Mit schmalen Streifchen auf den letzten Platz

29.06.17
Kategorie: Verkehr, Hagen

ADFC testet die Hagener "Schutzstreifen"

Beim Fahrradklimatest 2016 des ADFC landete Hagen zum zweiten Mal auf dem letzten Platz mit dem unrühmlichen Titel „fahrradunfreundlichste Großstadt Deutschlands“. Bereits vor zwei Jahren wählten die Hagener Fahrradfahrer ihre Stadt auf den letzten Platz.
Danach wollte die Stadt anscheinend schnell etwas für den Radverkehr tun. Man kam auf die Idee Schutzstreifen (mit unterbrochener Linie) auf einigen Straßen zu markieren, aber Hagen ist doch wieder auf dem letzten Platz gelandet. Warum nur?

 

Nachdem bereits in der Voerder Straße Schutzstreifen eingerichtet wurden, hat man beschlossen, weitere Streifen in Straßen anzulegen, in denen die Fahrbahndecke erneuert wird. Sie sollen z.B. das Hasper Zentrum mit der Stadtgrenze zu Gevelsberg für Radfahrer verbinden. Gut gemeint  ist aber leider nicht immer gut gemacht.

 

 Gefährdungsstreifen in der Voerder Straße

Der ADFC hat die Schutzstreifen unter die Lupe genommen und auf ihre Radfahrtauglichkeit getestet. In der  Voerder Straße beginnt der einseitige Schutzstreifen stadtauswärts zunächst in akzeptabler Breite, aber so richtig angenehm ist das Fahren bei gleichzeitigem Autoverkehr nicht. Im weiteren Verlauf der Straße, merkt man dann deutlich, dass der Streifen immer schmaler wird. Wir halten an und messen nach. Die Breite beträgt hier nur noch einen Meter.

Hier begträgt die Breite nur noch einen Meter

Dabei ist laut ERA 1) das Mindestmaß doch 1,25m. Der Streifen wurde daher in Teilen rechtswidrig angelegt.
Neben den Auto-Parkreihen wird es sehr ungemütlich, denn oft fehlt ein ausreichender Sicherheitsabstand, bzw. die breiten SUV benötigen den Sicherheitsbereich mit zum Parken. So fährt man notgedrungen im gefährlichen Türöffnungsbereich (Dooringzone), wenn man den Schutzstreifen nutzt. Unsere Beobachtungen werden auch in einer Studie 2) aus Österreich bestätigt: Zu schmale Längsmarkierungen wirken sich negativ aus. Fahrradfahrer werden verführt, zu nah an parkende Autos zu fahren und Autofahrern wird ausreichender Platz für scheinbar sicheres Überholen signalisiert.                                                                                     

Auch auf der vierspurigen Kölner und Enneper Straße wurden die neuen Streifen angelegt. Sicherlich, wird man auch ohne Streifen hin und wieder eng überholt. Fehlen die Schutzstreifen, haben Radfahrer aber die Möglichkeit selbst auf einen ausreichenden Überholabstand hinzuwirken. Eine Daumenregel besagt: Soviel Abstand  Radfahrer nach rechts zum Fahrbahnrand halten, soviel Seitenabstand bekommen sie auch vom den überholenden Autofahrern. Das Rechtsfahrgebot bedeutet keinesfalls, dass man mit dem Rad selbstgefährdend ganz weit rechts fahren muss, wie es einige Autofahrer gerne hätten. Es wird empfohlen, einen Abstand von 80-100 cm zum Fahrbahnrand, Bordsteinen und Fußgängern einzuhalten. Zu parkenden Fahrzeugen wird ein Abstand von 1 - 2m eingefordert, auch wenn im Falle einer Kollision der unachtsam die Tür öffnende Kraftfahrer die Hauptschuld trägt. Laut Gerichtsurteilen sollen Radfahrer mit einem Mindestabstand von 1,5 bis 2m überholt werden. Der folglich notwendige, nahezu vollständige, Spurwechsel beim Überholen scheint durch Schutzstreifen psychologisch verhindert zu werden.
Auf den Schutzstreifen wird das Engüberholen zur Regel, da die Autofahrer den Streifen  anscheinend als Begrenzungslinie betrachten, an der man entlang fährt. Als uns ein LKW knapp überholt, fährt uns der Schreck in die Glieder. Auf vierspurigen Straßen gilt für Schutzstreifen die Mindestbreite von 1,50 m, die auch hier häufig unterschritten wird.



 

 

 

 

 

Hier wird’s sehr eng! Durch Gullys verschärft sich nochmal die Radfahrsituation.

Für zusätzliche Gefahrenquellen sorgen die freien Rechtsabbieger an den Einmündungen zur Grundschöttler Straße (Kohlenbahn) und zur Haenelstraße in der anderen Fahrtrichtung. Die ERA 1) warnt vor freien Rechtsabbiegern in Zusammenhang mit Radverkehrsanlagen und empfiehlt darauf zu verzichten. Bleibt der frei fließende Rechtsabbieger dennoch erhalten, ist eine Verringerung der Abbiegegeschwindigkeiten des Kraftfahrzeugverkehrs durch einen engeren Abbiegeradius zu erreichen. Zur Sicherung des Radverkehrs sind dann weitere Maßnahmen erforderlich, wie eine Warnung durch gelbes Blinklicht und eine deutliche Markierung und roter Einfärbung des Schutzstreifens. Das finden wir hier leider nicht vor.


Situation an der Einmündung zur Grundschöttler Straße


Kölner Straße: Und plötzlich biegt er rechts über den geradeaus führenden „Schutzstreifen“ ab


Die neuesten Schutzstreifen befinden sich an der Eugen-Richter-Straße. Das Fahren auf diesen schmalen Streifen ist sehr unangenehm. Vor der Einmündung Pelmkestraße endet der Schutzstreifen unvermittelt in einer Rechtskurve. Als Verkehrsplaner sollte man doch wissen, dass dieses die ungünstigste Stelle ist, da Fahrzeuge in Rechtskurven noch weiter rechts fahren. So landet ein Lieferwagen an der Stelle direkt neben uns und merkt erst dann, dass der Platz nicht reicht und tritt auf die Bremse. Nicht jeder Autofahrer wird so reagieren und stattdessen die Radfahrer gegen den Bordstein abdrängen. Radfahrer können dann sehen, wo sie bleiben, denn Platz zum Ausweichen ist auf diesen Streifen nicht vorgesehen.

 

 

 

Der Schutzstreifen endet unvermittelt in einer Rechtskurve.

In der Vergangenheit entstanden auch einige Hochbordradwege auf den Bürgersteigen, meist als gemeinsame Fuß- und Radwege. Diese haben jedoch mehrere Nachteile, wie holpriges Pflaster, keine Beachtung durch Fußgänger, die den Radfahrern plötzlich in die Quere laufen. Auch an Kreuzungen und Einmündungen, sowie an jeder Grundstückszufahrt besteht die erhöhte Gefahr einer Kollision mit Kraftfahrzeugen, da diese nicht mit Radfahrern auf dem Bürgersteig rechnen. Auf Radfahrstreifen fährt man dagegen sichtbarer und wird eher als Verkehrsteilnehmer wahrgenommen.

Slalomstangen: Zur Abwechslung mal kein Schutzstreifen sondern ein im Zickzack neu angelegter Radweg an der Stadtgrenze Gevelsberg / Hagen (auf Gevelsberger Stadtgebiet).

Fazit: Nur wenn Schutzstreifen das Regelmaß von 1,50 plus 50 cm Sicherheitsabstand nach rechts einhalten, sind diese gerade noch akzeptabel. Jeder fehlende Zentimeter wirkt sich unangenehm und gefährlich aus. Dabei sind Schutzstreifen und Radfahrstreifen durchaus geeignet, um das löchrige Hagener Radverkehrsnetz mit geringem Aufwand weiter zu entwickeln. Auch ohne Streifen durften Rad- und Autofahrer den Platz vorher schon nutzen, aber gerade unsichere Radfahrer fühlen sich bei expliziten Markierungen häufig sicherer. Eine Aufteilung in eine Spur für Radfahrer und eine für Autofahrer kann hier die Attraktivität des feinstaublosen Verkehrsmittels deutlich erhöhen.

Der Fehler in Hagen liegt in der geringen Breite der Schutzstreifen. Es zeigt sich, dass derartige Streifen nur sinnvoll angelegt werden können, wenn den Autos Raum genommen wird. Das wäre bei Anlage von echten Radfahrstreifen (Regelbreite ERA 1,85 m und durchgezogene Markierung) der Fall. Allerdings war dieses in Hagen bisher ein Tabuthema. Der heutige Ansatz mit schmalen Schutzstreifen führt nur zu unbrauchbaren Quetschlösungen. Viele Straßen sind einfach zu schmal um separate Radwege oder Radfahrstreifen anzulegen. Hier sollte man nicht zwanghaft irgendetwas markieren. Als Lösung kommt, dort wo es die StVO zulässt, bzw. neuerdings vorschreibt, eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h und ein rücksichtsvolles Miteinander der Verkehrsteilnehmer in Betracht, die sich die gemeinsame Verkehrsfläche teilen.

1)    Empfehlungen für Radverkehrsanlagen 2010 (ERA) Standardwerk und maßgebliches technisches Regelwerk für Planung, Entwurf, Bau und Betrieb von Radverkehrsanlagen in Deutschland. Herausgeber ist die Forschungsgesellschaft für das Straßen- und Verkehrswesen (FGSV).In NRW sind die Vorgaben der ERA für Bundes- und Landesstraßen, also für die im Artikel genannten Straßen, seit 2011 verpflichtend. 

2) Radfahren im Längsverkehr neben haltenden und parkenden Fahrzeugen
Studie im Auftrag des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV)
Dipl.-Ing. Michael Szeiler, MAS
Dipl.-Ing. Michael Skoric
Link:
http://radkompetenz.at/1701/studie-zur-dooring-gefahr-neben-parkenden-fahrzeugen/

 

 

Katrin Heinrichs und Michael Schröder

© 2017 ADFC Kreisverband DortmundOrtsgruppe Hagen