Von der Vision in die Realität
Radschnellwege in den Niederlanden, Dänemark und Hannover

21.02.11
Kategorie: Münster, Verkehrspolitik, Aktuelles

Die Nørrebrogade in Kopenhagen soll sich in einen “grünen Boulevard” verwandeln - Grafik: Københavns Kommune



Nørrebrogade: demnächst dreieinhalb Meter breite Radwege für die 36.000 Radfahrer - Grafik: Københavns Kommune



Bahnunterführung F35 in Almelo: niederländisches Verständnis von „Fietssnelwegen“ - Foto: Gemeinde Almelo



Brückenschlag für den Fietssnelweg F35 in Almelo zwischen Nieuwestraat und Burgemeester Raveslootsingel - Foto: Gemeinde Almelo



Nørrebrogade, Kopenhagen: Momentaufnahme an einem Samstag. Und wann gibt es in Münster die erste Zählstation? - Foto: Wikimedia commons



Fahrradroute 51 im Kopenhagens Stadtteil Nørrebro - Foto: Wikimedia commons, Nillerdk



Promenade und Fahrradstraßen sind Anknüpfungspunkte für radiale Radschnellwege in Münster - Grafik: Stadt Münster, Verkehrsentwicklungsplan 2025


Den Ruf als Trendsetter in Sachen Radverkehrsförderung begründete die Stadt Münster Mitte der 80ger bis Ende der 90ger Jahre. Noch heute zehrt die Stadt von diesem Ruf als Fahrradhauptstadt, obwohl andernorts innovative Ideen längst über das Stadium einer Vision hinaus sind. In der jüngsten Veröffentlichung „Vison Zero“ der Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention wird für Münster ein Szenario für das Jahr 2020 beschrieben, das in der Region Twente, in Kopenhagen oder Hannover schon heute Realität wird. Gemeint sind Velorouten, Express-Radnetze, Fietssnelwegen, Cykelsuperstier, Fahrrad-Highways oder kurz und klar: Radschnellwege.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Münsterland kann zum Beispiel in Almelo besichtigt werden, was in den Niederlanden unter „Fietssnelwegen“ verstanden wird. Hier ist im letzten Jahr ein Teilstück des F35 eingeweiht worden. Der Fahrradschnellweg wird von der Region Twente gebaut und soll das Rückgrat des regionalen Hoch-Qualitäts-Fahrrad-Netzes bilden. Erklärtes Ziel unserer Nachbarn ist es, damit das Image des Radverkehrs zu stärken. Mit dieser komfortablen Alternative zum Auto sollen Verkehrsanteile zurückgewonnen werden. Für die Route von Nijverdal über Almelo nach Enschede, mit Abzweigen nach Vriezenveen und  Oldenzaal nimmt die Region 82-Millionen-Euro in die Hand.

Das Projekt stellt hohe Ansprüche an die baulich-gestalterische Qualität und an die Einbettung in die städtische bzw. landschaftliche Umgebung. So ist u.a. eine durchgängig rot eingefärbte Fahrbahn mit 4 bis 4,5 Metern Breite vorgesehen, die einen deutlichen Kontrapunkt zum ansonsten rein touristischen Fahrradnetz setzt. Die Fahrbahnränder des Weges sollen sich durch vertikale Konstruktionselemente klar von anderen Einflüssen immer dort abgegrenzen, wo dies aus Gründen der Sicherheit oder aus Gründen der besseren Erkennbarkeit der Routenführung wünschenswert ist. Auf diese Weise sollen Beleuchtung, Beschilderung oder Begrünung klar dem Radschnellweg zugeordnet werden können.

Super-Radwege für dänische Pendler

Die Radwege der Nørrebrogade in Dänemarks Landeshauptstadt Kopenhagen gelten als die meistbefahrenen Radwege Europas. Die Hauptverkehrsader ist mit 36.000 Radfahrern am Tag chronisch überlastet. Rechnet man die 1.200 Radfahrer (Spitzenstunde) in Münsters Promenade hoch, wird das Ausmaß des dänischen Alltagsradverkehrs deutlich. Die Stadtplaner in Kopenhagen haben sich daher dazu entschlossen, die Nørrebrogade in einen “grünen Boulevard” zu verwandeln. Die Radwege an beiden Seiten der Straße sollen auf mehr als dreieinhalb Meter verbreitert, die Autos verbannt werden. Die knapp 2,5 Kilometer lange Straße darf dann nur noch von Bussen genutzt werden. Als erster Schritt sind an Werktagen zu bestimmten Zeiten in der Nørrebrogade und drei weiteren Straßen (Amagerbrogade, Østerbrogade, Farimagsgade) Grüne Wellen für Radfahrer, die mit 20 km/h unterwegs sind, geschaltet worden. Diese Maßnahme hatte zur Folge, dass das Durchschnittstempo um 33 Prozent auf 20 Stundenkilometer stieg, ohne dass Autofahrern und Fußgängern große Nachteile entstanden wären.

Die ersten beiden “Radautobahnen” ins Umland mit einer Gesamtlänge von über 14 Kilometern sollen Ende 2011 für den Verkehr freigegeben werden. Ein dritter Super-Radweg mit einer Länge von 20 Kilometern folgt 2012. Weitere ‚Cykelsuperstier‘ werden derzeit in Århus, Odense und Aalborg angelegt.

Mit den ‚Cykelsuperstier’ sollen neue Wege für Radfahrer geschaffen werden, die größere Distanzen in den Städten zurücklegen müssen. Wenn die Möglichkeit gegeben ist, führen getrennte Radwege durch grüne Umgebung und sind darauf ausgerichtet, das Anhalten vor querendem Verkehr zu minimieren. Die Routen sollen nicht nur für Pendler das Radfahren attraktiver machen, sondern auch Freizeitradlern eine grüne und ruhige Umgebung bieten. Bis 2015 soll der Radverkehrsanteil so auf 50 Prozent steigen und mittelfristig die Zahl der schwerverletzten Radfahrer halbiert werden. Um das zu erreichen, werden jährlich allein in Kopenhagen umgerechnet bis zu 13 Millionen Euro investiert.

Hannover: Leuchtturmprojekt mit bundesweitem Modellcharakter

Doch nicht nur im benachbarten Ausland sind Radschnellwege im Kommen. Die Metropolregion Hannover hat durch das renommierte Planungsbüro „PGV - Planungsgemeinschaft Verkehr“ ebendort bereits eine Machbarkeitsstudie für sechs Strecken erarbeiten lassen. In den Radschnellwegen sehen die Verantwortlichen ein Leuchtturmprojekt zur Förderung des Alltagsradverkehrs mit bundesweitem Modellcharakter. Es sollen unter anderem die Potentiale gehoben werden, die in der Zunahme der Wegeweiten des Radverkehrs liegen. Dabei setzt man insbesondere auf die hohen Zuwachsraten bei der Elektromobilität, von der die Kfz-Branche derzeit nur träumen kann. Anspruchsvoll sind in der niedersächsischen Landeshauptstadt auch die Anforderungen an die Ausbauqualität der Wege. So sollen sie möglichst unabhängig vom Kfz-Verkehr geführt aber bei unvermeidbarer straßenbegleitender Führung, baulich vom starken Kfz-Verkehr getrennt werden. Auf Fahrbahnen, die vom motorisierten Verkehr weniger frequentiert sind, wird eine Führung als Fahrradstraße favorisiert. Mit einer Breite von 4 Metern im Zweirichtungsverkehr soll eine sichere Befahrung auch bei Geschwindigkeiten bis 30 km/h erreicht werden. Durch eine direkte, weitgehend umwegfreie Linienführung, die Bevorrechtigung bei der Querung von Nebenstraße und durch minimierte Wartezeiten an Signalanlagen werden Zeitverluste in Grenzen gehalten. Und nicht zuletzt ist eine hohe, witterungsunabhängige Fahrbahnqualität vorgesehen, zu der auch regelmäßige Reinigung und Winterdienst gehören.

Anknüpfungspunkte für radiale Radschnellwege in Münster

Die Gemeinsamkeit der hier vorgestellten Projekte liegt in der neuen Qualität der Radverkehrsanlagen. Mehr Menschen für das Fahrradfahren im Alltag zu gewinnen ist das erklärte Ziel. Der Zusammenhang zwischen der Reichweite des Verkehrsmittels Fahrrad und der möglichen Geschwindigkeit spielt bei allen Vorhaben eine hervorgehobene Rolle. Radschnellwege werden aber nicht als „Radautobahnen“ verstanden, sondern als integrierter Bestandteil kommunaler Radverkehrsnetze. In Münster gäbe es bereits erste Anknüpfungspunkte für radiale Radschnellwege. Dazu drängen sich die Promenade und das rudimentäre Netz von Fahrradstraßen unter Einbeziehung der Wegweisung geradezu auf. Es ist an der Politik, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und den Ruf der Fahrradhauptstadt Münster zu schärfen.


Weitere Informationen

Links:
Detaillierte Informationen findet man auf diesen Seiten im Netz unter www.regiotwente.nl (Mobiliteit - Met de fiets – Fietssnelweg)
 
Zu den dänischen Super-Radwegen geht es hier: www.cykelsuperstier.dk Die Seiten befinden sich noch im Aufbau.
 
Den Leitartikel "Velorouten und Radschnellwege für Münster - jetzt starten!" finden Sie hier auf unseren Seiten im Netz: www.adfc-nrw.de/kreisverbaende/kv-muenster/radverkehr/grundsaetzlich/radverkehrsanlagen.html

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