Stadt Essen zwingt Radtouristen zum Absteigen

08.11.17

Seit Jahrzehnten ist die im Stadtteil Rellinghausen befindliche Kreuzung Wuppertaler Straße / Kon­rad-Adenauer-Brücke / Frankenstraße ein Unfallbrennpunkt beim Radverkehr in Essen. Grund ist der Querungsbereich des in zwei Richtungen befahrbaren Radwegs über besagte Kreuzung. Den Knackpunkt bildet hierbei die frei geführte und nicht signalisierte Rechtsabbiegespur von der Kon­rad-Adenauer-Brücke in Richtung Ruhrallee. Immer wieder ist an dieser Stelle herumgedoktert worden, letztlich ist jedoch eine wirklich zielführende und sichere Lösung nie dabei herausgekom­men. Die Ursache ist die Prioritätensetzung seitens der Stadt zugunsten einer möglichst hohen Durchflussmenge beim Autoverkehr. Fuß- und Radverkehr mussten sich dem immer unterordnen.

Nun hat die Stadt die Restriktion an dieser Stelle auf die Spitze getrieben, indem sie neuerdings die Radler mit der Zusatzbeschilderung „Radfahrer absteigen“ nicht mehr weiterfahren lässt. Eine Beschilderung, die bislang an Baustellen besonders beliebt war. Bezeichnenderweise hatte die Stadt die Baufirmen vor einiger Zeit offiziell dazu angehalten, derartige Schilder nicht mehr zu verwenden. Und jetzt stellt sie diese selber auf. Es ist ein erneutes Beispiel dafür, dass die Stadt Essen, die sich eigentlich die Förderung des Radverkehrs auf ihre Fahnen geschrieben hat, mal wieder genau gegensätzlich handelt. Bezeichnenderweise betitelt man sich selbst seit Jahren als „Fahrradfreundliche Stadt“ – ein Umstand, dem man als „Grüne Hauptstadt Europas“ eigentlich ein noch höheres Gewicht zukommen lassen wollte.

Das es sich hierbei um einen der meistfrequentierten Radrouten in Essen handelt, scheint keine Rolle zu spielen. Dieser Radweg gehört sowohl zum städtischen Hauptroutennetz als auch zum landesweiten NRW-Radwegenetz. Vor allem aber ist er Bestandteil des sehr erfolgreichen und auch von der Stadt Essen bundesweit als radtouristisches Highlight vermarkteten „RuhrtalRad­wegs“, welcher mittlerweile sogar vier von fünf möglichen Qualitätssternen aufweist. Letztgenann­tes Kriterium spielt vor allem bei der bundesweiten Vermarktung eine herausragend wichtige Rolle, wird aber nun ausgerechnet von der Stadt Essen fahrlässig aufs Spiel gesetzt.

Der Grund für die hohe Unfallträchtigkeit besagter Kreuzung ist die bereits genannte frei geführte Rechtsabbiegespur, welche Autofahrer dazu veranlasst, sich ausschließlich nach links zu orientie­ren, um zu sehen, ob von dort Querverkehr erfolgt. Wähnen sie freie Fahrt, wird gnadenlos mit hoher Geschwindigkeit durchgezogen. Speziell von rechts querende Radfahrer und Fußgänger werden dann nicht mehr wahrgenommen, Unfälle sind daher vorprogrammiert. Es ist übrigens der gleiche Umstand, der vor einem Jahr zu dem tödlichen Unfall am Bismarckplatz geführt hat.

Beim letzten Umbau vor 13 Jahren ist der Kurvenradius der Abbiegespur verkleinert worden, im gleichen Zuge wurde der Radweg zwischen der Einmündung „Zornige Ameise“ und besagter Kreu­zung als Gehweg mit dem Zusatz „Radfahrer frei“ umdeklariert. Beides sind Maßnahmen gewe­sen, mit denen sowohl die Geschwindigkeit der Autos als auch die der Radfahrer reduziert werden sollte. An dem Grundübel der frei geführten Rechtsabbiegespur wurde jedoch nie gerüttelt, so dass sich der Kreuzungsbereich nach wie vor als unfallträchtig erweist

Nach Ansicht des ADFC-Essen ist die nun jüngst durchgeführte Maßnahme angesichts der hohen Frequentierung des Radwegs sowie seiner Wichtigkeit für den Radtourismus absolut inakzeptabel und muss daher schnellstmöglich wieder rückgängig gemacht werden. Dabei kann der bisherige Zustand, sprich die Beschilderung „Fußweg / Radfahrer frei“, nur der kleinste gemeinsame Nenner sein. Man könnte, um eine rechtlich einwandfreie Situation herzustellen, eine „Vorfahrt achten“-Be­schilderung vor besagter Kreuzung installieren, was aber nur kurzfristig akzeptabel ist. Viel wichti­ger ist nach Ansicht des ADFC die Einbeziehung der frei geführten Rechtsabbiegespur in die Sig­nalisierung der Kreuzung, sprich es muss dort eine Ampel aufgestellt werden. Dass dies ebenfalls kurzfristig erfolgen kann, hat die Stadt eindrücklich an der Kreuzung Bismarckplatz demonstriert.

Langfristig muss eine Unterführung des „RuhrtalRadwegs“ unter der Konrad-Adenauer-Brücke in Betracht gezogen werden – eine Maßnahme, die bislang aus Hochwasserschutzgründen als nicht machbar erschien, was aber jetzt nach erfolgter Renaturierung des an gleicher Stelle einmünden­den Rellinghauser Mühlenbachs endlich angepackt werden kann. Aktuell gilt es jedoch, das Schild „Radfahrer absteigen“ schnellstmöglich wieder zu entfernen.

Text: Jörg Brinkmann
Foto: Thomas Riechmann


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