Münster beim Fahrradklimatest 2018: Das verflixte 7. Mal

09.04.19
Kategorie: Mobilität, Verkehrspolitik, Presse, Münster

Michael Milde, Abteilungsleiter Mobilitätskonzepte, nahm für Münster den 2. Preis entgegen



Subversiver Aufkleber aus Münster (2. Platz, Fahrradklimatest 2018) #Radklima



Münster, in der Reihe der Zweitplatzierten beim Fahrradklimatest 2018



Bisheriges Ehrenmal am Stadthaus 3. Wie geht es weiter, Münster?



ADFC Bundesvorsitzender Ulrich Syberg, stellvertretende Bürgermeister Hartwig Guhle und Ordnungsamtsleiter Dietmar Roling aus Wettringen strahlen über Platz 2 (Ranking Städte bis 20.000 Einwohner) und Platz 1 (Zusatzbefragung: Familienfreundliche Stadt) – zusammen mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (von links)



Wimmelbild mit Bundesverkehrsminister und Bestplatzierten beim #FKT18



Herkunft und Zukunft der ADFC-Radverkehrspolitik: Bundesvorstände Ludger Koopmann und Rebecca Peters



Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (gelber Helm) hat einen eigenen Radschnellweg im Innenhof des Ministeriums, Ulrich Syberg (ADFC-Bundesvorsitzender, blaukarierte Krawatte) ein schönes Fahrrad


Wir freuen uns, dass das Münsterland – mit tollen Platzierungen für Bocholt, Reken, Wettringen und Heek – wieder als beste deutsche Fahrradregion im Klimatest abgeschnitten hat. Das konnte nicht einmal die ehemalige Fahrradhauptstadt Münster verhindern. Münster, bislang selbstverständlicher Seriensieger, musste nicht nur Karlsruhe den ersten Platz überlassen, sondern verschlechterte sich erneut bei der Gesamtnote – von 3,07 auf 3,25. Das ist absolutes Mittelmaß. Ein erster schneller Bericht aus Berlin.

 

Am Dienstag, dem 9. April 2019, wurden im Bundesverkehrsministerium in der Invalidenstraße die Sieger-Städte von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ausgezeichnet. Siegerstädte? Selbst die deutschen Großstädte mit dem gefühlt besten Fahrradklima kommen über durchschnittlich befriedigende Resultate nicht hinaus.

  • Bremen (bei Städten über 500.000 Einwohner) siegt mit der Durchschnittsnote von 3,55 vor Hannover (3,77) und Leipzig (3,85)
  • Mit größter Spannung wurde der Dreikampf der „echten Fahrradhauptstädte“ beobachtet: Hier liegt Karlsruhe (3,15) diesmal auf Platz 1; knapp vor dem sechsmaligen Seriensieger Münster (3,25) und Freiburg im Breisgau (3,42).
  • Gewohnt stark die kleineren Kommunen in der Fahrradregion westliches Münsterland – vielleicht liegt das an der Grenznähe zu unseren niederländischen Vorbildern? Wie im Vorjahr liegt Bocholt (Städte zwischen 50.000 bis 100.000 Einwohner) auf dem ersten Platz (Durchschnittnote 2,39). In den Gemeinden unter 20.000 Einwohnern sind – wie schon im Vorjahr – das Trio Reken (1,97), Wettringen (1,98) und Heek (2,37) ganz vorn. Fussnote: Wettringen wurde zudem 1. Sieger in der Zusatzkatgorie "familienfreundlichste Stadt".

Den statistischen Wust der Einzelergebnisse werden wir in den nächsten Wochen sorgfältig analysieren und kommentieren.

Hier alles Detailergebnisse zum Nachschauen und Staunen: www.fahrradklima-test.de/karte

Matthias Wüstefeld (ADFC Münsterland) hat für uns die Detailergebnisse der letzten Klimatests 2012 – 2014 – 2016 den aktuellen Resultaten von 2018 in einer Tabelle gegenübergestellt. Wer glaubt, dass wir Schwarz malen oder die Verhältnisse in der Fahrradhochburg Münster zu negativ sehen, braucht wahrsheinlich nur diese eine Seite, um uns besser zu verstehen.

ADFC-Fahrradklimatest: Ergebnisse für Münster 2012_2018 (exklusiv!)

Gute Rhetorik, tolle Absichten, vergleichsweise „mickrige Beiträge“

Trotz zahlreicher Absichtsbekundungen zum Fahrrad und dem Ausbau von Fahrradwegen, trotz rhetorischer Bekenntnisse zur #Verkehrswende (oder besser: #Mobilitätswende), trotz sporadischer Lastenradförderung und rudimentären Radschnellwegen und trotz einer frischen Stabstelle im BMVI für den Radverkehr sowie etwas mehr Geld (50 Millionen Euro) für das effizienteste, nachhaltigste Verkehrsmittel – am Ende bleibt es Augenpulver, Alibipolitik oder als Signal „mickrig“, wie tagesschau.de zum Festtag der Fahrradfreundlichkeit feststellt:

Neben den gut neun Milliarden Euro Gesamtausgaben für Bundesstraßen und Autobahnen nehmen sich die 150 Milliönchen für Radverkehr eher mickrig aus. In der Kommission zum Verkehr der Zukunft, die die Bundesregierung eingesetzt hat, wurde über 900 Millionen im Jahr diskutiert, damit die Ziele beim Radverkehr wirklich erreicht werden. Um da hinzukommen, müsste Andreas Scheuer noch ordentlich umschichten.“

Bundesweiter Trend: Sicherheitsgefühl beim Radfahren immer schlechter

Das bundesweite Gesamtergebnis des ADFC-Fahrradklima-Tests 2018 ist wenig erfreulich. Das Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Radfahrenden, hat sich in den vergangenen Jahren stets verschlechtert, ebenso das Sicherheitsgefühl. Die Radfahrerinnen und Radfahrer bewerten die Fahrradfreundlichkeit ihrer Städte im Durchschnitt mit der Note 3,9. Ausreichend? Falschparker auf Radwegen, die schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen und die fehlende Breite von Radwegen sind die am meisten kritisierten Probleme. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass man Kinder nur mit schlechtem Gefühl allein mit dem Rad fahren lassen kann.

Beim achten Fahrradklimatest wurden fünf Zusatzfragen zum Thema Familienfreundlichkeit gestellt. Hier liegt Münster mit einer Durchschnittsnote von 3,37 exakt 0,02 Pünktchen vor Karlsruhe auf Platz 1. Das Gesamtbild bei dieser Zusatzerhebung (Aspekte: Sicherheit von Kindern auf Geh- und Radwegen, Platz für Kinder- und Lastenanhänger, fahrradfreundliche Schulwege) ist so erschütternd – der Durchschnitt von 25 mittleren Großstädten liegt bei 4,33 – dass es sich nicht lohnt, hierauf näher einzugehen. Das Fahrradklima für sicheres Radfahren von 8 bis 88 in Deutschland wird offenkundig als ziemlich rau bewertet.

Münster – wie erwartet – nicht mehr FKT-Dauergewinner

Nun ist es passiert. Münster, die Seriensiegerin und selbstproklamierte Fahrradhauptstadt ist – wie von vielen erwartet und von Fahrradaktivist*innen geradezu sehnlichst erhofft – beim Fahrradklimatest FKT18 nur noch Zweite – knapp hinter Karlsruhe und vor Freiburg im Breisgau. Die Zeichen an der Wand waren eigentlich nicht zu übersehen.

  • Der Lorbeer wurde immer welker“, sagt Andreas K. Bittner, Vorsitzender des ADFC Münsterland. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen dies auch Politiker und Verwaltungsmitarbeiter in Münster, die sich mit den Themen Fahrrad und Mobilität beschäftigen. Bereits im August 2018 stellte die FAZ nach einer Recherche vor Ort in der tradionell katholischen Domstadt die Frage: „Das Ende des Fahrrad-Mekkas?" (€). Zu wenig, zu spät – war schon da unsere Einschätzung.
  • Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt. Eine vielbeachtete Ausstellung mit einem wunderbaren Katalog. Neben dem ganzheitlichen Blick auf Stadträume werden auf über 280 Seiten 26 internationale Einzelprojekte und ihre Lösungen für spezielle Bauaufgaben präsentiert. Und Münster, Deutschlands ambitionierte Fahrradstadt, mit einem vermeintlichen Radverkehrsanteil von knapp 40 Prozent (Zielmarke: 25 Prozent Steigerung), seinem Radverkehrskonzept (RVK) 2025, dem weit ausgreifenden Masterplan "Mobilität Münster 2035+" und den 13 Phantom-Velorouten? Münster ist in diesem Katalog mit einem sonnig-touristischen Promenadenbild vertreten. „Einzigartig in Europa ist der autofreie Ring um die Innenstadt. Hier, auf der Promenade, haben Radlerinnen und Radler freie Fahrt,“ textet Münster Marketing im Internet.
  • Auf unsere Rückfrage bei den Kuratoren der Ausstellung, warum Fahrradklimatest-Konkurrentin Karlsruhe („Von der Fahrradstadt zur Stadt der Nachbarschaften“) in Ausstellung und Katalog prominent vertreten sei, gab es – schon im Frühjahr 2018 – eine klare Antwort, die in Rathaus und Planungsverwaltung für erhebliche Unruhe hätten sorgen müssen:

 „Bei der Auswahl erlaubten wir uns auch einen Blick auf den letzten ADFC Klimatest. Münster hat im Gegenzug zu Karlsruhe an Punkten verloren, d.h. in den letzten Jahren trotz des hohen Radanteils nicht ausreichend an der (Rad-)Entwicklung gearbeitet. Der Katalog zeigt auf S. 14 ein sehr schönes Bild von Münster.“

  • Wer die solide gemachte aktuelle Ausstellung „Alles auf Leeze“ in Münsters Stadtmuseum besucht, sieht viel Vergangenheit, historische Reminiszenzen und Anekdoten sowie alte Fahrräder. Kaum etwas, was in die Zukunft weist, keine Vision, kein großer Wurf, nur die übliche Folklore und Mutlosigkeit. Eine un-inspirierte Fotomontage des bekannten niederländischen Hovenring über dem berühmt-berüchtigten Ludgerikreisel, eine weitere zu einer zusätzlichen Radunterführung (!) an der Promenade. Dazu ein paar launige Video-Einspieler der lokalen Prominenz.

FKT18 und Münster: Was auf den ersten Blick sonst noch auffällt

  • Der Lorbeer ist welk. Münster ist müde. Während die allgemeine Beteiligung beim FKT18 im Vergleich zu den Vorjahren stark anstieg, sind die Zahlen in Münster deutlich rückläufig. Die Umfrage vom letzten Jahres fand zum achten Mal statt. Mit einer Rekordteilnahme von 41.336 Bewertungen verzeichnet NRW ein Plus von über 40 Prozent im Vergleich zur letzten Erhebung in 2016, an der sich 28.504 Radfahrende beteiligten. In Münster waren es 1.532 Teilnehmende im Jahr 2018, das sind 179 weniger als 2016. Zum Vergleich Karlsruhe (2018): 1.899, Braunschweig 1.556, Bonn 1.664 oder Wiesbaden 1.729. Entscheidender aber ist: Wieder hat Münster sich in der Gesamtnote verschlechtert. Von 2,50 (2014) über 3,07 (2016) auf nunmehr 3,25 (2018). Wohlgemerkt subjektive Bewertungen von Nutzer*innen der unterdimensionierten Münsteraner Radverkehrsinfrastruktur – wie der Fahrradstraße "Schiller", dem handtuchschmalen Hochbord "Wolbeck" oder dem seit Jahren lautstark angedachten Boulevard "Hammer".
  • Auffallend ist auch, dass Münster zu den 10 % der Städte gehört, bei denen es deutliche statistische Ausreißer gibt. In den Anmerkungen zu Methode und Auswertung des FKT18 heißt es: „Bewertung der Teilnehmer ist sehr uneinheitlich (Ort zählt zu den 10% der Orte mit der größten Standardabweichung des Mittelwertes und der flachsten Verteilung der Einzelbewertungen.)“ – Auch das spüren wir täglich. Während vor allem Münster Marketing weiter am blassen Mythos der Fahrradhauptstadt werkelt und die 100-Schlösser-Route lobt , während Münsters Fahrradbürgermeister Markus Lewe wider besserer eigener Alltagserfahrung gut gelaunt optimistelt , werden stau-entlastende Alltagsradfahrende zunehmend ungeduldig. Unzufrieden. Und frustriert. Siehe die aktuelle Baustellenkommunikation und -führung am Albersloher Weg (8. April 2019).
  • Aufgeräumt ist Münsters Oberbürgermeister, ein authentischer Alltags- und Freizeitradfahrer („Ich habe sechs Fahrräder in der Garage“), der mit dem ADFC Bundesverband auf Bildungsreise durch die Niederlande radelt ("Attraktive Angebote machen, das Auto stehen zu lassen!") und nebenbei Präsident des Deutschen Städtetages ist. Dieser, gemeint ist der Städtetag, legt ein Positionspapier "Nachhaltige städtische Mobilität für alle", das ambitionierter ist, als die müde-routinierten Masterpläne Münsters.
  • Nach diesem Realitätsschock werden wir noch genauer die offiziellen Verlautbarungen zum FKT18 aus Münster beobachten werden. Und vor allem die Aktivitäten und "lessons learned" im neu formierten Amt für Mobilität und Tiefbau – neuerdings mit einem Abteilungsleiter Mobilitätskonzepte.
  • Der ADFC ist nicht schadenfroh. Aber nochmals: Schlimmer als der (relativ unwichtige) zweite Platz ist die Tendenz, das Mittelmaß – die klaffende Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
  • Frappierend: Die Münsteranerinnen und Münsteraner sitzen, westfälisch stur, dennoch tagtäglich auf ihrer Leeze. Das sorgt dann für die einzige echte Topbewertung im FKT18. In Münster – innerstädtischer Radverkehrsanteil 40% – finden wir diese Frage selbstverständlich kurios: „Bei uns fahren alle Fahrrad“. Hier geben wir uns selbst die Note 1,6. Anders gesagt: weder schlechtes Wetter oder noch schlechtere Radwege noch der gute zweite Platz beim Klimatest können uns vom Radfahren abhalten.
  • Knapp 800 Kommunen werden im Jahr 2019 am Stadtradeln teilnehmen, Münster hatte das noch nie nötig. Als selbsternannte Fahrradhauptstadt mit Tatort-Folklore und furchterregend schmalen Hochbordradwegen, brauchen wir schließlich auch keinen Fahrradbeauftragten. Wir haben Zukünfte und demnächst auch einen Chief Innovation Officer.

Der ADFC in Münster ist nicht überrascht und vor allem erleichtert. Außer wolkigen Zukunftskonzepten und Masterplänen können wir in den letzten 20 Jahren – damals wurde unser großes Fahrradparkhaus gebaut – keine Innovationen oder mutige Konzepte für nachhaltige Nahmobilität erkennen. Mobilitätswende? Münsters Radverkehrspolitik ist kleinkariert, mutlos und wird von Feierabend“parlamenten“ und Poahlbürgern zerredet oder der Realpolitik geopfert, während die Verwaltung mit der wachsenden Stadt und den wachsenden Pendlerströmen offenkundig überfordert ist. Bloß keine Experimente! Daran ändert eine eher halbherzige Lastenradförderung leider auch nichts mehr.

Flächengerechtigkeit – also mehr Platz fürs Rad (#MehrPlatzfürsRad) – ist weiterhin ein Fremdwort. Münster fehlt der Mut, dem Autoverkehr Raum und Geschwindigkeit zu nehmen. Die unterdimensionierte Radinfrastruktur ist in die Jahre gekommen und erneut sind die Unfallzahlen mit Beteiligung von Fahrradfahrenden um 10 Prozent gestiegen (siehe Verkehrsunfallstatistik 2018).

Der ADFC Münsterland wünscht sich, dass das Ergebnis des FKT18 die Stadt nunmehr tatsächlich aufrüttelt, die geplanten und beschlossenen Maßnahmen sehr zügig um zu setzen.

Nachtrag 1: Laudatio der launigen Moderatorin Hanna Gersmann fiel kurz und knapp aus: "Münster macht weiter – und plant viele Velorouten."

Nachtrag 2: Pressemitteilung Stadt Münster (9.04.2019) Platzierung ist Ansporn und Auftrag für die Zukunft / Oberbürgermeister Lewe gratuliert Karlsruhe


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