Unsere Stellungnahme: Herstellung von roten Fahrradstraßen

07.03.18
Kategorie: Aktuelles, Münster (OG), StVO, Verkehrspolitik, Mobilität

Hier könnte in Zukunft eine rote (?) Fahrradstraße kreuzen.(Metzer Straße)



Hier könnte in Zukunft eine rote (?) Fahrradstraße beginnen. (Am Krug)



Hier könnte in Zukunft eine rote (?) Fahrradstraße beginnen. (Südstraße)



Hier könnte in Zukunft eine rote (?) Fahrradstraße enden (Südstraße)



Niederlande: Bei Fahrradfahrern zu Gast


Hinter dem Kürzel V/0125/2018 verbirgt sich die öffentliche Beschlussvorlage für den Rat der Stadt Münster zur „Herstellung von roten Fahrradstraßen“. Vor der Sitzung des ASSVW hat der ADFC Münsterland eine Stellungnahme abgegeben.

 

Die Öffentliche Beschlussvorlage V/0125/2018 hat bereits einen Teil der üblichen „Beratungskette“ durchlaufen. Die Vorlage traf nicht in allen Gremien, die sich vor der Ratsentscheidung am 14. März 2018 mit der Rotfärbung von Münsters bestehenden und geplanten Fahrradstraßen befaßt haben, auf einhellige Zustimmung. Es gab Ablehnung und Änderungsanträge. Qwasi im Schatten der Platanen bewegte das Thema auch die Leserbriefspalten der lokalen Blätter. Die Fraktion der Grünen in der Bezirksvertretung (BV) Münster-Südost hatte schon Ende Januar eine Anregung nach §24 Gemeindeordnung (GO) an den Rat geschickt. Dort war nicht Rotfärbung, sondern die Sperrung für den Kfz-Durchgangsverkehr für die Fahrradstraße Lindberghweg das Thema.

Auch die Aktivisten von fahrradstadt.ms haben sich mit einem kritischen Blogbeitrag (... ist bunt besser?) an die Öffentlichkeit gewandt. Und schrieben zudem einen Offenen Brief an die Vertreter*innen der Stadt Münster und der Parteien im Ausschuss für Stadtplanung, Stadtentwicklung, Verkehr und Wohnen (kurz: ASSVW).

Finanzen, Rollwiderstand, Reisegeschindigkeit, Krefelder Kissen, ERA und Einbahnstraßenschlaufen. Wie immer, wenn es in der wachsenden „Fahrradhauptstadt“ um den knappen Raum und das Thema Mobilität geht, treffen Fachlichkeit und Emotionen aufeinander. Der ADFC Münsterland hat vor der (öffentlichen) Sitzung des ASSVW am 8. März 2018, ab 17 Uhr im Hauptausschusszimmer, Stadtweinhaus eine Stellungnahme abgegeben, die wir hier im Wortlaut ins Netz stellen. Wer das Thema vertiefen möchte, dem oder der sei zusätzlich das bereits verabschiedete  „Radverkehrskonzept – Münster 2025“ empfohlen. Neben der Debatte um die Fahrradstraßen kann man sich hier auf ein weitere spannende Leezen-Diskussion vorbereiten: die stadtregionalen Velorouten

Öffentliche Beschlussvorlage Stadt Münster V/0125/2018
Herstellung von roten Fahrradstraßen

Stellungnahme des ADFC Münsterland e. V.

Um es vorweg zu nehmen: Der ADFC Münsterland e. V. begrüßt die Roteinfärbung der Fahrradstraßen in Münster, aber sie darf nicht die einzige Maßnahme sein, damit Fahrradstraßen zukünftig ihrer Aufgabe gerecht werden.

Fahrradstraßen sind ein komplexes Thema. Das beginnt schon bei der Frage, was genau sie sind, wozu und wem sie dienen – und wie sie ausgestaltet werden sollten.

Bislang nehmen wir Fahrradstraßen, die es in Münster seit den 1990er Jahren gibt, eher als Kuriosum wahr. Keine Überraschung, dass weder die Mehrheit der Radfahrenden, noch der motorisierte Verkehr (egal ob rollend oder ruhend) das Konzept „Fahrradstraße“ oder das damit verbundene Regelwerk wirklich kennt. Der Münsteraner Flickenteppich aus aktuell 18 einzelnen Straßen bzw. 12 verbundenen Achsen hat daran nichts geändert.

Nun stellt sich – unter Bezugnahme auf das RVK 2025 – die Frage, ob die Stadt Münster alle aktuellen und mittelfristig geplanten Fahrradstraßen komplett rot einfärben soll.

Tatsächlich haben einige Städte in NRW inzwischen ein Mehrfaches an Fahrradstraßen als Münster und scheinen diese (Beispiel Bonn: Beschluss für 107 Fahrradstraßen) deutlich planvoller in ein stadtweites Netz zu integrieren. Diese Städte verzichten nicht auf infrastrukturelle Maßnahmen und Markierungen, jedoch komplett auf eine durchgehende Rotfärbung. Die Bewertung dieses Münsterstandards ist daher nicht trivial.

Fahrradstraßen dienen vorwiegend dem Zweck der Bündelung und Bevorrechtigung des Radverkehrs auf besonders geeigneten Straßen und sollen vor allem ihren Einsatz bei hohen – aktuellen oder zu erwartenden – Radverkehrsstärken finden.

Grundsätzlich dürfen in Fahrradstraßen keine anderen Verkehrsmittel als Fahrräder fahren. Verkehrsplanerisch besteht so die Möglichkeit, eine Straße für den Radverkehr zu priorisieren, diesen zu bündeln und damit das Radverkehrsnetz aktiv zu gestalten. Die Realität sieht in Münster jedoch anders aus. Leider ist die autofreie Fahrradstraße nicht die Regellösung, sondern dem Autoverkehr, auch dem ruhenden, wird sehr breiter Raum gelassen. Dies findet der ADFC Münsterland bedauerlich und dem Anspruch einer „Fahrradhauptstadt“ nicht angemessen.

Kein Autoverkehr, kein Autoparken. Eine solche Lösung wäre sicherlich effektiver, effizienter und günstiger als die diskutierte Roteinfärbung. Doch lässt sich dies in städtischen Straßen nicht immer verwirklichen. Damit Fahrradstraßen aber zukünftig ihrer Aufgabe gerecht werden, müssen sie von Auto- und Radfahrenden wahrgenommen werden. Der Vorrang für den Radfahrverkehr muss deutlicher werden. Dazu trägt die rote Farbe bei, aber es sind zusätzliche Maßnahmen dringend erforderlich:

  • Der Kfz-Verkehr muss deutlich verringert werden. Es sind lediglich Anwohner und Anlieger zuzulassen, Durchgangsverkehr ist durch Einbahnstraßenschlaufen, gegenläufige Einbahnstraßen, Sackgassen mit Durchfahrt für Radfahrende, Ableitung auf Parallelstraßen, u. a. zu verhindern.
  • Verkehrs- und Einfahrtskontrollen müssen dies sicherstellen.
  • Mindestbreite von 4,00 m, mit zusätzlichen Sicherheitsabständen von 0,75 m zu parkenden Kfz, gem. RAST 2006 und der Empfehlung der GDV (Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft e. V.) sind durchgehend einzuhalten. Dafür ist ggf. Kfz-Parken einzuschränken, z. B. durch nur einseitiges / alternierendes  Parken. Die Sicherheitsabstände sind durch Breitstriche klar zu markieren.
  • Vorfahrt gegenüber einmündenden Straßen. Die Vorfahrt ist durch Markierungen oder bauliche Gestaltung, wie z. B. Aufpflasterungen gem. ERA, zu verdeutlichen.
  • Netz-Einbindung und Durchgängigkeit. Fahrradstraßen sind in der Regel an Strecken mit gleicher Netzkategorie und Radinfrastruktur mit vergleichbar hoher Qualität anzubinden.
  • Überholverbot für Kfz einführen.
  • Fahrradabstellanlagen sind zu integrieren.
  • Die Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Infrastrukturelements Fahrradstraße sind zu evaluieren.

Diese flankierenden Maßnahmen sollten zeitgleich mit der Roteinfärbung geplant und ausgeführt werden, damit Fahrradstraßen ihr ganzes Potenzial entfalten können. Unsere Empfehlung: Besser jährlich weniger Fahrradstraßen rot einfärben, dafür aber mit einem hohen, einheitlichen „Münsterstandard“.

Es ist mehr als Symbolik, wenn den Radfahrenden der roter Teppich ausgerollt wird. Es kann als Zeichen der Wertschätzung interpretiert werden sowie zum subjektiven Sicherheitsgefühl und Komfort beitragen. Vor allem aber sollte eine Weiterentwicklung Fahrradstraßen zu einem wichtigen Baustein eines nachhaltigen (Nah)Mobilitätskonzeptes machen.

Und aus dem bisherigen Kuriosum könnte eine von allen akzeptierte Regellösung werden.

Mit fahrrad-freundlichen Grüßen aus der Nachbarschaft der Schillerstraße


© 2018 ADFC Kreisverband Münsterland e. V.