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Corona-Krise: Interview mit dem Radentscheid Essen

15.04.20
Kategorie: Aktuelles, Kreisverbände, Verkehr, Verkehrspolitik

Quelle: ADFC NRW


Die Radentscheide in NRW sind in der aktuellen Situation gefragt, neue Strategien der Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen zu finden. Exemplarisch haben wir mit Klara van Eickels und Björn Ahaus vom Radentscheids Essen am 1. April 2020 ein Interview durchgeführt.

ADFC NRW: Was hat euch motiviert, den Radentscheid ins Leben zu rufen?

RADENTSCHEID ESSEN: Hauptsächlich die Unzufriedenheit mit dem Status Quo, was Radverkehr und seine Infrastrukturen in Essen betrifft. Wir wollten nicht länger darauf warten, dass die Stadt endlich was macht, sondern die Sache selber in die Hand nehmen und die Stadt durch etwas Rückenwind beim Ausbau von Radwegen unterstützen. Sehr motivierend dabei waren auch die erfolgreichen Radentscheid-Vorbilder anderer Städte und Aufbruch Fahrrad. 

ADFC NRW: Vor welche Herausforderungen stellt euch die momentane Situation mit Kontaktverbot und #SocialDistancing in der internen Organisation und Kommunikation? Wie geht ihr mit der Situation um?

RADENTSCHEID ESSEN: Wir sind insofern gut aufgestellt, als wir mit unseren eigenen Kommunikationskanälen schon vor Corona digital waren. Slack, Website, Mail und Social Media waren alle gut etabliert und funktionieren unter Corona normal weiter. Unsere öffentlichen und Face-to-Face-Veranstaltungen waren natürlich ein entscheidendes Element. Corona hat uns insofern ausgebremst, da jetzt alle möglichen Veranstaltungen wie Bündnistreffen, AG-Treffen abgesagt wurden. Internes haben wir dabei durch Videokonferenzen und Telkos ersetzt, was auch ganz gut funktioniert. Unsere öffentlichen und Präsenzveranstaltungen, v.a. unser Gesamttreffen, das wir seit September 2019 monatlich abhalten, hat immer ca. 50-60 Personen erreicht und jedes Mal waren ca. 50% zum ersten Mal dabei. Diese Veranstaltungen funktionieren wohl nicht digital und wenn, dann nur mit deutlich größerem Aufwand. Der Socializing-Effekt und die interaktiven Kommunikationsprozesse sind dadurch sicher deutlich weniger geworden, auch da wir uns natürlich alle auch privat erstmal sortieren und auf die Krisensituation einstellen mussten.

ADFC NRW: Was bedeuten der Ausbruch des Virus und die Schutzmaßnahmen für eure Unterschriftensammlung? Müsst ihr bestimmte Fristen einhalten? Besteht die Möglichkeit für euch, ins Internet auszuweichen?

RADENTSCHEID ESSEN: Wir müssen keine Fristen einhalten. Wir waren eh in einer gewissen Wartephase, da die Stadt Essen uns ihre Kostenschätzung mitteilen muss, bevor wir mit der Unterschriftensammlung beginnen können. Vor Corona war uns das bis vor den Osterferien zugesagt worden, aktuell sagt die Stadt, es wird bis Ende der Osterferien dauern. Aber natürlich fragen wir uns, wie wird die Sammlung ablaufen können, da wohl viele Großveranstaltungen ja nicht wie gewohnt werden stattfinden können. Online Unterschriften sammeln geht in NRW nicht, da ist das Gesetz leider veraltet.

ADFC NRW: Legt ihr alles auf Eis oder benötigt ihr –im Gegenteil– jetzt noch mehr Unterstützung? Wie kann diese Unterstützung aussehen?

RADENTSCHEID ESSEN: Nein, wir wollen starten, sobald wir dürfen, vermutlich Anfang Mai. Aber mehr Unterstützung wäre hilfreich, da wir jetzt eben die Herausforderung haben, nicht „normal“ sammeln zu können. Wir sind gerade dabei, Ideen zu sammeln, welche Corona-safen Möglichkeiten wir haben, die uns in dieser Situation helfen würden, welche Verbreitungswege und Methoden uns helfen, die Unterschriften tatsächlich schnell einzusammeln.

ADFC NRW: Welche Veranstaltungen musstet ihr absagen? Welche Folgen hatten die Absagen? Plant ihr, die Veranstaltungen zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen?

RADENTSCHEID ESSEN: Unser öffentliches Gesamttreffen am 2.4., Termine mit der SPD-Fraktion im Stadtrat, bei Bündnispartnern (einem Radsportverein, einem Wohlfahrtsverband), AG-Treffen als VK/Telko. Schwierig ist jetzt die Planung für den Auftakt der Sammlung, da hatten wir ursprünglich ein Event geplant, das voraussichtlich so nicht stattfinden kann.

ADFC NRW: Was ratet ihr den anderen Radentscheiden in dieser Situation?

RADENTSCHEID ESSEN: Naja, das ist ja gerade für alle Neuland. Wir haben uns z.B. mit Jan van den Hurk vom Radentscheid Aachen ausgetauscht, er empfiehlt unbedingt mit der Sammlung anzufangen. Das haben wir auch vor. Schließlich beginnt gerade auch die Radsaison und die Leute sind ja nicht aus der Welt, es ist halt nur schwerer sie zu erreichen, genauer gesagt: sie unterschreiben zu lassen. Wichtig ist, an den Themen dranzubleiben und auch die Kommunikation aufrecht zu halten. Wir müssen jetzt alle kreative neue Wege finden, die andere Radentscheide vor uns nicht gehen mussten. Zentral ist hier auf jeden Fall der Austausch mit anderen Radentscheiden. Da sind wir dran.

ADFC NRW: Habt ihr Bedenken, dass das Thema Radverkehr auf der politischen Agenda nach unten rutschen wird oder erlebt das Fahrrad als gesundes, kostengünstiges und CO2-freies Verkehrsmittel jetzt erst recht ein Revival?

RADENTSCHEID ESSEN: Schwer abschließend zu beurteilen. Einerseits klar, dass die Krise vieles überschattet. Wenn man Klimaschutz und Radverkehr erwähnt, schallt einem häufig ein „Habt ihr keine anderen Sorgen!“ entgegen. Andere feiern einen auch, wenn man am Thema dranbleibt. Zum anderen ist die Debatte grundsätzlich schon da, dass das Fahrrad fit hält, Corona-sichere Mobilität erlaubt usw. –jetzt die Chance ist für temporäre Radspuren wie in Berlin, Bogota, Paris, New York etc. Kurzfristig wird es wohl durch Corona nicht leichter. Schnell werden die anderen Themen aber auch wiederkommen, denn die Notwendigkeit von Mobilitätswende und Klimaschutz verschwindet ja nicht. Vielleicht hilft das radikale Handeln, das die Behörden bei Corona demonstrieren, dann auch, die Mobilitätswende beherzter anzugehen.

ADFC NRW: Wie kann die Stadt Essen kurzfristig die Lage für Radfahrende verbessern?

RADENTSCHEID ESSEN: Das Bikesharing System Metropolrad hat in Kooperation mit der Ruhrbahn und dem Regionalverband Ruhr schon dafür gesorgt, dass die nächsten 10.000 Ausleihen 30 Minuten umsonst fahren können, um den ÖPNV zu entlasten. Das bringt vermutlich auch mehr Menschen aufs Fahrrad. Jetzt in der Krise –und auch danach– ließen sich sicher eine Menge Straßen finden, die sich für temporäre Radspuren eignen würden und die dann auch gerne dauerhaft Bestand haben dürfen. Wie oben bereits erwähnt, haben es andere Städte schon vorgemacht. In Essen sieht man in diesen Tagen deutlich mehr Radfahrende auf den Straßen, dafür weniger Autoverkehr. Gerade an vielen Hauptstraßen könnte man temporär eine Spur dem Radverkehr widmen.

Die Stadt ist grundsätzlich dabei, Lücken in ihrem Hauptroutennetz zu identifizieren und will diese bis 2025 schließen. Das ließe sich vermutlich beschleunigen, wenn der Wille da ist. Ebenso könnte der Fortschritt beim RS1 sicher beschleunigt werden, damit gerade Pendelnde eine Alternative zum Zug oder Auto haben.

ADFC NRW: Seht ihr in der aktuellen Situation auch eine Chance für den Radentscheid?

RADENTSCHEID ESSEN: Grundsätzlich besteht die Chance, dass Politik, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nimmt, gestärkt wird. Gerade Corona zeigt eigentlich, welche Bedeutung der Radverkehr für die Gesundheit und Sicherheit aller Bürger*innen hat. Ein Anstieg in Radfahrenden und gleichzeitig weniger Autos auf den Straßen malen außerdem ein Bild vom Leben in der Stadt, wie es sich manche vielleicht gar nicht vorstellen können. Einige merken vielleicht auch erst jetzt, wie sie ganz persönlich von besserer Radinfrastruktur profitieren würden.

Über den RadEntscheid Essen: Der Radentscheid der Ruhrgebietsstadt hat am 28.02.2020 das Bürgerbegehren zur Kostenschätzung an die Stadt übergeben. Die Organisatoren gehen von davon aus, dass die Stadt mit der Kostenschätzung Ende April fertig sein wird. Erst danach ist ein Beginn der Sammlung von 15.000 Unterschriften möglich. Aufgrund der aktuellen Situation müssen die RadEntscheid-Gesamttreffen vorerst ausfallen. Aktuelle Informationen über den Radentscheid sowie über die Möglichkeiten den Radentscheid zu unterstützen gibt es unter: radentscheid-essen.de


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