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Stellungnahme von ADFC und VCD im Münsterland zur Beschlussvorlage V/0242/2019 (Verteilerstraße Roxel)

27.03.19
Kategorie: Münster (OG), Verkehrspolitik, Verkehrsplanung

Idylle im Roxeler Norden (bei Schulze Stodtbrock) – bald Verteilerstraße nach dem alten B-Plan 485?



Richtung Roxel – auf holperigem Zweirichtungsradweg über die Aa



Verkehrsentwicklung in und um Roxel (Zahlen ergänzt von ADFC Münsterland/FG Radverkehr)



Noch gibt es hier schöne Radwege – in der Nähe von Rüschhaus und Hülshoff (UKM im Hintergrund)



Anlage 2 zur Beschlussvorlage V/0242/2019: Vier überdimensionierte Kreisel



Enkeltaugliche Mahnung am Stodtbrockweg (Roxel) – auch für Verkehrsplaner. (Fotos: Andreas K. Bittner)


Die aktualisierte (!) Planung zum Neubau der Verteilerstraße Roxel (B-Plan 485) konkretisiert längst nicht mehr zeitgemäße Vorstellungen aus dem Jahr 2009, die einerseits Maßnahmen zur Vermeidung eines Verkehrskollapses in Münster sowie vor allem Anforderungen an den Klimaschutz konterkariert. ADFC und VCD im Münsterland sind der Ansicht, dass auf diese Verteilerstraße (aka Nordumgehung) in Roxel gut verzichtet werden kann.

 

Klima-Mischpoke: Was tust Du fürs Klima in Münster?

Die bekannten Konzepte zum Radverkehr Münster 2025 (V/0647/2016), zu den stadtregionalen Velorouten (V/0650/2016), zum Nahverkehr sowie vor allem auch der Masterplan "Mobilität Münster 2035+" (V/0802/2017; inkl. der SPD-Ideen „Neue Chancen für Münster: Eine Stadtbahn für unsere Stadt“) bleiben unberücksichtigt. Das gilt auch und besonders für Klimabeschlüsse wie den übergeordneten "Masterplan 100% Klimaschutz - Münster Klimaschutz 2050" (V/0689/2017) bzw. MünsterZukünfte 20 | 30 | 50 - strategisch Zukunft gestalten, kurzfristig handeln (V/0494/2016).

Unberücksichtigt bleibt zudem, dass sich zwischen 2005 und 2016 der Kfz-Verkehr auf der zu entlastenden Strecke um 15 % verringert hat (siehe Grafik, rechts, per Klick vergrößern). Anmerkung: Dagegen ist der Kfz-Verkehr auf der Strecke Roxel – Münster um 30 % gestiegen. Es ist daher anzunehmen, dass sich hauptsächlich der Binnenverkehr zwischen Roxel und der Innenstadt erhöht hat. Allerdings kennen wir zu wenige Details. Beispiel: Was wissen wir über den Tangentialverkehr von Mecklenbeck – rechtsabbiegend –vorbei an der Gaststätte Ackermann nach Gievenbeck? Tatsächlich basieren viele Annahmen auf punktuellen Messungen – fundierte planerische Aussagen müssen aber auf der Zählung von Strömen beruhen.

Durch den geplanten Neubau werden die Tore in Richtung Innenstadt weiter geöffnet, aus Richtung Nottuln–Billerbeck–Havixbeck dürfte zusätzlicher Kfz-Verkehr generiert werden und die parallel verlaufende Bahnlinie bzw. eine zukünftige Veloroute würden weniger attraktiv.

Der Kfz-Verkehr in die Innenstadt von Münster wird weiter steigen, obschon sich dort jetzt schon „zu viele Menschen auf einer begrenzten Fläche bewegen,“ sagt Verkehrsexperte Prof. Prof. h. c. Dr.-Ing. Martin Robert Lühder – Fachmann für Straßen-/Schienenverkehrsbau und Verkehrsplanung an der Fachhochschule Münster. In den Westfälischen Nachrichten vom 21.03.2019 empfiehlt er mutige Investitionen in neue ÖPNV-Konzepte: „Wir brauchen größere Fahrzeuge im ÖPNV.“ Er verweist auf die bis zu 24 Meter langen Trambusse aus Belgien, mit denen man locker weit über 100 Fahrgäste transportieren könne. 

Annahmen – Planungen – Fortschreibung veralteter Konzepte?

Selbstverständlich können auf Annahmen keine Planungen basieren. Deshalb sind folgende Fragen zu vertiefen: Was ist über die Quell- und Zielverkehre in Roxel bekannt? Was davon ist Durchgangsverkehr? Welche wichtigen Wegebeziehungen gibt es zwischen Billerbeck/ Havixbeck/ Gievenbeck/ Albachten/ Roxel / Mecklenbeck und Münsters Innenstadt? Ohne konkrete Antworten kann keine seriöse Aussage zum Bedarf für eine Verteiler- bzw. Umgehungsstraße gemacht werden. Für die Einwohner von Roxel ist – auch auf Grund des starken Baustellenverkehrs – die Verkehrssituation im Ortskern inzwischen unerträglich geworden.

Tatsächlich scheint in Roxel – parallel zu den Zyklen des Kommunalwahlkampfes – immer wieder die Hoffnung zu keimen, dass der irrwitzige Durchgangsverkehr künftig mit einer Nordumgehung reduziert werden könnte. Aus heutiger Sicht ist die Frage, ob die geplante „Entlastung“ von Straßen im Ortskern von Roxel diesen für den Kfz-Verkehr im Nahbereich wieder attraktiv machen wird, sodass es auch hier keine spürbare Verbesserung gibt. Denn: Wer Straßen sät, wird Autoverkehr ernten.

Auf dieser Karte (PDF) sind Verkehrszahlen aus den Jahren 2003/2005 und 2008/2011 und 2016 für Roxel dargestellt.

Hilfreich in diesem Zusammenhang ist sicher ein Blick nach Wolbeck (hier wurde für 27 Mio. € eine  Umgehung gebaut). Der Alltagserfahrung und der Berichtsvorlage V/0338/2016 ist indes zu entnehmen, dass das Ziel (nämlich die Entlastung des Ortskerns) nicht erreicht wurden, da "nur" die Umgehungsstraße gebaut, nicht aber die weiteren Maßnahmen des Konzeptes berücksichtigt wurden. Diese sind: Der Rückbau der Münsterstraße, die Umgestaltung der Ortsdurchfahrten und die Anbindung der Eschstraße. Diese Erfahrungen aus Wolbeck müssen in die Planungen unbedingt einfließen.

Zu Wolbeck wurde auf Anfrage der GAL im Jahr 2016 eine Berichtsvorlage zur Verkehrsentwicklung erstellt, die die Ergebnisse ein Jahr nach Fertigstellung der Umgehungsstraße Wolbeck darstellt und kommentiert. Auf dieser Karte (PDF) ist die Verkehrsentwicklung der Ortsumgehung in Wolbeck dargestellt – für die Jahre 2014 (vor Fertigstellung) und 2015 nach Fertigstellung der Umgehungsstraße. (Siehe auch: Westfälische Nachrichten: Die Wolbecker Ortsumgehung von A-Z)

Zurück in das wachsende Roxel

Ein Blick auf die Karte (Anlage 2, zur Vorlage, rechts in der Bilderleiste, per Klick vergrößern) zeigt:

  • Der Begriff "Verteilerstraße" ist irreführend. Die Trasse liegt weit nördlich der bebauten Flächen des Ortsteils Roxel, sie verteilt höchstens den Verkehr einiger Bauernhöfe/ Streusiedlungen. Nicht einmal die Bewohner im Roxeler Norden werden sie nutzen, um ein Ziel in Roxel oder Münster zu erreichen. Sie ist daher fast ausschließlich als Umgehung aus Richtung Nottuln/ Havixbeck/ Hohenholte interessant.
  • Geeignet wäre die Trasse – in dieser Form allerdings überdimensioniert – als Veloroute aus Richtung Havixbeck.
  • Ein Detail: Die vier Kreisverkehre machen nur Sinn, wenn sie den motorisierten Individual-Verkehr (MIV) ausbremsen sollen, die beiden mittleren an untergeordneten Wegen sind völlig unangemessen dimensioniert. Für eine Veloroute stellten sie aber erhebliche Behinderungen/ Gefahrenquellen dar.

Forderungen von ADFC und VCD im Münsterland

Die aktuelle Verkehrsplanung erfordert eine deutliche Modifizierung nach dem Prinzip „Push and Pull“, die der gesamtstädtischen Verkehrsentwicklung, der Stadtregion und dem Klimaschutz gerecht wird. Im Kern gilt: Autoverkehr reduzieren ist eine bessere Lösung als ihn umzuleiten. Daraus folgt:

  • Verzicht auf den Neubau der Verteilerstraße – insbesondere, da die Verkehrsentwicklung auf der Strecke rückläufig ist
  • Nachhaltige Nahmobilität: Ausbau von SPNV und ÖPNV sowie von Velorouten in enger Abstimmung mit den Bedarfen der Stadtregion;
  • Flankierende Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, um den Ortskern von Roxel lebenswerter zu gestalten;
  • Multimodaliät: Verbesserung der Anbindung für Radfahrende an Bahnhaltepunkte. Der „Solitär“ Bahnhaltepunkt Roxel sollte der Anfang für eine Verkehrswende in Roxel sein – nicht der Endpunkt;
  • Ausbau eines leistungsfähigen ÖPNV zwischen Roxel und Münster, z. B. durch Metrobusse;
  • Ausbau einer attraktiven und leistungsfähigen Infrastruktur für Radfahrende – zwischen Roxel und Münster;
  • Einbindung aller Maßnahmen in den Masterplan "Mobilität Münster 2035+".
  • Das (steigende) Verkehrsaufkommen darf künftig nicht mehr reflexartig zu neuen und breiteren Auto-Straßen führen; vielmehr geht es um eine Feinjustierung aller Möglichkeiten, die der moderne multimodale Verkehrsmittelmix bietet.

Überall dort, wo auf den großen Ausfallstraßen der Platz nicht reicht, sollte sich der Autoverkehr mit einer Spur je Richtung begnügen und auch sonst mit deutlichen Einschränkungen leben. Das gilt auch Richtung Roxel. Unfassbar, dass hier an einigen Stellen immer noch Tempo 70 erlaubt ist. Wie auch Prof. Lühder von der FH Münster erwarten wir eine heftige Diskussion, da die Auswirkungen auf den Autoverkehr weitreichende sein werden. "Dann muss sich die Politik entscheiden." (WN 21.03.2017)

Denn es geht nicht, auf der einen Seite die Mobilitätswende zu beschwören, Nachhaltigkeit, Zukünfte und Enkeltauglichkeit zu feiern sowie vermeintlich wegweisende Beschlüsse zu Klimaschutz und nachhaltiger Nahmobilität – insbesondere die Zukunft des Radverkehrs betreffend – zu fassen. Und auf der anderen Seite aber weiterhin "Planungsdinosaurier" wie die sogenannte Verteilerstraße Roxel zu verfolgen. Zu Recht betont Stadtbaurat Denstorff, dass der Masterplan "Mobilität Münster 2035+" ein iterativer Prozess sei, bei dem man externes sowie Wissen aus der Bürgerschaft einbeziehen müsse. Aus Sicht von ADFC und VCD im Münsterland ist man dabei, sich für eine falsche Maßnahme zu entscheiden. Deshalb mischen wir uns ein.

Es besteht eine einmalige Chance – für Roxel und die angrenzende Stadtregion – ein wirklich zeitgemäßes Verkehrskonzept zu entwickeln.

Autoverkehr reduzieren ist eine bessere Lösung als ihn umzuleiten.


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