Überflieger Münster? Leuchtturmprojekte sind oft Insellösungen (1/3)

09.03.20
Kategorie: Mobilität, Verkehrsplanung, Verkehrspolitik, Verkehr

Visualisierung "Flyover Aegidiitor" (Quelle: Stadt Münster)



Visualisierung "Flyover Aegidiitor" - Windschutzscheibenperspektive stadtauswärts (Quelle: Stadt Münster)



Rokoko-Figurengruppe von Johann W. Gröninger, ca. 1740, am Aasee. Der dargestellte Hl. Nepomuk ist der Patron der Brücken (und wohl auch Flyover). Der Putto links blickt skeptisch. (Foto: Andreas K. Bittner)



Noch eine Visualisierung "Flyover Aegidiitor" (Quelle: Stadt Münster)



Illustration der Traverse und einiger alltagsbekannter Hotspots im "Verkehrsraum Aegidii". Beeindruckend der Raumbedarf der herabgestuften B54 unter dem Gesichtspunkt der Flächenkonkurrenz (Visualisierung: ADFC Münsterland)



"Die Fahrbahn ist ein graues Band ..." (Foto: Patrik Werner)


Stadtgesellschaft und (soziale) Medien Münsters, aber auch der ADFC Münsterland waren einigermaßen überrascht. Am 4. März 2020 präsentierte die Stadt via Pressemitteilung eine Ratsvorlage (V/0156/2020). Darin enthalten: Hinweise auf ein Förderantragsverfahren sowie Illustrationen für eine millionenschwere Radverkehrsbrücke am Aasee. Dieser „Flyover Aegidiitor“ soll die Radverkehrsanbindung der Innenstadt in süd-westlicher Himmelsrichtung deutlich verbessern. Ein mit Bundesmitteln gefördertes „Leuchtturmprojekt“, das dem verblassten Glanz der Fahrradstadt neue Strahlkraft verleihen mag. Ein Vorhaben mit hohem Symbolwert, aber ist es auch alltagstauglich? Für den ADFC hätte die Einrichtung einer „Fahrradstraße Aegidiistraße“ höhere Priorität. Und offenkundig werden – wieder einmal – keine Einschränkungen für den Autoverkehr angedacht. Klimaverträglich und ein echter Gewinn für urbane Lebensqualität wäre indes die Reduzierung jeweils einer Autospur auf der herabgestuften Bundesstraße B54 – zugunsten von Bus, Fuss und Rad. Eine erste, vorläufige Einordnung des hochfliegenden Brückenschlags. [Teil 1 von 3]

 

Nicht nur der ADFC Münsterland stellt seit langem fest, dass Münster sich auf den Lorbeeren der 1990er Jahre als Fahrradstadt ausruht; die letzte innovative Maßnahme für den Radverkehr war der Bau der Radstation am Bahnhof vor über zwei Dekaden. In der Tat ein architektonisches Großprojekt mit Leuchtturmcharakter und hoher Außenwirkung. Politisch zunächst sehr umstritten. Aber letztendlich eine Erfolgsgeschichte. Daran muss sich der Flyover messen lassen.

Hintergründe

Die wachsende Stadt Münster hat ihren langjährigen den Ruf als Fahrradhauptstadt verloren bzw. leichtfertig verspielt. (siehe: Ergebnisse des ADFC Fahrradklimatest 2018). Aber: In Münster fahren unverdrossen alle mit dem Rad. Allerdings hat sich die Qualität der Infrastruktur nicht annähernd im Gleichlauf mit Anzahl, Vielfalt und Größe (Stichwort: Lastenrad) sowie unterschiedlichen Geschwindigkeiten (Stichwort: Pedelec) der Räder entwickelt. Und die Unfälle mit Beteiligung von Fahrradfahrenden nehmen weiter zu: „Die Anzahl verunglückter Fahrradfahrer lag 2019 mit insgesamt 874 Personen weiter auf einem sehr hohen Niveau.“ Gleiches gilt für die Zahl der Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Rad- und Pedelecfahrenden (Einzelheiten in der Verkehrsunfallstatistik 2019, Polizeipräsidum Münster, PDF).

Und dann sind da noch die Masterpläne. Ein Masterplan „Münster Mobilität 2035+“ – also ein intelligentes und stadtverträgliches Mobilitätsgesamtkonzept für die Infrastruktur von Morgen sowie der Masterplan „100% Klimaschutz“ – auch an diesen Zukunftskonzepten muss sich der „Flyover Aegidiitor“ selbstverständlich messen lassen.

Mit der Stadt wächst auch die Erwartungshaltung, die von Politik und Verwaltungsspitze hochfrequent mit immer neuen Plänen, Projekten und Formaten geschürt (erinnert sei hier nur an rund ein Dutzend Stadtforen). Auch der Marketingdruck ist hoch. Und schließlich die Kommunalwahlen am 13. September 2020. Hauptthemen sind vermutlich Wohnen und Mobilität (oder besser: Immobilität). Da möchte man gern zugkräftige Projekte präsentieren.

Längst beschlossene Maßnahmen wie die 13 stadtregionalen Velorouten werden im fünften Jahr nun endlich konsequenter – bisweilen sogar fast aktionistisch – vorangetrieben. Das mühselige Schwarzbrot des Planers: schwierige Routenführung im Bestand, das Klein-Klein der Knotenpunkte und Radien. Halbherzige Umsetzung, kritische Verbände, mühselige Detailarbeit. Die Velorouten sind mehr Behauptung als er-fahrbare Tatsache; bunte Linien die auf den grünen Verteiler Promenade führen. Hier sind keine „Leuchttürme“ mit Signalwirkung für die Verkehrswende erkennbar.

Gefährliche Klippen auch die Rotfärbung der Fahrradstraßen, das Fahrradparken am Bahnhof, die lang angekündigte Einführung eines Bikesharing-Konzepts, das Autoparken auf Geh- und Radwegen, der Ludgerikreisel (eine Art Anti-Leuchtturm) oder die Promenadenquerungen. Zugleich werden abstruse Projekte verfolgt und Planungsdinosaurier wieder aus den Schubladen geholt: vierstreifiger Ausbau der B51 (plus Treckerspuren), die Verteilerstraße in Roxel (B-Plan 485, Ratsvorlage), der völlig unnötige Ausbau der Eschstraße oder die umstrittenen Ausbaupläne für die Tank- und Rastanlage Münsterland-Ost. Statt Leuchtfeuer eher ein klimapolitischer Flächenbrand.

Die Diskussionen zur Bevorrechtigung von Fahrradfahrenden an der Promenade gehen mittlerweile ins dritte Jahrzehnt. Motto: Zu spät, zu langsam zu mutlos. An der Neubrückenstraße soll es demnächst ein Pilotprojekt geben, die Ampelschaltung am Hörstertor wurde verändert und – nun kommen wir zum Aegidiitor – die unübersichtliche Unfallhäufungsstelle zwischen Kanonengraben und der ehemaligen Gaststätte Kruse Baimken wurde „entrümpelt“, ein Stück Radweg verbreitert, ein paar Schilder gesetzt – wohlwollend könnte man von einer kleinen Leuchtfackel sprechen.

Viele Millionen für den Radverkehr

"Die Radverkehrsachse von der Promenade zur Bismarckallee ist schon jetzt von hoher Bedeutung. Zukünftig rechnen wir mit der Einrichtung der Veloroute von Münster nach Senden und in Verbindung mit dem 'Flyover Aegidiitor' mit einer merklichen Erhöhung der Radverkehrszahlen auch über die neu gestaltete Fahrradstraße Bismarckallee", fasst Oberbürgermeister Markus Lewe die Bedeutung des Projektes zusammen. (Pressemitteilung, Stadt Münster vom 4. März 2020)

 "Der Flyover ist ein innovatives Statement für den Radverkehr: Es zeigt auf, wie Bevorrechtigung des Radverkehrs, Verkehrssicherheit, Fahrzeitgewinne und Komfort in Einklang miteinander gebracht werden können", so Stadtbaurat Robin Denstorff zur Bedeutung eines lückenlosen Radverkehrs in der Fahrradnetzplanung der Stadt Münster.

Seit rund zwei Jahren lautet die Erzählung: es ist genug Geld da, Radverkehr darf etwas kosten. In Münster geistert die Zahl von 50 Mio. für (nicht näher definierte) Mobilitätsprojekte sowie ein „Mobilitätsfonds“ durch die Köpfe und Reden. Seit September kommt der gewaltige Fördertopf von 900 Millionen Euro hinzu, den Bundesverkehrsminister Scheuer bundesweit für den Ausbau von Radverkehrsinfrastruktur bis 2023 zur Verfügung stellt. Angesichts der Summen, die ein paar Autobahnkilometer oder der Ausbau der B481n oder die Unterführung Heroldstraße (in Münster Mecklenbeck) kosten – bleiben das mobilitätspolitische Almosen. Angesichts der 6 Millionen Euro, die Münster für die Rotfärbung von Fahrradstraßen ausgibt, scheint die Brücke brutto, wie netto – also abzüglich der Fördersumme – nachgerade preiswert.

Zur Einordnung: Laut öffentlicher Berichtsvorlage (V/1177/2019) hat die Stadt Münster (über das Amt für Mobilität und Tiefbau) im Jahr 2019 für zahlreiche Straßenbau- und Mobilitätsmaßnahmen für Fördergelder eine Bewilligung von 6.193.997 Euro erhalten. Nach einer ersten Schätzung soll das Projekt „Flyover“ allein ein Volumen von ca. 10 Millionen Euro haben. Es soll eine "Förderung innovativer Projekte zur Verbesserung des Radverkehrs in Deutschland" beantragt werden; ein Programm, des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus dem Juni 2019. Nach Abschluss eines sogenannten Interessenbekundungsverfahren, Antragstellung und positivem Förderbescheid werden voraussichtlich 75 % der Kosten getragen, so dass bei der Stadt Münster ein Eigenanteil in Höhe von ca. 2,5 Millionen Euro verbleibt.

Ein Befreiungsschlag, ein Fanal für die müde gewordene Fahrradstadt? Der ADFC erkennt durchaus den Charme des Überfliegers (englisch: Flyover): Die Bereitschaft Radverkehr groß zu denken; so wie das in Dänemark und den Niederlanden selbstverständlich ist. Die Wertschätzung für Fahrradfahrende, die es gewohnt sind, sich mit Nebenanlagen begnügen zu müssen – oder mit der Sparversion einer Radschnellwegeverbindung (westfälisch: Veloroute). Diese positive Botschaft kommt an: nicht nur der Kfz-Verkehr erhält Millionensummen; auch Investitionen in den Radverkehr dürfen etwas kosten. Im Unterschied zu schnöden Autobaustellen gilt indes, gefördert werden nur

innovative Projekte des Radverkehrs in Deutschland, insbesondere investive Maßnahmen, die die weitere Entwicklung des Radverkehrs unterstützen, indem sie vor allem

Dem ADFC würden zum zweiten Punkt – Intermodalität, Quartiersbezug – für Münster interessantere Projekte einfallen. Bleibt die entscheidende Frage, ob die „Radverkehrsbrücke Aegidiitor“ einen Beitrag „zur Verbesserung der Verhältnisse für den Radverkehr leistet“ und ob es nicht andere alltagstaugliche Maßnahmen gibt, die schneller und effektiver wären. in dem hoch frequentierten Innenstadt-, Universitäts- und Naherholungsraum zwischen Kanonengraben und Aasee – oder mutiger gedacht: zwischen LWL-Museum und Schlossgraben.

Teil 2: Ein Überflieger für Münster. Große Maßnahme mit überschaubarer Wirkung?


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