Aufbruch Lastenrad oder: Wie die Türkise Liese im Münsterland eine neue Heimat fand.

17.10.19
Kategorie: Aufbruch Fahrrad, Mobilität, Verkehrspolitik, Radreisen

Abschied vom Rheinland: Es winkt der Landeshauptaussschuss (LHA) des ADFC NRW in Düsseldorf (Bild: Jan-Phillip Holthoff)



Liese im Mittelpunkt: Thorsten Knölke (ADFC Münsterland) und Jan-Phillip Holthoff (ADFC Düsseldorf, rechts) fachsimpeln. (Bild: Andreas K. Bittner)



Gesamtstrecke: rund 130 km. Hier die erste Etappe von Düsseldorf nach Recklinghausen (Hauptbahnhof)..



Kurzbereisung: Umweltspur an der Prinz-Georg-Straße/ Düsseldorf (Bild: Andreas K. Bittner)



Die Vermessung der Welt; hier am RS1 in Mülheim a.d.R. (Bild: Andreas K. Bittner)



Eigenständig geführt: Radschnellverbindung (RSV) im Zweirichtungsverkehr (Skizze), Quelle: Radschnellverbindungen in NRW – Leitfaden für Planung, Bau und Betrieb, 1. Veröffentlichung, 08/2019



Türkiser Zwilling "Peppermint Patty" mit Ute Symanski von Radkomm (rechts) (Bild: Andreas K. Bittner)



An der Erzbahnbude – bei Bochum (Bild: Thorsten Knölke)



Elmar: "Wurst kann, Senf muss." (Bild: Andreas K. Bittner)



Treppauf, treppab: Lastenrad im Bahnhof von Recklinghausen. (Bild: Thorsten Knölke)



Türkise Liese, Elmar und Andreas im Regionalexpress. (Bild: Thorsten Knölke, im Spiegel sichtbar!)



Erster Cargo-Auftrag für die Dortmunder Straße (Bild: Andreas K. Bittner)



Der Liese Kern. Antrieb. (Bild: Andreas K. Bittner)



Endlich daheim. Türkise Liese vor der ADFC Geschäftsstelle im Münsterland (Bild: Andreas K. Bittner)



Symbolbild: It's the Radinfrastruktur, stupid (Bild: Jan-Phillip Holthoff)


Ein breites Aktionsbündnis hatte von Juni 2018 bis Mitte 2019 die Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“ unterstützt. Schließlich kamen über 206.687 Stimmen (Unterschriften) für die #Verkehrswende zusammen. Am 2. Oktober 2019 gab es einen ersten, erfolgreichen Anhörungstermin im Verkehrsausschuss des NRW-Landtages. Der politische Prozess für eine nachhaltige Nahmobilität hat begonnen. Initiiert wurde die Kampagne von der Kölner Radkomm, mit breiter Unterstützung des ADFC-Landesverbandes NRW. Beide rheinländischen Organisatorïnnen machten mit einem Lastenrad in der Campaign Color „türkis“ (für Fachmenschen: RAL 6027) auf sich aufmerksam. Seit vergangenem Sonntag hat einer dieser veganen Lastenesel eine neue Heimat – nach einer kleinen Radtour: Am Rheinufer entlang, über den RS1 vorbei an der Zeche Zollverein und der Erzbahnbude bis nach Münster ins Hansaviertel. Thorsten, kommissarischer Sprecher der Fachgruppe Radverkehr im ADFC Münsterland, war mit von der Partie. Hier sein Bericht, ein wenig Hintergrund (kursiv, von Andreas ergänzt) und ein paar Impressionen.

 

Andreas fragte mich, ob ich am Sonntag (13.10.2019) Lust hätte mit nach Düsseldorf zu kommen, um ein besonderes Lastenrad abzuholen.

Neben fünf weiteren Kreisverbänden hatte der ADFC Münsterland Interesse bekundet, das Kampagnenrad von #AufbruchFahrrad zu übernehmen (also zu kaufen). Der ADFC-Landesvorstandes NRW kaufte eine Lostrommel. Und Fortuna und der Glückskobold Norbert Schmidt entschieden, dass das Rad ins Münsterland rollt.

Zur Erinnerung: Bereits zu Beginn der Volksinitiative Aufbruch Fahrrad hatte sich die Radkomm – Kölner Forum Radverkehr ein türkis-farbenes E-Lastenrad gekauft – und es Peppermint Patty getauft. Der ADFC-Landesverband NRW zog im Herbst vor einem Jahr nach, kaufte in Essen einen Zwilling – und bat auf dem NRW-Forum in Dortmund um Namensvorschläge. Abgestimmt wurden schließlich zwei Vorschläge (via Facebook): Der eine war Minzessin – doch das Ergebnis war eindeutig und einprägsam: Türkise Liese. Damit passt unsere Liese bestens zu ihren westfälischen Geschwistern Lasse, Lotte, Lemmy und Lümmel von der freien Lastenradinitiative in Münster. Klar, denkt sich Thorsten (auf Brompton), so eine Fahrt lasse ich mir nicht entgehen. Mit dabei noch Elmar (auf Tern).

Unser Trio traf sich am Sonntag um 8 Uhr am Hauptbahnhof in Münster, um gemütlich mit dem Regionalexpress (RE2) nach Düsseldorf zu fahren. Doch diese Zugfahrt endet wegen eines Rettungseinsatzes schon abrupt in Dülmen, die angekündigten Ersatzbusse nach Haltern am See (siehe: SEV) lassen auf sich warten. Als der erste Bus dann zeitgleich um 9:17 Uhr mit einem Zug nach Dortmund ankommt und abzusehen ist, dass wir nicht alle in den Bus passen, nehmen wir wieder einen Zug und dann noch einen weiteren. Unser Freund Lux (ADFC-Ortsgruppenansprechpartner, der ebenfalls auf dem Weg nach Düsseldorf zum Landeshauptausschuss ist, wartet längst auf uns. In Düsseldorf kommen wir mit einer Verspätung von 1,5 Stunden an. Die Gremiensitzung hat schon begonnen.

Unser Lastenrad, übrigens ein STePS eBullitt mit elektronischer Alfine 8 Di2-Schaltung, wartet ungeduldig zusammen mit dem ADFC NRW-Landesvorstand und den Vertreterïnnen aus den Kreisverbänden in der Landesgeschäftsstelle des ADFC NRW. Nach der Übergabe der Liese (inklusive Schlüssel, Schloss und Ladegerät und einem Inspektionsgutschein) sprechen der Landesvorsitzende Thomas Semmelmann und Andreas K. Bittner noch ein paar türkis-umrankte Worte. Es wird noch schnell ein Gruppenfoto an der auch sonntäglich viel befahrenen Karlstraße gemacht.

Rheinwärts über die Umweltspur

Danach geht es los – zunächst Richtung Rhein. Andreas lernt langsam (!) die Türkise Liese kennen, Elmar und ich haben unsere mitgebrachten Falträder. Elmar lässt es sich nicht nehmen, auch in der Landeshauptstadt radpolitisch unterwegs zu sein. Und so machen wir einen Umweg über die dritte, neu eingerichtete Düsseldorfer Umweltspur an der Prinz-Georg-Straße.

Bei spätsommerlichem Gute-Laune-Wetter, es ist warm und sonnig, geht es zunächst über die Kaiserpfalz Kaiserswerth am Rhein entlang – und weiter Richtung Wittlaer und Duisburg. Ziel ist es, ein Teilstück des Radschnellwegs Ruhr RS1 zu fahren. Das Ausbauende des RS1 ist zur Zeit auf dem Hochschule Ruhr West (HRW) Campus in Mülheim an der Ruhr. Für Fachleute gehört zu so einer Befahrung auch eine Vermessung des Fahrwegs; Breite 4 Meter ab Außenkante der weißen, 3,5 Meter innerhalb der grünen Begrenzungslinien.

Weiter geht es auf den hoch geführten Radwegen; gefühlt über die Dächer der Stadt. Hier kommen wir schnell und kreuzungsfrei voran. Einzig die Tücken der Technik trüben das Tourenglück: Die elektronische Schaltung der Türkisen Liese lässt sich nicht mehr bedienen, Andreas muss im dritten Gang strampeln – was mit maximal 17,5 km/h möglich ist.

Kurz vor Essen halten wir an der Radmosphäre „Das Radcafè am RS1“, stärken uns mit Kaffee, Kuchen und Rhabarberschorle, füllen unsere Wasserflaschen auf. Wir versuchen nochmals die elektronische Gangschaltung zur Sonntagsarbeit zu bewegen. Mit der Konsequenz, dass sie kurze Zeit später automatisch in den ersten Gang zurückschaltet und Andreas nur noch maximal bis 14,7 km/h mittreten kann. (Er nimmt es übrigens ziemlich gelassen und stimmt nicht das dumme Volkslied von der Liese an.) Selbstverständlich lassen wir uns die Freude an diesem schönen Tag nicht verderben und setzen unsere Fahrt über die alten Zechenbahnen (auch über das Gelände des UNESCO-Welterbes Zeche Zollverein) und dann auf der Erzbahntrasse in Richtung Herne fort.

An Holgers –­ inzwischen legendärer – Erzbahnbude können wir nicht vorbeifahren und legen einen weiteren Stopp kurz vor Sonnenuntergang ein. Wir entscheiden uns für ein Radler von Moritz Fiege. Elmar gönnt sich dazu eine Wurst (Motto: „Wurst kann, Senf muss.“) Wir überlegen, wie wir aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und technisch-limitierten Reisegeschwindigkeit weiterfahren. Es fällt uns schwer, aber wir entscheiden uns, ab Recklinghausen den Zug zu nehmen. (Hört sich simpel an, aber wir haben die aktuelle ADFC Radwelt (Login für Mitglieder m/w/d) dabei und kennen die juristische Expertise von Roland Huhn zur Mitnahme von Lastenrädern (m/w/d) in Zügen.) Zunächst geht es noch im beginnenden Dämmerlicht am spätherbstlich grünen Rhein-Herne-Kanal entlang. Je näher wir nach Recklinghausen kommen, desto schlechter wird die Radinfrastruktur. Immerhin geht just das Süder Herbstfest in Recklinghausen zu Ende, sodass wir autofrei mitten über die mehrspurige Bochumer Straße fahren können. Andreas fragt, ob mir etwas auffiele. Nein? … Doch! … wir sehen weder abgestellte Fahrräder noch Radfahrende. Es gab einen Radweg, der diesen Namen nicht verdient. Hier gibt es definitiv noch viel zu tun.

Treppauf, treppab – die Last mit dem Rad in Recklinghausen

Hauptbahnhof Recklinghausen: Eine Fahrradkarte für die Liese (Lebendgewicht: über 30 kg) wird gelöst. Dann schleppen wir sie treppab, treppauf zum Bahnsteig (Fahrstuhl defekt, für Liese – über 2,40 m lang – übrigens eh zu kurz) und steigen schließlich in den Zug nach Münster. So unauffällig wie das mit einem türkis-farbenen Lastenrad halt geht, denn die neuen Beförderungsbedingungen der Bahn verbieten die Mitnahme unseres modernen und klimafreundlichen Verkehrsmittels. Der Schaffner ist jedoch entspannt und scherzt mit uns. Er hat mit der großen Gefährtin in seinem Zug kein Problem und wünscht eine gute Fahrt. Trotz Andeutungen von Andreas sieht er nicht nach, ob in der großen Box ein blinder Passagier mitfährt. Die Türkise Liese kommt mit einer türkisen Cargobox –140 Liter staub- und regensicheres Ladevolumen – daher. In der Lastenradwerbung klingt das so: „Deluxe-WOW-Kofferraum! Abgenickt von Fahrradkurieren auf der ganzen Welt - und die wissen worauf es ankommt.

Wir sitzen im Zug und addieren die gefahrenen Kilometer. Es wurmt uns sehr, dass wir die Strecke intermodal unterbrechen mussten – und keine 100 km zusammenkommen. So steigen wir in Münster-Albachten wieder aus und legen den Rest der Strecke wieder per Rad zurück. Nicht dumm, da wir den Bahnhof in Albachten ohne Treppenschleppen verlassen konnten. Parallel zur Bahnstrecke, zunächst am Getterbach entlang, fahren wir – vorbei am neuen Bahnhaltepunkt Mecklenbeck – Richtung Zentrum. Naviki zeigt genau  99,9 km gefahrene Strecke an.

Wie geht es mit Lovely Liese weiter?

Das Kampagnenrad wird künftig vom ADFC im Münsterland als Info-, Aktions- und Vorzeige-Rad und überhaupt eingesetzt. Selbstverständlich unterstützen wir auch Initiativen die sich für nachhaltige Nahmobilität und Klimaschutz einsetzen, wollen die empfindsame Liese aber zunächst nicht dauerhaft in den freien Lastenradverleih geben. (Ähnliches gilt ja für unsere PowerTrailerin Carla Cargo, die in diesem Jahr zahlreiche Einsätze und Kundgebungen gefahren ist. Auch eine Kampagnen-Veteranin, qwasi.) Aktuell entwickelt sich zudem ein spannendes neues Foodsaving/ Foodsharing/ Bildungs- und Transportprojekt unter dem Dach des ADFC Münsterland. Hauptverantwortlich wird Laura sein, das Projekt soll PepePastinake heißen – und die Türkise Liese ist Teil davon. Wir glauben, dass Pepe und Liese sich prächtig ergänzen – und werden schon bald weitere Details verkünden.

Nachtrag – dienstags in der Dortmunder

Ein Thema war auch zu Wochenbeginn noch offen: die Schaltung. Unterwegs haben wir viel probiert und wenig erreicht. Nun war guter Rat ­– nun ja – ­ wahrscheinlich teuer? Gut, dass es den Traix Tuesday gibt. Überraschenderweise dienstags, in der Dortmunder Straße, komischerweise noch kein eingetragenes Markenzeichen. Das Traix Team um Frontmann Rainer (Markenzeichen: das türkisfarbene Pinkus-Etikett) machte Überstunden und war noch spätabends zu einer elektronischen Ganzkörperdiagnose für die Liese plus Software Update bereit. Am Ende blieb nur ein Blick in den Antrieb – und ja, hier hatte sich ein Kabel gelöst. Jan-Philipp vom ADFC Düsseldorf, der sich in den letzten Wochen rührend um das Pflegekind Liese gekümmert hatte, glaubt den Grund zu kennen. It’s the Radinfrastruktur, stupid (siehe Bilderleiste). Wir erinnern uns an der Türkisen Liese Herkunft – und sehnen uns einen #AufbruchFahrrad herbei.


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