Inklusion: Fahrradclub für Alle

23.01.18
Kategorie: Aktuelles, Mobilität, Kreisverbände
Inklusionstreffen vor der ADFC-Geschäftsstelle im Münsterland

Elmar Post (FG Radverkehr), Andreas K. Bittner (ADFC-Vorsitzender), Mareike Knöpfel (Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben) vor der ADFC-Geschäftsstelle Foto: Martina Kocik



Inklusive Radtour: Glut, Feuer, Eis – mit Westfalenfleiß an der Werse entlang Foto: André Menke



... ein weit Mythos, dass Menschen mit Behinderung nicht Fahrrad fahren (oder es nicht können). Screenshot: Twitter


Inklusion ist nicht gleich Integration, sondern meint gesellschaftliche Teilhabe, Vielfalt und Chancengleichheit. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, dabei zu sein. In der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf Inklusion festgeschrieben. Wie geht der ADFC damit um? Eine Bestandsaufnahme.

Beim Begriff „Inklusion“ denken viele zunächst nur an Schule. Oder an Menschen mit Behinderungen. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, engt die Sichtweise auf dieses wichtige Thema aber viel zu sehr ein. Soziale Inklusion betrifft keineswegs nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Senior*innen, Migrant*innen, Kinder, Jugendliche – und in einem Fahrradclub natürlich auch die Nicht- bzw. Noch-Nicht-Radfahrenden. Umsteiger, Aufsteiger, Einsteiger. Inklusion ist nicht gleich Integration, sondern meint gesellschaftliche Teilhabe, Vielfalt und Chancengleichheit. Jeder Mensch hat das Recht darauf, dabei zu sein. In der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf Inklusion festgeschrieben. Wie geht der ADFC damit um?

Die Bundeshauptversammlung (BHV), das höchste Gremium des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), hat im November 2017 einen ambitionierten Antrag zur Verbandsentwicklung verabschiedet. Dabei wird der Wunschzustand für einen ADFC im Jahr 2025 beschrieben. Eines der sieben Ziele, die bis dahin verwirklicht sein sollen heißt: Vielfalt.

Der ADFC vertritt alle Radfahrer*innen – und das ist auch sichtbar!

Der ADFC vertritt die Interessen ALLER Menschen, die das Fahrrad nutzen oder nutzen wollen. Und das sieht man dem ADFC auch an! Denn er handelt nicht nur so, sondern er zeigt das auch durch seine Angebote, seine Sprache, seine Vertreter*innen und durch die Bilder, die er veröffentlicht.“ (aus dem Antragstext)

Nun, wie die Initiative Frauennetzwerk NRW  zeigt, gibt es bei der Gremienstruktur, Themensetzung und geschlechtergerechter Sprache durchaus noch Nachholbedarf – auch im Münsterland. Mit unseren Fahrradtrainings haben wir ein wenig zu Integration und Emanzipation – vor allem von Migrantinnen – beitragen können; aber über die Nachhaltigkeit unserer Bemühungen wissen wir wenig. Und die Vielfalt der (Stadt-)Gesellschaft spiegelt sich sicherlich nicht in unserer Mitgliederstruktur wider. Das gilt ebenfalls für den Bereich Junge Menschen im ADFC (auch hierzu hat die BHV 2017 in Berlin einen wichtigen Beschluss gefasst) oder den Aspekt kinder- und familienfreundlicher ADFC. Mittelalter Mann, Helm, Weste, Tourenrad – auch die Bildsprache im ADFC ist nicht sonderlich vielfältig.

Zu einer zunächst unfreiwilligen Bestandsaufnahme von inklusiven Aktivitäten im ADFC Münsterland kam es, nachdem Mareike Knöpfel sich zu einem „Experteninterview: Inklusion im Freizeitbereich“ in der Geschäftsstelle meldete. Mareike arbeitet neben ihrem FH-Studium am Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben (KSL) für den Regierungsbezirk Münster. Seit 2016 gibt es in Münster mit dem KSL eine Anlaufstelle bei Fragen rund um den Themenbereich „Selbstbestimmt Leben“ und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Anlass war zunächst der Münsterland Giro, den der ADFC traditionell unterstützt. In diesem Jahr starteten in Wadersloh nicht nur die Stars der Radsportszene. Zum ersten Mal wurde auch der Giro Inklusiv ausgetragen. Egal ob auf Tandem, Liege- oder Hand-Bike, Drei-oder Vierrad oder klassischer Leeze – alle Teilnehmenden wurden gleichermaßen bejubelt.

Versuch einer Bestandsaufnahme

Im Gespräch mit Leezenkoch Matthias Wüstefeld und dem Vorsitzenden Andreas K. Bittner wurde dann einfach mal gesammelt, was es im ADFC Münsterland an inklusiven Angeboten gibt/ gab:

  • Sozialpädagoge Wüstefeld gehört nicht nur zu den Mitgründern der Radfahrschule, die zu Beginn vor allem ältere Menschen, aber auch Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer wieder auf’s Rad gebracht habt. Für viele hilfreich waren auch seine Dreiradkurse.
  • Seit 1993 hat Wüstefeld integrative Radtouren zusammen mit „Betroffenen“ entwickelt und durchgeführt. Zuletzt gab es 2016 die inklusive Radtour „Wasser, Eis und Glut“ in Kooperation mit Westfalenfleiß.
  • Der ADFC Münsterland unterstützt die MUT-Tour (früher: MOOD-Tour), ein Aktionsprogramm auf Rädern, das seit 2012 durch Deutschland rollt und „einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leistet.“ Im letzten Jahr verbrachten die Radaktivist*innen sogar eine Nacht in der Geschäftsstelle, bevor die Tandemfahrer*innen mit und ohne Depressionserfahrung gen Norden losradelten. Betreut wird dieses Angebot von dem Aktiven Klaus Benning. In Kooperation mit dem Psycho-Sozialen Zentrum (PSZ) Münster, einer Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch erkrankte Menschen, bietet Benning auch Touren im ADFC-Radtourenprogramm an.
  • Der ADFC in Münster (vor allem Bene Hoffmann) arbeitet bei Anhörungen und Planungsfragen mit der Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen (KIB) zusammen. Nicht immer einfach, wie die Situation an der Rothenburg und am neuen Hauptbahnhof zeigt: denn gedankenloses Fahrradparken und wenig vorausschauende Verwaltungshandeln sorgen für neue Alltags-Barrieren.
  • Im letzten Leezenkurier (3/2017, S. 7) berichtete die Ortsgruppe Rheine von Radtouren in Kooperation mit dem regionalen Blinden- und Sehbehindertenverband. Eingesetzt wurden Tandems. Die ADFC-Aktiven erarbeiteten einen Rundkurs und radelten als „Piloten“ voran. Die Herausforderung: eine Strecke, die für Tandems geeignet ist, auf der sich die Sehbeeinträchtigten auspowern und zugleich Erlebnisse für Ohren, Nase und Tastsinn geboten bekommen.

Möglicherweise gibt es im großen ADFC Münsterland weitere gut Inklusionsbeispiele, die uns nicht mehr eingefallen, oder tolle Projektideen, die uns noch nicht gekommen sind. Der ADFC Bremen beispielsweise bot Radtouren für und mit Menschen mit einer beginnenden Demenz an; auch für die Angehörigen war diese ein entspannende und abwechslungsreiche Erfahrung. Im Kreis Borken hat Aktion Mensch das Spezialfahrrad Rollfiets gefördert; auf diesem Gefährt, das in den Niederlanden entwickelt wurde, können zwei Fahrer neben- oder hintereinander Platz nehmen. Dass Radausflüge damit inklusiv gestaltet werden können, zeigt der DRK-Kreisverband Borken: Während der Radler ohne Behinderung in die Pedale tritt, fährt der andere mit Behinderung in einer Sitzschale mit. Gelenkt wird gemeinsam. Genutzt wird das Spezialrad vor allem von Kindern und Jugendlichen, die an inklusiven Freizeitangeboten teilnehmen. Auch Demenzgruppen im West-Münsterland sind schon auf dem Rollfiets unterwegs gewesen. Das Thema Lastenrad ist – Dank Lasse, Lotte und Lemmy –  inzwischen recht prominent geworden; das Potenzial zu einer inklusiven Nutzung (Radiuserweiterung) ist sicherlich längst nicht ausgeschöpft.

Inklusion ist ein Prozess. Wenn alle Menschen dabei sein können, ist es normal verschieden zu sein. In einer inklusiven Welt sind alle Menschen offen für andere Ideen. Vielfalt, Diversity, das Ziel gemeinsam verschieden zu sein, ist nicht leicht zu erreichen. Sollte im Fahrrad-Club aber selbstverständlicher werden. Die britische Initiative Wheels for Wellbeing (Räder für’s Wohlbefinden) hat einen Leitfaden zum inklusiven Radfahren vorgestellt. Dabei geht es um altbekannte Probleme – Technik, Infrastruktur, Parken, Verleih – in einem neuen Kontext. Die Vision sei es „für eine Welt zu kämpfen, in der Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit haben, von den wunderbaren Vorzügen des Radfahrens zu profitieren – wann immer und wohin immer sie wollen. Für Alltag, Sport und Freizeit.“

Vision für 2025: Der ADFC vertritt die Interessen ALLER Menschen, die das Fahrrad nutzen oder nutzen wollen. Fangen wir heute damit an.

Im ADFC Landesvorstand NRW ist Thomas Krause (Bonn) Beisitzer für den Themenbereich Inklusion. Kontakt: t.krause(..at..)adfc-nrw.de

Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben
(Regierungsbezirk Münster)
Neubrückenstraße 12-14
48143 Münster
Kontakt: info(..at..)ksl-muenster.de

Wheels for Wellbeing: A guide to inclusive cycling (11/2017, PDF, 44 Seiten) http://bit.ly/inclusivecyclingguide

Beitrag zuerst veröffentlicht im Leezenkurier 122 (4/2017)


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