Position des VCD Münsterland zum vermeintlich "alternativlosen" Ausbau der B51

05.08.19
Kategorie: Verkehrsplanung, Verkehrspolitik, Mobilität

Die Vermessung der B51 (noch zweispurig) aus Sicht von Radfahrenden (Bild Andreas K. Bittner)



Präsentation von Straßen.NRW zum Bürgerforum Handorf am 3.07.2019 (Screenshot)



Präsentation von Straßen.NRW zum Bürgerforum Handorf am 3.07.2019 (Screenshot)



Befahrung der geplanten Veloroute von ADFC Münsterland und Bündnis 90/ Die Grünen im August 2018 (Bild: Andreas K. Bittner)



Handorf Zentrum: Hier soll bald eine Veloroute den Stau auf der B51 verringern (Bild: Andreas K. Bittner)


Der Bund will die B 51 von Münster über Handorf nach Telgte sowie die B 64-Ortsumfahrung in Warendorf ausbauen. Damit soll eine leistungsfähigere Verbindung zwischen den benachbarten Oberzentren Münster und Bielefeld geschaffen werden. Anfang Juli hat sich Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe zu dem als „alternativlos“ bezeichneten Ausbau der B51/64 geäußert. Und setzte noch eins drauf: Er erkannte in der autobahnähnlichen Schnellstraße sogar eine „Umwelttrasse“.

 

Lewe vergisst dabei auch nicht die (schleppenden) Planungen der Veloroute No. 11 über Handorf: Laut  Westfälische Nachrichten vom 9. Juli 2019 sieht er „keinen Widerspruch zwischen der Ausbauplanung des Landes und der zeitgleichen Planung der Veloroute Münster – Telgte sehe. Es sei vielmehr „schlau“, beides zu kombinieren.

Angesichts eines solchen Etikettenschwindels müsse ein ökologischer Verkehrsclub, wie der Verkehrsclub Deutschland (VCD), der sich seit über 30 Jahren für eine menschen- und umweltgerechte Gestaltung der Mobilität einsetze, zunächst die Umweltschäden, aber auch die sozialen Schäden in den Blick nehmen, die dieses überdimensionierte Straßenbauprojekt verursachen wird. Zu diesen Schäden werden sich die im Umweltforum Münster zusammengeschlossenen Umweltverbände – zu denen auch der ADFC im Münsterland gehört – noch detailliert äußern. In seiner Pressemitteilung stellt der VCD vor allem die Alternativen heraus, an denen Münster und die Münsterlandkreise schon seit einiger Zeit arbeiten, und die auch erste Erfolge bei der Reduzierung des Kraftfahrzeugverkehrs auf der Strecke gebracht hätten.

Immense Schäden

Der extreme Flächenverbrauch für eine Reduzierung der Fahrtzeiten im Minutenbereich ist unverantwortlich in einer Zeit, in der aus Gründen des Klimaschutzes und der Biodiversität eine Extensivierung der Landwirtschaft und eine Ausweitung der Naturräume dringend geboten sind. Alte Wegebeziehungen werden abgeschnitten und so das tägliche Leben der Anwohner erschwert.

Münster und Telgte haben gerade den „Klimanotstand“ ausgerufen und sich zu verstärktem Klimaschutz verpflichtet, um die Erderwärmung unter 1,5° zu halten. Überall in der Welt werden Bäume gepflanzt, um CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen. Hier sollen nun tausende alter Bäume gefällt werden, unentbehrliche Kohlenstoffspeicher. Mit dem alten Prozessionsweg zwischen Münster und Telgte geht ein unersetzliches Kulturdenkmal verloren.

Für Kinder und Enkel, die seit Monaten für den Klimaschutz streiken, ist das ein Schlag ins Gesicht und ein Bruch des Vertrauens in die politischen Institutionen, meint der VCD Münsterland.

Alternativen zeigen erste Wirkung

Über Alternativen für Münster und das Münsterland wird seit Jahren nicht nur nachgedacht, an ihnen wird auch konkret gearbeitet:

  • Die Bahnstrecke nach Warendorf (RB 67 „Der Warendorfer“) wird bereits jetzt für einen Verkehr im Halbstundentakt (ambitioniertes Stichwort: „Münsterland S-Bahn“) ertüchtigt, sie verzeichnet steigende Fahrgastzahlen. Die Fahrzeit von derzeit 12 Minuten von Münsters Hauptbahnhof nach Telgte ist auch durch die neue Schnellstraße nicht zu unterbieten.
  • Mehrere regionale Buslinien verbinden den Kreis Warendorf (WAF) mit Münster, auch sie verzeichnen steigende Fahrgastzahlen. Die Verdichtung des Takts lockt zum Umsteigen – weg vom PKW. Die Weiterführung der Stadtwerke Münster Buslinie 4 vom Friedhof Lauheide über die August-Winkhaus-Straße bis zum Bahnhof Telgte könnte mit wenig zusätzlichem Aufwand eine weitere Bus-Verbindung bieten.
  • Eine Reduzierung der ÖPNV-Fahrpreise für Pendler ist schon auf den Weg gebracht. Diese Maßnahme sollte den Wechsel vom Auto auf Bus und Bahn noch einmal verstärken.
  • Die erste Münsteraner Veloroute in die umliegenden Gemeinden wird langsam realisiert. Sie bietet eine Alternative zwischen Telgte und Münster für Räder und Pedelecs. Eine weitere, bestehende Route südlich der B 51 über die Pleistermühle könnte mit geringem Aufwand ertüchtigt werden. Den Radweg entlang der B 51 als kürzeste Verbindung gibt es längst; er müsste erhalten und fahrrad-freundlich optimiert werden.
  • Die Stadt Münster arbeitet daran, den Verkehrsraum in der Stadt zugunsten des Umweltverbundes (Bus, Rad, Fußgehende) neu aufzuteilen und damit den Raum für Kraftfahrzeuge zu reduzieren. Dies wird von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützt und gefordert (siehe dazu auch: Initiative Starke Innenstadt: “Nicht autofrei – aber weniger Autos”) Ist es da sinnvoll, Millionen auszugeben, damit die Autos wenige Minuten früher in der Stadt im Stau stehen?
  • Schon in den letzten Jahren sind die Verkehrsmengen auf der Strecke rückläufig. Nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) ist der KFZ-Verkehr von 2007 bis 2017 zwischen Telgte und Münster von 21.022 auf 18.330 Fahrzeuge täglich, also um 13% zurückgegangen; der darin enthaltene Anteil des LKW-Verkehrs sogar um 25%. Damit widerspricht die Realität den Aussagen der Gutachter, die eine kontinuierliche Steigerung annehmen. Es zeigt sich, dass schon die bisherigen Bemühungen um Verkehrsvermeidung und -verlagerung ansatzweise greifen. Sie können und  müssen intensiviert werden, hier wären die Millionen für den Straßenbau gut angelegt, meint der VCD.

Es ist alternativlos, auf ein Denken in Alternativen zu verzichten. Daher wird der VCD-Regionalverband Münsterland  nach den Sommerferien alle Interessierten zu einer Veranstaltung einladen mit dem Thema: „Alternativen zur 'alternativlosen' Schnellstraße“.

Detailliertere Aspekte zur Verkehrsentwicklung  sowie Ausführungen zu den Instrumenten und Effekten im ÖPNV finden hat das VCD-Vorstandsmitglied Patrik Werner aufbereitet:

Gutachterzahlen sind falsch

Der von Straßen NRW bestellte Gutachter geht von heute 2.400 Fahrgästen pro Tag auf dem Regionalzug "Der Warendorfer" aus. Tatsächlich sind es derzeit 3.400 Fahrgäste täglich, so die Vorlage V002-2016 der Stadtverwaltung Münster (Anlage 2, HP Danziger Freiheit). Der absolute Fahrgast­zuwachs bei einer Taktverdichtung auf zwei Fahrten pro Stunde ist demnach erheblich größer, als von dem Straßen NRW Gutachter angegeben.

Die vom Gutachter behauptete Zunahme des Straßenverkehrs von 25.000 auf 33.000 Kfz täglich widerspricht der Entwicklung der vergangenen Jahre in diesem Korridor. Nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) sank das Kfz-Aufkommen von 2007 bis 2017 zwischen Telgte und Münster in beiden Richtungen zusammen von 21.022 auf 18.330; ein Rückgang um 13%, beim darin enthaltenen LKW-Verkehr von 1.924 auf 1.443, also ein Rückgang um 25%. Damit widerspricht die Realität den Aussagen der Gutachter, die eine kontinuierliche Steigerung annehmen.

Wirkungsvolle Instrumente zur Verkehrswende werden ingnoriert.

Zudem hat das für Straßen NRW erstellte Gutachten nur das Mittel Taktverdichtung genannt. Weitere Umsteiger vom Motorisierten Individualverkehr (MIV) sind zu gewinnen durch Beschleunigung (Fahrzeit­verkürzung), Durchbindung über den Hauptbahnhof Münster hinaus, zusätzliche Haltepunkte (Danziger Freiheit, Mondstraße, Handorf). Beispielhaft ist die Breisgau-S-Bahn im 30-Minuten-Takt mit Freiburg als Mittelpunkt.

Volllständig ignoriert das Gutachten das Instrument ÖPNV-Fahrpreise. Beispiel für die Umstiegswirkung stark ermäßigter Fahrpreise ist das auf die Zielgruppe Pendler zuge­schnittene Jahresabonnement "RegioKarte Freiburg/Breisgau". Für monatlich 53 Euro ist eine Region mit Freiburg als Mittelpunkt zu befahren, von der Fläche vergleichbar mit Münster einschließlich des zweiten Kommunenrings. Das Westfalentarif-Monatsticket im Abonnement für diese Fläche kostet 120 bis 150 Euro, also ein Mehrfaches der Breisgau RegioKarte.

Der VCD Münsterland hat in gleicher Zielrichtung das Konzept "Klima-Abo" für Bus & Bahn im Münsterland entwickelt. Außerdem hat der VCD Münsterland den Schritt der Stadt Stuttgart aufgegriffen, den Geltungsbereich der zentralen Preistufe für sämtliche Ticketarten erheblich zu vergrößern. Dort wurde mit kommunalen Ausgleichs­mitteln die Preisstufe 2 kassiert, das Gebiet der Preisstufe 1 entsprechend vergrößert. Der VCD hat als Anregung eingebracht, die Preisstufe 0 (Stadtgebiet Münster) auf den ersten Kommunenring zu erweitern, auch hier mit Hilfe kommunaler Ausgleichsmittel.

Umstiegseffekt maximieren

Günstigere Fahrpreise, dichtere Takte, kürzere Fahrzeiten, kürzere Wege durch sinnvoll gesetzte zusätzliche Haltepunkte: Werden sämtliche Instrumente gebündelt, ist im Korridor Münster – Telgte – Warendorf – Rheda-Wiedenbrück – Gütersloh – Bielefeld eine Fahrgast­zunahme wahrscheinlich, die weit über die Annahmen des für Straßen NRW erstellten Gutachtens hinausgeht. Fahrgastzunahme bei Bus & Bahn bedeutet: Umsteiger gewinnen vom MIV. Dessen Aufkommen dürfte wie bereits in den vergangenen Jahren auch zukünftig sinken. Eine Kfz-Zahl von unter 20.000 pro Tag ist auf Dauer realistisch. Damit ist die Grundlage entfallen für den "alternativlosen" Ausbau einer De-facto-Autobahn mit der bekannten trennenden Wirkung.

Die Schienenstrecken Münster – Rheine, Münster – Hamm, Münster – Essen verzeichnen schon heute jeweils über 10.000 Fahrgäste/Tag. Dieser Wert – sprich eine Verdreifachung der Fahrgastzahlen – ist auch zwischen den Westfalen-Metroplen Münster und Bielefeld ebenfalls möglich.

Das Straßen NRW Konzept bedeutet Kannibalisierung von Investitionen

Den Straßenverkehr mit hohem finanziellen Einsatz "schneller" zu machen, bedeutet, die Investition in die parallel verlaufende Schienenstrecke zu entwerten. Statt den Erfolg des klima- und flächenschonenden Schienenverkehrs (SPNV) zu fördern, wird mit "schnelleren" Einfallstraßen der mögliche Markterfolg der Zugverkehrs zwischen Münster und Bielefeld untergraben.


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