Tempo 30 in der Stadt? Ja!!!

24.12.15
Kategorie: Verkehr

Tempo 30 in Innenstädten macht Städte lebenswert


Das Münsteraner Straßenmagazin draußen! veröffentlicht in seiner Dezember-Ausgabe den Kommentar von Michael Heß zur derzeitigen Tempo 30-Diskussion in der Stadt. Darin wird der Standpunkt vertreten, man brauche diese Diskussion nicht, dies sei eine überflüssige und praxisferne Debatte. Schließlich störe sich nur ein kleiner Teil der Politik an der Geschwindigkeit auf Münsteraners Straßen. Dazu ein Kommentar von Udo Puteanus aus der Fachgruppe Radverkehr des ADFC, Ortsgruppe Münster.

Tempo 30 auf einigen Hauptverbindungen in der Stadt? Das ist richtig und wichtig. Denn in einer Stadt leben die Menschen, sie gehen einkaufen und möchten sich unterhalten. Schnell fahrende Autos auf breiten Straßen aber zerschneiden die Stadt, behindern die Menschen, führen zu trostlosen toten Schneisen und rauben den in der Stadt wohnenden Menschen den Schlaf. Die von Michael Heß in der letzten Ausgabe des Straßenmagazins „draußen!“ geäußerten Argumente sind ein Beispiel längst überholter Autofahrerideologie von „Freier Fahrt für freie Bürger“ auf Kosten der nichtmotorisierten Stadtbewohner. Kaum zu verstehen, wie es ein solcher Kommentar in ein Straßenmagazin schaffen konnte.

Die derzeit geführte Debatte um Tempo 30 betrifft Durchgangsstraßen innerhalb des Stadtgebietes. Gemeint sind Hammer Straße, Bült, Äegidiistraße usw. Es geht also um Straßenzüge, wo Menschen wohnen, sich auf der Straße treffen, wo sie in Büros arbeiten, auf dem Trottoir Kaffee trinken, kurzum, wo Leben in den Häusern und auf den Straßen stattfindet. Das hat Herr Hess wohl nicht bedacht, wenn er von Durchgangsstraßen spricht, die zügige Verbindungen zwischen den Wohngebieten darstellen. Die genannten Straßen sind keine zügigen Verbindungen, es sind städtische Begegnungsräume oder nachts auch Straßen, an denen Menschen einen erholsamen Schlaf erwarten können. Diese Verkehrsflächen könnte man sich sogar sehr gut als shared space-Bereiche vorstellen.

Es geht nicht um den Ring, es geht auch nicht um den Albersloher Weg oder andere tatsächliche Verbindungsstraßen, wo sich die Polizei aus guten (Sicherheits-)Gründen mit 50 km/h Höchstgeschwindigkeit durchgesetzt hat. Aber so genau will der draußen!-Redakteur wohl nicht hinschauen. Stattdessen reiht er sich lieber ein in die Reihen derer, für die die Verkehrsfreiheit immer nur die Freiheit der Autofahrer darstellt; die nicht begreifen können, dass moderne Städte lebenswerte Städte sein werden, wo Menschen leben, kommunizieren und sich frei bewegen wollen, statt vom Autoverkehr an die Seite gedrängt zu werden. Wer die Städte für die Zukunft fit machen möchte, setzt auf Leben, Gesundheit, Wohlbefinden, körperliche Bewegung, Lärmschutz und gute Luft; der verschwendet den öffentlichen Raum nicht für riesige Straßenschneisen mit Lärmschutzwänden, sondern sorgt für Wohnraum mit einer Infrastruktur, die das Auto überflüssig macht.

Es wäre ja schön, wenn Autofahrer tatsächlich so vernünftig wären und die 50 km/h-Schilder als Höchstgeschwindigkeitsbegrenzung begreifen würden. Tun sie aber nicht. Sie betrachten sie eher als Hinweis auf eine Mindestgeschwindigkeit und drängen alles von der Straße, was sich „situationsgemäß“ verhält. Deshalb müssen Geschwindigkeitsbeschränkungen her, dort wo die Menschen außerhalb der Fahrzeuge leben.

Nein, die Autopolitik der vergangenen Jahrzehnte hat die Städte zerstört. Viele haben es schon gemerkt. Gerade in Münster, wo 40 % der Innenstadteinwohner die Wege mit dem Fahrrad zurücklegen, wäre es grundverkehrt, ein Weiterso zugunsten des Autoverkehrs das Wort zu reden. Denn dann würden irgendwann auch Radler wieder verstärkt auf das Auto umsteigen mit der Folge eines Dauerstaus von 00:00 bis 24:00 Uhr. In einer solchen Situation gäbe es auch kein Durchkommen mehr für die Feuerwehr, die bereits heute die meiste Zeit verliert, weil sie an von Autos belagerten Ampeln nicht weiterkommt.

Zum Thema Unfälle zwischen Autofahrern und Radlern wäre ebenfalls viel zu sagen. Doch an dieser Stelle nur so viel: Die meisten Unfälle zwischen diesen Verkehrsteilnehmern passieren als Abbiegeunfälle. Und zwar, weil Radfahrer auf den in Münster üblichen Hochbordradwegen schlecht gesehen werden. Um diese Situationen zu entschärfen, gehören Radfahrer spätestens an Knotenpunkten auf die Fahrbahn. Das ist Stand von Wissenschaft und Technik und keine politische Aussage.

Dies alles kann nur zu der Erkenntnis führen: Den Autoverkehr zu entschleunigen, den Rad- und Fußverkehr zu fördern sowie den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen, das sind Wege in die Stadt der Zukunft. Wer dies nicht sieht, wird wachsende Städte, wie Münster eine ist, vor die Wand fahren.

Udo Puteanus, Fachgruppe Radverkehr, ADFC Münster


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