Radverkehr allgemein

Das E-Scooter-Debakel

16.03.20

Offizielle E-Scooter-Abstellanlage gegenüber dem Essener Hauptbahnhof



Weit verbreitete Unsitte: Abgestellter E-Scooter mitten auf dem Bürgersteig



Quer auf dem Bürgersteig abgestellte E-Scooter, Fußgänger müssen auf den Radweg ausweichen


Es gibt Dinge, auf die hat die Welt bestimmt nicht gewartet. Die E-Scooter in der Art, wie sie sich derzeit in unseren Städten breit machen, gehören ganz eindeutig in die­se Kategorie. Diese eigentlich im Fun-Bereich angesiedelten Geräte als Bestandteil einer Verkehrswende für die im Autoverkehr erstickenden Städten zu propagieren ist an Absurdität kaum zu überbieten.

Im vergangenen Sommer waren sie plötzlich da, stark befeuert von Bundesverkehrs­minister Andi Scheuer, der angesichts seiner eigenen desaströsen Bilanz augen­scheinlich einmal hip sein wollte wie die Nerds der Generation Z. Offensichtlich glaubte man eine neue Mobilitätsform als Bestandteil der Verkehrswende verkaufen zu können. Die Kommunen sahen sich mit einer fragwürdigen neuen Verordnung konfrontiert, wobei etliche von ihnen bei den sich anschließenden Genehmigungs­verfahren vor Ort einen mitunter seltsam anmutenden Dilettantismus an den Tag legten. Das wiederum öffnete den oftmals nach frühkapitalistischen Methoden agie­renden Betreibern Tür und Tor bei ihrer nahezu unkontrollierten Ausbreitung.

Ausgerechnet Scheuers Ministerium – eher bekannt als verlängerter Arm der Auto­industrie und bislang Weltmeister im Nichtstun bei gesellschaftspolitisch progressi­ven sowie klimafreundlichen Verordnungen – erstellte in Rekordzeit eine Verfügung, welche den Wildwuchs bei der inflationären Ausbreitung der E-Tretroller überhaupt erst möglich machte. Traf es aus administrativer Sicht wie erwähnt zunächst die Kommunen, sind in der tagtäglichen Praxis Fußgänger und Radfahrer die eigentlich Leidtragenden. Das gilt auch für die Umwelt, denn ein klimafreundlicher Bestandteil für eine Verkehrswende sind E-Scooter in keinster Weise.

Schlechte Ökobilanz
Seit Ende August gibt es sie beispielsweise in Essen. Und auch hier hat man offensiv versucht, sie als Bestandteil zur Reduzierung des umweltbelastenden Autoverkehrs hochzustilisieren. Essen gehört bekanntlich zu den Kommunen, denen wegen zu ho­her NOX-Werte Dieselfahrverbote drohen. Die E-Scooter sollen dazu dienen, Auto­fahrten speziell in den dicht bebauten Innenstadtbereichen zu ersetzen. Die bislang gemachten Erfahrungen zeigen jedoch, dass dieser Effekt nicht nur nicht eingetreten ist, sondern dass mehr Autoverkehr erzeugt wird. Für das nächtliche Laden der Ge­räte durch die sogenannten „Juicer“ müssen diese jede Nacht zweimal mit ihren Autos durch die Stadt fahren – zum Abholen und Zurückbringen. In Essen sind es gleich drei Unternehmen, was die Ökobilanz zusätzlich verschlechtert. Dass es sich bei diesen „Juicern“ zumeist um Scheinselbstständige in prekärer Abhängigkeit han­delt, zeugt zudem noch von der sozialpolitischen Verantwortungslosigkeit der Betrei­ber.

Die häufigsten Nutzer von E-Scootern sind bislang Fußgänger. In einer Stadt wie Es­sen – vor gerade einmal 3 Jahren als „Grüne Hauptstadt Europas“ gefeiert – führt dies dazu, dass der ohnehin geringe Anteil von Fußgängern am Gesamtverkehr von gerade einmal 19% wohl noch weiter sinken wird. Dabei hatte man sich anlässlich der Bewerbung zur Grünen Hauptstadt darauf festgelegt, den Anteil des Fußverkehrs auf 25% zu steigern. Viel sinnvoller für einen Einsatz von E-Scootern wäre ohnehin die Stationierung in weiter entfernt liegenden Stadtteilen bzw. an der Peripherie. Dann wäre die Motivation, einmal mehr das Auto stehen zu lassen und mit einem E-Scooter in die Innenstadt zu fahren, sicherlich erheblich größer. Aber ausgerechnet dort werden diese Geräte gar nicht erst aufgestellt, weil es für die Betreiber nicht lu­krativ erscheint.

Ein weiterer Punkt in der umweltpolitischen Negativbilanz ist die sehr energie-inten­sive Herstellung der Akkus sowie die Gewinnung der hierfür benötigten speziellen Rohstoffe, welche zudem fernab unter oftmals prekären Bedingungen erfolgt. Gera­dezu grotesk ist in diesem Zusammenhang die zumeist relativ geringen Lebensdauer vor allem der Geräte, die im Free-Floating-System eingesetzt werden. Zur Negativ­bilanz zählt auch das riesige Problem bei der Entsorgung der Lithium-Ionen-Akkus. Das Untersuchungen der Stiftung Warentest den Rollern eine mitunter miserable Qualität in Verbindung mit einer mangelhaften Fahrstabilität attestieren, darf hierbei nicht unerwähnt bleiben.

Darüber hinaus sind E-Scooter auch häufig Vandalismus ausgesetzt, was ihrer Le­bensdauer verständlicherweise ebenfalls nicht zuträglich ist. Ein Grund dafür ist sicherlich das vielerorts rücksichtslose Abstellen der Roller an faktisch jedem mög­lichen oder unmöglichen Ort – so wie es den Nutzern gerade so in den Kram passt. Dadurch werden die oftmals ohnehin schon recht schmalen Bürgersteige nicht nur zusätzlich zugestellt, sondern kann für Menschen mit starken Sehbeeinträchtigungen sogar richtig gefährlich sein.

Unfallträchtig
Die Sorge, dass E-Scooter besonders unfallträchtig seien, wurde von der Essen-Mülheimer Polizei von Beginn an geäußert und hat sich leider auch bewahrheitet. Mitte Januar wurden für NRW erste Unfallzahlen bekannt, und die sind in der Tat erschreckend: Allein in den ersten 2½ Monaten seit der Zulassung der E-Tretroller sind 54 meldepflichtige Unfälle registriert worden. Nach nicht einmal einem halben Jahr waren es schon über 100. Bei 78% der Unfälle waren leicht verletzte, bei 22% sogar schwer verletzte Personen zu beklagen. Bei einem Großteil der Unfälle gelten die Benutzer von E-Scootern als Verursacher. Zu Unfällen, bei denen nur Sachscha­den zu verzeichnen war, gibt es leider noch keine belastbaren Zahlen. Laut Kölner Polizei ist deren Anzahl aber ebenfalls sehr hoch.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand:
a) Unerfahrenheit im Umgang mit den mitunter tückischen Fahreigenschaften der mit besonders kleinen Rädern ausgestatteten Tretrollern, was viele Nutzer vor allem auf unebenen Fahrstrecken überfordert.
b) Viel zu hohes Tempo vor allem auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen – also ausgerechnet dort, wo E-Scooter eigentlich gar nicht fahren dürfen.
c) Fahren unter Alkoholeinfluss: Besonders häufig haben Ordnungshüter betrunkene Benutzer von E-Scootern aus dem Verkehr fischen müssen. Da es sich bei den Ge­räten um Kraftfahrzeuge handelt, bestehen die gleichen Beschränkungen wie beim Autoverkehr. Die etwas großzügigeren Regelungen beim Radverkehr greifen bei E-Scootern nicht, man ist also im Fall des Falles ruckzuck seinen Führerschein los. Wie viele Rollerfahrer bei Unfällen betrunken waren, ist leider statistisch noch nicht erho­ben worden. Es dürften eine Menge sein.

Als Privatfahrzeuge sind E-Scooter im Ruhrgebiet bislang nur wenig zu sehen. Ein Teil davon dürften Geräte sein, die nicht den StVO-Vorschriften entsprechen und da­her nur auf Privatgelände, also nicht auf öffentlichen Straßen und Plätzen eingesetzt werden dürfen. Diese relativ preiswerten und zumeist auch nicht haftpflichtversicher­ten Geräte werden oftmals im Internet, aber selbst von großen Handelsketten wie „Real“ angeboten. Auf die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten wird dabei nur in winziger Schrift hingewiesen.

Eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten
Eigentlich müsste sich inzwischen überall herumgesprochen haben, dass E-Scooter gemäß den neuen StVO-Bestimmung nicht auf Gehwegen und in Fußgängerzonen fahren dürfen. Die Praxis zeigt jedoch, dass diese Regelung fast nirgendwo eingehal­ten wird, entsprechende Kontrollen finden viel zu selten statt. Was kaum bekannt sein dürfte: Auch Fußgängerzonen und Gehwege, die mittels der Zusatzbeschilde­rung „Radfahrer frei“ freigegeben sind, sind für E-Scooter tabu, denn es handelt sich bei diesen um Kraftfahrzeuge. Aber nirgendwo gibt es entsprechende Infos – auch nicht seitens der Polizei oder der Kommunen.

Das gilt beispielsweise auch für Essen, wo man im Stadtportal eine ganze Latte mit geltenden Regelungen und Verhaltenshinweisen eingestellt hat. Dort findet sich so­gar eine Karte bzw. eine Liste mit Straßen und Plätzen im gesamten Stadtgebiet, die nicht befahren werden dürfen. Es fehlen jedoch die Straßen und Plätze, die zwar für den Radverkehr freigegeben sind, gemäß der StVO aber eben nicht für E-Scooter. So gesehen wäre eine legale Nord-Süd-Querung mitten durch die Essener City mit den E-Tretrollern gar nicht möglich. Entsprechende Hinweise des ADFC im vergan­genen Herbst hat die Stadt bislang ignoriert. Generell gilt es festzuhalten, dass bei Städten mit einer guten ÖPNV-Infrastruktur E-Tretroller in den Cities ohnehin völlig fehl am Platz sind.

Dass man vielerorts glaubt, die vermeintliche Attraktivität von E-Scootern dadurch hervorzuheben, dass diese auch auf Radwegen fahren dürfen, zeugt entweder von mangelnder Fachkenntnis oder von Ignoranz gegenüber den dabei entstehenden Problemen und Gefahren. Nicht nur in Essen sind viele Radwege oftmals viel zu schmal, sondern weisen häufig auch eine schlechte Oberflächenbeschaffenheit auf. Derartigen Radwegen zusätzlichen Verkehr aufzubürden, ist schlicht grob fahrlässig. In Essen konterkariert man zudem den eigenen Beschluss, den Anteil des Radver­kehrs auf 25% zu steigern.

Bleibt zu hoffen, dass generell die Einsicht wächst, dass es sich bei den E-Scooter um reine Spaßmobile. handelt. Als solche mögen sie durchaus eine Daseinsberechtigung haben. Als wirksames und effektives Mittel zur Verkehrswende und zum Klimaschutz taugen sie jedoch in keinster Weise.

Aus RAD im Pott 1/2020
Sachstand: Februar 2020

Text und Fotos: Jörg Brinkmann


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