Vorsicht „freiradelnde“ Senioren!

01.03.09
Kategorie: StVO

LK Nr. 87 1/2009, Münster. Das OLG Oldenburg musste folgenden Fall beurteilen (Urteil vom 7.5.2008, 8 U 55/08): Der Kläger befuhr auf einem neben der Landstraße befindlichen zwei Meter breiten Fahrradweg. Ihm kam eine Gruppe von mindestens 15 Senioren entgegen. Der Beklagte befand sich als dritter oder vierter Fahrer in dieser Gruppe. Der Beklagte, der mit einem Abstand von allenfalls fünfzig Zentimetern zu seinem Vordermann fuhr, ist aus nicht aufklärbaren Gründen mit dem Hinterrad des Vordermannes zusammen gestoßen und deshalb nach links gestürzt. Der in diesem Moment bereits neben der Gruppe fahrende Kläger konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen bzw. bremsen und verletzte sich bei einem Sturz schwer.

Die oldenburger Richter haben Schadensersatzansprüche des Klägers abgelehnt! Dieser habe damit rechnen müssen, dass es innerhalb der ihm entgegen kommenden Radfahrergruppe in der konkreten Verkehrssituation vor dem Sturz des Beklagten zu einer Verringerung der sonst üblichen Sicherheitsabstände innerhalb der ihm entgegenkommenden Radfahrergruppe und dabei zu einem Sturz eines Radfahrers kommen könne. Denn nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme stehe fest, dass die durch Warnwesten gekennzeichnete Radfahrergruppe kurz vor dem Sturz des Beklagte gerade die Landstraße nach links überquert habe und begann, sich auf dem rechts der Straße befindlichen ca. 2 m breiten Radweg hintereinander einzuordnen. Dies sei für den Kläger, der der Radfahrergruppe auf dem geraden Radweg entgegenfuhr, erkennbar gewesen. Außerdem habe die Radfahrergruppe durch Hupen auf sich aufmerksam gemacht und ihre Mitglieder waren als Senioren erkennbar. Der Kläger habe seine Geschwindigkeit nicht der konkreten Verkehrssituation angepasst und damit den Zusammenstoß mit dem Beklagten überwiegend selbst verschuldet. Insbesondere stehe nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme fest, dass der Abstand des Klägers zu dem auf den Radweg stürzenden Beklagten nicht so gering gewesen sei, dass ein Abbremsen bei Einhalten der gebotenen Schrittgeschwindigkeit nicht mehr möglich gewesen sei.

Das Urteil ist zu kritisieren. Die Richter sehen eine Gruppe rüstiger Senioren, die eine Radtour unternehmen, als besonderes Sicherheitsrisiko, deren potentiellen Gefahren ein entge- genkommender Radfahrer schon von weitem richtig einzuschätzen habe, auch wenn in der konkreten Situation nichts auf eine unsichere Fahrweise hindeutet. Die weiter aus dem Urteil herauszulesende Verpflichtung, in dieser Situation Schrittgeschwindigkeit zu fahren, führt dazu, dass der entgegenkommende Radfahrer seine Geschwindigkeit herabsetzen muss, die Gruppe aber auch die üblichen Sicherheitsabstände außer acht lassen darf, ohne haftungsrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Eine überwiegende Haftung des stürzenden Rentners wäre hier gerechter gewesen.

Wenn Ihnen einen Gruppe Radfahrer entgegenkommt, seien Sie also auf der Hut und verringern Sie die Geschwindigkeit, bevor einer aus dem Pulk - für Sie nicht erkennbar und aus welchen Gründen auch immer - Ihnen vor das Vorderrad fällt.


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