Geht Essens Fahrradpolitik am tatsächlichen Bedarf vorbei?

09.09.17

Essen gehört bundesweit zu den Städten, in denen der Radverkehr nur eine sehr unter­geordnete Rolle spielt – trotz aller Beteuerungen, anlässlich der Ernennung zur „Grünen Hauptstadt Europas“ den Anteil des Fahrrades am Gesamtverkehr zu steigern. Nur 5% aller Wege werden in Essen insgesamt mit dem Fahrrad zurückgelegt. Dies jedenfalls belegen 2011 ermittelte Zahlen, die aber inzwischen sechs Jahre alt sind. Nun sollte man meinen, dass zumindest subjektiv betrachtet der Radverkehr seither spürbar zugelegt hat, was in absoluten Zahlen auch durchaus stimmen mag. Aber auch der Autoverkehr hat zugenommen, so dass prozentual gesehen der Anteil des Radverkehrs nicht so deutlich gestiegen sein dürfte. Die Stadt jedenfalls will im kommenden Jahr eine neue Erhebung durchführen. Man darf wirklich gespannt sein, wie diese ausfällt.

Einen in dieser Hinsicht deutlichen Dämpfer hat Anfang September das statistische Lan­desamt geliefert. Nach dessen aktueller Erhebung beträgt der Anteil des Fahrrades am Berufsverkehr gerade einmal drei Prozent (NRZ vom 05.09.2017), was nach Ansicht des Essener ADFC eher auf eine Stagnation als auf eine Steigerung hindeutet. Zum Vergleich: In Düsseldorf beträgt der Anteil 12%, das ist viermal mehr als in Essen. Das zeigt einmal mehr, dass die Radverkehrspolitik gerade gegenüber dem Alltagsradverkehr, der inner­halb der Stadt vornehmlich in Nord-Süd-Richtung verläuft, nach wie vor an den tatsäch­lichen Bedürfnissen vorbeigeht. Der Bau von Radwegen auf Bahntrassen ist gut und wichtig, nur verlaufen diese hauptsächlich in Ost-West-Richtung.

Bis 2020, also in jetzt nur noch drei Jahren, will die Stadt bekanntlich den Anteil des Radverkehrs insgesamt auf 11% steigern, was immerhin mehr als eine Verdoppelung gegenüber heute bedeuten würde. Angesichts des bislang an den Tag gelegten Tempos wird dieses ehrgeizige Ziel nach Einschätzung des ADFC jedoch nicht zu schaffen sein. Zwar hat die Stadt in den letzten Jahren die Bemühungen um die Förderung des Radver­kehrs durchaus verstärkt, dennoch ist dies gegenüber dem tatsächlichen Bedarf immer noch viel zu wenig. Der ganz große Wurf mit einer wirklich eingeleiteten Wende in der Verkehrspolitik – darauf warten Essens Radler nach wie vor vergeblich.

Jörg Brinkmann


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