Haftung auf Touren

01.09.07
Kategorie: StVO

LK Nr. 81 3/2007, Münster. Organisierte Radtouren (Radwanderungen, Radtouristikfahrten) sind durch das Fahren im Pulk oft unfallträchtig. Schon leichte unmotivierte Richtungsänderungen innerhalb der Gruppe oder Bremsen kann einen „Dominoeffekt“ haben, zumal die sonst üblichen und nach der Straßenverkehrsordnung (StVO) vorgeschriebenen Sicherheitsabstände oftmals nicht eingehalten werden. Wie verhält es sich aber mit der Haftung, wenn es hierbei zu einem Unfall kommt? Die Rechtsprechung ist hier sehr zurückhaltend und überträgt ursprünglich im Bereich der „Kampfspiele“ entwickelte Grundsätze auf sportlich organisierte Radtouren:

Hiernach unterwerfen sich die Teilnehmer solcher Touren stillschweigend allein durch die Teilnahme den jeweils hierfür geltenden geschriebenen oder ungeschriebenen sportlichen Regeln. Bei geringfügigen Regelverletzungen kommt ebenfalls grundsätzlich eine Haftung nicht in Betracht, weil die Inanspruchnahme anderer Teilnehmer mit dem Verbot widersprüchlichen Verhaltens nicht vereinbar ist. Die Beteiligten nehmen die mit der gemeinsamen Sportausübung verbundenen Gefahren, die sich aus geringfügigen und alltäglichen Regelwidrigkeiten ergeben, durch die Teilnahme in Kauf, so dass es treuwidrig erscheint, bei Verwirklichung der Gefahr einen anderen haftbar zu machen, zumal es oft vom Zufall abhängt, welcher der Teilnehmer zu Schaden kommt. Daher erfolgt eine Haftung nur bei eindeutigen und klaren Regelverletzungen.

Bei einem Fahren im Pulk gehört zu diesen ungeschriebenen Regeln der weitgehende Verzicht auf die von der StVO vorgeschriebenen Sicherheitsabstände zum Vorder- und Nebenmann, ohne die ein Pulk nicht denkbar ist. Dies bedeutet aber zugleich die Inkaufnahme der damit unweigerlich verbundenen erhöhten Sturzrisiken. Auch bei erhöhter Aufmerksamkeit der Fahrer sind Stürze nie auszuschließen, weil immer wieder Verkehrssituationen auftreten können, auf die mit plötzlichen Richtungswechseln oder abrupten Bremsmanövern reagiert werden muss. Durch die verringerten seitlichen Abstände ist das Verhaken von Lenkern aus vielfältigen Gründen möglich, ohne dass dies ohne weiteres auf einen Fehler der Betroffenen hinweist. So können seitliche Berührungen unter anderem durch Überholvorgänge innerhalb der Gruppe oder durch sonstiges Zusammenrücken im Bereich von Straßenverengungen oder als Folge notwendigen Ausweichens in Reaktion auf die Fahrweise eines anderen vor Fahrbahnhindernissen (Schachtdeckel, Glasscherben etc.) entstehen, ohne dass den Betroffenen ein Vorwurf zu machen ist.

Zu einer Haftung wird man in solchen Situationen daher nur bei einer verkehrsfremden Regelwidrigkeit gelangen können (Schubsen etc.). Andernfalls ist die Haftung ausgeschlossen (vgl. OLG Stuttgart, Urteil vom 14.2.2006, U 106/05 - Radtouristikfahrt; OLG Zweibrücken, Urteil vom 14.7.1993, 1 U 153/92 - Radtrainingsfahrt; OLG Düsseldorf, Urteil vom 12.6.1995 - 1 U 213/94 - organisierte Radwanderung; LG Krefeld, Urteil vom 11.4.2002, 3 S 76/01 - Radtrainingsgruppe).


Alles was Recht ist

Unsere Datenbank enthält Leitsätze zu Urteilen deutscher Gerichte. Den Schwerpunkt bilden Entscheidungen zum Verkehrs- und zum Schadensrecht. Hier gehts zur Datenbank, die unsere Mitglieder kostenlos nutzen.

Ihr Recht als Radfahrer

Vierteljährlich veröffentlichen wir von unserem Mitglied Rechtsanwalt
Dr. jur. Falk Schulz in unserem lokalen ADFC-Mitgliedermagazin Leezen-Kurier Urteile zum Verkehrsrecht.

In unserer Rubrik "Recht & Versicherung"  können Sie alle bisher veröffentlichten Beiträge nachlesen.



Falk
Schulz
+49 251 8 71 45 35
http://www.falk-schulz.de

© 2020 ADFC Kreisverband Münsterland e. V.