Aktuelles

Stellungnahme: ADFC zum NVP im Kreis WAF

02.12.18
Kategorie: Warendorf, Verkehrsplanung

3. Nahverkehrsplan Kreis Warendorf (Entwurf)



Kreisentwicklungsplan Warendorf. Klimaschuzt&Umwelt, eines von vier Schlüsselthemen



Übersichtskarte: Raum-und Siedlungsstruktur Kreis Warendorf (Screenshot aus dem 3. NVP)



Für die Zukunft gesattelt: Radverkehrskonzept Kreis Warendorf



Radaktivist aus dem Kreis: Martin Kamps (links) hier mit Ludger Schilgen bei der #Leezenliebe Tandemtour (Mai 2018, Münster, Bild: Andreas K. Bittner)


Im Oktober 2013 hat der Kreis Warendorf sein Kreisentwicklungsprogramm WAF 2030 beschlossen. Im Projektbereich Klimaschutz & Umwelt geht es um die Themen SPNV/ ÖPNV, weitere umweltfreundliche Mobilitätsformen und eine bedarfsgerechte Entwicklung des Radverkehrs. Während das Radverkehrskonzept im Mai 2018 bereits beschlossen wurde, läuft aktuell der Beteiligungsprozess zur Fortschreibung des Nahverkehrsplans (NVP). Naturgemäß betrachtet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) einen NVP vornehmlich aus Perspektive der Radfahrenden. Dennoch haben wir in der Fachgruppe Radverkehr auch die übrigen Kapitel des 273 Seiten starken Entwurfspapiers gelesen. Und weitere Anregungen gegeben. Vor allem Martin Kamps (Ahlen) hat unsere Stellungnahme orts- und fachkundig vorbereitet. Wir stellen sie heute online.

 

Ein Kreisentwicklungsprogramm bildet einen übergeordneten Orientierungsrahmen für die zukünftige Entwicklung des Kreises. Es zeigt für die nächsten Jahre auf, wie das Potenzial im Kreis Warendorf ausgeschöpft werden kann. Der Kreis möchte mit dem Programm eine umsetzungsorientierte kurz-, mittel- und langfristige Strategie für sein Handeln erarbeiten, die durch konkrete Leitprojekte mit Leben gefüllt wird. Oder wie es Landrat Dr. Olaf Gericke ausdrückte: "Wir wollen kein Konzept für den Aktenschrank, sondern eines, das mit Leben gefüllt wird und uns fit für die Zukunft macht."

Zu den vier Schlüsselthemen – Bildung & Wissenschaft, Wirtschaft & Arbeit, Familienfreundlichkeit  Lebensqualität sowie Klimaschutz & Umwelt – sollen Maßnahmen entwickelt werden. Die ADFC Kernthemen finden sich vor allem im letzten Bereich. Hier die Kurzfassung des Kreisentwicklungsprogramms (PDF, 24 Seiten). In der Langfassung (PDF, 167 Seiten) finden sich folgende Punkte und (ausgewählte) Unterpunkte:

8.0 Bedarfsgerechte Entwicklung des SPNV im Kreis Warendorf

9.0 Bedarfsgerechte Entwicklung des ÖPNV im Kreis Warendorf

  • 9.1 Potenzialstudie für verbesserte Mobilitätsangebote im Rahmen der Fortschreibung des Nahverkehrsplanes ÖPNV
  • ...

10.0 Förderung weiterer umweltfreundlicher Mobilitätsformen und –angebote

  • 10.1 Stärkung des ÖPNV durch Ausbau von Bürgerbusangeboten
  • 10.2. Stärkung des ÖPNV durch Nutzung von E-Bikes/Pedelecs
  • 10.3 Förderung der allgemeinen E-Mobilität
  • ...

11.0 Bedarfsgerechte Entwicklung des Radverkehrs im Kreis Warendorf

  • 11.1  Mobilitätskonzept Radverkehr Kreis Warendorf
  • 11.2 Radwegebau und –qualitätsverbesserung
  • 11.3 Radschnellweg

 ZUSAMMENGEFASST: Forderungen und Anregungen des ADFC Münsterland

  • Der ADFC steht für einen zügigen, sicheren, komfortablen und kommunikativen Radverkehr – als nachhaltige ökologische Alternative im Umweltverbund.
  • Untersuchung aller Haltestellen sowohl des Schienen- wie des Busverkehrs in Hinblick auf Notwendigkeit von Abstellanlagen; kritische Überprüfung der Kategorisierung der Haltestellen ÖPNV, Konzept der Mobilstationen (S. 93).
  • Definition von Standards für sichere und barrierefreie (!) Abstellanlagen, inklusive Ladestationen (Auflademöglichkeiten für Pedelecs und E-Bikes)
  • Definition von Radverkehrsführungen innerorts, die eine zügige Erreichbarkeit von Haltestellen bzw. Bahnhöfen ermöglichen
  • „ehrliche“ Reisezeitvergleiche zwischen ÖPNV und Kfz, auch die Zuwege zu den Haltestellen müssen zunächst berücksichtigt und danach der Handlungsbedarf neu bewertet werden
  • Vorausschauend auf das Jahr 2023: mit der zu erwartenden Betriebsaufnahme der WLE müssen bereits jetzt Aussagen zu anforderungsgerechten Abstellanlagen an den Haltepunkten im Kreisgebiet Sendenhorst und Albersloh getroffen werden.

BEGRÜNDUNG

1.   Aussagen zum Radverkehr im NVP:

Es sei zunächst auf die programmatischen Aussagen verwiesen: In diesem Zusammenhang soll die hochintensive Fahrradnutzung im Münsterland dazu genutzt werden, das Fahrrad als Zubringerverkehrsmittel zu den regionalen ÖPNV-Achsen noch weiter zu stärken“ (S. 236); „…wird ein weiterer Fokus auf eine bessere Vernetzung der Verkehrsträger zur Förderung der intermodalen Nutzung gelegt. Hierzu zählt insbesondere der Ausbau hochwertiger Fahrradabstellanlagen an bestimmten Haltestellen des regionalen Verkehrs.“ (S. 240)

Die Bushaltestellen im Kreisgebiet werden in 4 Kategorien eingeteilt (s. S. 93 f.). Offensichtlich sind hier nur Bushaltestellen erfasst, die an Bahnhöfen liegen. Je nach Kategorie ist die Ausstattung definiert (S. 97).

Fahrradabstellanlagen / Fahrradboxen und -käfige sind für die Kategorien I und II vorgesehen, in den Kategorien 3 und 4 lediglich in Abhängigkeit der jeweiligen örtlichen Situation“.

Es werden keine Aussagen zur Qualität der Abstellanlagen (Anlehnbügel oder „Felgenkiller“, Überdachung, Beleuchtung, gesicherter Zugang usw.) gemacht. Die Angaben auf S. 209 sind sehr rudimentär. Zu Abstellanlagen hat der ADFC entsprechende Standards entwickelt, die wir auf Anfrage gern präsentieren können.

Lademöglichkeiten für ein Elektrofahrrad und ein Fahrradverleihsystem sind nur für Haltestellen der Kategorie I und in Abhängigkeit der jeweiligen örtlichen Situation vorgesehen, d.h. eventuell für die Bahnhöfe Ahlen und Warendorf sowie den Busbahnhof Beckum.

Wenn wir den Plan richtig verstehen, kommt z.B. der Bahnhof Rinkerode, da dort keine Verknüpfung Bus – Bahn stattfindet, bei der Planung einer wie auch immer gearteten Abstellanlage nicht vor. Auch im Prüfauftrag MI-I „Ausbau von Bike-and-Ride-Anlagen…“ (S. 208) findet sich der Bahnhof Rinkerode nicht.

Zentrale Haltestellen in Orten wie Albersloh, Stromberg oder Freckenhorst werden als Standardhaltestellen der Kategorie III („Geringeres Fahrgastaufkommen, kaum Umsteigebeziehungen“) definiert und daher nur „in Abhängigkeit der jeweiligen örtlichen Situation“ mit einer wie auch immer gearteten Abstellanlage ausgestattet oder auch nicht.

Andererseits findet auf S. 252 eine Gedankenskizze zur Anbindung der „räumlichen Einheit Auf der Bree“ in Albersloh mit ca. 200 Einwohnern. An der Haltestelle „Adolfshöhe“ könnte eine Bike-and-Ride (B+R)-Anlage errichtet werden. Unklar ist jedoch, warum

  • für die übrigen 4000 Einwohner Alberslohs keine Abstellanlage vorgesehen ist
  • diese gedachte B+R-Anlage für eine Haltestelle gedacht ist, die nur von einer der 2 gegenwärtig Albersloh bedienenden Buslinien (S 30) angefahren wird, die obendrein nur im Stundentakt bedient und in den Abendstunden nicht angefahren wird. Daher nutzen viele Albersloher die Linien S 30 und R 32 je nach individuellem Bedarf, so dass es sein kann, dass man morgens das Rad an der o.g. Haltestelle „Adolfshöhe“ abstellt und mit der S 30 in die Stadt fährt, abends aber mit der R 32 an einer anderen Haltestelle in Albersloh ankommt und dann einen Fußweg zum Fahrrad hat.
  • diese B+R-Anlage für eine Haltestelle gedacht wird, die im Zuge der WLE-Reaktivierung auf den Prüfstand kommt (S. 203 „Einstellung der S30 und R32 im Abschnitt Sendenhorst – Münster“)

Unabhängig von der Eingruppierung in eine der 4 Kategorien gilt die Öffnungsklausel der Fußnote 38 (S. 97) „unter Berücksichtigung der Flächenverfügbarkeit und der örtlichen Gegebenheiten“. Dies ist aus Sicht des ADFC nicht akzeptabel.

2.   Bezug zum Radverkehrskonzept des Kreises

Ergänzend ziehen wir die Aussage des Radverkehrskonzeptes S. 58 hinzu: „Das Veloroutennetz für den Kreis Warendorf verbindet die meisten Bahnhöfe und Haltepunkte mit Velorouten, um eine nahtlose Verknüpfung zwischen den Verkehrsträgern Straße und Schiene sowie den Verkehrsmitteln Fahrrad, Bus und Bahn zu gewährleisten. Übergeordnetes Ziel ist die Stärkung des Umweltverbundes. Ebenso werden wichtige Haltestellen des Busnetzes im Allgemeinen und des Schnellbusnetzes im Speziellen durch das Veloroutennetz erschlossen. Orientierungspunkt sind hierfür die im Rahmen des Nahverkehrsplans definierten Haltestellen, die je nach Kategorie über eine bestimmte infrastrukturelle Mindestausstattung für den Radverkehr verfügen sollen. Der Radverkehr somit fungiert als auch (sic!) Zubringer zum ÖPNV, er erhöht durch die Verknüpfung im Netz die Reichweite des ÖPNV in der Fläche und senkt gleichzeitig die Reisezeiten.“

Insofern muss über die Errichtung von Fahrradabstellanlagen hinaus das Fahrrad als Zubringerverkehrsmittel eine zielführende Infrastruktur erhalten. Gerade innerorts ist eine zügige und komfortable Erreichbarkeit von (zentralen) Bushaltestellen und Bahnhaltepunkten für den Radverkehr von entscheidender Bedeutung unter dem Gesichtspunkt „Reisezeiten“. Das Veloroutenkonzept des Kreises übergeht jedoch die Führung der Velorouten innerorts (S. 62). Unbefriedigend ist ebenfalls die Einschränkung, dass die Umsetzung der Veloroutenstandards außerorts von „Flächenverfügbarkeit“ sowie einer „grundhaften Sanierung“ (S. 53) abhängt. Darüber hinaus sei dahingestellt, ob eine Breite von 2,5 Meter für einen 2-Richtungsradweg mit Fußgängern bei schnellem, auch mehrspurigem Radverkehr, zukunftsorientiert ist.

3. Reisezeitvergleich Kfz - ÖPNV

Wichtiger Entscheidungsfaktor für die Wahl des Verkehrsmittels bei konkurrierenden Angeboten ist die Reisezeit.

  • Für die RB 67 gilt von Warendorf nach Münster eine Reisezeit von 32 Minuten. Ob dies für eine Straßenentfernung von 27 km befriedigend ist sei dahingestellt. Ebenso sei dahingestellt ob ein Stundentakt auf dieser Relation befriedigend ist.
  • Für die RB 69 wird als Reisezeit von Ahlen nach MS HBF 44 Minuten (dies ist nicht zutreffend; die Reisezeit beträgt 47 Min.) angegeben. Bewertung: kein Handlungsbedarf. Ob dies für eine Straßenentfernung von 35 km befriedigend ist sei dahingestellt.
  • Zusätzlich zu beachten ist, dass bei diesen bereits im Ergebnis unbefriedigenden Reisezeitvergleichen der Zeitaufwand für den Weg zum bzw. vom Bahnhof nicht berücksichtigt ist und folglich der Vergleich noch ungünstiger für den ÖPNV ausfällt.

4.   Sonstiges

Die Verknüpfung des Schienenverkehrs mit dem örtlichen Busverkehr am Bahnhof Ahlen (Verknüpfungspunkt 1. Ordnung) ist äußerst unbefriedigend sowohl hinsichtlich eines fahrplanmäßig verkehrenden als auch eines bereits geringfügig verspäteten Schienenverkehrs.

Der T 56 verkehrt zwischen den Nachbarorten Drensteinfurt und Sendenhorst (Entfernung ca. 9 Kilometer) Mo – Fr. von ca. 7.00 – ca. 19.00 Uhr. Für andere Zeiten wird auf „alternative Reisewege über Münster oder Ahlen“ verwiesen. Von Sendenhorst über Münster nach Drensteinfurt sind es 47 Kilometer. Insofern kann die Angabe dieser „Alternative“ nur als Verhöhnung von Reisenden empfunden werden.

Nachsatz. Der Kreis Borken schreibt aktuell den 2. Nahverkehrsplan fort. Am 11. Oktober 2018 wurde der Entwurf für den 3. NVP in der Sitzung des Kreistages vorgestellt und der Beschluss für das erforderliche Beteiligungsverfahren gem. § 9 ÖPNVG NRW gefasst. Anregungen oder Bedenken können bis zum 21. Dezember 2018 per E-Mail an Frau Dr. Altenhoff-Weber geschickt werden: g.altenhoff-weber(..at..)kreis-borken.de


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