"Barrierefrei" ist nicht barrierefrei

14.03.18

Sturzgefahr vor allem für einbiegende Radfahrende an Zweirichtungs-Rad/Gehwegen



Sogenannte vollkommen barrierefreie Gestaltung einer Querungsstelle, Neubaumaßnahme 2018 Krefeld-Holterhöfe, Straßen.NRW: nicht barrierefrei für Rad- und Rollstuhlfahrende



Krefeld-Holterhöfe: Abbiegung zur Querungsstelle nicht anhängertauglich



besser gestaltete Querungsstelle in Krefeld-Linn, Hentrichstraße, gebaut 2015



Kostengünstige Kompromisslösung an der Werner-Voss-Straße: nicht nach DIN, aber fahrrad- und rollstuhlfreundlich


Schon 2016 berichteten wir in unserem Fahrradmagazin Rad am Niederrhein, dass Radfahrende in Krefeld beispielsweise an der Uerdinger Straße durch die an den Übergängen eingebauten Blinden-Tastkanten zur Slalomfahrt gezwungen werden. Da die Gestaltung von sogenannten barrierefreien Querungsstellen bundesweit gesetzlich geregelt ist, werden solche Kanten vermehrt auftauchen. Eine Bestandsaufnahme nach 2 Jahren.

Im Zuge einer Umgestaltung an der Krefelder Hafelsstraße wurden ebenfalls Übergänge an Rad-/Fußwegen „barrierefrei” ausgebaut. Die Furten wurden zwar vorbildlich rot eingefärbt, aber an den Auf- und Abfahrten wurden teilweise Tastkanten für Sehbehinderte eingebaut, die für Radfahrende alles andere als barrierefrei sind. Wer aus der Seitenstraße einbiegt und nicht einen ungewöhnlich großen Bogen fährt, trifft mit dem Vorderrad in einem äußerst ungünstigen Winkel auf diese Kante. Im Dezember 2017 stürzte eine Radlerin an so einer Tastkante und verletzte sich dabei.

Ein anderes aktuelles Beispiel: Bei einer aktuellen Neubaumaßnahme von Straßen.NRW in Krefeld-Holterhöfe wurden zwar die Rad-/Gehwegübergänge an der bevorrechtigten Straße vollständig abgesenkt, an den Querungsstellen für den Seitenwechsel jedoch nur zur Hälfte. Da die Furt dort nur ca. 1,8 m breit ist und die Übergänge rechts und links abgeschrägt sind, bleibt für Radfahrende netto nur eine ca. 60 cm breite Nullabsenkung. Fahrräder mit Kindernhängern und Liegedreiräder poltern dann mit mindestens einem Rad über die 3 cm hohe Kante, ebenso wie entgegenkommende Radfahrende. Das ist umso unverständlicher, als bei dieser Baumaßnahme ausreichend Platz für breitere Überwege vorhanden war. Auch bei den Kurvenradien wurde beim Bau dieser Querungsstelle nicht an Gespanne und Dreiräder gedacht, wie das Bild rechts zeigt: Egal, wie man den Bogen fährt - ein Rad wird immer über die Tastkanten holpern.
Eine Beschwerde des ADFC Krefeld - Kreis Viersen während der Bauphase wurde vom Verkehrsministerium NRW kommentiert mit dem Hinweis, dass diese Tastkanten im Leitfaden für den barrierefreien Ausbau festgelegt und doch durch den Helligkeitsunterschied für Radfahrende erkennbar seien. Im Neuzustand mag das stimmen, aber nach ein oder zwei Jahren sind die Kantensteine grau und unter Laub oder bei starkem Regen nicht mehr sicher erkennbar.

Koexistenz ist möglich - bei geschickter Planung
Dass die gleichzeitige Barrierefreiheit für Behinderte und für Radfahrende kein völliger Widerspruch sind, sieht man an einer 2015 gebauten Querungsstelle an der Hentrichstraße in Krefeld-Linn. Dort wurden fahrradgerechte Kurvenradien und -breiten realisiert. Aber auch hier kann es poltern, wenn die Kanten später vergraut und schlecht erkennbar sind.

Fazit: Barrierefreiheit im Sinne der Sehbehinderten erzeugt neue Barrieren für Radfahrende. An der Notwendigkeit der Barrierefreiheit besteht kein Zweifel. Aber wenn die Umsetzung der DIN 18040-3 nicht zulasten von Radfahrenden gehen soll, sind eine klare Flächenaufteilung, eine Berücksichtigung von fahrradgerechten Kurvenradien und zukunftsfähigen Wegbreiten noch wichtiger als bisher. Der barrierefreie Ausbau von Rad-/Gehwegen erfordert in der Regel mehr Platz, was aber nicht zulasten des Fahrradverkehrs gehen darf. Sonst wird es zukünftig vor allem auf innerörtlichen Rad-/Gehwegen noch mehr Konfliktpotential geben als bisher.

Wie sind Ihre Erfahrungen? Sind Ihnen ähnliche Unfälle bekannt, die auf diese Tastkanten zurückzuführen sind? Melden Sie diese bitte an redaktion@radamniederrhein.de, Stichwort: “Tastkante”


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