Gedanken des ADFC-Vorsitzenden zur Verkehrswende in Gütersloh

28.08.20
Kategorie: Gütersloh
Verkehrswende jetzt. Der Beitrag des ADFC für GT-Info. Quelle: GT-Info

Verkehrswende jetzt. Der Beitrag des ADFC für GT-Info. Quelle: GT-Info


Verkehrswende jetzt. Zug um Zug.

Auf Autos abgestimmte Ampeln, breite asphaltierte Straßen, kostenloses oder preiswertes Parken auf öffentlichem und privatem Grund gibt es fast überall. Seit Jahrzehnten wird in den meisten Städten – so auch in Gütersloh - das Auto bevorzugt. Als Vorsitzender des ADFC Gütersloh fordere ich eine Umkehr. Durch eine Priorisierung des sogenannten Umweltverbundes, also Bus, Fahrrad und den Fußverkehr, muss die jahrelange Bevorzugung des Autoverkehrs beendet werden.

Immer mehr Städte in Deutschland, aber auch im Ausland, stellen nun die Weichen für die Zukunft und Gütersloh darf dabei nicht zurückstehen. Die Herausforderungen der schon begonnenen Klimakatastrophe, aber auch ungezügelte Abgas- und Lärmemissionen sowie der immense Flächenverbrauch des Autoverkehrs zwingen uns dazu. Durch eine mit Kraft und Engagement vorangetriebene Verkehrswende kann die Politik in Gütersloh nun endlich längst überfällige Zeichen setzen.

Die Forderung des ADFC an Politik und Verwaltung: Machen Sie Gütersloh attraktiver für den Rad- und Fußverkehr, indem Sie die Flächen für fließenden und parkenden Verkehr neu aufteilen. Attraktiver Radverkehr heißt: schneller, einfacher, sicherer und komfortabler. #MehrPlatzFürsRad ist dafür eine Grundvoraussetzung. Hier hilft uns das gerade vorgestellte Alltagsradwegenetz des Kreises Gütersloh mit definierten Qualitätsstandards. Es darf nicht wie die vielen Konzepte zuvor in der Schublade vergilben. Es muss mit aller Kraft umgesetzt werden und auf die innerstädtischen Netze erweitert werden.

Für Gütersloh bedeutet das, dass wir Fahrradachsen brauchen, die sicher und schnell mit Vorfahrtsrecht durch die Stadt bis in die Ortsteile führen und mit dem Alltagsradwegenetz verknüpft werden. Gleichzeitig muss auf diesen Fahrradachsen aber auch im gesamten Innenstadtbereich der PKW-Verkehr drastisch reduziert werden. Es kann nicht sein, dass über die Kirchstraße und die Münsterstraße der KFZ-Durchgangsverkehr mitten durch die Innenstadt rauscht. Dabei kann man alle Ziele für Anlieger und Besucher mit dem Auto erreichbar halten und gleichzeitig den KFZ-Durchgangsverkehr verhindern. Die niederländische Stadt Groningen, etwa doppelt so groß wie Gütersloh, zeigt meisterhaft, wie das problemlos funktioniert und die Händler und Restaurants aufgrund der gestiegenen Aufenthaltsqualität bessere Geschäfte denn je machen.

Ich möchte zehn Punkte für die Verkehrswende nennen, die nun schnell angegangen werden sollten:

  1. Unfälle müssen weitestgehend verhindert werden. Dazu soll Tempo 30 zur neuen Regelgeschwindigkeit innerorts werden. Tempo 50 darf nur noch an ausgewählten Hauptstraßen gelten. Tempo 30 führt einerseits zu weniger Unfällen aber auch zu drastisch geringerer Unfallschwere, weniger Lärm- und Abgasemissionen und insgesamt zu mehr Lebensqualität. Selbstverständlich dürfen die Kontrollen dabei nicht vergessen werden.
  2. Wir benötigen qualitativ hochwertige, kostenlose Fahrrad-Abstellanlagen in der Stadt und davon viele. Der Hauptbahnhof zeigt, dass das Angebot dauerhaft nicht ausreicht. Bei Wind liegen die Räder durcheinander auf dem Boden, weil die Räder nicht angeschlossen werden können. Ein trauriger erster Anblick, den wir den Besuchern unserer Stadt zumuten. An vielen Schulen sieht es nicht besser aus, an den meisten Bushaltestellen fehlen Fahrradständer komplett.
  3. Grünphasen müssen für Radfahrer und Fußgänger genauso lang sein wie für den Kfz-Verkehr. Die Drückerampeln, die von Radfahrern wie Fußgängern gleichermaßen als Schikane empfunden werden, sollen endlich abgebaut werden.
  4. Anlieger-frei-Straßen und Durchfahrverbote müssen wirksam kontrolliert werden. Poller oder Blumenkübel können zur Verhinderung von KFZ-Durchgangsverkehr eingerichtet werden. Die Münsterstraße muss wieder eine Einbahnstraße für KFZ werden. Auch andere Straßenzüge können zur Einbahnstraße werden, um Durchgangsverkehr aus den Wohnstraßen herauszuhalten und Platz zu schaffen für den Rad- und Fußverkehr.
  5. Bei Baustellenabsicherungen müssen Fußgänger und Radfahrer zuerst berücksichtigt werden, denn sie sind umwegesensibel. Stattdessen werden für Privatbauten wie am Kaiserquartier Geh- und Fußwege jahrelang gesperrt, Fußgängern wie Radfahrern zusätzlich noch zwei weitere Drückerampeln mit Dauerrot zugemutet.
  6. In der Stadtverwaltung brauchen wir mehr qualifizierte Nahmobilitätsplaner*innen. Oft bleiben gute Ideen in der Schublade, weil sie nicht geplant oder nicht umgesetzt werden können. Wir brauchen mehr Planungskapazität, mehr Kümmerer!
  7. Parken muss sehr viel teurer werden. Ein abgestelltes Auto nimmt mit Rangierflächen 25 m² Platz weg. Parken am Straßenrand ist vielfach kostenlos möglich, ein Anwohnerparkausweis kostet jährlich 35 Euro. Für dieselbe Wohnfläche muss man in Gütersloh im Jahr fast das 100-fache zahlen. Vielfach wird auf öffentlicher Fläche geparkt, weil es viel billiger ist, als auf privaten Grundstück. Für Autoparken wird unser kostbare Platz verschenkt und zudem der fließende Verkehr behindert.
  8. Es ist eine Schande, dass Busse abseits des Schülerverkehrs leer durch Gütersloh fahren. Das Liniennetz gehört verbessert, um zum Beispiel die großen Gütersloher Arbeitgeber besser anzubinden. Die Fahrzeiten von Start zu Ziel sind viel zu lang, der 30-Minuten-Takt und der Betriebsschluss bereits um 20 Uhr provinziell.
  9. Busfahren ist auch zu teuer! Eine Hin- und Rückfahrt in die Stadt mit dem Bus kosten fünfmal so viel, wie das Auto den ganzen Tag auf dem Marktplatz abzustellen. Der Erfolg des 1-Euro-Baustellen-Tickets für den Bus zeigt, dass Fahrpreise relevant sind. Daher sollte das Ticket generell in der Zeit mit schwacher Auslastung angeboten werden und nicht nur freitags ab Mittag. Fast alle Fahrten wären zusätzliche Fahrten und tragen zu einer gleichmäßigeren Auslastung und gleichzeitig besseren Wirtschaftlichkeit bei.
  10. Die Reaktivierung der TWE-Strecke bietet Chancen, aber der geplante Stundentakt ist bei weitem nicht ausreichend. ÖPNV funktioniert über Schnelligkeit und guten Takt, wenn es eine Alternative zum Auto sein will. Die eingleisige Strecke muss für Begegnungsverkehr fit gemacht werden, um einen 20- oder zumindest 30-Minuten-Takt fahren zu können. Der Trumpf wäre es, wenn einzelne Züge aus Verl oder Harsewinkel kommend über Gütersloh direkt nach Bielefeld weiterfahren würden. Als Nebeneffekt wird damit gleichzeitig der lückenhafte Takt zwischen Gütersloh und Bielefeld optimiert.
Daniel Neuhaus für GT-Info

Über den ADFC

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit über 200.000 Mitgliedern, der die Interessen von Radfahrern und Fußgängern unterstützt. Zu den Tätigkeitsschwerpunkten zählt Verkehrspolitik, die Durchführung von Radtouren und Verbraucherschutz.

Im Kreis Gütersloh ist der Verein mit einem eigenständigen Kreisverband vertreten. Die ehrenamtlichen Aktiven im Kreisverband Gütersloh bieten jedes Jahr ein Programm mit zahlreichen geführten Radtouren an, die auch für Nicht-Mitglieder offen stehen. Über Info-Stände und Pressemitteilungen werden die Bürger im Kreis Gütersloh zudem über Neuigkeiten rund ums Fahrrad informiert. Mit den Städten und Gemeinden ist der ADFC Gütersloh in intensivem Kontakt und stellt mit der Mängel-Datenbank eine Infrastruktur bereit, um für eine schnelle Beseitigung von Mängeln an Radverkehrsanlagen zu sorgen.

Der Fahrrad-Club ist im Internet sowohl unter www.adfc-guetersloh.de als auch in Facebook unter den Stichwörtern „ADFC Gütersloh“ zu finden.

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