Aktuelles aus Düsseldorf

Im Test: neue App "traffic pilot"

04.10.20
Kategorie: Aktuelles, Technik, Verkehr, Service

Mit dem Smartphone durch die Stadt - Fotos: Bruno Reble






Wird Radfahren in der Stadt jetzt zum Zuckerschlecken?

(Fast) alle sind sich einig: Bei mehr als 400.000 Personen, die täglich nach Düsseldorf hinein und heraus pendeln, führt das private Auto in die Sackgasse. Die Förderung des Radverkehrs ist deshalb das Gebot der Stunde, aber rigorose Maßnahmen sind oft unpopulär.

Wie schön wäre es, wenn man das Verkehrs-Chaos mit weichen Schritten in den Griff bekäme, z.B. optimierte Ampelschaltungen. Eine mobile Smartphone-App soll den Durchbruch bringen und das Radfahren in der Stadt zum lustvollen Event werden lassen.

Erleichterung oder Augenwischerei? Das ist die Frage!

Notwendig ist ein modernes Smartphone (iOS- oder Android) und eine stabile Halterung am Lenker (s.Abb.1). Das  Display sollte gut lesbar sein, möglichst mit Anti-Reflex-Folie und Regen-Schutz.
Der kostenlose Download ist kein Problem. Wir beginnen den Test am Bilker Bahnhof und fahren auf der Friedrichstraße Richtung Innenstadt.

Viele Ampeln sind des Rasers Tod

Nach wenigen Metern hat die App kapiert, dass wir auf eine rote Ampel zusteuern, die in 29m Entfernung auf uns lauert (s.Abb.2). Die Prognose lautet: Wenn wir uns weiterhin langsam mit 3 km/h vorwärts bewegen, dann wird die Ampel in 5s auf Grün umschalten. Aber mal ehrlich: Hätte man dieses Entscheidungsproblem vielleicht auch ohne App bewältigen können?

An der nächsten Kreuzung wir es komplizierter. Die Ampel in 89m Entfernung ist noch grün, aber in der Anzeige (s.Abb.3) wechselt die Farbe bereits ins dunkel-grüne. Wenn wir weiterhin mit 11 km/h strampeln, dann schaffen wir es nicht mehr auf direktem Weg.
Oder wir fahren nach links? Dann könnten wir trotz roter Geradeaus-Ampel nach rechts abbiegen und danach die Fahrbahn von rechts nach links überqueren.

Stressfrei durch die Innenstadt?

Das Ganze soll zum bequemen Radeln beitragen. Denn die Technik sagt uns, ob Beschleunigen sich lohnt oder nicht.

Kritische Zungen sprechen allerdings von komplettem Unfug und raten uns, besser auf den Verkehr zu achten: Linksabbiegen, Geradeaus, Rechtsabbiegen, sowie unterschiedliche Ampeln für Fahrräder und Autos. Und nicht zuletzt sollte man auf die Abstandsregeln achten, vor allem zu den Türen von parkenden Fahrzeugen, die sich urplötzlich öffnen und uns jäh aus den Träumen von flüssigem Fahren auf den harten Asphalt der Realität befördern.

Mittlerweile sind wir an der Kreuzung Graf-Adolf-Platz angelangt und die App sagt uns:

Prognose nicht möglich

Aha, ein technisches Problem! Nein, des Rätsels Lösung ist eine quer heranrauschende Straßenbahn, die über Funk das reguläre Ampelsystem aushebeln kann, um sich Vorfahrt zu verschaffen.

Die Botschaft ist gewollt: Seid schlau und fahrt mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Dann habt ihr freie Fahrt und müsst nicht wie die weniger intelligenten Autos an roten Ampeln ausharren.

So etwas Ähnliches möchte man am liebsten der radfahrenden Bevölkerung als Zukunftsvision vorgaukeln, z.B. bei den sogenannten "Bettelampeln". Liebe Leute, kauft euch alle ein teures Smartphone, sowie das notwendige Zubehör. Dann gehört ihr zur priviligierten Schicht derer, die sich demnächst ihre grüne Welle selber basteln. Rechtzeitig vor einer Bettelampel aufs Knöpfchen drücken und ihr könnt passieren, während die bösen Autos zähneknirschend anhalten müssen.

Schöne neue Welt oder ein Märchen aus der Lügenkiste der Real-Politik?

Ausufernde Ampelsysteme sind teuer, komplex, stromfressend und zehren an den Nerven aller Beteiligten. Wäre es nicht besser, hier deutlich auf die Bremse zu treten und stattdessen in simple Kreisverkehre zu investieren. Dann fließt alles automatisch, ohne Stop and Go und ohne Ampel-Stress.

Das funktioniert aber nur, wenn der motorisierte Individualverkehr eingeschränkt wird. Sonst heißt es irgendwann wie beim Roulette "rien ne va plus" und auch das beste System bringt die Kugel nicht wieder ins Rollen.

Düsseldorf, im Oktober 2020                   Bruno Reble


Weblinks:

Homepage Traffic Pilot
https://www.nrz.de/staedte/duesseldorf/app-sorgt-in-duesseldorf-fuer-gruene-welle-mit-rad-id230549512.html
https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/duesseldorf-gruene-welle-fuer-radfahrer-dank-neuer-app-traffic-pilot_aid-53616201
https://www.report-d.de/Duesseldorf/Verkehr/Duesseldorf-Gruene-Welle-fuer-das-Rad-eine-App-macht-es-moeglich-135592

 

 


© 2020 ADFC Kreisverband Düsseldorf e. V.