Nachhaltigkeitstag: Marienschule for Future

10.02.20
Kategorie: Mobilität, Verkehrspolitik

Nachhaltigkeitstag an der Marienschule (Screenshot: ADFC Münsterland)



Schulhof der Marienschule mit Skulptur und Fahrradständern (Bild: Andreas K. Bittner)



Potenzielle Fahrradstraße: Die Hermannstraße an der Marienschule (Bild: Andreas K. Bittner)


Am 6. Februar 2020 fand in der Marienschule Münster ein Projekttag zum Thema „Nachhaltigkeit“ statt. Neben Exkursionen in die Rieselfelder und zur NABU Naturschutzstation nach Haus Heidhorn wurde Nachhaltigkeit aus weiteren Perspektiven – Verpackung, Ernährung, Textilien oder Kosmetika – betrachtet. Bei einer Diskussion, die von den Schülerinnen mitvorbereitet worden war, saß auch der ADFC Münsterland mit auf dem Podium.

 

Seit längerem wird von der EU-Kommission in Brüssel bis hin zu einzelnen Schulen in Münster von Heranwachsenden und Schülerïnnen mehr Medienkompetenz gefordert (und gefördert). In Zeiten von Klimawandel, Klimakrise und Bewegungen wie Fridays for Future halten wir den Aspekt der Umweltkompetenz für ebenso wichtig (zumal sich beide Bereiche im Idealfall ergänzen können). Die Marienschule zeigte beispielhaft und mit viel Phantasie, wie diese Kompetenz gestärkt werden kann

Das ehemalige Marienlyzeum, das an der potenziellen Fahrradachse Dahlweg – Hermannstraße und an der vielbefahrenen Moltkestraße liegt, wurde bereits im Jahr 1922 gegründet und 1954 wieder neu eingeweiht.

„Die Marienschule Münster als katholische Mädchenschule in freier Trägerschaft legt besonderen Wert darauf, dass Schule nicht nur als Ort des Lernens verstanden wird, sondern auf der Basis des christlichen Menschenbildes als Lebensraum erfahrbar wird, in dem sich die Persönlichkeit jeder einzelnen Schülerin durch geeignete Lehr- und Lernkonzepte entwickeln kann. […] Dies kann nicht von einzelnen Lehrerinnen und Lehrern allein erreicht werden, es setzt vielmehr die gute und enge Zusammenarbeit von Schülerinnen, Lehrerkollegium und Elternschaft voraus, “ heißt es im Leitbild der Schule.

Erstmalig fand nun ein Projekttag zur „Nachhaltigkeit“ statt. Der Impuls kam aus der Schülerinnenschaft und deren Vertretung (SV) überzeugte Lehrer und Schulleitung von ihrer Idee. Mit Hilfe der SV-Lehrkräfte Franziska Seifert und Dr. Andreas Wagner wurde ein umfangreiches wie hochkarätiges Programm entwickelt, bei dem das Thema Nachhaltigkeit für 900 Schülerinnen der Marienschule – mit Kreativität und Spaß – klassenübergreifend erlebbar wurde.

Programmpunkte des Projekttages waren: Exkursionen zur Biologischen Station in den Rieselfeldern und der NABU Naturschutzstation Münsterland auf Haus Heidhorn (Hiltrup). Der Besuch eines Unverpackt-Ladens und des Milchbauernhofs Große Kintrup machten besonders den jüngeren Schülerinnen deutlich, wie wichtig und facettenreich das Thema Nachhaltigkeit ist. Im Schulgebäude fanden Workshops statt, die sich mit so vielfältigen Themen wie dem Upcycling von Textilien und Tetrapacks, der Herstellung von Kosmetika und dem Gestaltung von wiederverwendbaren Frischhaltetüchern mit Wachsbeschichtung beschäftigten. In einer grünen Küche lernten die Schülerinnen, welche leckeren Brotaufstriche, Saucen und Dips sich mit frischem Gemüse und Kräutern sehr leicht herstellen lassen.

Zukunftsthemen: Öffentlicher Nahverkehr, Batterieforschung und Verkehrswende

Für Schülerinnen der Mittel- und Oberstufe gab es ein spannendes und prominent besetztes Vortragsprogramm. Frank Gäfgen, neuer Geschäftsführer Mobilität der Stadtwerke Münster sprach über den öffentlichen Nahverkehr der Zukunft; Professor Dr. Winter vom MEET- Forschungszentrum der Universität Münster referierte über die Lithium-Ionentechnologie. Zur Erinnerung: Im Hansa-Business-Park in Münster entsteht gerade eine deutschlandweit einzigartige Forschungsfabrik für Batteriezellenproduktion. Die "Forschungsfertigung Batteriezelle" (FFB) wird mit einer halben Milliarde Euro aus Bundesmitteln gefördert.

Die Klassen 9 und die Einführungsstufe (EF) hatten auch den ADFC Münsterland eingeladen. Bei der Fachdiskussion, die noch am Vormittag von den Schülerinnen vorbereitet worden war, ging es um Mobilitätskonzepte der Stadt Münster. Neben Phillip Oeinck vom Fahrradbüro (Amt für Mobilität und Tiefbau) saß ADFC-Vertreter Nils Holub. Der Jurastudenten besitzt u.a. ein Lastenrad, ein Brompton-Faltrad und arbeitet manchmal aushilfsweise in einem Fahrradgeschäft im Hansaviertel. Vor über 100 Schülerinnen stand Nils Rede und Antwort; für ihn noch eine neue Situation, in der wir ihn uns künftig häufiger wünschen.

 "Nachhaltig ist Mobilität nicht schon dann, wenn in der Innenstadt kaum Autos fahren," so Nils Holub gleich zum Auftakt.

Die Stadt wurde von Phillip Oeinck (vom Fahrradbüro Münster) gewohnt engagiert und kompetent vertreten. Nach den Eingangsstatements und Antworten auf Fragen der beiden Moderatoren (Sebastian Bücker und Christoph Frye vom Lehrerkollegium), wurden ähnliche und divergierende Positionen von Fahrradclub und Stadtverwaltung deutlich. Einig waren die Panelisten sich, dass der zunehmend knappe öffentliche Raum neu verteilt werden muss – und dass dies nur auf Kosten des Autos gehen kann. (Die so genannte „Flächengerechtigkeit“). Deutlich wurde aber auch, dass Phillip Oeinck für die Stadt eine vorsichtigere Abwägung bei den verschiedenen Verkehrsträgern vornahm. Während der ADFC sich ehrenamtlich für den Umweltverbund und die Interessen von Radfahrenden einsetzt (Leitbild: zügig – sicher – komfortabel, PDF), ist das Amt für Mobilität und Tiefbau Teil des kommunalen Verwaltungsapparats (der schlussendlich die manchmal mühsamen Behördenwege beschreiten und die  Vorgaben aus der Politik umsetzen muss). Somit wurden in der Diskussion auch unterschiedliche Arbeitsweisen, Organisationsstrukturen und Möglichkeiten deutlich.

Fragen über Fragen

In der sehr konzentrierten Atmosphäre folgten die Fragen und engagierten Statements von Schülerinnen; dabei wären gerne noch mehr von ihnen zu Wort gekommen. Ein paar Beispiele: Mehr Beleuchtung auf Radwegen außerorts, besseren Winterdienst auf Radwegen bei Glätte und zumindest dort, wo morgens viele Schülerïnnen unterwegs sind. Mehr Sicherheit am Ludgeriplatz, der kaum eine Fahrradminute vom Schultor entfernt ist. Dabei ging es auch um deutlich zu eng überholende Autos. Und selbstverständlich war die Promenadenvorfahrt ein Thema. Es kam die Frage auf, ob die Innenstadt nicht „radikal“ von Autos frei gemacht werden könne.

Wenn Münster sich Fahrradstadt nennt, warum gibt trotzdem so viele Autos? Wie der ADFC stellten die Schülerinnen fest, dass viele Konzepte zu Radverkehr und Mobilität im Umlauf sind, sie fragten sich aber auch, ob es einen übergeordneten Plan und eine Reihenfolge gebe. Auch die (ausreichende?) Kooperation zwischen verschiedenen Ämtern wurde thematisiert. Viele (Fahr)Schülerinnen kommen von außerhalb Münsters. Beklagt wurde, dass z.B. die Busse von Havixbeck viel zu lange bräuchten. Nach jeweils ausführlichen Antworten vom Podium stand am Schluss fest:

Aus Sicht der Schülerinnen hat die Stadt noch einiges an Hausaufgaben zu machen. Der ADFC lernte, dass er in der Fahrradstadt Münster offenkundig noch zu wenig bekannt ist. Nils Holub sieht das als Bestätigung für sein ehrenamtliches Engagement: „Wir sollten uns noch mehr für den Alltagsradverkehr einsetzen. Und dabei auch die Schulen miteinbeziehen.“ Positiv erwähnt wurde im anschließenden Gespräch auch die ADFC-Winteraktion „Wecken für Aufgeweckte“ an der Promenade.

ADFC und Stadtverwaltung lobten einhellig eine gelungene Veranstaltung. „Wir freuen uns über das Engagement und Anregungen der Schülerïnnen – und brauchen diese auch, um Münster noch fahrradfreundlicher zu machen," sagte Phillip Oeinck.

Mit-Organisator Dr. Wagner tauschte sich mit seinem Kollegen Bücker aus und erfuhr, das dieser von Podiumsdiskussion begeistert war. Ihm gefiel, dass Nils Holub die wunden Punkte im Zusammenhang mit der "Fahrradfreundlichkeit" in Münster sehr zutreffend benannt hatte und er die Ausführungen der Schülerinnen durchaus bestärken konnte.

Etwas schade fanden Beobachter, das auf dem Podium vier männliche Experten waren – während im Publikum über 100 Zuhörerinnen saßen. Ein leider nur zu bekanntes Problem bei Mobilitätsdebatten – die oft sehr männerlastig sind. Aber das kann beim nächsten Projekttag geändert werden.

Andreas K. Bittner mit Aufzeichnungen von Elmar Post


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