Lärm und Lebensqualität in Münster

30.09.18
Kategorie: Verkehrspolitik, Verkehr, Mobilität

Wienburgpark, Münster – Oase der Ruhe. (Foto: Presseamt Münster / Joachim Busch)



Ausschnitt aus dem Lärmkataster der Stadt Münster (Lärm: Straßenverkehr, tagsüber)



Screenshot: Teilauszug aus dem Lärmaktionsplan (Vorlage V/0725/2018, RIS, Münster)



Einbettung der Verkehrsentwicklungsplanung in die Lärmaktionsplanung


Der Lärmaktionsplan (LAP) der 2. Stufe für die Stadt Münster liegt vor. Ab Oktober werden sich die politischen Gremien der Stadt hiermit zu beschäftigen haben. Der ADFC-Aktive Justus Efing hat ergänzende Vorschläge.

 

Der ADFC Münsterland befasst sich mit vielen Themen der Nachhaltigen Mobilität, Ökologie und des guten Lebens im (wachsenden) urbanen Raum. Es ist nicht immer einfach, bei den zahlreichen Master- und Aktionsplänen, Konzepten und Aktivitäten noch einen informierten Überblick zu behalten. Lärm und Lebensqualität ist so ein Thema, dem wir uns gern mehr widmen würden. Lärm und Luft sind beides Aspekte, die unter den Immissionsschutz und damit in den Zuständigkeitsbereich des Amtes für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit fallen. Im letzten Jahr haben Vertreter des Fachausschuss Radverkehr am "Lärmforum" (Mai 2016) und an den angebotenen, von Fachleuten geführten "Lärmspaziergängen“ im Südviertel teilgenommen. Mittelfristig geht es uns darum, dass Bürger*innen genau hinschauen und Position beziehen. Um so der nächsten Stufe des Lärmaktionsplans (LAP) Nachdruck zu verleihen.

  • Der Lärmaktionsplan wurde am 13. Dezember 2017 im Rat beschlossen. Beratungs- und Ratsvorlagen zum Lärmaktionsplan der Stadt Münster (Ratsinformationssystem V/0687/2017).
  • Bericht zur Aufstellung des Lärmaktionsplans, Lärmkartierung, Karten und Vorlagen sowie Links zu weiterführenden Imformationen des Umweltamts und des Bundesumweltministeriums.
  • Ein Blick in das Umweltkataster der Stadt Münster u.a. mit Lärmkatastern (Tag und Nacht) zu Straßenverkehrs- und Gewerbelärm.

Am 28. September 2018 hat unser Kollege Justus Johannes Efing, Fahrradfreund und im Hauptberuf Assistenzarzt für Innere Medizin, einen Brief an Oberbürgermeister Lewe und die Ratsmitglieder der Stadt geschrieben, den wir im folgenden – um ein paar Links angereichert – dokumentieren:

Brief an den Oberbürgermeister und den Rat der Stadt Münster

Mit großem Interesse habe ich die „Umsetzung der Maßnahme der Geschwindigkeitsänderung des Lärmaktionsplans (LAP) der 2. Stufe in Münster“ gelesen und begrüße die Maßnahme ausdrücklich. Diese beginnt ab dem 4.10.2018 in verschiedenen Ausschüssen zur Beratung (V/0725/2018) vorzuliegen. Es freut mich, dass unter anderem die Hammer Straße – leider nur nachts – mit Tempo 30 ein gutes Stück Lebensqualität hinzugewinnt. Bei näherer Betrachtung fallen mir zwei Bereiche auf, die zur Aufnahme in die Tempo 30-Anordnung zu prüfen wären:

  1. Die Eisenbahnstraße – Verbindungsstück zwischen geplanten Tempo 30-Anordnungen Bahnhofsstraße – Mauritzstraße
  2. Die Warendorfer Straße, Wolbecker Straße und Hafenstraße/Hansaring im schienennahen Gebiet

Anregung

Hiermit möchte ich anregen, bei den oben genannten Straßenabschnitten ebenfalls eine Temporeduktion auf 30 km/h durchzuführen. Vorgeschaltet könnten die berechneten Lärmbeurteilungspegel durch einjährig gemittelte Lärmmessungen überprüft werden.

Begründung

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) schätzt, dass im westlichen Teil Europas mindestens eine Million um Beeinträchtigungen bereinigte verlorene Lebensjahre („disability-adjusted life years“, DALY) auf Verkehrslärm-induzierte Erkrankungen zurückzuführen sind. Details im WHO-Dokument: Burden of disease from environmental noise: quantification of healthy life years lost in Europe aus dem Jahr 2010. 

Von Lärmbelastungen durch den Straßenverkehrslärm oberhalb der gesundheitlichen Schwellenwerte sind in Münster 13.900 Menschen (L DEN ) betroffen. (Anlage 5 zur Vorlage V/0687/2017 Münster)  „An Straßen mit einem Mittelungspegel während des Tages von über 65 dB(A) (ist) das Herzinfarktrisiko der Anwohnerinnen und Anwohner nachweisbar höher (…) als in einer ruhigen Straße“. („Lärm das unterschätzte Risiko“, Dr. W Babisch, S. Greye, Dr. H. Schreiber, April 2007). Und es gibt weitere Aspekte: Lärm macht krank und mindert die Lebensqualität. Herz-Kreislauf Erkrankungen und psychische Beschwerden bis hin zu Depressionen können Folge dauerhafter Lärmbelastung sein. Bei Kindern kann zu viel Lärm die Sprachentwicklung und die mentale Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Und Lärm kostet. So schätzt die Europäische Kommission die durch den Verkehrslärm in der Europäischen Union verursachten Kosten auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr. 90 Prozent davon entstehen durch den Straßenverkehrslärm, beispielsweise durch hohe Gesundheitskosten oder Wertverluste von Immobilien. (Umweltbundesamt Hauptsitz, Publikation Nr.19/2016). Siehe auch: Lärm und Klimaschutz durch Tempo 30: Stärkung der Entscheidungskompetenzen der Kommunen (Umweltbundesamt 30/2016).

Die Verkehrslärmschutzverordnung (16. BImSchV) sieht in reinen und allgemeinen Wohngebieten am Tage einen Lärmgrenzwert von 59 dB(A) und nachts von 49 dB(A) vor und in Kerngebieten, Dorfgebieten und Mischgebieten 64 dB(A) bzw. 54 dB(A). Eine Lärmsanierung ist bei Immisionsrichtwerten ab 59 dB(A) in Kerngebieten, Dorfgebieten und Mischgebieten vorgesehen. 62% der Bevölkerung in Deutschland fühlen sich durch den Straßenverkehr und 22% durch den Schienenverkehr gestört und belästigt (Umweltbundesamt 2006).

Bereich 1 – die Eisenbahnstraße dient als Verbindungsstück zwischen Bahnhofsstraße und Mauritzstraße. Es ist zu befürchten, dass es ohne den Lückenschluss zur unnötigen Lärmbelastung durch Beschleunigung auf Tempo und nachfolgendem Abbremsen kommt.

Bereich 2 – an den Ausfahrtsstraßen Hafenstraße/Hansaring, Wolbecker Straße, Warendorfer Straße in Höhe der Schienenunterführungen belasten die Anwohner*innen und Gäste zum einen der Straßenverkehr der Hauptverkehrsachsen als auch der zusätzliche Bahnverkehr mit leider teils äußerst geräuschvollen Bremsvorgängen der ein- und durchfahrenden Züge in den Hauptbahnhof Münster. Eine Tempo 30-Anordnung in diesen Bereichen wäre ein logische Fortsetzung der geplanten Tempo 30-Anordnungen der Mauritzstraße, der Wolbecker Straße, der Von-Steuben-Straße und Bremer Straße.

In der Anlage Anlage 5 zur Vorlage V/0687/2017 zum Lärmaktionsplan wird der direkt an der Warendorfer Straße gelegener „Linnebrinks Garten“ als ausgewiesenes ruhiges Gebiet zur Naherholung geplant. Um diesem Ziel gerecht zu werden, sollte Tempo 30 mindestens stadtauswärts bis dorthin gelten.

Über Prüfung und Rückmeldung meiner Anregung freue ich mich – auf dass bald vermehrt ohne Gesundheitseinschränkung der Balkon (und die Nächte bei offenem Fenster) genossen werden können. Weniger Lärm ist mehr Lebensqualität. Denn warum sollten die Außenbereichen in unseren Stadtvierteln in naher Zukunft keinen Stress und Krankheiten auslösen, sondern sogar wie die Natur  mindern können?  (Vgl. Studie https://www.mdpi.com/1660-4601/11/5/5445/htm, Int. J. Environ. Res. Public Health 2014, 11(5), 5445-5461)

Der ADFC Münsterland und Justus Efing werden das Thema auf der Tagesordnung halten.


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