersuchungsbericht 2008 zur Verbesserung der Situation und zur Verhinderung der vielen Unfälle mit Radfahrern festgestellt, dass die Radfahrer zwar nur an 10 Prozent der Unfälle beteiligt sind, diese aber 60 Prozent der Schwerverletzten und Getöteten im Straßenverkehr stellen. Das zeigt für mich deutlich, dass die Radfahrer, obwohl sie 40 Prozent des Verkehrsanteils stellen, sich vorsichtig im Stadtverkehr bewegen und dass sie anderseits aber den höchsten Blutzoll leisten. Ich habe noch nie gehört, dass ein Radfahrer einen Autofahrer tot gefahren hätte - aber vielfach schon umgekehrt. Wir brauchen daher einfach mehr Platz und auch Geld für den Radverkehr, damit sich schnell an dieser katastrophalen Lage etwas ändert. Wenn ich aber höre, dass dem Stadtplanungsamt nur 700.000 Euro im Jahr an frei verfügbaren Mitteln für den Radverkehr zur Verfügung stehen, dann wird wohl das neue Radverkehrskonzept Münster mit den 13 Velorouten nicht 2025 sondern erst 2050 umgesetzt werden!“

Wir werden erheblich mehr Mittel für den Radverkehr bereitstellen

Christian Schowe: „Wir werden im neuen Haushalt 2018 erheblich mehr Mittel für den Radverkehr einstellen und hoffe, dass dies auch so vom Rat verabschiedet wird. Im innerstädtischen Verkehr wird es zu einem Umdenken kommen. Wir müssen den begrenzten Raum, der auch historisch begründet ist und nicht vermehrbar ist. anders und zugunsten der Fahrradfahrer aufteilen müssen!“

Wolfgang Husch: „Bei der Evaluierung des Gesamtverbandes der Versicherer in diesem Jahr wurde festgestellt, dass an den Unfallschwerpunkten die Unfallraten leicht gesunken sind, aber bei den Alleinunfällen der Fahrradfahrer der Anteil um 166 Prozent gestiegen ist. Diese Entwicklung gilt es zu stoppen. Und wenn hier einige Zuhörer meinen, man könne den Autoverkehr aus der Altstadt heraushalten, dann haben wir eine tote Innenstadt wie ein großes Freilichtmuseum.“

Christoph Becker: „Ich plädiere für den Paragrafen 1 der StVO, gegenseitige Rücksichtnahme, dann wäre schon viel erreicht im Straßenverkehr."

Paragraf 1 der StVO wir es alleine nicht richten

Matthias Bongard: „Allein mit dem Appell an den Paragrafen 1 der StVO wird sich leider nicht viel ändern in der Zukunft befürchte ich. Was brauchen wir noch, damit es besser wird?“

Peter Wolter: „Wir brauchen vor allem mehr Platz, damit auch Fahrradfahrer sich untereinander gefahrlos überholen können, denn anders als im Auto, wo alle mit dem Gaspedal die gleiche Geschwindigkeit fahren können, haben Fahrradfahrer alle völlig verschiedene Fahrgeschwindigkeiten. Alte, Jugendliche, sportliche, langsame und Pedelecfahrern stehen oft nur ein handtuchbreite Radweg zur Verfügung und damit sind Unfälle vorprogrammiert. Wenn sich dies verbessert und endlich die 13 Velorouten kommen, dann werden noch viel mehr Menschen auch aus dem Umland das Auto gegen die Leeze tauschen und es für alle im Stadtverkehr besser werden. Ich empfehle allen sich mal das YouTube-Video „Nürnberg steigt auf“ anzusehen, dort sieht man zum einen, dass die Verwaltung viel weiter denkt als die Politik und zum anderen wie in Kopenhagen der Radverkehr sich in 10 Jahren verdoppelt hat, aber gleichzeitig die Unfälle in allen Bereichen gleichzeitig zurückgegangen sind. Dies setzt jedoch eine konsequente, planvolle und vernetzte Verkehrspolitik voraus die von allen gesellschaftlichen Gruppen getragen wird. Weg von einer autogerechten zu einer menschengerechten Stadt in der es sich für alle zu leben und zu flanieren (Einkaufen und Arbeiten) lohnt.

Nach dem Gespräch hat Peter Wolter Wolfgang Husch im kommenden Frühjahr zu einer mit Medien begleiteten „Wettfahrt“ eingeladen, vom Hauptbahnhof zum Schloss, klar - jeder natürlich mit seinem Verkehrsmittel. Husch hat die Einladung angenommen und Frau Brönstrup vom WDR möchte die Tour gerne begleiten.

 Audiothek: www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-stadtgespraech/audio-stadtgespraech-aus-muenster-stress-mit-den-fahrradfahrern-100.html


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