Fahrradkultur und Forschung

07.05.19
Kategorie: Münster, Tourismus, Mobilität

Campus der Universität Twente (Enschede)



Studierende in Münster (Bild: Presseamt Münster)



Fahrrad und Kultur im Mauritzviertel



WWU-Tasche mit Fahrrad und anderen Münster-Highlights



Graffiti-Künstler Rookie in der Radstation Münster Arkaden



AFO-ADFC-Exkursion nach Enschede (Frühjahr 2019)



WWU-Münster-aber-sicher-Weste



Über 100.000 Swapfiets wurden bisher ausgerollt (Pressefoto: swapfiets)



Exklusiv: Campusbike in Enschede



Bike and Gender Studies – Frauen und Fahrrad im Stadtmuseum Münster



Stillleben: Das Mädchen und das Fahrrad



Motto Bike Cultures: Denn Neues zögert dort zu erscheinen, wo es erwartet wird.



Bike Cultures – Ankündigung Podiumsdiskussion für den 16. Mai. 2019



Fahrradkultur Münster? Masematte und Marketing



AFO-Bike im Institutsgebäude (aufgehübscht in der ADFC-Leezenküche)



Campus erfahren – Forschungsfahrt durch Münsters Schlossgarten mit WWU, AStA und ADFC (Frühjahr 2018)


Die WWU Münster ist seit Juni 2011 Fördermitglied im ADFC Münsterland. Das ist bundesweit ziemlich einzigartig – denn häufig ist es ein Fahrradhändler, ein Zubehörhersteller oder auch mal ein Eissalon, der unsere Arbeit und das umweltfreundlichste Verkehrsmittel fördert. In diesem Jahr kooperieren wir mit der Uni erstmals in einem größeren Projekt, das auch im aktuellen Vorlesungsverzeichnis steht. Wie ist es sonst um das „Veloziped“ in Münsters akademischer Landschaft bestellt? Wann kommt die erste Leezenprofessur? Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

 

Münster ist Universitäts- und Fahrradstadt; das weiß jeder. In der wachsenden Westfalenmetropole kommen beachtliche vier von fünf Studierenden mit dem Rad zum Hörsaal. Das sieht jeder, wie auch das daraus resultierende Parkchaos am Fürstenbergplatz oder am Coesfelder Kreuz. Viele Erstsemester sind einen so hohen Anteil von – flinken, geübten, bisweilen rücksichtslosen – Radfahrer*innen, die sich mit Hochbordradwegen, Geisterradlern, gegen die Fahrrichtung freigegebenen Einbahn- oder Fahrradstraßen gut auskennen, nicht gewohnt. Auch um die Sicherheit der günstigen Erstsemester-Einstiegsräder aus zweiter Hand (Licht, Bremsen etc.) ist es nicht immer gut bestellt. Was tun? Immerhin gab es im Jahr 2017 über 12.000 Studienanfänger*innen allein an der WWU.

Münsteraner*innen legen in der Stadt selbst knapp 40 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurück. Klar, alle fahren Rad. Diesen so genannten Modal Split soll eine neue Haushaltsbefragung im Herbst dieses Jahres nochmals mit Daten unterfüttern. Die Autochthonen, also die Eingeborenen, haben sogar ein eigenes Wort für das Gefährt: die Leeze – und statistisch gesehen mindestens drei davon: Eine Leeze am Bahnhof, eine für unterwegs und eine ist geklaut. Ist das Fahrradkultur?

Auch wenn Münster seit dem letzten Fahrradklimatest (2018) nicht mehr Seriensiegerin ist – Note 1,6 für „Alle fahren Rad“ und Note 5,2 beim Fahrraddiebstahl – hat man sich an den prätentiösen Marketing-Begriff „Fahrradhauptstadt“ gewöhnt. Weil anderswo alles noch viel schlimmer ist? Klimatest-Sieger wird man in Deutschland schon mit mäßig befriedigenden Leistungen. Das widerspricht der Erzählung, dass auf hohem Niveau gejammert wird. Kann Fahrradkultur befriedigend sein?

Bike culture(s) elsewhere?

Und auch wenn die „Weltfahrradhauptstädte“ Kopenhagen und Amsterdam „Bigger than life“ sind, weil sie früher den Kulturwandel zu nachhaltiger urbaner Nahmobilität begriffen haben, mehr Geld in ihre Radinfrastruktur investieren sowie in ihrer Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und dabei Alltagsradfahrende wertschätzen  – reicht schon der Blick nach Enschede, Groningen oder Utrecht, um zu erkennen, was dort besser läuft – bzw. rollt.

Und dann ist da noch Swapfiets. Inzwischen soll es in Münster deutlich über 4.000 der günstigen Abo-Leezen mit dem himmelblauen Vorderrad geben. Eine fixe Idee, ein Start-up von drei Studenten in Delft – und keine fünf Jahre später knapp 50 Städte und schon wurde das 100000. Hollandrad, im März 2019 in Antwerpen ausgerollt. Kulturbruch oder Start-up-Kultur?

Münsters Radhausversammlung hat schon vor vielen Monaten die Finanzmittel (80.000 €) für eine Machbarkeitsstudie zum Thema „Radverleihsystem“ beschlossen – studiert wurde nach unserem Wissen noch nicht. Klimatest-Sieger wie Karlsruhe (erstmals Platz 1) oder Reken (zu dritten Mal Platz 1) punkten auch mit ihren Leihrädern. Während die ersten free-floating-Räder aus China schon auf dem Schrotthaufen der Mobilitätsgeschichte gelandet sind, läuft Nextbike in Bonn ziemlich gut an– intermodal vernetzt im VRS-Tarif. In Hamburg stockt StadtRad die Zahl seiner Räder gerade massiv auf – und wird auch elektrifizierte Lastenräder anbieten. Innerhalb der zehnjährigen Vertragslaufzeit soll die Gesamtflotte auf 4.500 Räder, 70 Lasten-Pedelecs und 350 Ausleihstationen anwachsen.

Sogar im nördlichen Norderstedt (Nextbike/ TINK) und im süd-westlichen Konstanz (konrad/ TINK) geht es  mit dem emissionsfreien Transport voran. TINK steht für Transport Initiative Nachhaltiger Kommunen – ein Trigger, der eigentlich sonst in Münster immer funktioniert. TINK hat wissenschaftliche Begleitung und einen Projektbeirat (einen Mobilitätspsychologen von der FH Bielefeld, dazu ein Professor für Verkehrswesen und Raumplanung von der HTWG Konstanz). Das sollte die ehemalige Fahrradhauptstadt und Beinahe -Kulturhauptstadt (2010) Münster doch auch gebacken kriegen?

Gesunder Menschenverstand oder Sachverstand?

Was uns im Gespräch mit der Universität – genauer mit Dr. Wilhelm Bauhus, der sich neulich eine schicke graue Lasten-Gazelle gekauft hat – immer wieder auffiel: Es gibt viel Fahrradengagement, aber kaum konzentrierten wissenschaftlichen Fahrradsachverstand in Münster. Wenige forschen oder veröffentlichen zu radverkehrsrelevanten Themen: Etwa aus ökonomischer Sicht. Selbstverständlich ist das Fahrrad im allgemeinen und Münsters Leezenlandschaft im speziellen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – rund 80 Fahrradhändler, hinzu kommen Fahrrad-Tourismus, kommunale Investitionen in die Infrastruktur und unzählige Gutachten, die indes häufig in Köln oder Dortmund gefertigt werden. Dazu private Ausgaben für Fahrradhelme oder Ordnungswidrigkeiten. Das leitet über zu psychologischen Aspekten und juristischen Themen, die forschend und lehrend begleitet werden könnten.  (Aktueller Anlass: Die StVO soll im nächsten Jahr runderneuert und fahrradfreundlicher werden. Auch die ERA wird aktualisiert.)

Anderes Thema: Technik und Digitalisierung  – in der Mobilitäts- und Fahrradbranche gibt es längst eine Start-up-Kultur (siehe Swapfiets, siehe Nüwiel, siehe Cobi oder Naviki), einen praxisnahen Gründercampus können wir uns auch in Münster vorstellen. Ergänzender Hinweis: Das Navigationssystem Naviki ist seit 2009 online, wurde tatsächlich an der Fachhochschule Münster entwickelt und wird inzwischen von der beemo GmbH (einem Spin-off der FH Münster) betreut und weiterentwickelt.

Wahrscheinlich gäbe es noch mehr dieser Beispiele aus Münster. So wie gebioMized, die Bikefitting machen – also zum Beispiel Fahrradsättel oder die Radgeometrie an die Pedalierenden anpassen. Entstanden bei den Sportwissenschaften der Universität Münster und gut am Markt zu sportwissenschaftlichen und orthopädischen Fragestellungen. Aber ließe sich dieses Wissen nicht systematischer bündeln? Wie lassen sich kreative Bike-Entrepreneure motivieren? Eine Gründungskultur? Dieselbe Frage stellen sich aktuell niederländische Wissenschaftler in Enschede, der Fietsstad2020; auch sie glauben, dass die „Fahrradwissenschaften“ in den Niederlanden krass unterentwickelt sind.

Flughäfen in Pakistan statt Velorouten um Münster?

Die WWU hat zwar ein Institut für Verkehrswissenschaften (an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät) – dort aber befasst man sich eher mit Effizienzanalyse der Flughäfen in Pakistan, dem Taximarkt der Zukunft oder den

Externen Kosten von Phantomstaus“. Klarer Schwerpunkt ist Verkehrsökonomik – und nicht Ökologie, nicht das Fahrrad als Verkehrsmittel oder die Aufenthaltsqualität in den Städten. Eine erste Sichtung der aktuellen Lehre und Forschung fördert immerhin ein (randständiges) Fahrradthema zu Tage: Nicht-intendierte Effekte von Fahrradhelmkampagnen (Sieg:2019)

Ähnliches im Bereich Verkehrsplanung. Ein kleiner Lichtblick ist hier sicherlich Prof. h. c. Dr.-Ing. Martin Robert Lühder, (Lehr- und Forschungsgebiet: Vermessungskunde, Straßen-/Schienenverkehrsbau, Verkehrsplanung) an der Fachhochschule Münster (applied sciences!), der die öffentliche Debatte sowie die Leserbriefspalten bisweilen zu bereichern vermag. Siehe die Westfälischen Nachrichten im September 2016 „Der Berufs-Pendler als Buhmann“ – ja, auch die Gender Studies hätten im Gap zwischen der Verkehr und die Mobilität einiges zu tun. Im übrigen ist die Fachdiskussion längst weiter und nimmt neben den Berufs- und Ausbildungspendler*innen auch das oft unterschätzte Phänomen der Freizeit-, Einkaufs- und Kultur-Mobilität in den Blick.

Zurück zu Professor Lühders, dessen Schwerpunkt ist eigentlich nicht das Fahrrad. Aber wer in Münster bietet aktuell so interessante Themen für mögliche Abschlussarbeiten an:

  • Verkehrskonflikt-Beobachtungen und Analyse von Bewegungsvorgängen in Fußgängerzonen bei gleichzeitig freigegebenem Fahrradverkehr;
  • Internationaler Vergleich Fahrradverleihsysteme;
  • Umbau des Ludgeri-Kreisverkehrs in Münster in eine signalgeregelte Knotenpunkt-Folge.

Fun fact: Wer auf der Website der WWU Münster zum Terminus Fahrrad recherchiert, erhält über 2.000 Treffer, die meisten verweisen auf das Niederlande.Net (grenzüberschreitender Onlinejournalismus) – an erster Stelle steht der Klassiker „Geef m'n opa's fiets terug“ – Fahrradkulturen haben sicherlich auch eine historische Dimension – die gut zu der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen Münster und Enschede passt und bei der die Themen Mobilität, Wirtschaft, Wissen und Kultur im Vordergrund stehen sollen.

Kurzum: mehr akademischer Diskurs und Sachverstand sowie angewandte Wissenschaft müsste doch ein wichtiges Anliegen im Münsteraner Fahrrad-Universum sein?

Radprofessuren aus Berlin

Da kommen die bis zu sechs ausgerufenen Stiftungsprofessuren des Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) eigentlich wie gerufen. Im Rahmen des (nächsten) Nationalen Radverkehrsplans 2020 möchte das Ministerium mehr „Qualitäten schaffen“. In den Förderzielen wird explizit darauf hingewiesen, dass Radverkehr eine „eigenständige Verkehrsart in Deutschland (sic!)“ ist und „stärkere Aufmerksamkeit“ verdiene:

Mit der Förderung soll im Rahmen der Verkehrsforschung und -lehre der Radverkehr als eigenständige Verkehrsart in Deutschland stärkere Aufmerksamkeit und Bedeutung erfahren. In diesem Zusammenhang soll es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglicht werden, sich als Professorin bzw. Professor mit einem radverkehrsspezifischen Thema und/oder einem interdisziplinären Ansatz mit dem Schwerpunkt Radverkehr an einer deutschen Hochschule zu etablieren.

Wir hoffen, dass eine dieser Professuren (plus Masterstudiengang) nach Münster kommt – und sind gespannt, wie und ob die WWU ihre Interessenbekundung einreicht. Dabei wollen wir nicht, dass Münsters Fahrräder in den Literatur-und Anmerkungsapparaten verschwinden. Denn: das Fahrrad gehört nicht in den Elfenbeinturm. 

Ideen-Mining und interkultureller Vergleich

Als Interessenverband für Radtouristiker und Alltagsradfahrende gleichermaßen wissen wir, dass es sich – im Wortsinne – um eine Erfahrungs-Wissenschaft handelt. Das versuchen wir mit einem ganz konkreten Studienprojekt (zusammen mit unseren niederländischen Nachbarn) umzusetzen. In einer zwei-tägigen Veranstaltung Ideen-Mining (Fahrrad-Expedition), die in diesem Sommersemester erstmals an der WWU im Bereich der Allgemeinen Studien angeboten wird, geht es um “ … grundlegende kreative Problemlösekompetenz. In einem gemischten Workshop mit Teilnehmern von Universität und Gesellschaft/Wirtschaft werden problemorientierte Lösungsstrategien am Beispiel realer Fragestellungen entwickelt.“ Das Fahrrad ist sozusagen Vehikel. (Alle Einzelheiten zum Studienangebot: HIER im digitalen Vorlesungsverzeichnis). Neben der Arbeitsstelle für Forschungstransfer (AFO), dem Zentrum für Niederlande-Studien (ZfN) beteiligt sich auch das AStA-Referat für Nachhaltigkeit, der ADFC Münsterland und mit Prof. Karst Geurs auch ein wissenschaftlicher Vertreter der Universität Twente (Enschede).

Erste Ergebnisse wollen wir bei einer Podiumsdiskussion Bike Cultures – Fahrradkulturen erfahren am 16. Mai 2019 ab 18:30 Uhr in der Bibliothek im Haus der Niederlande diskutieren.

Wir fragen dabei auch, ob eine „Fahrradkultur“ von oben gemacht oder kommunikativ geformt werden kann (Das Narrativ der Fahrradhauptstadt, Marketing zwischen Promenade und 100-Schlösser-Route)? Ob eine Kultur oder die Kulturen (?) von unten entstehen. Gibt es inter-nationale Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Ist die Münsteraner Lastenrad-Szene (Lasse – Dein Lastenrad) oder die Schokofahrt) eine Sub-Kultur – der Beginn einer neuen sozial-ökologischen Bewegung? Hinweis 1: Der KulturVerein Frauenstraße 24 e.V. bietet am 14. Mai 2019 erste Einblicke in die Bewegungsforschung. Hinweis 2: Auch die emissionsfreie Schokoladenfahrt nach Amsterdam (und zurück) soll im Rahmen einer Masterarbeit beforscht werden. Und wenn es schon heißt: Schokofahrt goes Science“, dann sollte für die Wisssenschaftsstadt Münster – Slogan: Wo Exzellenz immer wieder nachwächst! – endlich ein Weckruf sein?

Wir jedenfalls freuen uns, wenn in Münster das „Fahrrad“ – als Kulturgut, im Umweltverbund oder als alltags-anthropologisches Phänomen – wissenschaftlich ergründet wird. Und eine Fahrradkultur nicht nur behauptet oder aus der schieren Quantität (Alle fahren Fahrrad!) abgeleitet wird, sondern nachhaltig wächst und unabhängig von Marketing und Masematte gedeiht. Lasst viele Fahrradkulturen blühen!

 


© 2019 ADFC Kreisverband Münsterland e. V.