AGFS Radverkehrskongress 2018

17.09.18

Landesvorsitzender ADFC-NRW Thomas Semmelmann



Simon Knur (Mitte) und Albert Hölzle (rechts) von VeloCityRuhr nehmen den Deutschen Fahrradpreis für die RS1-Internetplatform an


Zum 12. Mal fand Ende Februar die „Fahrradmesse Essen“ statt. Parallel dazu wurde wie immer am ersten Messetag der Radkongress der AGFS, also der „Arbeitsge­meinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW“ ausgerichtet. Zudem erfolgte in diesem Jahr wieder einmal die Verleihung des „Deutschen Fahrradpreises“. Der AGFS, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert, gehören mittlerweile 81 Kommunen in NRW an, darunter auch alle fünf Städte im Verbreitungsgebiet der RAD im Pott.

Infrastruktur: Konkret!
Unter diesem Motto trafen sich mehr als 530 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus kommunaler Verkehrsplanung, Verwaltung und Politik und Verbänden im Congress Center West der Messe Essen. Das umfangreiche Kongress-Programm mit etlichen Vorträgen schaffte wie in den Vorjahren einen fachlich breiten Überblick und bot zu­dem sehr viel Raum zum Austausch.

Die im ersten Block referierenden Experten fanden in ihren Leitvorträgen teilweise erstaunlich klare und deutliche Worte:

  • Prof. Martin Lühder von der FH Münster: „Die Autos müssen raus aus den Städten – es sind einfach zu viele.“ Er sieht bei einem Kfz-Anteil von 20 Prozent am Modal Split die Grenze des Verträglichen erreicht.
  • Michael Dinter vom Büro Albert Speer + Partner forderte endlich einen Paradig­menwechsel in der Verkehrsplanung einzuleiten: weg vom Prognostizieren und Vorhersagen, hin zu einem integrierten Ansatz, der die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt.
  • Landschaftsplaner Thomas Wündrich betonte den hohen Wert von Grün in Städ­ten und Gemeinden. Er warb dafür, Flächen, Plätze und Parks multifunktional zu nutzen.

Beim Forum Infrastruktur gingen die Vortragenden ins Detail:

  • Ruben Loendersloot referierte über die niederländische Praxis bei der Planung und Umsetzung von Fahrradstraßen.
  • Patricia Reich und Thomas Ide stellten die Ergebnisse der AGFS-Planerwerkstatt „Am Ende der Straße“ vor und regten an, scheinbar unlösbaren Problemen unkonventionell zu begegnen.
  • Lukas Renken von der RWTH Aachen brachte die Vorteile von umweltfreundli­chem und wasserdurchlässigem Asphaltbelag auf den Punkt. Mit solchen Bau­stoffen könne man beim Radwegebau im Freiraum Umweltschutzbedenken ent­kräften.

Die im letzten Block vorgetragenen Statements boten Anlass zum Nachdenken:

  • Thomas Semmelmann, Vorsitzender des ADFC Nordrhein-Westfalen, forderte einen zügigen Ausbau der kommunalen Radverkehrsinfrastruktur und der Rad­schnellwege. Infrastruktur müsse auf die Bedürfnisse der Radfahrenden abge­stimmt sein, denn nur so könne es gelingen, mehr Menschen für das Radfahren im Alltag zu begeistern.
  • Hendrik Wüst, Verkehrsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, gab einen kon­kreten Ausblick auf die Weiterentwicklung des Rad- und Fußverkehrs. Ausschlag­gebend für die Zukunft sei eine Erleichterung des Planungsrechts und der Pla­nungsprozesse. Nur dann habe man die Chance, z.B. den Radschnellweg Ruhr RS1 auf absehbare Zeit komplett fertigzustellen.
  • Christine Fuchs, Geschäftsführerin der AGFS, brachte abschließend die Position der AGFS auf den Punkt: Es gehe letztlich darum, eine „bewegungsaktivierende“ Verkehrsinfrastruktur zu planen. Ausschlaggebend dafür seien die Planerinnen und Planer in den Kommunen.

Wer inhaltlich mehr über die beim diesjährigen Fahrradkongress in Essen gehaltenen Fachvorträge erfahren möchte, sei verwiesen auf die Internetseite der AGFS: http://www.agfs-nrw.de/events-und-kampagnen/agfs-kongress-2018.html

Der Deutsche Fahrradpreis
Im Anschluss an den Radverkehrskongress wurden in Essen die Gewinner des Deut­schen Fahrradpreises 2018 ausgezeichnet. Einmal im Jahr werden die besten Pro­jekte der Radverkehrsförderung in den Kategorien „Infrastruktur“, „Kommunikation“ und „Service“ prämiert. Wie im Vorjahr erhielt auch ein Projekt aus dem Ruhrgebiet eine Auszeichnung. Unter dem Motto „Mein Rad kann…“ gab es zudem noch einen Film- und Fotowettbewerb. Insgesamt gingen dieses Mal 153 Bewerbungen für die bundesweite Auszeichnung ins Rennen. Wie in jedem Jahr wurde auch dieses Mal die „Fahrradfreundlichste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ ausgezeichnet. Den begehrten Titel erhielt der Schauspieler Hannes Jaenicke. „Er sieht es als Tri­umph in der Stadt mit dem Fahrrad viel schneller zu sein, als die stauverursachenden Autos“, so Christine Fuchs, Vorstand der AGFS.

Unter den Gewinnern des „Deutschen Fahrradpreises“ sollen an dieser Stelle zwei Projekte aus der Kategorie „Kommunikation“ herausgestellt werden. Den ersten Platz erzielte die Berliner „Initiative Volksentscheid Fahrrad“. Diese erarbeitete unter dem Motto „Berlin dreht sich! Deutschlands erstes Radgesetz“ 2016 innerhalb von drei Monaten ein Radverkehrsgesetz und sammelte dafür in knapp vier Wochen sage und schreibe über 100.000 Unterschriften. Mit einer eindrucksvollen Presse und Kampag­nenarbeit machte sie im gleichen Jahr den Radverkehr zum heißen Thema im Berli­ner Landtagswahlkampf. 2017 handelte sie schließlich mit dem neu gewählten Senat Deutschlands erstes Rad- und Mobilitätsgesetz aus, welches Anfang 2018 verab­schiedet wurde. Der Radentscheid hat politisch und kommunikativ die Verkehrswen­de in Berlin überhaupt erst möglich gemacht.

Der zweite Platz landete im Ruhrgebiet. Prämiert wurde die Internetseite „Der inoffi­zielle Radschnellweg Ruhr – Die Fanseite des RS1“. Dieses mittlerweile vielen hier­zulande bekannte regionale Kommunikationsprojekt wird bürgerschaftlich getragen und dient dazu, Radschnellwege bekannter zu machen. Blogbeiträge in Social-Me­dia-Kanälen dienen als Dokumentations- und Nachrichtenticker, um Interessierte zu informieren. Zunehmend fungiert es auch als kleiner „Verkehrsfunk“, der durch Nut­zerhinweise gespeist wird. Ziel ist die Bewerbung und Positivkommunikation des RS1 für alle Interessierten sowie eine Dokumentation des Planungs- und Baufortschrittes. Es existiert u.a. eine Facebookseite mit 3.990 Fans und 4.027 Abonnenten und einen Twitterkanal mit ca. 1.180 Followern. Die Betreuung des seit Ende 2014 bestehen­den Projekts erfolgt ehrenamtlich durch ein kleines Team von Freiwilligen aus der Region – ohne nennenswertem Budget und mit viel Freizeit. Initiator ist VeloCityRuhr. net, der Initiative für Nachhaltigkeit e.V., Ansprechpartner ist Simon Knur. E-Mail: simon.knur[ait}velocityruhr.net, Projekthomepage: www.RS1.VelocityRuhr.net

Text und Fotos: Jörg Brinkmann
Sachstand April 2018


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