Essens Radverkehr im Licht der Grünen Hauptstadt Europas

19.12.17
Kategorie: Presse, Essen

Euphorischer Auftakt zur Grünen Hauptstadt im Januar 2017


Essen, im Dezember 2017

Die Ernennung Essens als Grüne Hauptstadt Europas wurde unter Essens Radlern mit Eu­phorie aufgenommen, wurde doch damit die Erwartung geweckt, dass dem Radverkehr end­lich die Wertschätzung entgegen gebracht wird, welche ihm angesichts des überfälligen Wan­dels im Verkehrssektor tatsächlich gebührt. Gestützt wurde dies durch die von allen Seiten verlautbarte Erkenntnis, dass die größten Defizite im Umweltbereich in Essen im Verkehrs­sektor lägen.

Wolle man den Status als Grüne Hauptstadt wirklich ernst nehmen, so die Schlussfolgerung des Essener ADFC, dann müsse die Stadt angesichts der unübersehbaren Defizite beim Rad­verkehr dessen Förderung mehr als deutlich steigern. Erste Verlautbarungen der Stadt klan­gen dann auch sehr vielversprechend: Man wolle den Radverkehrsanteil von derzeit 5% auf 11% im Jahr 2020 und sogar auf 25% bis 2035 steigern. Das weckte entsprechende Hoffnun­gen, dass nämlich der Gordische Knoten bei der Radverkehrsförderung in der sich seit 20 Jahren als fahrradfreundlich titulierenden Stadt nun tatsächlich durchschlagen werden könnte.

Tatsächlich ist das Tempo beim Ausbau des städtischen Radroutennetzes auch gesteigert worden, allerdings bei weitem nicht in dem erforderlichen Maße, um die genannten Zielmarken zur Erhöhung des Radverkehrsanteils auch wirklich erreichen zu können. Immerhin wurde ein jährlich festgelegter Sockelbetrag speziell für kleinere Infrastrukturmaßnahmen aufgelegt, wel­cher aber auch nur den Tropfen auf dem heißen Stein bildet. Als positive Beispiele seien die deutlich erhöhte Zahl an gegenläufig geöffneten Einbahnstraßen, an Fahrradstraßen sowie das Asphaltierungsprogramm bei Bahntrassenradwegen und dem Ruhrtal-Radweg genannt.

Gleichfalls positiv zu vermerken sind die im Zuge des Grünen Hauptstadtjahrs im Fahrradsek­tor angesiedelten Projekte und Veranstaltungen, die teilweise auch vom Essener ADFC ins Leben gerufen wurden. Einige waren als einmalige Events gedacht, so die mit großem Auf­wand organisierte große Ruhrgebietssternfahrt am Tag der Bewegung; andere hingegen wur­den als langfristige Projekte ausgelegt, so die Fahrradparkhäuschen oder die zum kostenlosen Verleih an Jedermann gedachten Lastenräder. Des weiteren gab es einige durchaus bemer­kenswerte Informations- und Diskussionsveranstaltungen, über deren nachhaltige Wirkung zu gegebener Zeit allerdings noch einmal gesprochen werden sollte.

Wie berechtigt derartige Zweifel zum Ende des Grünen Hauptstadtjahrs sind, zeigen einige Begebenheiten im Laufe dieses Jahres. Bestes Beispiel ist der Umgang mit dem zukünftigen Radschnellweg, immerhin ein revierweites Leuchtturmprojekt mit inzwischen sogar internatio­naler Reputation. Dass ausgerechnet im Grünen Hauptstadtjahr das Essener Kernstück im Bereich der Nordcity komplett in Frage gestellt wird, zeigt die in den Augen des ADFC geringe Wertschätzung, welche dem Radverkehr in Essen mancherorts nach wie vor entgegenschlägt.

Dies gilt auch für die immer noch gängige Praxis, dass bei Erneuerungen von Straßen – selbst wenn diese Bestandteil des Hauptroutennetzes sind – eine Berücksichtigung des Radverkehrs nicht als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Oder dass man unbeirrt an den unseligen frei geführten Rechtsabbiegespuren festhält, obgleich deren Gefährlichkeit hinlänglich bekannt ist. Bezeichnend auch der Umstand, dass man ausgerechnet bei einem der größten touristischen Highlights im Revier, dem Ruhrtal-Radweg, die aus ganz Deutschland kommenden Radtouris­ten auf einem Teilstück zum Absteigen und Schieben zwingt.

Ob die anfänglich aufgeführten Aussagen, die eine deutliche Steigerung des Radverkehrs zum Ziel haben, angesichts solcher herber Rückschläge wirklich jemals erreicht werden, ist mehr als fraglich. Angesichts der vielfältigen Probleme in Sachen Klimaschutz beim Verkehr wäre dies nach Ansicht des ADFC ein blamables Fazit für Essen als Grüne Hauptstadt Europas.

i.A. Jörg Brinkmann, Pressesprecher ADFC-Essen e.V.


© 2018 ADFC Kreisverband Essen e. V.