Kommentar: Sinnfreie Rankings. Besonders nachhaltige deutsche Großstädte. Was macht Münster?

06.02.20
Kategorie: Presse, Aktuelles

Nachhaltiges Merchandising. T-Shirt im Online-Shop (Screenshot: ADFC Münsterland)



"Nachhaltigkeits-Dezernent" Matthias Peck (Bild: Stadt Münster)



FFF – auf Instagram (Screenshot: ADFC Münsterland)



FFF – Demo-Titelbild auf Facebook (Screenshot: ADFC Münsterland)



FFF – Twitter-Account (Screenshot: ADFC Münsterland)



FFF – Analoge Aktion beim #Parkingday 2019 in Münster (Foto: Andreas K. Bittner)



Nachhaltigkeitspreis 2019 für Münster



AStA an der Universität Münster: Nachhaltigkeits-Handbuch


Rankings sind so eine Sache. Wie Hochschul- oder Suchmaschinen-Rankings zeigen, lässt sich trefflich über Methode, Kriterien oder Gewichtung streiten. Vor allem wenn man nicht vorn dabei ist. Was einen kommerziellen Bildungsanbieter dazu bewogen haben mag die 25 größten deutschen Städte nach (sehr speziellen) Nachhaltigkeitskriterien zu sortieren, wissen wir nicht. Dass Münster dabei nur auf Platz 17 landet – geschenkt. Uns stören eher Methode, Untersuchungsgrundlagen und die erkennbare Absicht, von Nachhaltigkeitsthemen profitieren zu wollen. Fazit: Ein Ranking, das keiner braucht.

Die Integration einer nachhaltigen Lebensweise ist für viele Menschen eine Herausforderung. Dafür ist es von Vorteil, in der eigenen Umgebung auch Zugang zu nachhaltigen Produkten zu haben oder von einem günstigen öffentlichen Nahverkehr zu profitieren. Wo diese und weitere Gegebenheiten in Deutschland besonders ausgeprägt sind“, will nun der Bildungsanbieter, die WBS Gruppe, herausgefunden haben.

Das Unternehmen hat die 25 größten deutschen Städte auf die Nachhaltigkeit des Verkehrs, das Angebot an nachhaltigen Geschäften sowie die Unterstützung der Fridays For Future-Demonstrationen vor Ort analysiert. Dafür wurden Daten zu insgesamt acht verschiedenen Variablen erhoben und ausgewertet. Pro Variable wurden jeweils ein bis 25 Punkte vergeben.

Gewinner des Rankings

Insgesamt landet Stuttgart mit 162 von 200 möglichen Punkten auf dem ersten Platz des Rankings. Dahinter folgen Düsseldorf (159), München (150), Berlin (144) und Leipzig (142). An der Spitze steht Stuttgart angeblich deshalb, weil die Landeshauptstadt Baden-Württembergs im Bereich Mobilität insgesamt am meisten Punkte sammelte. Das enkeltaugliche Münster (Sieger Großstadt Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2019) landete nur auf Platz 17 (87 Punkte); im Bereich „Verkehr“ sogar nur auf dem drittletzten Platz.

Wir verfallen jetzt nicht in reflexartiges Lamento, wie ein Münsteraner Klima-Newsletter („ein Dämpfer für Münster“), sondern fragen uns zunächst, welche Bio-Äpfel und Birnen da überhaupt verglichen wurden. In drei Nachhaltigkeit-Kategorien wurden – im Detail nicht offengelegte – Punkte vergeben

  • Verkehr (nicht Mobilität)
  • Nachhaltige Geschäfte (= Bioläden und vegetarische Restaurants)
  • Fridays for Future (Social Media- Aktivitäten)

Was steckt dahinter?

Für die Kategorie Verkehr wurden die Preise für Monatskarten für Erwachsene im öffentlichen Nahverkehr im Bereich des inneren Stadtgebietes bzw. der kleinsten Tarifzone analysiert. Außerdem wurde der Anteil an zugelassenen Elektro- und Hybridautos auf Basis von Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes ermittelt. Die Anzahl an Ladesäulen für Elektroautos wurde gemessen an der Gesamtfläche der jeweiligen Stadt basierend auf Daten der Bundesnetzagentur analysiert.

Elektronische Steh-Tretroller fehlen genauso wie Fußgehende oder Car-Sharing. Bahnhaltepunkte, Mobilstationen, Leezenboxen? Lastenradförderprämie? Parksuchverkehr? Möglicherweise hätte man sogar ein beliebtes ökologische Verkehrsmittel mit einbeziehen können oder die Mitglieder von Fahrrad- und Verkehrsclubs zählen können? Nichts von alledem. Autos und Monatskarten. Egal. Allein, dass die Kategorie „Verkehr“ und nicht „Mobilität“ gewählt wurde, zeigt die Fahrtrichtung der Studie.

Essen und Trinken als Nachhaltigkeitsindikator

Untersuchungsgrundlage für die Kategorie nachhaltige Geschäfte. Mittels der Bewertungsplattform Tripadvisor wurde analysiert, wie hoch der Anteil an Restaurants ist, die für Veganer/-innen oder Vegetarier/-innen geeignet sind. Außerdem wurde die Anzahl an Bioläden pro Quadratkilometer auf Basis von Google Maps ermittelt. Ebenso die Zahl der Zero Waste-Läden (unverpackt?). Zudem wurde die Anzahl an teilnehmenden Too Good To Go-Geschäften mithilfe der gleichnamigen App erfasst. Im Bereich der nachhaltigen Geschäfte schneiden München, Frankfurt am Main und Berlin am besten ab. So gibt es in München beispielsweise die meisten Bioläden pro Quadratkilometer. Frappierend!

Münster kommt hier nur auf den viertletzten Platz. Kleidung, Kosmetik, Wohnen und Einrichten, Waschen und Putzen, Bauen und Renovieren? Egal. Nachhaltig sind für das Ranking nur Bioläden und für Veganerïnnen oder Vegetarierïnnen „geeignete“ Lokalitäten – in Münster lt. Tripadvisor immerhin 188.

Einen guten Überblick zu nachhaltigen Geschäften und Produkten vermittelt übrigens die Broschüre „Nachhaltig durch Münster“ (PFD, AStA der Universität Münster)*

Fridays For Future in Sozialen Medien

Düsseldorf gewinnt auch in der Kategorie Fridays For Future. Um das herauszufinden, haben die Rangfolgenmacher für Facebook, Twitter und Instagram analysiert, in welcher Stadt die Fridays For Future-Bewegungen gemessen an der Einwohnerzahl am meisten Follower haben. Außerdem wurde geprüft, welche Social Media-Accounts am aktivsten sind. Jeder Like bringt also Punkte.

Quantität und Reichweite. Interessant, dass bei diesem globalen Thema die „Analyse“ einzelne Bewegungen in Großstädten voneinander trennt. Mal abgesehen vom  "Carbon Footprint" eines Smartphones (seltene Erden, eingebaute Obsolenz, Entsorgung etc.) entsteht erst langsam ein Bewusstsein für den ökologischen Fußabdruck der Digitalbranche (Informationstechnologie, Streaming, Skype etc.). Laut einer Studie des französischen Think Tanks The Shift Project  sei bei ungebremstem Wachstum von Information and Communication Technologies (ICT) absehbar, dass 2025 die Acht-Prozent-Marke überschritten würde und die Digitalbranche damit mehr Treibhausgase erzeugen könnte als der gesamte weltweite Kfz-Verkehr! Digitaler Überkonsum ist ein vernachlässigtes, aber brennendes Thema. Die Künstlerin Jana Moll hat sich mit der Co2-Bilanz von Google und Suchanfragen befasst. Lesenswert!

Demonstrationen, Mahnwachen, Vorträge, Diskussionen, ein Fahrradkorso – was zählen analoge Aktivitäten schon im Vergleich zu einem Instagram-Post? In Summe fällt die FFF-Bilanz für Münster in der Studie indes positiv aus (4. Platz bundesweit), denn:

"Insgesamt am meisten Follower pro Einwohner/-in hat Münster, gefolgt von Bonn und Hannover."

Nachhaltigkeit: „ein Dämpfer für Münster“

Joachim Giese, Vorstand der WBS Gruppe, kommentiert die „Analyse“ und lässt sich ein wirres Statement in den Mund legen:

Der Klimawandel und die Umweltverschmutzung zählen zu den derzeit größten Herausforderungen der Menschheit. Umso wichtiger ist es, dass nicht nur Unternehmen nachhaltiges Leben fördern, sondern auch der Bund, die Länder, Städte und Kommunen. Unsere Untersuchung zeigt, dass einige deutsche Städte und ihre Bewohner/-innen sich in dieser Sache bereits als Vorreiter positionieren. In manchen Städten gibt es hingegen noch sehr viel Optimierungspotential.“

Die WBS Gruppe ist nach eigenen Angaben Gemeinwohl-bilanziert und bezieht ausschließlich Öko-Strom, verzichtet komplett auf Plastikflaschen und die von der Firma finanzierten Essen bei allen Veranstaltungen sind ausschließlich vegetarisch. WBS sieht sich aktiv als Teil der Initiative Entrepreneurs for Future. Allerdings: Die Energie, die für die Studie verbraucht wurde, hätte man sich auch noch sparen können. Sie zeigt aber, dass öffentlichkeitswirksame Vermarktung und Themensetzung sowie das Merchandising bei Nachhaltigkeitsthemen zunehmend wundersame Blüten treiben.So soll der eigene Marktwert für künftige Projekte erhöht werden. Solche Rankings haben mit den „Graswurzel-Aktivistïnnen“ nichts mehr zu tun; sie instrumentalisieren sie eher. Mancher würde das Greenwashing nennen.

* Nachtrag: Das aktuelle Handbuch "Münster nachhaltig" vom ASta der WWU Münster ist noch nicht veröffentlicht, eine aktualisierte Version des Readers ist aber schon im Netz zu finden.


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