FAHR RAD! Die Rückeroberung der Stadt

10.06.18
Kategorie: Verkehrspolitik, Mobilität

Radfahrerin in Lissabon



Ausstellungskatalog Fahr Rad!


Mobilitätsutopien? Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM), 21. April – 2. September 2018 – und eine grandiose Publikation mit 220 farbigen Abbildungen

 

Zweifelsohne: Nach Jahrzehnten der Autofixiertheit wird das Fahrrad zum Ausdruck eines neuen Lifestyles, der für Sportlichkeit, Gesundheit und ökologisches Bewusstsein steht. Radaktivist*innen formieren sich bei der Critical Mass und fordern in verstopften Innenstädten mehr Raum und Rechte – als ebenbürtige Verkehrsteilnehmer. Zunehmend vernetzen sich Aktive, Lobbyisten und Verbände: Sternfahrten, Kongresse, Aktionswochen, Radentscheide. In NRW startet im Juni die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad.

Begriffe wie Flächengerechtigkeit machen die Runde.  Herrscht im sich verknappenden öffentlichen Raum tatsächlich ein permanenter Ausnahmezustand – wo das Recht des Stärkeren, Schnelleren, Rücksichtsloseren gilt? Der Präsident des Deutschen Verkehrsgerichtstages, Kay Nehm, formulierte das so: „Juristisch lässt sich das Auto als Waffe interpretieren. Und Verkehrspsychologen beobachten auf deutschen Straßen eine klare Hierarchie. In dieser würden sich die Verkehrsteilnehmer bewusst für das Auto entscheiden, weil sie im Zweifel lieber Täter als Opfer sein wollen.

Zweifelsohne: Radfahren ist auch ein emotionales Thema. Im Deutschen Architekturmuseum (DAM) wird es nun sehr sachlich aufbereitet. Mit vielen Zahlen und Statistiken, aber vor allem mit positiven Beispielen aus acht Städten und Regionen, die in der fahrradgerechten Stadtplanung besonders weit sind. Gemeinsamer Nenner: Der öffentliche Raum und damit der Straßenraum soll zur Nutzung für Alle neu geordnet und seine Flächen so verteilt werden, dass eine sichere, bequeme und ausgewogene Mobilität für alle Menschen, die irgendwie unterwegs sind, möglich wird. Die FAZ (12. Mai 2018) erkannte indes „Kommunikationsutopien, [die] nicht die Freundschaft voraussetzen, sondern die Feindschaft in Schach halten.

Integrierende Debatte, lebenswerte Urbanität

Städtebau, Landschaftsarchitektur und Verkehrsplanung widmen sich demselben öffentlichen Raum, zumeist dem Stadtraum. Der Radverkehr spielt in allen drei Disziplinen eine zentrale, verbindende Rolle; man könnte ihn fast als Seismografen der Urbanität bezeichnen. Um die Lebensqualität zu erhalten und weiter zu verbessern, braucht es in den zunehmend verdichteten und intensiv genutzten Innenstädten mehr Raum auf Straßen und Plätzen, mehr Grün- und Freiflächen. Idealerweise ist Verkehrsplanung dabei immer mit der Stadt- und Landschaftsplanung verbunden – das Fahrrad könnte dabei eine Verbindung, sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner sein. Aktuell werden die Planungen jedoch meist separiert und nur in den unmittelbar betroffenen Bereichen entworfen und umgesetzt. Architektonische und städtebauliche Fragestellungen werden oft ebensowenig eingebunden wie die breite Öffentlichkeit. Deshalb muss auch die gestalterische und moderierende Kompetenz der (bisherigen) Akteure hinterfragt werden.

Die Ausstellung – wie auch der mit 280 Seiten üppige und reich bebilderte Katalog – präsentiert acht vorbildliche Städte und Regionen: Kopenhagen, New York, Karlsruhe, Oslo, Portland, Barcelona, das Ruhrgebiet und Groningen. Diese unterscheiden sich hinsichtlich ihrer geografischen Lage, ihres Klimas, ihrer Fläche, ihrer Bevölkerungszahl und ihrem aktuellen Stand als „Fahrradstadt“. Sie alle eint, dass es ihnen um mehr geht, als nur darum, fahrradgerechte Stadt zu werden. Sie haben erkannt, wie wichtig es ist, inklusiver, grüner und lebenswerter zu werden – um zukünftige Entwicklungen besser zu antizipieren. Die Rückeroberung der Stadt veranschaulicht anhand gelungener stadt- und landschaftsplanerischer Projekte weltweit, wie fahrradgerechte Infrastruktur aussehen kann. Neben dem ganzheitlichen Blick auf Stadträume werden

darüber hinaus 26 internationale Einzelprojekte und ihre Lösungen für spezielle Bauaufgaben präsentiert. Eine Auswahl: ein traum-schönes Fahrradparkhaus in Lillestrøm (Norwegen), die Dafne-Schippers-Brücke im nahegelegen Utrecht – die der niederländischen Idee folgt, dass Radfahrer die kurze Strecke erhalten, Autofahrer hingegen den Umweg. Die bekannte Wuppertaler Nordbahntrasse oder ein fahrradfreundliches Bürogebäude im Londoner Szenestadtteil Shoreditch – mit Platz für 250 Räder, mit zugehörigem eigenem Schließfach, Duschen und Umkleiden.

Wo ist Münster?

Und Münster, Deutschlands Fahrradhauptstadt, mit einem vermeintlichen Fahrradanteil von 38 Prozent, seinem Radverkehrskonzept (RVK) 2025, dem weit ausgreifenden Masterplan "Mobilität Münster 2035+" und den 13 Phantom-Velorouten? Münster ist mit einem sonnig-touristischen Promenadenbild (S.14) vertreten. „Einzigartig in Europa ist der autofreie Ring um die Innenstadt. Hier, auf der Promenade, haben Radlerinnen und Radler freie Fahrt,“ textet Münster Marketing im Internet. Auf die Rückfrage bei den Kuratoren der Ausstellung, warum Fahrradklimatest-Konkurrent Karlsruhe („Von der Fahrradstadt zur Stadt der Nachbarschaften“) in Ausstellung und Katalog vertreten sei, gab es eine klare Antwort:

„Bei der Auswahl erlaubten wir uns auch einen Blick auf den letzten ADFC Klimatest. Münster hat im Gegenzug zu Karlsruhe an Punkten verloren, d.h. in den letzten Jahren trotz des hohen Radanteils nicht ausreichend an der (Rad-)Entwicklung gearbeitet. Der Katalog zeigt auf S. 14 ein sehr schönes Bild von Münster.“

Ein schönes Bild allein. Damit wird weder die Stadt, noch das Herz der Alltagsradfahrerin zurückerobert.

Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) 21. April – 2. September 2018 | Publikation 280 Seiten mit 220 farbigen Abbildungen | www.dam-online.de

 

 

 


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