Mit dem Rad zur Uni

01.10.18
Kategorie: Mit dem Rad zur Arbeit, Verkehrsplanung, Mobilität

Studieren vor Fahrrädern (Foto: Presseamt Münster)



Flächengerechtigkeit? Handtuch-schmale Radwege am Neutor (Ausschnitt: Google Maps)



Seltenes Bild: Viel freie Fläche hinter Fürstenberg (Foto: Presseamt Münster / MünsterView)



Tabelle: Studentische Verkehrsmittelnutzung in NRW (Vergrößern per Klick)



CHE-Publikation "Verkehrsmittel für den Weg zur Hochschule"


Bundesweit ist die Fahrradnutzung bei Studierenden laut einer Befragung seit dem Jahr 2003 von 40 auf 35 Prozent gesunken. In Münster kommen erfreulicherweise vier von fünf Studierende mit dem Rad zum Hörsaal. Nur in Greifswald sind es noch mehr. Einige Zahlen aus dem aktuellen CHE-Hochschulranking haben uns zum Nachdenken gebracht.

 

Münster – Stadt und Uni wachsen

Münster – die wachsende Stadt. Zum 31. Juli 2018 weist die amtliche Statistik für Münster eine „wohnberechtigte Bevölkerung“ von exakt 309.259 Einwohner*innen aus. (Quelle: Stadt Münster). Allein an der WWU gibt es im Wintersemester 2017/18 genau 44.580 ordentlich Studierende (ohne Beurlaubte und Deutschkurs-BesucherInnen; Quelle: WWU Münster). Hinzu kommen weitere ca. 14.500 Studierende an der FH Münster (University of Applied Sciences) sowie zusätzliche Hochschulen (u.a. Katholisch, Musik, Polizei, Finanzverwaltung). Auch wenn die FH Münster einen Standort in Steinfurt hat, dürfte es deutlich über 60.000 Studentinnen und Studentinnen in der Wissenschafts- und Fahrradstadt geben.

Das CHE-Hochschulranking

In die Ranglisten des (gemeinnützigen) CHE – Centrum für Hochschulentwicklung (gegründet 1994, damals von der Bertelsmann Stiftung und die Stiftung zur Förderung der Hochschulrektorenkonferenz) sollen Informationen zu rund 300 deutschen Universitäten und Fachhochschulen einfliessen. Befragungen finden zu zahlreichen unterschiedlichen Aspekten statt. Zum zweiten Mal wurde untersucht, welche „Verkehrsmittel für den Weg zur Hochschule“ gewählt werden. Für Münster wurden im Jahr 2003 genau 1.871 Fallzahlen ausgewertet; in diesem Jahr (2018) waren es 2.540 Antworten. Im Jahr 2003 sagten in Münster 79,2 Prozent der Studierenden, dass sie regelmäßig das Rad nutzten; in Greifswald waren es 83,6 Prozent. Fünfzehn Jahre später:  Laut aktueller Befragung setzen sich 82,2 Prozent der Studierenden in Münster regelmäßig auf’s Rad auf dem Weg zur Hochschule. Nur im kleineren Greifswald kommen mit 93 Prozent noch mehr Studierende mit dem Fahrrad. 

Im Befragungsjahr 2018 kamen 14,1 Prozent der Studierenden zu Fuß in Hörsäle oder Mensen (2003: 12,4%); 9,4 Prozent erreichen die Alma Mater mit Auto oder Motorrad (2003 waren das noch 20,7 %). Öffentliche Verkehrsmittel nutzen nur noch 32,1 Prozent (2003: 42,1%). Wer die Prozentzahlen addiert, stellt fest, dass Mehrfachnennungen möglich waren. (Details für NRW in der Tabelle rechts; vergrößern per Klick.)

Fahrradstadt Münster (noch mehr "Verkehr in Zahlen")

Im Schnitt sitzt jede/r Münsteraner/in am Tag rund 20 Minuten im Sattel. Dabei legen die Menschen in Münster 40 Prozent aller Wege per Leeze zurück. Bei rund 400.000 Wegen pro Tag entscheiden sich die Einheimischen für das Fahrrad als Transportmittel. Pro Tag rollen über 16.000 Leezen die Promenade. Am Neutor, in der Nähe des Schlossplatzes, sind an Spitzentagen fast 23.000 Radlerinnen und Radler unterwegs. Das dürfte auch mit den Studierenden auf dem Weg zu den Instituten im Westen der Stadt und der Mensa am Coesfelder Kreuz zusammenhängen.

Die oben genannten Zahlen liefert das Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung. Kein Wort zu der überquellenden Fahrradschleuse an der Lazarettstraße. Kein Vergleich des handtuchschmalen Radweges für den akademischen Nachwuchs (und andere Radfahrende) mit den sechs- bis sieben Fahrspuren für den motorisierten Individualverkehr (MIV) und abschnittsweise für Busse. Kein Hinweis auf die rudimentären Zwei-Richtungsradwege am Coesfelder Kreuz und die chaotische Abstellsituation für Zweiräder ebenda. Auch aus studentischer Sicht stellt sich die Frage nach zügigem, sicheren und komfortablen Vorankommen in der Fahrradstadt – und auch die Bevorrechtigung an der Promenade erscheint so aus einer anderen Perspektive.

470 Kilometer Radwege führen durch das gesamte Stadtgebiet Münsters. Münster ist mit 302 Quadratkilometern flächenmäßig eine der größten Städte Deutschlands. Wer in den Außenstadtteilen lebt, muss sich auf Wege von acht bis zehn Kilometern einstellen, wenn er in die Innenstadt möchte. Rund 20 Prozent dieser "Mittelstrecken-Wege" legen die Münsteranerinnen und Münsteraner mit dem Fahrrad zurück – ein Spitzenwert in Deutschland,“ (so die Stadt Münster). Während die Pressestelle der Stadt lediglich die Ergebnisse des CHE-Hochschulrankings referiert, wäre die Frage interessant, wo die Studierenden wohnen und wohnen werden – und welche Wegeverbindungen sie (künftig) nutzen – oder nutzen wollen. Insbesondere sehen wir diesen Aspekt schon jetzt für das wachsende Gremmendorf, wo heute viele – und künftig noch viel mehr Studierende wohnen.

Fazit und Fragen

Das CHE-Ranking hält zusammenfassend fest: „Die Verkehrsmittelnutzung spiegelt offenbar infrastrukturelle Merkmale (Lage der Hochschule und studentischen Wohnraums, Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und von Radwegen) wider. Für den deutlichen Rückgang der KFZ-Nutzung könnten der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, die flächendeckende Einführung von Semestertickets, die Schaffung campusnahen oder zumindest mit ÖPNV gut angebundenen Wohnraums für Studierende oder eine klimabewusstere Einstellung der Studierenden verantwortlich sein.

Das scheint naheliegend – und mehr kann eine bundesweite Studie sicher auch nicht leisten. Statt – ­ wie so häufig in der Fahrradhauptstadt Münster – ­vordergründige Erfolgsmeldungen auf rein quantitativer, externer Basis zu referieren, würden wir uns für die oft proklamierte Fahrradhauptstadt mehr Analyse, planvolles Handeln und Weitsicht wünschen. Hier sind die Universität und die Stadt Münster gleichermaßen gefragt. Ein paar Denkanstöße:

  • Inwieweit werden radelnde Studierende, allein schon auf Grund ihrer Zahl, in die Planungen und Konzepte der Stadt mit einbezogen?
  • Welcher Rolle spielt das Fahrrad bei der (verbesserten) Anbindung der nach Westen weit ausgreifenden Universität an die Innenstadt und die dortigen Einrichtungen?
  • Welche Konzepte gibt es für die Hüfferstraße (Fahrradstraße?), die eine wichtige Achse zur Innenstadt und Teil des Veloroutenkonzepts ist?
  • Welche Konzepte gibt es zu den unhaltbaren Zuständen an der Kreuzung Neutor, am Zweit-Richtungsradweg am Coesfelder Kreuz und an der Ägidiistraße?
  • Wer erinnert sich noch an die Idee einer „Mensa-Linie“ für studierende Radfahrende?
  • Welche Ideen gibt es zum Fahrradparken im universitären Umfeld? (inklusive Krummer Timpen, Domplatz, Fürstenberghaus etc.)
  • Welche Konzepte zu (ausreichenden) Abstellanlagen in städtischer und universitärer Verantwortung gibt es?
  • Ergeben sich neue Planungen, wenn ein zukünftiges „Haus der Studierenden“ im Schlosspark entsteht – und neue Wegeverbindungen entstehen? 
  • Welche Verbesserungen sind an der kaum erkennbaren „Fahrradstraße“ Hittorffstraße denkbar?
  • Wie sieht es mit öffentlichen Luftpumpen und Reparaturmöglichkeiten/Servicestellen im Uni-Bereich aus?
  • Welche Kanäle der Zusammenarbeit gibt es zwischen Universität und Stadt zu Mobilitäts- und vor allem Fahrradfragen – die Studierenden betreffend?
  • Und: Wie sähen die Zahlen der Verkehrsmittelwahl für WWU-Mitarbeiter*innen aus?
  • Bleibt noch die Sicherheitsfrage: Viele Erstsemester sind einen so hohen Anteil von – flinken, geübten, bisweilen rücksichtlosen –­ Radfahrerinnen und Radfahreren, der sich mit Hochbordradwegen, Geisterradlern, freigegebenen Einbahn- oder Fahrradstraßen gut auskennt, nicht gewohnt. Auch um die Sicherheit der günstigen Erstsemester-Einstiegsräder (Licht, Bremsen etc.) ist es nicht immer gut bestellt. Was tun? Immerhin gab es im Jahr 2017 über 12.000 Studienanfänger*innen allein an der WWU.

Die Liste kann weitergeführt werden. Nachsatz: Mit diesen 10 Fahrrad-Tipps begrüßte Wien heute die Studierenden zum Semesterstart.

 

                     


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