Verkehrsberuhigung statt Straßenausbau: Eine Lösung für Wolbeck

18.05.20
Kategorie: Verkehrsplanung, Verkehrspolitik, Verkehr, Mobilität

In einem Bild: Initiative "Rettet-den-Esch e.V." veranschaulicht die Planung.



Bereich des Bebauungsplans Nr. 591 (ADFC: Screenshot Stadtplanungsamt)



Eschstraße: Die Planungen im lokalen Zusammenhang zwischen Telgte-Wolbeck-Hiltrup.



Gut erreichbar: Wegeverbindungen zum Ortskern Wolbeck.



Start – Ziel. Was bringt die Ortsumgehung?



Idyllische Münster-Werbung: "Wolbeck entdecken" (Bild: muenster.de/muenster.org)



Die Stadt Rudersberg – vor ...



… und nach der verkehrsberuhigten Umgestaltung. (Bilder von: www.ortsdurchfahrt-rudersberg.de)



Multimodal und nachhaltig weitergedacht: Veloroute nach Everswinkel und WLE-Personenzug nach Sendenhorst.


Münsters Stadtteil Wolbeck leidet seit Jahrzehnten unter dem Autoverkehr, der sich durch die Ortsmitte quetscht. Vor allem die ohnehin enge Straße „Am Steintor“ ist betroffen. Erleichterung sollte die lang ersehnte Umgehungsstraße bringen. Keine gute Idee, wie Hans-Günter Ockenfels von Fachgruppe Radverkehr des ADFC Münsterland meint.

 

Vollmundig verkündeten die Westfälischen Nachrichten im Dezember 2014: „Wolbeck erhält seinen Ortskern zurück“. Seit mehr als fünf Jahren ist die Umgehungsstraße nun in Betrieb, doch der Verkehr in der Ortsmitte hat sich nur unwesentlich verringert. Statt der von Straßen.NRW verbreiteten Prognose von 5.900 Fahrzeugen pro Tag, quälen sich aktuell immer noch 9.200 Fahrzeuge durch das Nadelöhr. Ein attraktives, belebtes Stadtteilzentrum ohne störenden Durchgangsverkehr, mit hoher Lebensqualität und Verkehrssicherheit, das versprach sich das Bürgerforum Wolbeck e.V. von der Umgehungsstraße. Erkennbar ist bis heute nichts davon. Nun soll, nach Vorstellungen des Amts für Mobilität und Tiefbau der Stadt Münster der Ausbau der Eschstraße die erhoffte Verkehrsentlastung bringen. Wie viele Ausbauten braucht die Verwaltung denn noch?

Die Eschstraße erschließt zur Zeit, innerhalb einer Tempo-30-Zone, ein Wohngebiet und führt zum Naherholungsgebiet am Flüsschen Angel. Geplant ist die Umwidmung zur Kreisstraße, mit Tempo 50 und Schwerlastverkehr. Kommt der Ausbau der Eschstraße, wird – das ist vorhersehbar – zusätzlicher Durchgangsverkehr generiert. Denn es wird eine Abkürzung in Ost-West-Richtung zwischen Telgte und dem Ortsteil Münster-Hiltrup geschaffen – für den Autoverkehr, der schon heute bequem über die Umgehungsstraße geleitet werden könnte.

Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten

Wann werden Verkehrsplaner*innen, auch in der Stadt Münster, endlich begreifen, dass man mit einem fortgesetzten Neubau von Straßen den Kfz-Verkehr nicht verringert. Im Gegenteil: Angebot schafft Nachfrage! Neue Verkehrsverbindungen und ein besserer Ausbau von Straßen erhöhen die Attraktivität (und den Raum) für den Kfz-Verkehr und generieren zusätzliche Kfz-Fahrten. Der Ausbau der Eschstraße wird den Kfz-Anteil im Ortskern Wolbecks nicht signifikant verringern.

ADFC-Forderung: Verkehrsberuhigung jetzt!

In dem oben verlinkten Zeitungsartikel aus dem Jahr 2014 hieß es: „…in Zusammenhang mit der Verlagerung eines Großteils des Verkehrs auf die neue Umgehungsstraße ist eine komplette Umkrempelung des Ortskerns geplant. Vorgesehen sind eine Verringerung der Höchstgeschwindigkeit von jetzt 30 km/h auf 20 km/h, Fahrbahnverengungen und Gehwegverbreiterungen, ein verkehrsberuhigter Geschäftsbereich, mehr Bäume und Bänke sowie weitere Begrünungen und verbesserte Bedingungen für Außengastronomie.“ Das wünscht sich Wolbeck auch heute noch.

Die Verwaltung hält dagegen, dass erst der Kfz-Verkehr reduziert werden müsse, bevor der Ortskern verkehrsberuhigt werden könne. Verkehrte Welt. Warum dreht man den Spieß nicht um? Nämlich: Der Ortskern wird verkehrsberuhigt, um den Kfz-Verkehr zu reduzieren. Was spricht konkret dagegen? Ist es die Sorge vor einem Verkehrskollaps oder, dass Ortsteile von Wolbeck zukünftig nicht mehr erreichbar sind?

Das Gegenteil ist der Fall. Ein Blick auf den Stadtplan zeigt, dass alle Ortsteile, insbesondere seit dem Ausbau der Umgehungsstraße, gut erreichbar sind (siehe Grafik rechts.). Die Ortsmitte wird ringförmig von übergeordneten Landesstraßen eingefasst, von denen immerhin sechs radiale Straßen alle Ortsteile erschließen und zusätzlich bis zur Ortsmitte führen. Würde der Ortskern umgestaltet und damit für den Kfz-Verkehr „undurchlässiger“ gemacht – im Fachdeutsch heißt das „den Raumwiderstand erhöhen“ – könnte der Durchgangsverkehr auf die Umgehungsstraße abgeleitet und aus dem Ortskern herausgehalten werden.

Zugegeben, die Wege des Kfz-Binnenverkehrs, also die Wege der Einwohner*innen von Wolbeck, würden sich auch verlängern oder verlangsamen, da ja auch diese über die Umgehungsstraße „umgeleitet“ würden, dafür könnten jedoch Fuß- und Radverkehr optimal gefördert und die zurückgewonnenen Freiflächen lebenswerter gestaltet und umgewidmet werden. Der Ausbau der Eschstraße (gestrichelte Linie im Plan rechts) wäre, so oder so, überflüssig.

Verkehrsberuhigung statt Straßenausbau – am Beispiel Rudersberg

Rudersberg, eine Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, nur wenig größer als Wolbeck, zeigt, wie es gehen könnte. Sie hat sich Anfang der 2000er Jahre erfolgreich gegen den Bau einer Umgehungsstraße gewehrt. Stattdessen wurde der Ortskern im Sinne eines „shared space“ umgebaut. Gehwege wurden verbreitert und abgesenkt, Fahrbahnen gepflastert und optisch eingeengt, auf Beschilderung wurde weitgehend verzichtet. „Sicherheit durch Unsicherheit“ lautet das holländische Prinzip. Durch diese gestalterischen Maßnahmen konnte das Kfz-Verkehrsaufkommen um 32 % gesenkt werden. Dabei wird nun die Geschwindigkeit von 30 km/h intuitiv eingehalten. „Die Aufenthaltsqualität konnte enorm gesteigert werden, die Ortsmitte lebt auf: Einzelhandels- und Gastronomieangebote wurden neu angesiedelt, Eigentümer engagieren sich mit Investitionen in Sanierungen u. Ä. und tragen so zur Steigerung der Attraktivität bei.“ Nachzulesen auf der eigens eingerichteten Website http://www.ortsdurchfahrt-rudersberg.de/.

Mobilität weiter denken! – Veloroute Münster-Everswinkel

Durch einen Ortskern, der verkehrsberuhigt ist, könnte auch die geplante Veloroute zwischen Münster und Everswinkel geführt werden und den Ortsteil Wolbeck optimal an das Radwegenetz anbinden. Das ist die Empfehlung des ADFC. Die Fachgruppe Radverkehr des ADFC Münsterland geht sogar noch einen Schritt weiter: In einer Stellungnahme schlägt sie der Planungsverwaltung vor, den Straßenverlauf von Wolbeck über Angelmodde bis Gremmendorf vom Kfz-Durchgangsverkehr zu befreien und für den Radverkehr zu bevorrechtigen. Die Anwohner*innen in den betreffenden Ortsteilen würden durch die Verkehrsberuhigung entlastet und die Veloroute würde nicht, so wie es die Verwaltung bislang  vorschlägt, in Konkurrenz zum Fußverkehr durch Naherholungsgebiete geführt. Mit einer zukunftsgerichteten Radverkehrsführung und einer reaktivierten WLE-Strecke würden so attraktive Mobilitätsalternativen geschaffen, Alternativen zum Kfz-Verkehr, der auch zwischen Wolbeck und Münster-Innenstadt im Sinne des Klimaschutzes reduziert werden sollte.

Weitere Informationen

Grundlage für Karten rund um Wolbeck: Geoportal Tim-online für NRW; weitere Bearbeitung durch Hans-Günter Ockenfels


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