Radverkehr Essen

Fahrradunfälle in Essen

30.12.16

Der frei geführtre Rechtsabbieger am Bismarckplatz im Jahr 1990 beim letzten Umbau mit dem ins nichts führenden Radweg (Foto: Jörg Brinkmann)



Das "Ghost-Bike" an der Unfallstelle am Bismarckplatz (Foto: Rüdiger Sang)


Von Geisterrädern und Warnrädern

Von einem besonders tragischen Radverkehrsunfall wurde Essen Ende August erschüttert. Ein Autofahrer aus Mülheim erfasste am Bismarckplatz inmitten der separat geführten Rechtsabbiegespur von der Hindenburg- in die Kruppstraße eine 53-jährige Radfahrerin so schwer, dass diese vier Tage später ihren Ver­letzungen erlag. Sie hatte offenbar den Zebrastreifen, welcher sich mitten im frei geführten Rechtsabbieger befindet, gequert. Ob nun fahrend oder ihr Rad schie­bend, ob dabei von rechts oder links kommend – all dieses ist mangels direkter Augenzeugen offenbar immer noch nicht geklärt. Der Aufprall muss jedenfalls sehr heftig gewesen sein, das haben die noch wochenlang von der Polizei auf die Fahrbahn markierten Spuren des Unfalls gezeigt.

Nun gelten frei geführte Rechtsabbiegespuren für Radfahrer wie Fußgänger gene­rell als extrem gefährlich, da bekanntlich Autofahrer vor dem Einbiegen in die Querstraße dazu neigen, sich nur nach links zu orientieren. Von rechts kann ja augenscheinlich kein anderes Auto kommen. Zudem sind die Kurvenradien oft so groß, dass sie ohne nennenswerte Reduzierung der Geschwindigkeit durchfahren werden können. Letzter Umstand gilt ganz besonders für den Rechtsabbieger am Bismarckplatz. Besonders gefährlich wird dies, wenn Fußgänger wie Radfahrer solche Abbiegespuren im rechten Winkel queren müssen. Und da sich wie er­wähnt die Autofahrer fast immer nach links orientieren – und das mit oftmals kaum reduziertem Tempo – sind Beinaheunfälle die Regel.

Eigentlich könnte man meinen, dass derartige frei geführte Rechtsabbiegespuren ein Relikt aus der Zeit sind, als der Straßenausbau in den Städten möglichst autogerecht erfolgen musste. Dass dem ausgerechnet in der sich als fahrrad­freundlich bezeichnenden Stadt Essen auch heute noch so ist, lässt sich z.B. an dem vor wenigen Jahren fertiggestellten Berthold-Beitz-Boulevard ablesen, der gleich mehrere solcher frei geführten Rechtsabbieger aufweist. Die oberste Maxi­me der Straßenbauer in Essen scheint zumindest an Hauptverkehrsstraßen im­mer noch die zu sein, dass an Kreuzungen und Einmündungen ein möglichst hoher Durchfluss von Autos gewährleistet sein muss.

ADFC und EFI haben im Arbeitskreis Radverkehr immer wieder auf die Gefähr­lichkeit frei geführter Rechtsabbiegespuren hingewiesen – verbunden mit der Forderung, keine neuen mehr zu bauen sowie die „Altlasten“ entsprechend um­zugestalten oder zumindest zu entschärfen. Es gab im „Arbeitskreis Radverkehr“ einen Vortrag eines Experten der Bezirksregierung Detmold, der diesbezüglich auch die „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte“ (AGFS) berät. Und ob­gleich die Stadt Essen Mitglied in der AGFS ist, brachte auch dies hierbei keinen Fortschritt.

Zwar hat man in einzelnen Fällen inzwischen einige freie Rechtsabbieger ent­schärft, indem man den geradeaus fahrenden Radverkehr geradlinig über Rad­spuren daran vorbeiführt. Ein guter Ansatz , der aber längst noch nicht überall umgesetzt worden ist. Bei Zweirichtungs-Radwegen wie z.B. der Querung des Ruhrtal-Radwegs über die Marie-Juchacz-Straße funktioniert diese Maßnahme ohnehin nicht. An dieser Stelle ist es in der Vergangenheit auch wiederholt zu schweren Unfällen gekommen. Die Stadt hat zwar irgendwann den Kurvenradius verkleinert, um die Geschwindigkeit der Autos zu reduzieren, gefährlich geblie­ben ist es hier dennoch. Die Forderung von ADFC und EFI, die Fahrspur wie die übrige Kreuzung mit einer Ampel zu versehen, wird bis heute abgelehnt. Ja, ja, der Verkehrsfluss...

Ghost-Bikes – Geisterräder
Anlässlich des tragischen Unfalls am Bismarckplatz ist nun erstmals in Essen ein sogenanntes „Ghost Bike“ aufgestellt worden. Bei diesen handelt es sich um in weißer Farbe gehaltene Fahrräder, welche als Mahnmale an Orten dienen, an denen Radfahrer tödlich verunglückt sind. Diese Aktionsform stammt den USA – daher auch die auch hierzulande häufig verwendete Bezeichnung „Ghost-Bikes“. 2009 sind in Berlin die ersten „Geisterräder“ aufgestellt worden, andere Städte folgten. Aktivisten aus dem Umfeld der „Critical Mass“ nun besagten Unfall am Bismarckplatz zum Anlass genommen, erstmals auch in Essen ein solches „Ghost-Bike“ zum Gedenken an die dort getötete Radlerin aufzustellen. Bei der Installation Anfang September waren auch Aktive von „Velo-City-Ruhr“ sowie vom ADFC-Essen mit dabei. Auch in der hiesigen Presse hat das weiße Rad Erwähnung gefunden.

ADFC und EFI haben sich über den „Arbeitskreis-Radverkehr“ erkundigt, ob diese Form des Erinnerns tödlich verunglückter Radler auch Zustimmung bei den Be­hörden findet, denn eigentlich müssten für solche Installationen im öffentlichen Raum offizielle Genehmigungen eingeholt werden. Die Reaktionen waren bei allen Beteiligten überraschend positiv, so dass zukünftig in derartigen Fällen weitere „Geisterräder“ aufgestellt werden könnten. Wobei vom Grundsatz her zu hoffen ist, dass dies nicht noch einmal erforderlich sein wird. Schließlich besteht das Ziel darin, dass die Zahl tödlich verunglückter Radler (wie auch die anderer Verkehrsteilnehmer) möglichst gen Null tendiert.

Warnfahrräder
Einen Schritt weiter ist man in diesem Frühjahr in Duisburg gegangen. Dort gibt es seit einiger Zeit das Netzwerk „Duisburg. Aber sicher!“, in welchem neben städtischen Institutionen u.a. die Polizei, die DVG, die Verkehrswacht, der ACE und nicht zuletzt der ADFC-Duisburg vertreten sind. Auch hier wurde an dem Ort eines 2014 tödlich verunglückten Radlers ein „Geisterfahrrad“ platziert. Nun hat man dort weitere, in grellroter Farbe gehaltene Räder aufgestellt. Es handelt sich um sogenannte „Warnfahrräder“. Sie sollen an besonders gefährlichen Stellen Auto- wie Radfahrer darauf aufmerksam machen, dass es sich hier um potentielle Gefahrenpunkte handelt, an denen besondere Aufmerksamkeit vonnöten ist. Autofahrern wird signalisiert, umsichtig auf den Radverkehr zu achten. Radfahrer wiederum sollen an solchen Stellen durch möglichst defensives Verhalten etwaige Gefahrensituationen gar nicht erst entstehen zu lassen.

ADFC und EFI haben diesbezüglich ebenfalls beim AK-Radverkehr um Zustim­mung geworben. Und auch hierbei waren die Reaktionen positiv, sowohl Stadt wie Polizei und Verkehrswacht haben ihre Unterstützung zugesagt. Um dabei eine Verwechslung mit knallbunten Reklamefahrrädern zu vermeiden, sollen die „Warnfahrräder“ mit entsprechenden Hinweisschildern versehen werden, die über den Sinn und Zweck aufklären. Bleibt die Frage, wo derartige Räder aufgestellt werden können? Fünf Stellen sind bislang vorgeschlagen worden:

  1. Rellinghausen: Kreuzung Marie-Juchaz-Straße/Wuppertaler Straße/ Ruhrallee (Ruhrtal-Radweg)
  2. Schuir: Kreuzung Meisenburgstraße/Lilienthalstraße/Schuirweg
  3. Westviertel: Kreuzung Berthold-Beitz-Boulevard / Pferdebahnstraße (Radweg Rheinische Bahn)
  4. Nordviertel: Kreuzung Bottroper Straße/Grillostraße/Segerothstraße
  5. Innenstadt: Kreuzung Steeler Straße/Hollestraße/Herkulesstraße

Weitere Unfälle und die Folgen
An der unter Punkt 5 genannten Gefahrenstelle hat es einen weiteren schweren Radfahrunfall gegeben. Erneut wurde eine Radlerin von einem abbiegenden Autofahrer erfasst und schwer verletzt. Und auch hier existiert eine frei geführte Rechtsabbiegespur, und zwar von der Hollestraße in die Steeler Straße. Diese wiederum wird gequert von dem an der Hollestraße entlang führenden Radweg. Weil dieser aber zuvor weit ab von der Straße liegt und zudem durch dichten Bewuchs verdeckt ist, sind Radfahrer wie Fußgänger für Autofahrer faktisch nicht sichtbar. Dabei führt hierüber eine der städtischen Hauptradrouten entlang, so dass hier möglichst rasch eine Entschärfung erfolgen müsste, indem man den Radverkehr frühzeitig auf die Hollestraße und damit in den Sichtbereich von Autofahrern führt. Eine solche Maßnahme könnte beispielsweise kurzfristig aus dem 500.000 Euro umfassenden Investitionsprogramm für den Radverkehr finanziert werden.

Im Oktober hat es noch zwei weitere schwere Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Radfahrenden gegeben, die zwar andere, aber dennoch typische Ursachen hatten und einen Albtraum eines jeden Radlers darstellen – das Übersehen wer­den von abbiegende Lastwagen:

  1. Der erste Unfall geschah im Ostviertel, als ein auf der Herzogstraße fahrender Lkw nach rechts in die Gerlingstraße abbiegen wollte und dabei eine Radlerin erfasste, die gerade auf dem Überweg den Einmündungsbereich querte. Ihr Rad wurde unter der Zugmaschine eingeklemmt, sie selbst schwer verletzt.
  2. Nur wenige Tage später wurde in Huttrop erneut eine Radlerin auf die gleiche Weise schwer verletzt. Sie befuhr wie ein parallel fahrender Lkw die Steeler Straße in Fahrtrichtung Osten. In Höhe der Kreuzung Huttropstraße/Ober­schlesienstraße bog besagter Lkw rechts in die Huttropstraße ab und erfasste dabei die neben ihm befindliche Radlerin.

In der Vergangenheit hat es sogar mehrere solche albtraumhafte Unfälle gege­ben, die tödlich verliefen. Bei all diesen tragischen Ereignissen hatten die Opfer absolut keine Chance:

  1. 2002 wurde auf der (damals noch nicht umgestalteten) Altendorfer Straße ein völlig korrekt auf dem Gehweg in Richtung Innenstadt fahrendes achtjähriges Mädchen von einem Lkw überrollt, als dieser nach rechts in die Westendstra­ße abbog. Das Kind hatte keine Chance. Besonders tragisch war der Umstand, dass ein dahinter fahrendes zweites Mädchen den sich direkt vor ihm abspie­lenden Unfall unmittelbar mit ansehen musste.
  2. Im Jahr darauf wurde eine Radfahrerin auf dem für Radler freigegebenen Gehweg der Gladbecker Straße von einem in eine Tankstelle einbiegenden Lkw erfasst und so schwer verletzt, dass sie eine Woche später verstarb. Bezeichnenderweise hatte der Lkw-Fahrer den unmittelbar davor fahrenden Ehemann noch passieren lassen, die Radlerin selbst dann aber wohl verges­sen.
  3. 2010 hat offenbar ein Lkw-Fahrer, der auf der Frohnhauser Straße in Richtung Westen unterwegs war, einen neben ihm befindlichen Radfahrer übersehen und diesen in Höhe der Einmündung Berthold-Beitz-Boulevard erfasst, als er nach rechts dorthin abbiegen wollte. Der Radfahrer verstarb damals noch an der Unfallstelle.

Text: Jörg Brinkmann
Foto: Rüdiger Sang


© 2018 ADFC Kreisverband Essen e. V.