Rotfärbung von Fahrradstraßen kritisch betrachtet

11.03.18
Kategorie: Mobilität, Verkehrsplanung, Verkehrspolitik

Rotfärbung - keine Fahrradstraße



Schillerbrücke (stadtauswärts) - Rotfärbung, keine Fahrradstraße



Lindberghweg (stadtauswärts) - Fahrradstraße, keine Rotfärbung (Bilder A. Bittner)


Der Rat der Stadt Münster wird am 14. März über die „Rotfärbung von Fahrradstraßen" abstimmen. Dazu ein Beitrag von Martin Kamps (Fachgruppe Radverkehr).

Die Fachgruppe Radverkehr im ADFC Münsterland hatte zur Ausschuss-Sitzung am 8. März 2018 eine Stellungnahme an Ratsparteien und die Presse verschickt. Das gemeinsame Papier war erst nach langer Diskussion als Mehrheitsposition verabschiedet worden. Martin Kamps war nicht mit allen Passagen einverstanden. Hier seine Einschätzung:

Die FG Radverkehr im ADFC hat sich als zentrale Ziele die Steigerung der Sicherheit im Verkehr, insbesondere im Radverkehr, die Beschleunigung des Radverkehrs und die Steigerung des Komforts des Radverkehrs gesetzt. Im aktuellen Zusammenhang mit der Diskussion um die Rotfärbung der Fahrradstraßen in Münster muss daher die Frage gestellt und beantwortet werden welche Rolle eine Rotfärbung der Fahrradstraßen bei der Erreichung dieser Ziele einnehmen kann.

Das Radverkehrskonzept 2025 der Stadt Münster schreibt „Als wesentliches Element der Radverkehrskonzeption lässt sich die Festlegung einer stadtweiten, flächendeckenden Roteinfärbung der Radverkehrsanlagen begreifen“. (S. 8) Begründung für diese Maßnahme ist, den Radverkehr aus Gründen der Verkehrssicherheit deutlich hervorzuheben, um die Aufmerksamkeit auf Radfahrende zu erhöhen und Unfälle zu vermeiden. (ebd.) Es wird auf die Niederlande verwiesen. In den Niederlanden jedoch wird eine Einfärbung lediglich als ein Element neben anderen (baulichen usw.) gesehen.

Bremen, Jena, Rosenheim ...

Eine Recherche im Internet nach den Stichworten „Straßen“ und „Rotfärbung“ ergibt wenige Treffer (3). Es handelt sich um 2 Presseberichte aus Bremen und Rosenheim sowie ein Protokoll aus Jena. Es finden sich keine validen Erkenntnisse bzgl. Erhöhung der Sicherheit. In Rosenheim habe sich die Hoffnung auf Erhöhung der Sicherheit nicht erfüllt, in Bremen hofft man noch und in Jena möchte man eine wissenschaftliche Evaluation der Rotfärbung durchführen.

In Münster möchte man knapp 6 Mio. Euro ausgeben für die Rotfärbung allein der Fahrradstraßen. Die Münsteraner Fahrradstraßen sind jedoch nicht als Unfallschwerpunkte bekannt und insofern müsste man sie nach der Logik des Radverkehrskonzeptes auch nicht einfärben. Ich halte daher wegen der eher nicht gegeben Relevanz und des Nichtwissens bzgl. Verkehrssicherheitseffekten diese Ausgabe für nicht vertretbar.

Rollwiderstand

Ob der Rollwiderstand bei nachträglich aufgebrachter Farbe wirklich deutlich steigt, wie im Blog vo fahrradstadt.ms behauptet sei dahingestellt. Die Wahrnehmung beim Vergleich z.B. auf der Schillerstraßenbrücke zwischen neuem glatten Straßenasphalt und eingefärbtem Schutzstreifen zeigt jedenfalls einen erhöhten Rollwiderstand. Auch hier könnte eine wissenschaftliche Untersuchung Klarheit bringen. Bislang ist nicht erkennbar, dass die Rotfärbung der Fahrradstraßen und der folgende erhöhte Rollwiderstand solche Sicherheitsvorteile bringt, dass die Forderung des Radverkehrskonzeptes „Ein weiteres zentrales Kriterium komfortabler Radverkehrsanlagen ist die Ausstattung mit einer möglichst glatten Oberfläche. Denn durch einen möglichst geringen Rollwiderstand erhöht sich der Fahrkomfort erheblich und vergrößert sich die Reichweite deutlich.“ (S. 7) aufgegeben werden muss.

Ich verweise auch auf den Entwurf des „Radverkehrspolitischen Programms“ der FG Radverkehr / Pkt. 7 „Kopf oder Bauch in der (Rad-)Verkehrspolitik“ und das „Verkehrspolitische Programm des ADFC“, Pkt. 9 „Evaluation und Forschung“

Ich meine dass eine qualifizierte Ablehnung einer Rotfärbung das Standing des ADFC in Politik und Öffentlichkeit eher erhöhen würde, ein Befürworten von Unsinn („besser 6 Mio für Rotfärbung als nichts“) jedoch eher als negativ wahrgenommen werden könnte („der ADFC steht für eine Ausgabe von städtischen Geldern, bei denen weder ein entsprechender Bedarf noch ein wissenschaftlich gesicherter Effekt gegeben ist“).

Postcriptum

PS: Wir wissen, dass die 6  Mio, wenn sie nicht für Rotfärbung ausgegeben werden, nicht für andere Zwecke zur Förderung des Radverkehrs übertragen werden können. Dennoch können wir davon träumen welche sinnvollen kleinen wie großen Maßnahmen mit 5 Mio. umgesetzt werden könnten: sie könnten von radfahrfreundlicher Ausgestaltung der Schwellen auf der Fahrradstraße Lindberghweg bis zu einem kompetenten und mit Kompetenzen ausgestatten Radverkehrsbeauftragten reichen….


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