Verengter Blick? „So geht Verkehrswende – Infrastrukturelemente für den Radverkehr“

12.11.20
Kategorie: Mobilität, Verkehrsplanung

Titel ADFC-Booklet: „So geht Verkehrswende"



Modellhafte Darstellung einer niederländischen Kreuzung mit Schutzinseln, verschwenkten, baulich getrennten und bei Vorfahrt durchgängig eingefärbten Radwegen. (Abbildung: ADFC Booklet, S. 36)



Modellhafte Darstellung einer deutschen Kreuzung ohne bauliche Trennung dafür mit freiem Rechtsabbieger, unvollständigen Aufstellflächen und fehlender Durchgängigkeit. (Abbildung: ADFC Booklet, S. 38)


Bereits Ende 2018 erschein das ADFC-Booklet „So geht Verkehrswende – Infrastrukturelemente für den Radverkehr“. Es gibt einen Überblick über die verkehrspolitische Arbeit des ADFC und zeigt, welche unterschiedlichen Radverkehrsführungsformen es gibt und bewertet diese. Auch die Fachgruppe Radverkehr im ADFC Münsterland hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt – und hat für einige Positionen Alternativvorschläge formuliert. Im Spannungsfeld zwischen „niederländischem“ und „deutschen“ Modell gibt es eine klare Empfehlung.

 

Die Broschüre ist gut strukturiert und anschaulich bebildert, so der erste Eindruck der Fachgruppe Radverkehr (FG). Vorausgegangen waren Diskussionen und Anträge auf der Bundeshauptversammlung des ADFC in Mannheim (auch mit Blick auf die damals anstehende Bundestageswahl). Die Inhalte des Booklets, die ein Jahr später in Berlin nochmals diskutiert und angepasst wurden, sind im Einzelfall eine wertvolle Arbeitshilfe und Diskussionsgrundlage für Kreisverbände und Ortsgruppen, die sich nicht täglich mit der Bewertung von Infrastrukturelementen für den Radverkehr beschäftigen und bietet zudem Einiges an Hintergrundwissen.

Dieses Booklet ist so konzipiert, dass es sich an alle interessierten Menschen richtet: Politiker und Politikerinnen, Menschen, die sich ehrenamtlich für eine neue Radverkehrspolitik engagieren, z.B. in Radentscheidgruppen oder im ADFC, (Rad-)Verkehrsplanerinnen und Verkehrsplaner sowie an alle weiteren Interessierten. Das Booklet schlägt einen großen Bogen von grundsätzlichen Aussagen bis hin zu den konkreten Führungsformen. Dadurch ist es interessant für Menschen, die sich auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene mit dem Thema Verkehrswende und Fahrrad befassen.“ heißt es im Vorwort der Broschüre (hier die Version vom Mai 2019 als PDF zum Download).

Die FG Radverkehr in Münster hat sich sehr intensiv mit den Themen beschäftigt und schon vor längerer Zeit vier abweichende Vorschläge formuliert, die allerdings nicht in die finale Version der Broschüre eingingen. Das mag formal ungünstig gelaufen sein, ist aber – auch aus heutiger Sicht – auch inhaltlich nicht zufriedenstellend. So bleiben diese, aus Sicht der Fachgruppe, unnötigen Verengungen und sind nach wie vor differenzierungsbedürftig. Erst jüngst hat der Unfallforscher der Versicherer (UDV) einen der unten genannten Aspekte aufgegriffen und kritisiert. (Kreuzungen nach niederländischem Vorbild verschlechtert Sicht für LKW, Oktober 2020). In einer Stellungnahme vom 20. Oktober 2020 nimmt der ADFC Bundesverband seinerseits Stellung zur UDV-Untersuchung des niederländischen Kreuzungsdesigns.

Inhaltlich wird Broschürentext mit einem eigenen Vorschlag kontrastiert:

 

Formulierung in der ADFC Broschüre (Bundesvorstand)

Alternativvorschlag der FG Radverkehr (Münster)

 

Seite 17 ADFC Position Satz 1

"Die Führung des Radverkehrs im Mischverkehr ohne Radverkehrsanlagen ist nur auf Straßen mit wenig Kfz-Verkehr und Geschwindigkeiten bis 30 km/h sinnvoll."

 

Die Führung des Radverkehrs im Mischverkehr ohne Radverkehrsanlagen für Menschen aller Altersgruppen und Nutzerarten ist nur auf Straßen mit wenig Kfz-Verkehr und Geschwindigkeiten bis 30 km/h sinnvoll. 

 

Seite 17: ADFC - Position Satz 3

"Andere Straßen sind für die gemeinsame Fahrbahnnutzung von Auto- und Radverkehr nicht geeignet."

 

Die Führung des Radverkehrs im Mischverkehr für Menschen aller Altersgruppen und Nutzerarten ist nur auf Straßen mit wenig Kfz-Verkehr und Geschwindigkeiten bis 30 km/h sinnvoll.

 

Seite 29: ADFC-Position 4. Abschnitt, Satz 1

„Fahrradstraßen sind nur dann sinnvoll, wenn sie als spezifische Führungsform des Radverkehrs klar und eindeutig erkennbar sind und möglichst einheitlich gestaltet werden."

 

Fahrradstraßen sind für zügigen und komfortablen Radverkehr sinnvoll. Sie werden von allen Verkehrsteilnehmenden besonders dann akzeptiert und angenommen, wenn sie als spezifische Führungsform des Radverkehrs klar und eindeutig erkennbar sind und möglichst einheitlich gestaltet werden.

 

Seite 39: zweiter Absatz, nach dem 2. Satz ergänzen:

Niederländische Designelemente für Kreuzungen werden als gute Lösung beschrieben – und sollten „bei der Gestaltung von Radverkehrsanlagen auch hierzulande eine Selbstver- ständlichkeit sein.“

Nachteilig ist bei diesem Design, dass Radfahrende aus dem Sichtfeld der Autofahrenden herausrücken. Zügiger Radverkehr wird wegen der mehrfachen Verschwenkung eingeschränkt, nicht zuletzt, weil die Kurvenradien häufig  zu klein sind. Außerdem benötigt das "niederländische“ Kreuzungsdesign viel Fläche, die in Innenstädten oft nicht vorhanden ist.

 

 

Fazit: Im Zweifel das „deutsche“ Modell favorisieren

Eine Infrastruktur schaffen zu wollen, die alle Menschen von 8 bis 80 überzeugt, ist notwendig. Dass nun allerdings die Bedürfnisse aller Radfahrenden in die Gruppen der Achtjährigen oder der 80-jährigen eingeordnet und eingepresst werden sollen, ist indes auch nicht wünschens- und erstrebenswert.

Abschließend noch eine grundsätzliche Einschätzung zur Gegenüberstellung der "niederländischen" und "deutschen" Knotenpunktmodelle:

Ein wesentlicher Nachteil des niederländischen Modells ist, dass Radfahrende aus dem Sichtfeld des rechtsabbiegenden Kfz-Fahrers rücken. Dies widerspricht eindeutig den Forderungen der ADFC-Position auf Seite 25. („Besonders sicher sind bauliche Radwege, wenn sie direkt im Sichtfeld des Kfz-Verkehrs verlaufen.“)

Daher könnte bei diesem Modell lediglich die subjektive Sicherheit unterstützt und bei zügigerem Räumen der Kreuzung sogar der Kfz-Verkehr beschleunigt werden. Tatsächlich wurden im Stadtgebiet von Münster die abgesetzten Kreuzungen in der Vergangenheit häufig gebaut.Sie haben sich nicht bewährt und werden seit einigen Jahren sukzessive umgestaltet.

Die deutschen Kreuzungen haben deutlich mehr Potential gegenüber den Modellen, die in der Broschüre dargestellt werden. Wichtig sind selbstverständlich breite Radspuren, die sowohl die objektive als auch die subjektive Sicherheit unterstützen. Große Aufstellflächen für Radfahrende vor den Kfz-Haltelinien und intelligente Ampelschaltungen, die den Radfahrenden Vorrang einräumen. Diese bringen den Radfahrenden ins Sichtfeld und verhindern gefährdenden Begegnungsverkehr. Eindeutige Markierungen und Einfärbungen der Radspuren im ganzen Kreuzungsbereich schaffen intuitiv sicheres Verhalten und Orientierung. Freie Rechtsabbieger sollten kontinuierlich zurück gebaut werden.

Grundsätzlich sind Knotenpunkte sehr komplexe Gebilde die immer einer Einzelfallbetrachtung bedürfen. Die Wahl einer jeweils sicheren, komfortablen und zügigen Radverkehrsführung erfordert daher eine offenere Herangehensweise als die in der Broschüre vorgeschlagenen.


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